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Spracherwerb und Sprachentwicklung im frühen Kindesalter und dabei auftretende Probleme

Nach Eric Lenneberg und anderen Wissenschaftlern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 26 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Voraussetzungen für den Spracherwerb im frühen Kindesalter
2.1 Lennebergs allgemeine Darstellung zum Thema Sprache
2.2 Lennebergs fünf biologische Prämissen
2.3 Darstellung einer Theorie über die biologischen Grundlagen der Sprache
2.4 Die Sichtweise auf Spracherwerb und Sprachentwicklung von anderen Wissenschaftlern

3. Störungen der Sprachentwicklung im frühen Kindesalter

4. Schlussbetrachtung

l.Einleitung

„Um das Jahr 1500 ließ König Jakob IV. von Schottland ein Kind in völliger Isolation aufziehen, um festzustellen, welche Sprache sich entwickeln würde, wenn es sich selbst überlassen blieb. Das Kind werde wohl Hebräisch sprechen, spekulierte der König, denn das war vermutlich die Sprache von Adam und Eva und folglich die Ursprache der Menschheit. Das Experiment ging schlecht aus, wie auch andere dieser Sorte. Aus Mangel an Zuwendung verkümmerte das Baby und starb.“[1]

Nicht nur im Mittelalter, wie hier bei König Jakob den IV., gab es solche Experimente, sondern auch in der Antike oder in der frühen Neuzeit. Friedrich II. unternahm ebenfalls Versuche, indem er Kinder ohne Ansprache und Zuwendung aufwachsen lassen wollte, um zu sehen, welche Sprache sich entwickelt - auch bei ihm endeten die Experimente tödlich. Nüchtern kommentierte er das Scheitern in seinen Briefen so: „'Sie vermochten nicht zu leben ohne das Handepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen.'“[2]

Seit Beginn unserer Zeit scheinen sich Menschen mit Sprache zu beschäftigen. Damals wie heute geht von ihr eine Faszination aus, die bisjetzt Wissenschaftlern Rätsel in einigen Bereichen aufgibt. In der Antike bis hin zur frühen Neuzeit ging man davon aus, ein Kind könnte ohne Einfluss von außen und in völliger Isolation eine bestimmte Sprache erlernen z.B. Hebräisch, wie das Experiment von Jakob den IV. zeigt. Heute sind sich die meisten Wissenschaftler und Linguisten jedoch einig, dass ein Kind ohne Kenntnis einer bestimmten Sprache geboren wird.[3] Die Sprache kann sich nur entwickeln, wenn ein Kind mit Erwachsenen, die eine Laut- oder Gebärdensprache äußern, über mehrere Jahre interagiert.[4] Was jedoch genau in der Phase des Spracherwerbs geschieht, ist noch Gegenstand heftiger Diskussionen. Es stellt sich die Frage, ob es bestimmte Voraussetzungen für den Spracherwerb im frühen Kindesalter gibt. Noam Chomsky beispielsweise geht davon aus, dass Sprache unabhängig von allen anderen kognitiven Fähigkeiten und Lernprozessen erworben werden muss, da die Regeln der Sprache so komplex sind, dass es für ein Kleinkind unmöglich scheint, sie einfach nur durch Nachahmung und Beobachtungen zu erlernen. Vielmehr müsse es eine Universalgrammatik geben, die im Gehirn kodiert ist.[5]

Aber reicht das Vorhandensein einer Universalgrammatik aus, um Sprache zu erlernen oder gibt es noch andere wichtige Voraussetzungen? Wann beginnt überhaupt Sprachentwicklung, wie verläuft sie und welchen Wandel vollzieht sie im Laufe der ersten Jahre?[6] Es wird bei diesen Fragestellungen wichtig sein zu erörtern, welche Probleme beim Spracherwerb auftreten können und warum das Experiment von Jakob den IV. zwangsläufig scheitern musste, ganz abgesehen von den sozialen und psychologischen Aspekten.

