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Kommunikation im Internet – Das Internet als sozialer Raum

Eine soziologische Analyse

Diplomarbeit 2002 113 Seiten

Soziologie - Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kommunikation
2.1. Verschiedene Dimensionen der Kommunikation
2.2. Die Merkmale computervermittelter Kommunikation

3. Kommunikationsdienste im Internet
3.1. Synchrone Kommunikation
3.1.1. Chats
3.1.1.1. Teilnahmevoraussetzungen und Ablauf
3.1.1.2. Themen
3.1.1.3. Die Besonderheiten der Chat-Kommunikation
3.1.2. MUDs
3.1.2.1. Teilnahmevoraussetzungen und Ablauf
3.1.2.2. Themen
3.1.2.3. Die Besonderheiten von MUDs
3.2. Asynchrone Kommunikation
3.2.1. E-Mail
3.2.1.1. Teilnahmevoraussetzungen und Ablauf
3.2.1.2. Arten von E-Mails
3.2.1.3. Die Besonderheiten der E-Mail-Kommunikation
3.2.2. Mailinglisten
3.2.2.1. Teilnahmevoraussetzungen und Ablauf
3.2.2.2. Themen
3.2.2.3. Die Besonderheiten der Mailinglisten-Kommunikation
3.2.3. Newsgroups
3.2.3.1. Teilnahmevoraussetzungen und Ablauf
3.2.3.2. Struktur und Themen
3.2.3.3. Die Besonderheiten der Newsgroup-Kommunikation
3.2.3.4. Rollen in der Gruppe
3.2.3.4.1. Der passive Beobachter
3.2.3.4.2. Der aktive Teilnehmer
3.2.4. Das World Wide Web (WWW)
3.2.4.1. Teilnahmevoraussetzungen
3.2.4.2. Struktur und Themen
3.2.4.3. Die Besonderheiten des World Wide Web

4. Die netzspezifische Sprache

5. Soziale Normen im Internet - die Netiquette
5.1. Verhaltensnormen in Newsgroups
5.2. Verhaltensnormen in Chats

6. Virtuelle Räume

7. Thesen zur computervermittelten Kommunikation
7.1. Weltweite Kommunikation
7.2. Gleichheit
7.3. Demokratisierung
7.4. Depersonalisierte Kommunikation
7.5. Unverbindlichkeit von Sozialbeziehungen
7.6. Fazit

8. Soziale Formationen
8.1. Gemeinschaften
8.1.1. Der Begriff der Gemeinschaft
8.1.2. Die Anwendbarkeit auf das Internet
8.2. Gruppen
8.2.1. Der Begriff der Gruppe
8.2.2. Die Anwendbarkeit auf das Internet
8.3. Soziale Netzwerke
8.3.1. Der Begriff des sozialen Netzwerks
8.3.2. Die Anwendbarkeit auf das Internet

9. Studie „Die Sozialwelt des Internet“

10. Virtuelle Gemeinschaften
10.1. Howard Rheingold und das WELL
10.2. Kritik an Rheingolds These
10.3. Virtuelle Gemeinschaften aus heutiger Sicht

11. Zusammenfassung und Ausblick

12. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Internet hat sich in den letzten Jahren von einem Medium, das von wenigen Spezialisten und vorzugsweise im wissenschaftlichem Kontext genutzt wurde, zu einem Medium entwickelt, das den beruflichen und privaten Alltag vieler Menschen prägt. Die massenhafte Nutzung des Internet hängt vorrangig mit der Einführung des World Wide Web Anfang der 90er Jahre und der damit verbun- denen Kommerzialisierung zusammen. Seitdem wird das Internet nicht nur zur Suche und Bereitstellung von Informationen und zur Kommunikation verwen- det, sondern auch von Unternehmen als Vertriebskanal für Produkte und Dienstleistungen.

In der vorliegenden Arbeit geht es um das Internet als Medium zwischenmenschlicher Kommunikation.

Im zweiten Kapitel wird erklärt, mit welchen Begriffen man verschiedene Arten der Kommunikation beschreiben kann. Außerdem soll die Frage beantwortet werden, durch welche Merkmale sich computervermittelte Kommunikation auszeichnet.

In Kapitel drei geht es um die verschiedenen Kommunikationsdienste im Inter- net, die in ihrer Ausgestaltung teilweise sehr unterschiedlich sind. Eine grund- legende Unterscheidung ist die zwischen synchronen (= zeitgleichen) und asyn- chronen (= zeitversetzten) Diensten. In der Beschreibung der einzelnen Dienste wird auf die Teilnahmevoraussetzungen und den Ablauf, sowie auf Themen und Besonderheiten der jeweiligen Kommunikationsform eingegangen.

