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El discurso reproducido

Der Gebrauch des historischen Präsens zur Einleitung der direkten Rede

Seminararbeit 2010 13 Seiten

Romanistik - Didaktik Spanisch

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinwendung zur Behandlung der Zeiten in gesprochenem Spanisch

2. Gebrauch und Funktion des Präsens zur Einleitung der direkten Rede
2.1 Das historische Präsens in der Diskurssprache
2.2 Die direkte Rede in der Diskurssprache
2.3 Gesprächsanalyse im Hinblick auf Zeitengebrauch und direkte Rede

3. Schlussfolgerung

Bibliographie

1.Hinwendung zur Behandlung der Zeiten in gesprochenem Spanisch

Die meisten Schüler und Studenten werden mit der spanischen Sprache größtenteils in Form eines ‚geschriebenen‘, d.h. eines formelleren Spanisch konfrontiert. Selbst die in Schulbüchern abgedruckten Gespräche zwischen Spaniern oder die Unterhaltungen in Filmen können das umgangssprachliche Spanisch nicht realgetreu darstellen, da sie meistens konstruiert sind und wichtige Elemente des gesprochenen Spanisch nicht mehr beinhalten. So fehlen aufgrund des hohen Planungsgrades der Diskurse in Lehr- und Drehbüchern die „Wiederholungen, Abbrüche, Überschneidungen“1, zu denen, universell betrachtet, die gesprochene Sprache tendiert2. Erst wenn man ein authentisches Gespräch unter Muttersprachlern verfolgt, wird die Komplexität und die Andersartigkeit dieser Diskurssprache im Vergleich zum gelernten formelleren Spanisch deutlich3.

Wie auch in anderen Sprachen ändert sich in dem gesprochenen Register des Spanischen nicht nur die Anzahl gleichzeitiger Sprechakte, der Wortschatz und die Syntax sondern auch die Verwendung der Tempora. Besonders auffällig bei der Betrachtung der transkribierten Gespräche aus Briz‘«Corpus de conversaciones coloquiales», eine Sammlung verdeckt aufgenommener Unterhaltungen durch die valencianische Gruppe Val.Es.Co., ist der häufige Gebrauch des Präsens zur Einleitung von wiedergegebener Rede, die in der Umgangssprache fast ausschließlich in direkter Form vorkommt. Diese Arbeit dient nun der Untersuchung der These, dass der Sprecher bei der Wiedergabe von zuvor Gesagtem oft ins Präsens verfällt um jene Äußerungen gegenwärtiger und realer darzustellen, eine Intention, die durch die direkte Rede weiter unterstützt wird.

Zunächst soll ein genereller Überblick zum Thema ‚Gebrauch des Präsens in der Diskurssprache‘ erstellt werden, wobei der Schwerpunkt auf dem historischen Präsens liegen soll. Im darauffolgenden Abschnitt geht es um die Verwendung der direkten Rede zur Wiedergabe vergangener Äußerungen im gesprochenen Spanisch sowie deren Eigenschaften. Danach gilt es einen transkribierten Korpus zu analysieren, um die zuvor definierte Hypothese anhand einer „conversación coloquial periférica“4 zu überprüfen. Dabei soll diskursanalytisch vorgegangen werden, um die Funktionen und Werte des Präsens in dem Gesprächsausschnitt zu erklären. Weiterhin berücksichtigt werden sollen sowohl die Intention des Sprechers als auch die Reaktion des Zuhörers.

2. Gebrauch und Funktion des Präsens zur Einleitung der direkten Rede

2.1 Das historische Präsens in der Diskurssprache

Bei Diskursen unterscheidet man zwischen dem Medium der Realisierung, um Texte in phonisch oder graphisch zu unterteilen, und der Konzeption, die sich auf den ‚geschriebenen‘, also formelleren, bzw.‚gesprochenen‘, umgangssprachlichen Charakter des Diskurses bezieht5. Besonders auffällig scheint bei dieser gesprochenen Sprache der geringe syntaktische und sprachliche Planungsgrad, der sich unter anderem durch Vorläufigkeit und Parataxe auszeichnet6. Diese Faktoren haben ebenfalls einen Einfluss auf den Gebrauch der Tempora, die in der Diskurssprache anders als grammatikalisch kodifiziert außerhalb ihrer Zeitgruppen verwendet werden können7. Damit verbunden ist laut Briz eine Umstellung des deiktischen Zentrums, das heißt, der Moment der Äußerung wird verschoben, „como si ma ñ ana o ayer fueran hoy8.