Diese Hausarbeit wird sich dabei weniger darauf konzentrieren, wie sich der Spracherwerb eines Kindes in der Semantik, Syntax oder Phonologie entwickelt, sondern es soll vielmehr untersucht werden, wie der Biolinguist Eric Lenneberg, verglichen mit Ansichten anderer Wissenschaftler, mit den Themen Spracherwerb, Entwicklung und auftretenden Komplikationen umgeht. Dabei kann jedoch jeweils nur ein Abriss einzelner wissenschaftlicher Ausarbeitungen gegeben werden, da weit mehr als ein paar hundert Bücher über dieses Thema geschrieben worden sind.

2. Voraussetzungen für den Spracherwerb im frühen Kindesalter

2.1 Lennebergs allgemeine Darstellung zum Thema Sprache

Eric Heinz Lenneberg, der 1921 in Düsseldorf geboren wurde, beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit Spracherwerb und kognitiver Psychologie. Nachdem er aus dem nationalsozialistischen Deutschland floh, lehrte er als Professor für Neurobiologie, Psychologie und Linguistik seine Theorien an verschiedenen Universitäten in den USA unter anderem in Harvard. Beim Entwurf einer biologischen Theorie der Sprachentwicklung gilt der Biolinguist als Pionierarbeiter auf diesem Gebiet.[7] Er sagt selbst, dass sein Buch ,,[...] versucht, der Konzeption von der biologischen Grundlage sprachlicher Fähigkeiten wieder zu ihrem Recht zu verhelfen [.. ,]in vielen Fällen war es nur möglich Fragen zu formulieren [...] es gibt noch keine Untersuchungen, die Antworten darauf erlauben.“[8] Sein Buch sollte nach Meinung des Biolinguisten auch eher als Diskussion denn als Darstellung der biologischen Grundlagen der Sprachen verstanden werden.[9]

Eric Lenneberg beschäftigte sich aber nicht nur auf biolinguistischer Ebene mit dem Thema Sprache, sondern vertrat auch eine allgemeine Ansicht, die eine gewisse Grundlage für seine biolinguistischen Überlegungen lieferte.

Nach Meinung dessen sind alle Sprachen Phonemsprachen, denn die Lautanalogie oder Lautimitation findet sich niemals nichtphonematisiert.[10] Ein Phonem bildet das kleinste bedeutungsdifferenzierte Segment einer Sprache, durch welches man beispielsweise die Wörter 'Hund' und 'Mund' unterscheiden kann, da sie sich in einem Segment unterscheiden, nämlich den Buchstaben M und H. Des Weiteren führt Lenneberg an, dass die Syntax aller Sprachen aus einer Verkettung von Morphemen besteht, die niemals zufällig ist.[11] Als Beispiel sollen hier die Morpheme 'hoch' und 'Haus' angeführt werden, die je nach Zusammensetzung eine andere Bedeutung bekommen. Er führt weiter an, dass keine Sprache ihre äußere Form von Anfang an behalten hat; im Laufe der Geschichte entwickelte sich eine große Anzahl möglicher Richtungen, wobei bestimmte Merkmale immer wieder auftauchen oder verschwinden.[12] Wenn man hierbei das Mittelhochdeutsche mit dem Neuhochdeutschen vergleicht, wird dies anhand des folgenden Satzes gut sichtbar: „Doch wolte got der finen nút fúrgeffen: er fante inen einen fenften wint, der treib fú gen Marfilien“[13] Übersetzt man diesen Satz in das momentan gesprochene Deutsch, so müsste er wie folgt lauten: „Doch wollte Gott der Seinen nicht vergessen: er sandte ihnen einen sanften Wind, der sie nach Massilien trieb.“ Eine Veränderung in der Syntax und in der Phonologie ist dabei ersichtlich. Im Zusammenhang mit Sprachveränderung sagt Lenneberg auch, dass diese sich erst nach 60-100 Jahren bemerkbar macht.[14] Deutlich wird dies oft an konjugierten Verbformen wie 'er buk'. Der heutigen Generation ist diese Verbform zwar noch geläufig, dennoch verschwindet sie nach und nach aus dem deutschen Sprachgebrauch.