Im vierten Kapitel wird die netzspezifische Sprache thematisiert, die sich im Internet entwickelt hat. Diese besteht aus verschiedenen Ausdrucksmitteln, die den Mangel an nonverbaler Kommunikation ausgleichen und die wechselseitige Verständigung erleichtern sollen.

In Kapitel fünf geht es um die sozialen Normen, die sich im Internet herausge- bildet haben und in der Netiquette schriftlich fixiert sind. Wegen der Unter- schiede zwischen den Kommunikationsdiensten kommen jeweils andere Versi- onen der Netiquette zur Anwendung. Auch in Hinblick auf die Mittel, die zur Sanktionierung von Regelverletzungen zur Verfügung stehen, gibt es Unter- schiede zwischen den verschiedenen Diensten. Die Verhaltensnormen und die Methoden der Sanktionierung werden exemplarisch am Beispiel von News- groups und Chats vorgestellt.

Im sechsten Kapitel wird beschrieben, wie sich durch das Internet das Verhält- nis zum Raum verändert. Denn einerseits wird die Kommunikation enträum- licht, andererseits entstehen im Internet virtuelle Räume, in denen soziale Pro- zesse stattfinden.

In Kapitel sieben werden Hoffnungen und Befürchtungen vorgestellt, die aus den Merkmalen computervermittelter Kommunikation abgeleitet und im Dis- kurs über das Internet vertreten worden sind. Es wird diskutiert, inwieweit diese Thesen zutreffen.

Die Frage, ob sich durch Netzkommunikation neue Formen von Sozialitäten herausbilden, war ein zentrales Thema in der sozialwissenschaftlichen Internet- Forschung der letzten Jahre. Im achten Kapitel werden Begriffe vorgestellt, mit denen soziale Formationen bezeichnet werden. Es wird untersucht, ob sich die Begriffe „Gemeinschaft“, „Gruppe“ und „soziale Netzwerke“ auf die im Inter- net entstehenden Kommunikationsbeziehungen anwenden lassen.

In Kapitel neun wird eine Studie vorgestellt, in der die sozialen Beziehungen von Internetnutzern untersucht und sowohl die über das Internet gepflegten Kontakte als auch realweltliche Beziehungen berücksichtigt wurden. Im zehnten Kapitel geht es um den Begriff der „virtuellen Gemeinschaft“, mit dem die im Internet entstehenden Kommunikationsgruppen bezeichnet werden. Es wird erklärt, welche Ideen mit dem Begriff bei seiner Entstehung verbunden wurden, welche Kritikpunkte es daran gibt und wie virtuelle Gemeinschaften aus heutiger Sicht charakterisiert werden können.

Die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit werden in Kapitel elf zusammenge- fasst

2. Kommunikation

Der Begriff Kommunikation kommt aus dem Lateinischen und bezeichnet den Prozess der Übermittlung jeglicher Informationen.1 Nach dieser allgemeinen Definition kann man beispielsweise auch die Informationsübermittlung zwischen Tieren oder zwischen technischen Systemen als Kommunikation bezeichnen.2 Der engere Kommunikationsbegriff bezieht sich auf die Kommunikation zwischen Menschen, also auf soziale Kommunikation. Er setzt Gemeinsamkeiten zwischen Individuen voraus, die durch den Kommunikationsprozess gefestigt oder erweitert werden.3

2.1. Verschiedene Dimensionen der Kommunikation

Soziale Kommunikation kann man anhand verschiedener Dimensionen unterscheiden, z.B. hinsichtlich der räumlich-zeitlichen Dimension, der Richtung des Informationsflusses und des Empfängerkreises.

In der r ä umlich-zeitlichen Dimension unterscheidet man direkte und indirekte Kommunikation, wobei mit direkter Kommunikation die angesichtige Kom- munikation gemeint ist, bei der sich die Beteiligten zur gleichen Zeit am glei- chen Ort befinden. Indirekte Kommunikation bezeichnet die mediale - also technisch vermittelte - Kommunikation. Diese kann zeitlich und/oder räumlich getrennt stattfinden.

Der Informationsfluss kann einseitig oder wechselseitig sein. Bei der einseitigen Kommunikation ist festgelegt, wer die Informationen weitergibt und wer sie aufnimmt. Die Informationsübertragung verläuft also nur in eine Richtung. Diese Art der Kommunikation kommt meistens im Bereich der Massenmedien vor. Bei der wechselseitigen Kommunikation hat jeder Beteiligte die Möglichkeit, Informationen aufzunehmen und weiterzugeben. Es kann abwechselnd entweder die Rolle des Empfängers oder die des Senders eingenommen werden. Jeder der Kommunikationspartner kann unmittelbar auf das Kommunikationsverhalten seines Gegenüber reagieren.