In diesem Zusammenhang steht nun der Gebrauch des Präsens, der laut Berschin das am meisten gebrauchte Tempus im Spanischen ist9. Da das Präsens in Bezug zur Sprechsituation einen „punktuelle[n], durative[n] oder generelle[n]“10 Gegenwartszeitraum darstellt, und somit die Nullstufe der Gegenwartsachse ist11, kann es verschiedene Funktionen im Diskurs erfüllen und ist in der Lage, andere Zeitstadien sowohl in Richtung der Vergangenheit als auch der Zukunft auszudrücken12. Eine sehr häufig gebrauchte Form des Präsens, die in der Grammatik von Morales bereits als allgemeiner Verwendungszweck festgeschrieben wurde, ist das ‚presente histórico‘13, welches eine Simultanität zum deiktischen Zentrum ausdrückt, sich jedoch auf einen Punkt in der Vergangenheit bezieht14.

Wie auch alle anderen Besonderheiten der gesprochenen Sprache dienen die unterschiedlichen Zeiten einem bestimmten pragmatischen Zweck. Mit dem Gebrauch des historischen Präsens ist unter anderem eine belebende und dramatisierende Intention15 verbunden sowie eine Aktualisierung des Erzählten im Kopf des Sprechers und des Gesprächspartners, da man sich fiktiv dem Moment des Sprechens annähert16. Diesen Effekt beschreibt Ruano besonders treffend als „ zoom cinematográfico“17, das heißt, eine Handlung oder eine Unterhaltung in der Vergangenheit wird heran gezoomt und aus der Nähe betrachtet. Auch Eberenz verfolgt einen ähnlichen Gedanken, indem er beschreibt, dass der Sprecher sich beim historischen Präsensparallel zu den Ereignissen vorwärts bewegt18.

2.2 Die direkte Rede in der Diskurssprache

Es gibt zwei Möglichkeiten zuvor Gesagtes zu reproduzieren: die indirekte und die direkte Rede. Beide unterscheiden sich durch ihre syntaktische und semantische Struktur19 sowie ihren kommunikativen Wert auf der pragmatischen Ebene20. Die wiedergegebene Rede wird meistens durch ein ‚verbum dicendi‘ eingeleitet; häufig das Verb decir , da mit ihm ein genereller, objektiver Ausdruck des Sagens verbunden ist21. Darauf folgt die Wiedergabe des Gesagten entweder umschreibend und zusammenfassend mit eigenen Worten (indirekte Rede) oder wortwörtlich, wenn auch nicht unbedingt authentisch, denn „‚literalitad‘ no significa ‚autenticidad‘“22 (direkte Rede). Während bei der indirekten Rede auf das ‚verbum dicendi‘ ein mit que eingeleiteter Nebensatz folgt, erkennt man die direkte Rede anhand der Anführungszeichen oder der kursiv gedruckten Schrift23.

In der spanischen Umgangssprache zeichnet sich eine Dominanz der direkten Rede zur Reproduktion von zuvor Gesagtem ab24. Bei der Analyse eines Gespräches stellte Van de Houwen fest, dass in 85% der Fälle eine direkte und nur in 15% eine indirekte Wiedergabe gewählt wurde25. Der Vorteil der direkten Rede ist die Beibehaltung des deiktischen Bezugsrahmens des Sprechers, dessen Worte wiederholt werden, sodass die Perspektive in die Vergangenheit wechselt und der Reproduzierende quasi ‚verschwindet‘26, um alles mit den Stimmen der „participantes originales“27 darzustellen. In diesem Sinne spielt die Intonation eine besondere Schlüsselrolle, um die Sprecherwechsel deutlich zu machen, die sonst in einer Unterhaltung, insbesondere ohne einleitendes ‚verbum dicendi‘, nicht deutlich werden würden28.

Zwischen den wiedergegebenen Äußerungen und dem einleitenden Ausdruck herrscht eine konzeptuelle Distanz, die durch die eigenständige Syntax des Gesagten, den verbindenden Charakter des ‚verbum dicendi‘ und die graphischen und intonativen Unterschiede hervorgehoben wird. Damit verbunden ist eine deutliche Trennung zwischen dem „universo del narrador“ und dem „universo de la historia“29, sodass es scheint, als distanziere sich der Sprecher vom Gesagten ohne es in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Diese Strategie soll den Zuhörer von der Richtigkeit der Aussage überzeugen30. Des Weiteren fügt die direkte Rede laut Briz eine realistische, ausdrucksstarke und dramatische Nuance hinzu31. Durch die Möglichkeit neben den Worten des ursprünglichen Sprechers auch noch Gemütszustand, Akzent, Stimme und Gestik zu imitieren32, spielt der Reproduzierende sozusagen „el rol de un actor“33.

2.3 Gesprächsanalyse im Hinblick auf Zeitengebrauch und direkte Rede

Bei dem zu untersuchenden Gespräch aus der Sammlung von Briz und der Gruppe Val.Es.Co. handelt es sich nicht um eine prototypische Konversation, da die Sprecher sich in ihrem soziokulturellen Niveau und im Bildungsgrad stark unterscheiden. Auf der einen Seite sind drei weibliche Studenten (B, C, E) sowie ein Mann (D), dessen Beruf unbekannt ist, mit hohem Bildungsgrad und höherem sozio-kulturellen Niveau im Vergleich zu der aktivsten Sprecherin (A), die als Putzfrau arbeitet. Da sie lediglich von dem Fund einer Uhr auf der Straße erzählt, kann die Unterhaltung als alltäglich bezeichnet werden34.