Des Weiteren führt Lenneberg an, dass eine Sprache zwar neue Wörter bilden kann, dabei jedoch in der Regel nie syntaktische oder phonologische Regeln gebrochen werden.[15] Jede Sprache kann nur eine bestimmte Abfolge von zerebralen Mechanismen, sprich eine Abfolge von Konsonaten, verarbeiten. Belegbar ist dies beispielsweise bei den Wortneukreationen 'Abwrackprämie' oder 'Teuro'. Eine Anordnung von Konsonanten wie 'zkszmpsct' kann weder verständlich ausgesprochen werden, noch folgt es in irgendeiner Weise phonologischen Regeln.

Im letzten Punkt sagt Lenneberg in seiner allgemeinen Darstellung über Sprachen aus, dass Sprachen Dialektgemeinschaften bilden können, wenn diese geografisch stationär sind und durch keine weiteren beeinflusst werden.[16] Als Beleg für diese Aussage könnten zahlreiche Dialekte in Deutschland herangezogen werden, wobei es hier sicherlich Überschneidungen geben kann, da es nicht möglich ist, eine Sprache komplett von anderen zu isolieren.

Über die allgemeine Darstellung der Sprache des Biolinguisten kann zusammenfassend gesagt werden, dass sie sich hauptsächlich mit den Regeln aus der konventionellen Sprachwissenschaft beschäftigt und welchen Wandel die Sprache im Laufe der Zeit vollziehen kann. Doch diese Regeln und dieser Wandel können nur angewandt und vollzogen werden, wenn Sprache gesprochen wird. Welche Voraussetzungen sind nach Meinung des Biolinguisten Eric Lenneberg erforderlich, damit ein Mensch beginnt zu sprechen? Welche Probleme können für ihn beim Spracherwerb und dessen Entwicklung auftreten? Und wie stellen sich diese Ansichten, die nach eigenen Angaben zur Diskussion gedacht sind, anderen Wissenschaftlern dar?

In den folgenden Kapiteln wird die Darstellung Lennebergs[17] über den Spracherwerb, die Sprachentwicklung und mögliche Sprachstörungen erörtert und mit anderen Theorien verglichen. Dabei sollen auch mögliche Antworten gegeben werden, warum Experimente wie das von Jakob IV. aus Schottland scheiterten und es keine im Kind vorprogrammierte Ursprache geben kann.

2.2 Lennebergs fünfbiologische Prämissen

Im vorangegangenen Kapitel wurden kurz die allgemeinen Ansichten Lennebergs über Sprache dargestellt. Nun soll die Sprachtheorie untersucht werden, die sich mehr auf das biologische konzentriert.

Laut Meinung des Wissenschaftlers gibt es beim Spracherwerbs fünf biologische Prämissen, die benötigt werden, damit sich eine Sprache im Kind überhaupt entwickeln kann. In seinem ersten Punkt sagt er aus, dass die kognitive Funktion artspezifisch ist. Kognitive Funktionen sind Prozesse, die im Gehirn stattfinden und mit dem Thema Denken zu tun haben. Auch wenn Forscher bis heute noch vor vielen Rätseln stehen was das menschliche Gehirn anbelangt, so scheint klar, dass spezielle Denkfunktionen wie Dinge kategorisieren zu können, Probleme zu lösen, systematisch zu lernen oder eindeutige Kommunikation mit Anderen mittels Sprache zu führen, nur die Art Mensch besitzt. Auch andere Arten wie beispielsweise Affen sind fähig Dinge durch Beobachtung, Nachahmung und Spiel zu erlernen, nur tut dies der Mensch auf eine spezialisitere Art und Weise.[18] „Wenn wir das Verhalten verschiedener Arten vergleichen, finden wir ebenfalls gewisse Invarianzen, z.B. die allgemeinen Wirkungen von Belohnung und Bestrafung“[19],dennoch weisen unterschiedliche Arten Verschiedenheiten in ihren kognitiven Prozessen auf, was zu artspezifischem Verhalten führt.[20] Zur Erklärung soll ein anschauliches Beispiel dargestellt werden:

In einem Käfig befindet sich eine Schale mit Obst. Im selben Raum liegen auf einem Tisch ein langer Stock und der Schlüssel des Käfigs. Wenn man nun sowohl Mensch als auch Tier mit dieser Aufgabe konfrontieren würde, gäbe es mit großer Wahrscheinlichkeit das erwartete Ergebnis. Während der Mensch aufgrund speziellerer kognitiver ausgeprägter Funktionen den Käfig sofort mit Hilfe des Schlüssels öffnen wird, versucht der Affe sicherlich durch Ausprobieren an die Schale zu gelangen.

Betrachtet man das artspezifische Verhalten näher, so ist es der Mensch, der fähig ist Lernbereitschaften zu entwickeln, in bestimmten Richtungen zu generalisieren oder Dinge im Gedächtnis zu behalten; Voraussetzungen, die der Spracherwerb erfordert.[21]

In seiner zweiten Prämisse führt Lenneberg an, dass spezifische Eigenschaften der kognitiven Funktion in jedem Mitglied der Art wiederholt werden, dabei jedoch leichte Differenzen auftreten können.[22] Es ist also, laut Meinung des Biolinguisten, jedes gesunde Kind dazu in der Lage Sprache zu erwerben. Hierbei könnenjedoch Unterschiede beispielsweise im Lernprozess auftreten, das eine Kind lernt schneller als das andere. Im Verlauf der Reifung differenzieren sich kognitive Prozesse und Fähigkeiten. Diese werden jedoch einem Embryo nicht von außen auferlegt, sondern entwickeln sich allmählich durch im Gewebe enthaltene Funktion; dabei wird jedoch oftmals ein Stimulus benötigt, der die bereitliegenden Mechanismen auslöst.[23] Das bedeutet nichts anderes, als dass für Lenneberg die Sprachfähigkeit angeboren ist, man jedoch einen Stimulus benötigt, beispielsweise sprechende Menschen, damit die Fähigkeit zur Sprache aktiviert wird. Die Differenzierung kann erneut anhand eines Beispiels dargestellt werden. Denkt man an ein Baby, so kann es sich am Anfang nur durch Schreien verständlich machen, allmählich fängt es dann an unverständlich zu sprechen, bis es schließlich ein- und zweisilbige Worte wie 'Mama', 'Papa', 'da' oder 'heiß' bilden kann. Schließlich kann das Kleinkind im Alter von ca. 1-2 Jahren schwierigere Worte bilden bis hin zu einfachen kleinen Sätzen. Im Anhang 1 ist hierzu ein Diagramm Lennebergs dargestellt, welches die verschieden Entwicklungsstufen im Verlauf des Spracherwerbs nochmals verdeutlichen soll.

Auch in seiner nächsten Prämisse wird genau dies deutlich, Lenneberg sagt: „Bei der Geburt ist der Mensch relativ unreif; bestimmte Aspekte des Verhaltens und der kognitiven Funktion treten erst während der frühen Kindheit auf.“[24] Vergleicht man den Mensch mit einem Pferd, dann wird dies gut sichtbar. Während das Tier kurz nach der Geburt beginnt zu laufen und fast unabhängig von seiner Mutter ist, ist der Mensch gänzlich auf die Hilfe seiner Umwelt angewiesen.