Der Empf ä ngerkreis kann bestimmt oder unbestimmt sein. Ist er auf bestimmte Personen beschränkt, dann ist die Kommunikation privat. Ist er unbestimmt, dann ist die Empfängerschaft nicht auf bestimmte Personen beschränkt, die Kommunikation also öffentlich.

Computervermittelte Kommunikation (CMC) ist immer indirekt und zeichnet sich durch die Möglichkeit eines wechselseitigen Informationsflusses aus.4 Das Internet ermöglicht sowohl private als auch öffentliche Kommunikation, d.h. der Empfängerkreis kann bestimmt oder unbestimmt sein.

Massenkommunikation ist definiert als Form der Kommunikation, bei der Aussagen ö ffentlich (also prinzipiell für jeden Interessierten zugänglich) durch technische Verbreitungsmittel (Medien) indirekt (also bei räumlicher oder zeitlicher oder raumzeitlicher Distanz zwischen den Kommunikationspartnern) und einseitig (also ohne Rollenwechsel zwischen Aussagendem und Aufnehmenden) an ein disperses Publikum vermittelt werden.5

Ein disperses Publikum konstituiert sich in Maletzkes Verständnis6 durch die Hinwendung zu den Aussagen der Massenkommunikation und ist damit ledig- lich ein Aggregat von Personen und kleinen Gruppen, die sich untereinander nicht kennen. Sobald die gemeinsame Zuwendung zur medialen Botschaft endet, zerfällt ein solches Aggregat. Es handelt sich bei einem dispersen Publi- kum also nicht um ein überdauerndes Sozialgebilde. Das Publikum ist „weder strukturiert noch organisiert, es weist keine Rollenspezifizierung auf und hat keine Sitte und Tradition, keine Verhaltensregeln und Riten und keine Institu- tionen“7.

Das Publikum hat also keine gemeinsame Identität als Publikum ausgebildet und dessen Mitglieder unterhalten nur in sehr geringem Maße untereinander soziale Beziehungen. Massenkommunikation findet beispielsweise in Printme- dien und im Fernsehen statt. Weil sich Massenkommunikation dadurch aus- zeichnet, dass eine Medienorganisation ihre Aussagen an viele Empfänger ver- breitet, wird diese Art der Kommunikation auch als „one-to-many“-Kommuni- kation bezeichnet.

Bei Individualkommunikation handelt es sich um nicht ö ffentliche (private) Kommunikation, die wechselseitig erfolgen kann und sich an einen individuell bestimmbaren Empf ä ngerkreis richtet.

Nichtöffentliche Kommunikation liegt vor, wenn sich der Kommunikationsinhalt nicht an jedermann richtet, sondern nur einzelnen, bestimmbaren Personen oder einem bestimmbaren Personenkreis zugänglich ist.8 Dabei ist nicht die tatsächliche Bestimmbarkeit der Kommunikationspartner, sondern die prinzipielle Möglichkeit entscheidend.9

Ein wesentliches Merkmal der Individualkommunikation ist, dass wechselseitige Kommunikation erfolgen kann - also ein Rollenwechsel zwischen Aussagendem und Aufnehmenden prinzipiell möglich ist.10

Wenn die Kommunikation nur zwischen zwei Personen stattfindet, spricht man von „one-to-one“-Kommunikation. Sind mehr als zwei Personen beteiligt („many-to-many“) handelt es sich um Gruppenkommunikation. Diese kommt im alltäglichen Leben hauptsächlich in Form von direkter Kommunikation vor. Bei der indirekten (medialen) Kommunikation sind meistens nur zwei Personen beteiligt. Klassisches Beispiel dafür ist die Kommunikation per Brief oder per Telefon. Durch das Internet wird indirekte Gruppenkommunikation erstmals für eine große Zahl von Menschen möglich.11 Diese kann jedoch nicht immer als Individualkommunikation bezeichnet werden, weil es sich in vielen Fällen um öffentliche Kommunikation mit einem unbestimmbaren Empfängerkreis han- delt.