[...]


1 Kabatek, Johannes u.a., Spanische Sprachwissenschaft. Eine Einf ü hrung , Tübingen: Narr 2009, S. 179.

2 Vgl. ibid., S. 177-78.

3 Vgl. ibid., S. 179.

4 Briz, Antonio y Grupo VAL.ES.CO. (eds.), Corpus de conversaciones coloquiales , Madrid: Arco Libros [u.a.] 2002, [RB.37.B.1], S. 223.

5 Vgl. Koch, P. / Oesterreicher, W., Gesprochene Sprache in der Romania: Franz ö sisch, Italienisch, Spanisch , Tübingen: Niemeyer 1990, S. 5.

6 Vgl. ibid., S. 11.

7 Briz, Antonio, „Notas sobre los llamados usos temporales ‘dislocados’ en la conversación coloquial”, in: ELUA , 2004a, S. 52.

8 Ibid., S. 45f.

9 Berschin Helmut u.a., Die spanische Sprache. Verbreitung, Geschichte, Struktur , 3., durchges. und aktualisierte Aufl., Hildesheim [u.a.]: Olms 2005, S. 219.

10 Ibid.

11 Vgl. ibid.

12 Vgl. Serrano, M. J., Gramática del discurso , Madrid: Ediciones Akal 2006, S. 120.

13 Vgl. Morales, J. V., Spanische Grammatik , 5., neubearbeitete Aufl., München: Oldenbourg 2008, S. 330.

14 Vgl. Bosque, Ignacio [Hrsg.], RAE, Las construcciones sintácticas fundamentales: relaciones temporales, aspectuales y modales , Vol. 2, Madrid: Espasa 1999, S. 2891.

15 Vgl. Briz 2004a: S. 45.

16 Vgl. Sastre Ruano, María Ángeles, El indicativo , Salamanca: Ed. Colegio de España [u.a.] 1995, S. 30.

17 Ibid.

18 Vgl. Eberenz, Rolf, Tempus und Textkonstitution im Spanischen , Tübingen: Narr 1981, S. 153.

19 Vgl. Fortea, Inmaculada Baixuli, „Las secuencias de historia“, in: Briz, A. y Grupo Val.Es.Co. (eds.), ¿ Cómo se comenta un texto coloquial? , Barcelona: Ariel 2000, S. 81-106, S. 90.

20 Vgl. Bosque, Ignacio [Hrsg.], RAE, Entre la oración y el discurso: Morfolog í a , Vol. 3, Madrid: Espasa 1999, S. 3554.

21 Vgl. ibid., S. 3551-58.

22 Ibid., S. 3555.

23 Vgl. Benavent Payá, Elisa, „¿Por qué contamos nuestras historias cotidianas en estilo directo?” in:

Delbecque, Nicole, Aproximaciones cognoscitivo-funcionales al espa ñ ol , Amsterdam: Rodopi 2003, S. 14.

24 Vgl. ibid.

25 Vgl. Van de Houwen, Fleur, „El habla directa vs. indirecta y la organización del discurso”, in: De Jonge, Bob, Estudio anal í tico del signo ling üí stico: Teor í a y descripción , Amsterdam [u.a.]: Rodopi 2000, S. 32.

26 Vgl. Benavent Payá 2003: S. 13-18.

27 Carranza, Isolda E., „Autoridad retórica y conversación”, in: Haverkate, Henk [u.a.] [Hrsg.], La pragmática ling üí stica del espa ñ ol. Recientes desarrollos , Amsterdam [u.a.]: Rodopi 1998, S. 41.

28 Ezquerra Martínez, Raquel, „El discurso reproducido desde la perspectiva de la enseñanza del E/LE”, http://www.educacion.es/redele/Biblioteca2007/RaquelEzquerra/Memoria.pdf (10.08.2010), S. 49 zit. nach Sánchez, N., „“Y le dije… digo...” Análisis del discurso referido en español entre hablantes nativos. Implicaciones didácticas en el aula del ELE.”in Frecuencia L n ° 8. Julio, 1998.

29 Benavent Payá 2003: S. 14 zit. nach Givón, T., English Grammar II , Amsterdam: John Benjamins 1993: S. 22.

30 Vgl. Benavent Payá 2003: S. 17f.

31 Vgl. Fortea 2000: S. 90.

32 Vgl. Portolés, José, Pragmática para hispanistas , Madrid: Síntesis 2007, S. 218.

33 Fortea 2000: S. 90.

34 Briz 2002: S. 223.

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640785551
ISBN (Buch)
9783656458098
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163917
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
historisches Präsens direkte Rede gesprochene Sprache spanische Umgangssprache Zeitengebrauch

Autor

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Titel: El discurso reproducido