In der fünften und letzten Prämisse von Lenneberg wird ausgesagt, dass bestimmte soziale Phänomene eines Individuums aus spontanen Verhaltensanpassungen an andere Individuen in seiner Umgebung resultieren.[25] Der Mensch ist bei seinem Spracherwerb angewiesen auf bestimmte Stimuli wie gesprochene Sprache oder bestimmte Verhaltensmuster in seiner Umgebung. Bleiben diese Stimulationen in der frühen Kindheit aus, kann es bei der Entwicklung zu größeren Problemen kommen bzw. wird diese erheblich verzerrt.

Wenn man nun die Prämissen Lennebergs zum Spracherwerb näher betrachtet, so wird deutlich, warum das Kind im Experiment Jakobs des IV. nie begann zu sprechen. Das Kind besaß sicherlich die Fähigkeit durch Beobachtung und Nachahmung zu lernen, jedoch gab es keinen Stimulus in seiner Umgebung, der dies förderte. „Das Überleben der Arten hängt häufig von der Entwicklung von Mechanismen für soziale Kohäsion oder soziale Kooperation ab. [...] Injeglicher Entwicklung sozialen Verhaltens beginnt das wachsende Individuum, gleichsam wie durch Resonanz sich an einem Verhalten zu beteiligen [...] das Verhalten [aber] setzt erst dann ein, wenn es angemessen stimuliert wurde“[26], so Lenneberg. Da das Kind jedoch keinerlei soziale Verhältnisse vorfand und somit auch nicht stimuliert werden konnte war es unmöglich, eine Sprache zu entwickeln, auch wenn die Möglichkeit zum Spracherwerb, nach Lenneberg, injedem Kind angeboren ist. Allerdings ist dabei der Biolinguist davon überzeugt, dass nur die Fähigkeit zu sprechen im Menschen verankert ist, nichtjedoch eine manifestierte Sprache wie Hebräisch.

2.3 Darstellung einer Theorie über die biologischen Grundlagen der Sprache

Nachdem die Prämissen Eric Lennebergs vorgestellt worden sind, wird nun seine Gesamttheorie näher thematisiert. Zum besseren Verständnis soll hier ein eigens entwickeltes Schaubild dienen (dargestellt im Anhang 1), welches zusätzlich erklärt wird.[27]

Die biologischen Besonderheiten bilden im gesunden Menschen die Grundlage, damit die kognitiven Denkprozesse ablaufen können und sich somit beispielsweise Sprache im frühen Kindesalter entwickeln kann. Die Manifestation von Sprache ist daher die Folge biologischer Besonderheiten, die die menschlichen Formen der Kognition ermöglicht. Die kognitive Funktion ist dabei ein viel früherer Prozess als die Sprache. Das Gehirn ist hierbei der zentrale Faktor für den Spracherwerb. Somit ist es auch wahrscheinlich, dass Kinder mit schweren peripheren Anomalien eine Sprache vollständig erwerben können. Da die Sprachfähigkeit angeboren ist, besitztjedes Kind die Fähigkeit eine beliebige Sprache zu erlernen. Dies ist möglich, da alle Sprachen eine identische innere Form besitzen, jedoch mit unendlichen vielen Variationen. Jede Sprache folgt also, wie in den allgemeinen Ansichten über Sprache schon dargestellt wurde, bestimmten Regeln. Es gibt zwar Unterschiede in Phonologie, Semantik und Syntax, dennoch kann der Mensch beispielsweise nur bestimmte Sprachdaten verarbeiten, was die Folge von zerebralen Mechanismen betrifft. Umjedoch überhaupt zu einer Sprache zu gelangen bedarf es gewissen Stimuli. Wichtig für den Spracherwerb ist dabei zum einen die gesprochene Sprache in der Umgebung des Individuums, die wie ein Auslöser zu wirken scheint und den Synthetisierungsprozess in Gang setzt. Die Sprachbereitschaft ist ein Zustand latenter (unbewusster) Sprachstruktur, die nun durch eine Art Aktualisierung, durch die gesprochene Sprache in der Umgebung, zur realisierten Struktur transformiert wird, sprich eine äußere Form von Sprache annimmt. Bei Kindern, denen dieser Stimulus nicht zugänglich ist beispielsweise durch Gehörlosigkeit oder durch Isolation (Experiment aus Schottland), wird die latente Struktur vorübergehend oder andauernd nicht aktiviert. Der zweite wichtige Auslöser sind gewisse soziale Bedingungen, was zur Folge hat, dass ein Kind als Resonanz auf seine Umgebung die Sprache annehmen wird, die in seinem Umfeld gesprochen wurde. Hat das Kind einmal die kritische Phase der Resonanz durchlaufen ist eine Sprache fest ausgeprägt und mit neuen Sprachen wird es nicht mehr in Resonanz kommen.