2.2. Die Merkmale computervermittelter Kommunikation

Als natürliche Grundform zwischenmenschlicher Kommunikation gilt die Face- to-Face-Situation, bei der sich die Kommunizierenden zur gleichen Zeit am gleichen Ort befinden. Dabei sind alle Sinne (sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen) beteiligt. Durch Kommunikationsmedien ist es möglich, mit räumlich entfernten Personen in Kontakt zu treten. Computervermittelte Kommunikation bzw. Netzkommunikation ist eine Form der medial vermittelten Telekommuni- kation, bei der vernetzte Computer als Kommunikationsmedien fungieren.12 Gemeinsam ist allen Formen computervermittelter Kommunikation (CMC), dass sie von anderen Formen medialer Telekommunikation abweichen.

Computervermittelte Kommunikation weist folgende Merkmale auf:

- Ortsungebundenheit: Die Kommunikation ist nicht an reale Orte gebun- den. Überall, wo sich ein Computer mit Internetzugang befindet, kann com- putervermittelte Kommunikation stattfinden. Die Distanzen zwischen den Teilnehmern werden mit Hilfe des Mediums überwunden. Dadurch entfällt die Nicht-Anwesenheit im geographischen Sinne als Ausschlusskriterium und es ist nicht mehr unmöglich, an mehreren Kommunikationsgruppen gleichzeitig teilzunehmen.
- Zeitunabhängigkeit: Der Großteil der internetbasierten Kommunikations- dienste ist asynchron. Damit entfällt die Notwendigkeit, zu gleichen Zeit „anwesend“ zu sein.
- Entkörperlichung: Im virtuellen Raum findet die Kommunikation entkör perlicht statt - die Interaktionspartner sind nicht körperlich, sondern nur noch als Zeichen „anwesend“. Deswegen entfallen die nichtsprachlichen Elemente der Kommunikation (Gestik und Mimik) bzw. müssen künstlich erzeugt werden, zum Beispiel durch eine netzspezifische Sprache. Aufgrund der Entkörperlichung der Kommunikation kann kein körperlicher Zwang ausgeübt werden und die Androhung von körperlicher Gewalt ist wir- kungslos.
- Textbasiertheit: Die Ausdrucksmöglichkeiten sind vor allem textbasiert.

Audio-visuelle Kommunikationsmöglichkeiten - wie zum Beispiel InternetTelefonie und Internet-Videokonferenzen - spielen in der Praxis bislang eine untergeordnete Rolle.

- Interaktivität: Das Internet verfügt über einen Rückkanal und ermöglicht dadurch Interaktivität. Interaktivität ist definiert als Kontrolle über den Inhalt und den Fluss einer Kommunikation.13 Die Kontrolle über den Kommunikationsinhalt ist das Ausmaß, in dem der Nutzer des Mediums die Inhalte beeinflussen kann, die ausgetauscht werden. Die Kontrolle über den Kommunikationsfluss ist das Ausmaß, in dem der Nutzer eines Mediums beeinflussen kann, welche Inhalte wann und in welcher Abfolge ausge- tauscht werden.

Mit dieser allgemeinen Definition kann sowohl die Kommunikation mit anderen Internetnutzern als auch der reine Abruf von Informationen - bei- spielsweise aus einer Datenbank - als interaktive Nutzung beschrieben wer- den. Zwischenmenschliche (interpersonale) Kommunikation ist immer interaktiv, weil die Kommunikationspartner sich aufeinander beziehen und die Möglichkeit besteht, im Kommunikationsverlauf die Sender-/ Empfän- ger-Position zu wechseln.

- Anonymität: Die mögliche Anonymität zwischen den Kommunizierenden erscheint als wesentliches Charakteristikum computervermittelter Kommu- nikation. Jedoch wird Anonymität im Kommunikationsverlauf nicht aus- schließlich durch die technischen Gegebenheiten produziert, sondern auch von den Kommunizierenden hergestellt.14 Die Teilnehmer können selbst entscheiden, welche Informationen sie ihren Interaktionspartnern übermit- teln.

Laut Duden Fremdwörterbuch bedeutet Anonymität „die Unbekanntheit des Namens, Namenlosigkeit“. Eine Person ist demnach solange anonym, wie ihr Name unbekannt ist. Auch wenn man nichts über eine Person weiß außer den Namen, ist diese Person nicht mehr anonym. Weil zumindest ein Pseudonym (z.B. der Nickname beim Chat) bekannt ist, kann bei computer- vermittelter Kommunikation nicht von Anonymität in diesem Sinne ausge- gangen werden. Wenn von der Anonymität der internetbasierten Kommuni- kation die Rede ist, bezieht sich der Begriff auf die Tatsache, dass äußerli- che Merkmale des Kommunikationspartners unbekannt sind und der sozia- len Kontext verborgen bleibt. Außerdem wird damit auf die Möglichkeit verwiesen, den realen Namen oder sonstige Identitätsmerkmale zu ver- schleiern und eine Identität anzunehmen, die nicht an die tatsächliche Iden- tität in der Realwelt rückgebunden ist.

3. Kommunikationsdienste im Internet

Das Internet wird fälschlicherweise oft mit dem World Wide Web gleichgesetzt, obwohl das WWW nur ein Teil des Internet ist. Das Internet ist ein Verbund von Netzwerken, die über ein einheitliches Kommunikationsprotokoll (TCP/IP) kommunizieren. Über diese Netzwerke können sehr unterschiedliche Kommunikationsdienste genutzt werden.

Die verschiedenen Formen computervermittelter Kommunikation kann man anhand von Zeitdimension und Teilnehmerkreis unterscheiden. Bei synchroner Kommunikation müssen die Teilnehmer gleichzeitig anwesend sein. Bei asyn- chroner Kommunikation ist das nicht erforderlich. Weltweite Kommunikation ist dann trotz verschiedener Zeitzonen möglich. Der Teilnehmerkreis ist - je nach Dienst - unterschiedlich groß. Per E-Mail tauschen sich üblicherweise zwei Personen aus, eine Mailingliste wird an eine begrenzte Personengruppe verteilt, während sich eine WWW-Seite oder eine Newsgroup an die Masse richtet.

Zwischen den verschiedenen Internet-Diensten gibt es auch Unterschiede in der Kommunikationskonstellation. Massenmedien sind auf die Konstellation „einer an viele“ festgelegt während klassische Individualmedien eine „einer an einen“Verbindung herstellen. Computervermittelte Kommunikation ermöglicht sowohl „one-to-many“-Kommunikation (z.B. durch Websites) als auch „one-to- one“-Kommunikation (z.B. E-Mail, Zweier-Chat) oder „many-to-many“-Kom- munikation (z.B. in Chats und Newsgroups). Das Medium Internet erscheint „gleichzeitig als Massen- und als Individualmedium“15.

3.1. Synchrone Kommunikation

Bei synchroner Kommunikation werden die Äußerungen unmittelbar auf dem Monitor der anderen Teilnehmer angezeigt, so dass ein sofortiges Reagieren aufeinander möglich ist. Weil die Mitteilungen nicht zwischengespeichert wer- den, müssen die kommunizierenden Personen gleichzeitig online sein.

3.1.1. Chats

Der Chat16 ist eine Variante der synchronen Netzkommunikation, in der Per- sonen textbasiert kommunizieren können, wobei deren Texteingaben mit sehr geringer zeitlicher Verzögerung auf dem Monitor angezeigt werden. Durch sofortiges Reagieren kommt ein synchroner Dialog zustande. Der IRC17 -Dienst ermöglicht sowohl privaten als auch öffentlichen Chat. Die eingetippten Worte werden als komplette Mitteilungen übertragen, die durch das Betätigen der Enter-Taste beendet werden. Das IRC-Programm wurde 1988 von einem finnischen Studenten entwickelt.18 In den 90er Jahren sind neue Möglichkeiten hinzugekommen (Webchat, Instant Messenger).

Die Unterschiede zwischen den klassischen nicht-kommerziellen IRC-Chat- Channels und den Chat-Rooms (WWW, Instant Messenger) beschränken sich auf die jeweiligen dadurch erreichbaren Nutzer19 und die verfügbaren Aus- drucksmöglichkeiten. Chat-Rooms im WWW sind leichter bedienbar und optisch aufwändiger gestaltet als die selbstverwalteten IRC-Channels. Instant Messenger sind Programme, mithilfe derer man mit denjenigen Personen chat- ten kann, die man in die Liste der eingetragenen Freunde aufgenommen hat und die darin als „online“ gekennzeichnet sind. Will man mit einer Person chatten, die nicht regelmäßig online ist, empfiehlt sich eine Terminabsprache. Unter den Instant Messengern ist ICQ das am weitesten verbreitete Programm.20 Andere Instant Messenger sind beispielsweise die von AOL, Yahoo oder Microsoft. Bis auf wenige Ausnahmen sind die verschiedenen Messenger untereinander nicht kompatibel. Wer zum Beispiel ICQ benutzt, hat keine Chance, etwa mit Benut- zern des AOL Instant Messenger zu kommunizieren. Bei der Auswahl des Mes- sengers-Dienstes spielt es daher eine große Rolle, welchen Dienst die Personen verwenden, mit denen man chatten möchte. Da die Programme kostenlos erhältlich sind, ist es jedoch kein Problem, mehrere Messenger parallel zu ver- wenden.