Bei der Sprachentwicklung sind die kognitiven Prozesse von fortschreitender Differenzierung gekennzeichnet. Wie schon im vorangegangenen Kapitel erklärt, wird ein Säugling sich erst durch Schreien verständlich machen können bis das Kleinkind schließlich einige Worte zur Verständigung benutzt; die latente Sprachstruktur wird in eine realisierte Struktur umgewandelt. Dabei werden immer wieder unstabile Stadien durchlaufen, die letztendlich zu Neuordnungen führen, die irgendwann eine relative Stabilität erreichen, die als Reife bezeichnet wird. Dieser ablaufende Prozess ist jedoch von begrenzter Dauer. Er beginnt im frühen Kindesalter von zwei Jahren und endet etwa im Zeitraum der Pubertät. Nach dieser Zeit ist ein konstanter Zustand erreicht, die kognitiven Prozesse sind fest strukturiert und die Fähigkeit zu primärer Sprachsynthese geht verloren. Im Laufe der Differenzierung bildet sich ein Kommunikationssystem heraus, welches notwendig ist, um sich seinen Mitmenschen verständlich zu machen. Mit dem Abschluss dieser Phase endet für Eric Lenneberg der Erstspracherwerb und dessen Entwicklung. Wie aber stehen nun andere Wissenschaftler zu dieser Theorie? Stimmen sie beispielsweise mit der Ansicht überein, dass Sprachfähigkeit angeboren ist? Und ist Sprachentwicklung nach der Pubertät wirklich abgeschlossen?

Die verschiedenen Meinungen ausgewählter Wissenschaftler sollen daher im nächsten Kapitel mit der Theorie Lennebergs verglichen werden.

2.4 Die Sichtweise auf Spracherwerb und Sprachentwicklung von anderen Wissenschaftlern

Die meisten Wissenschaftler sind der Meinung, dass sich beim Thema Spracherwerb zwei 'Hauptlager' gegenüber stehen: die Nativisten und die Empiristen. „Die Nativisten vertreten den Standpunkt, dass bestimmte Arten sprachlichen Wissens - insbesondere das Wissen, das sich auf die allen Sprachen gemeinsamen grammatischen Strukturen bezieht - genetisch verankert sind.“[28] Es handelt sich hierbei also um eine theoretische Position, die besagt, dass sich die Sprache aus einem angeborenen Wissen um ihre Grundstrukturen entwickelt.[29] Das bedeutet unter anderem, wie es auch bei Lenneberg schon deutlich wurde, dassjedes Kind in der Lage istjede Sprache zu erlernen. Auf der Erde gibt es zwischen sechs- und siebentausend verschiedene Sprachen, manche davon haben mehrere tausend Sprecher, andere wiederum nur ein paar hundert.[30] Während es in Europa die Norm ist im Alltag nur eine Sprache zu sprechen, gilt dies für mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung nicht. Diese gebraucht täglich mindestens zwei, wenn nicht gar drei Sprachen und somit ist weltweit Mehrsprachigkeit vielmehr der Normalzustand als Einsprachigkeit.[31] Alle Sprachen haben ihre eigene Identität und einen besonderen Wert und sind dabei gleichermaßen als Verständigungsmittel geeignet. Es gibt somit auch laut Untersuchungen keine einfachen oder schweren Sprachen; der Erstspracherwerb dauert immer gleich lang, egal um welche Sprache es sich handelt.[32]