3.1.1.1. Teilnahmevoraussetzungen und Ablauf

Um an einem Chat teilzunehmen, benötigt man einen Computer mit Internetzu- gang und Software. Während für einen Webchat ein Internet-Browser ausreicht, ist für den IRC-Chat die Installation eines IRC-Clients nötig. Für ICQ-Chats braucht man einen ICQ-Client und für den Instant Messenger-Chat ist ein Instant Messenger erforderlich. Der IRC-Dienst erfordert den höchsten Lernaufwand. Weil Chatrooms im WWW mit herkömmlichen Browsern genutzt werden können, ist das erforderliche Vorwissen bei Webchats am geringsten.

Bevor man chatten kann, ist die Auswahl eines Spitznamens (Nickname) erfor- derlich. Weil der Name das Erste ist, was die Chatter voneinander wahrnehmen, ist er bei der Eindrucksbildung von größter Bedeutung. Um an einem Chat- Channel teilzunehmen, wählt man einen der im IRC-Client angezeigten Chan- nels aus oder erschafft einen neuen. Es gibt öffentliche Channels, an denen jeder teilnehmen kann und private Channels, an denen nur ausgewählte Perso- nen teilnehmen dürfen.

Auf einem Chat-Channel (IRC) bzw. in einem Chat-Room (WWW, ICQ) kön- nen mehrere Personen gleichzeitig chatten. Die Tastatureingaben der Chatter werden dabei in der Reihenfolge des Eintippens untereinander angezeigt. Die aktive Teilnahme an einem Chat-Channel oder Chat-Room verlangt deutlich mehr Aufmerksamkeit, Konzentration und Erfahrung als im Vergleich zum Zweier-Chat. Je mehr Personen beteiligt sind, desto unübersichtlicher wird das Geschehen. Geübte Chatter behalten den Überblick im Textgewirr, reagieren blitzschnell und können mehrere Diskussionsstränge gleichzeitig verfolgen.

3.1.1.2. Themen

Im Gegensatz zu den Usenet-Newsgroups gibt es keine verbindliche thematische Gliederung der Chat-Channels und Chat-Rooms und es werden auch nicht ganz so viele Themen abgedeckt.21 Im IRC sind Channels mit folgenden Ausrichtungen besonders bekannt:

- gesellige Channels mit lokalem, altersmäßigem oder erotisch-sexuellem Bezug
- computerbezogene Channels
- Fankultur-Channels
- Selbsthilfe-Channels
- Untergrund-Channels, die dem Austausch diverser Subkulturen und Szenen dienen und teilweise nicht öffentlich zugänglich sind (Hacker-Szene, Porno- Szene)
- Krisen- und Katastrophen-Channels für Augenzeugenberichte in akuten Krisen- und Katastrophenfällen

3.1.1.3. Die Besonderheiten der Chat-Kommunikation

Bei der synchronen Netzkommunikation werden die Eingaben nicht zwischen- gespeichert, sondern unmittelbar übertragen und auf den Monitoren entfernter Rechner angezeigt. Deswegen ist es nötig, dass die Beteiligten zur gleichen Zeit am Computer sitzen.

Der Chat ist eine „Form der Kommunikation, die auf informeller, meist freundschaftlicher Ebene stattfindet, wobei eher Nebensächliches als Weltbewegendes thematisiert wird“22. Chatten dient vorwiegend der Unterhaltung und Freizeitbeschäftigung, weswegen eher informelle Sprache verwendet wird. Typischerweise versammeln sich Chatter in öffentlichen oder teil-öffentlichen Chats, um dort alte Bekannte zu treffen und neue Leute kennen zu lernen. Persönlicher wird der Austausch im privaten Chat.

Um den schriftlichen Dialog am Laufen zu halten, muss man sehr schnell rea- gieren. Deswegen sind Äußerungen selten länger als eine Zeile. Die Fähigkeit, schnell Lesen und Tippen zu können ist Voraussetzung für eine sinnvolle Teil- nahme an einem Chat. Aufgrund der Schnelligkeit des Chat-Dienstes sind aus- formulierte und tiefgründige Äußerungen kaum möglich. Um Zeit zu sparen werden Abkürzungen verwendet, die für Anfänger oft unverständlich sind. Bei- spiele dafür sind: ROTFL (= Rolling On The Floor Laughing), CU (= See You), LOL (= Laughing Out Loud).

In einer rein textbasierten Kommunikationsform wie dem Chat sind Körpersprache, Gestik und Mimik, nicht vorhanden. Zustands- und Gefühlsäußerungen werden textbasiert ausgedrückt. Dazu werden Aktionswörter (z.B. *lach*), Soundwörter (z.B. juhuuu) und Emoticons23 verwendet.