Diese Untersuchungen stimmen mit den Ansichten des Biolinguisten Eric Lenneberg überein. Das Sprachangebot aus der Umgebung wird ohne bewusste Reflexion des latenten Wissens so zur Universalgrammatik fixiert, dass es auf die Strukturen ihrer Zielsprache passt.[33] Ein Forschungsschwerpunkt, der die Auffassung der Nativisten am besten stützt, ist das sogenannte 'No Negative Evidence'.[34] Dieses besagt, dass Kinder nicht alle denkbaren Möglichkeiten ausprobieren, um ihren sprachlichen Äußerungen eine Struktur zu geben, sie treffen nämlich eher eine Auswahl aus einer begrenzten Menge von Optionen.[35] Diese Begrenzungen, so die Nativisten, können dabei nicht von außen kommen, „sondern müssen durch ein bereits vorhandenes (latentes) Wissen bedingt sein.“[36]

[...]


[1] Fouts, Roger: Unsere nächsten Verwandten. Von Schimpansen lernen, was es heißt, ein Mensch zu sein, München 1998, S.117

[2] http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/bildung/frage der woche/archiv fragenanwissen.de/index.pag eH306348.html. 10.03.2010 17:13 Uhr

[3] F outs: Unsere nächsten Verwandten, S.117

[4] Ebd.

[5] Ebd., S.19

[6] Deutsch Werner: Sprache. Sprachentwicklung- Sprache im psychotherapeutischen Prozeß, In: Sprechen und Sprache in der Erziehung, hrsg. von Hartmut Schneider, Heidelberg 1996, S.2

[7] Lenneberg, Eric H.: Biologische Grundlagen der Sprache, hrsg. von John Wiley & Sons, Frankfurt am Main 21986, S.2

[8] Ebd., S.8

[9] Ebd.

[10] Ebd., S.464

[11] Ebd.

[12] Ebd.473

[13] Jacobus de Voragine: Die elsässische Legenda aurea, das Normalcorpus, Bd.1, hrsg. von Ulla Williams und Werner Williams-Krapp, Tübingen 1980, S.431

[14] Lenneberg: Sprache, S.473

[15] Ebd., S.472

[16] Ebd.

[17] Ebd., S.452

[18] Fouts: Unserenächsten Verwandten, S.118

[19] Lenneberg: Sprache, S.452

[20] Ebd.

[21] Ebd., S.452

[22] Ebd., S.453

[23] Ebd., S.455

[24] Ebd., S.454

[25] Ebd., S.454-455

[26] Ebd., S.455

[27] Anmerkung: Das Schaubild sowie die anschließenden Erläuterungen basieren auf der Theorie Lennebergs S.455-463 und werden daher bis zum Ende des Kapitels nicht immer einzeln zitiert.

[28] Deutsch, Werner: Sprache, S.2

[29] Szagun, Gisela: Sprachentwicklung beim Kind. Eine Einführung, München 41991, S.74

[30] Metzing, Dieter (Hrsg.): SpracheninEuropa. Sprachpolitik, Sprachkontakt, Sprachkultur, Sprachentwicklung, Sprachtypologie, Bd.19, Bielefeld 2003, S.13

[31] Ebd.

[32] Ebd.

[33] Deutsch Werner: Sprache, S.6

[34] Anmerkung: spezielle Begriffe der verschiedenen Wissenschaftler werden fortlaufend markiert, jedoch nicht extra mit Fußnoten versehen

[35] Ebd.

[36] Ebd., S.7

Details

Seiten
26
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640788545
ISBN (Buch)
9783640788491
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163840
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Linguistik
Note
1,0
Schlagworte
Spracherwerb Sprachentwicklung Kindesalter Probleme Nach Eric Lenneberg Wissenschaftlern

Autor

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Titel: Spracherwerb und Sprachentwicklung im frühen Kindesalter und dabei auftretende Probleme