3.1.2. MUDs

Bei MUDs24 handelt es sich um nicht-kommerzielle Rollenspiele. Es sind Spiel- programme, die einen dramaturgischen Rahmen - in Form von Spielumgebun- gen, Objekten, Ereignissen und Beziehungskonstellationen - vorgeben, die Erkundungen und Begegnungen, aber auch Verwandlungen und Neuschöpfun- gen ermöglichen.25 Es handelt sich dabei also um virtuelle Welten, in denen - teilweise zusammen mit anderen Personen - bestimmte Aufgaben zu lösen sind. Die Kommunikation zwischen den Spielern hat in MUDs eine zentrale Bedeu- tung, da die Spieler sich so gegenseitig beim Lösen von Aufgaben helfen oder gemeinsam virtuell handeln können.

Die meisten MUDs sind textbasiert, mittlerweile existieren aber auch MUDs mit grafischer Benutzeroberfläche. Diese werden als grafische MUDs, 3D- MUDs oder Avatar-Welten bezeichnet. Die Szenen samt der beteiligten Per- sonen werden dabei durch Computergrafiken dargestellt; Bewegungen werden über die Maus gesteuert. Die Kommunikation zwischen den Spielern verläuft sowohl bei textbasierten als auch bei grafischen MUDs in Textform.

Das erste MUD wurde 1979 von Studenten der englischen Universität Essex im Rahmen einer experimentellen Untersuchung zur Entwicklung künstlicher Intelligenz programmiert.26

Aus diesem Ur-MUD haben sich in kurzer Zeit zahlreiche Ableger entwi- ckelt, deren Spielsettings überwiegend an den Klassikern der Fantasy- und Science-Fiction-Literatur orientiert waren (adventure muds). Seit Beginn der 90er Jahre sind die virtuellen Spielwelten thematisch und handlungsmäßig jedoch sehr viel differenzierter und vor allem auch rea- litätsnäher geworden, wobei an die Stelle einer gemeinsamen Zielerrei- chung zunehmend die kommunikative Funktion getreten ist (social muds).27

Die ersten MUDs waren englischsprachig. Das erste deutschsprachige MUD startete im Jahr 1992 und ist gleichzeitig auch das größte. Es heißt „Morgen- Grauen“ und ist dem Fantasy-Genre zuzuordnen. Im Durchschnitt trifft man hier etwa auf 80 oder mehr Mitstreiter, die größtenteils aus deutschsprachigen Ländern kommen.28

3.1.2.1. Teilnahmevoraussetzungen und Ablauf

Zunächst ist es nötig, sich einen Überblick über die verschiedenen MUDs zu verschaffen.29 Um an einem MUD teilzunehmen benötigt man entweder ein Telnet-Programm, das sich standardmäßig auf jedem Windows-Rechner befindet oder einen speziellen MUD-Client - ein Programm das komfortabler bedienbar ist. Es gibt bei einigen MUDs jedoch auch die Möglichkeit, sich über einen WWW-Browser einzuloggen.

Wenn man zum ersten Mal ein MUD betritt, wählt man zunächst einen Namen, der zum Genre des Spiels passen sollte, und ein Passwort. Danach ist es erfor- derlich, sich eine Rolle zu entwerfen. Beim Kreieren seines Online-Charakters muss man sich in Adventure-MUDs zunächst entscheiden, welcher Spieler- Kategorie (z.B. Elfe, Dämon, Mensch) und welchem Geschlecht (z.B. weiblich, männlich, neutral, zweigeschlechtlich) man angehören will. In Abhängigkeit von der gewählten Spieler-Kategorie erhält man einen bestimmten virtuellen Körper und verfügt über spezifische Fähigkeiten. Dann bekommt man eine standardisierte Selbstbeschreibung zugewiesen, die man durch eigene Textein- gaben ergänzen kann.

In einem textbasierten MUD erscheint dann eine Beschreibung des Raumes, in dem man sich befindet. Mittels Tastatureingaben kann man sich in dem Raum bewegen, die Gegenstände benutzen und mit den anderen Mitspielern interagieren. Während des ganzen Spiels müssen die Spieler ihre Eigenschaften und ihr Auftreten sprachlich entwerfen, so dass mit der Zeit aus einem bloßen Namen und einer rudimentären Beschreibung des Äußeren in der Interaktion mit den anderen ein wirkli- cher, d.h. einmaliger und unverwechselbarer Spiel-Charakter entsteht.30

Bis ein Anfänger eine Spielfigur vollends entwickelt hat, können mehrere Monate vergehen.31

Einsteiger beginnen das Spiel als relativ unwichtige Charaktere und können - wenn sie erfolgreich sind - eine Karriere zu einer bedeutenden Spielfigur durchlaufen. Der Spieler muss Rätsel lösen, Gegenstände sammeln und Geschäfte machen. Mit jedem gelösten Rätsel erhöht sich der Bestand an Erfah- rungspunkten. Werden gewisse Punktegrenzen überschritten, steigt man auf der Karriereleiter eine Stufe höher. Ab einer bestimmten Stufe bekommt man den Status eines Magiers oder Wizards. Als solcher kann man das Spiel selbst mit- gestalten, d.h. man kann Räume erstellen, Charaktere hinzufügen und Aben- teuer erschaffen, die die anderen Spieler lösen müssen. Dazu muss man aller- dings über grundlegende Programmiererfahrung verfügen.

3.1.2.2. Themen

MUDs gibt es in verschiedenen Genres, die aber größtenteils den Bereichen Fantasy oder Science-Fiction zugeordnet werden können. Bei Adventure-MUDs steht der Abenteuer- und Kampfaspekt sowie das Sammeln von Spielpunkten im Vordergrund, während es bei sozialen MUDs eher um Rollenspiel und zwi- schenmenschliche Interaktionen geht.32 Soziale MUDs kann man unterteilen in Lernumgebungen, Forschungsumgebungen und Fantasieumgebungen, die als gesellige Freizeittreffpunkte fungieren.33 In Lern- und Forschungsumgebungen werden oft reale Gebäude und Einrichtungen wie Schulen, Universitäten und Museen virtuell nachgebildet, während die geselligen sozialen MUDs an Fantasy- und Science-Fiction-Welten angelehnt sind.

3.1.2.3. Die Besonderheiten von MUDs

Die Teilnahme an MUDs dient fast immer der Freizeitbeschäftigung. Wie in Chats findet auch in MUDs synchrone, textbasierte Kommunikation statt. Aufgrund der Schnelligkeit der Kommunikation werden Abkürzungen verwendet; Zustands- und Gefühlsäußerungen werden mithilfe von Aktionswörtern, Soundwörtern und Emoticons ausgedrückt.

Das Kennenlernen der MUD-Umgebung und der Mitspieler, die sich an verschiedenen Orten im MUD aufhalten, dauert deutlich länger als in einem Chat. Deswegen herrschen im MUD stärkere Bindungen vor als im Chat. Dementsprechend enger sind auch die Beziehungen, die zwischen regelmäßigen Spielern eines MUD geknüpft werden.34

Weil es sich bei MUDs um Rollenspiele handelt, deren Handlung in den meis- ten Fällen nichts mit dem „realen“ Leben zu tun hat, erscheint das Mudden als eine relativ exotische Aktivität. Im Vergleich mit anderen Netzaktivitäten ist das Spielen von MUDs viel weniger verbreitet. Ein Grund dafür dürfte sein, dass die Teilnahme an einem MUD einen hohen Zeitaufwand erfordert. Wenn in den Medien von Internetsucht die Rede ist, geht es dabei oft um MUDs, da bei diesen am ehesten die Gefahr des Abgleitens in eine virtuelle Realität besteht.

3.2. Asynchrone Kommunikation

Bei asynchroner Kommunikation werden die Botschaften zwischengespeichert und für die Zielperson zum Abruf bereitgehalten. Daher ist es nicht erforderlich, dass die Teilnehmer gleichzeitig online sind.

3.2.1. E-Mail

Neben dem World Wide Web (WWW) ist E-Mail der meistgenutzte Internetdienst. Per E-Mail können Nachrichten zeitversetzt zwischen einzelnen Personen ausgetauscht werden. Der Versand einer E-Mail ist schnell, kostengünstig und weniger aufdringlich als das Telefon.

3.2.1.1. Teilnahmevoraussetzungen und Ablauf

Um anderen Personen eine E-Mail zu senden und um selbst E-Mail empfangen zu können, benötigt man neben einem Internetzugang eine E-Mail-Adresse und eine Mail-Software. In den gängigen WWW-Browsern ist bereits ein Mailpro- gramm integriert.

E-Mails können nicht nur innerhalb des Internet verschickt werden, sondern erreichen auch Rechner in anderen Computernetzen, die an das Internet angeschlossen sind, z.B. firmeninterne Netze (= Intranets).

E-Mails sind wie folgt aufgebaut:

- Nachrichtenkopf (Header): wird automatisch angelegt, beinhaltet die Infor- mationen, die das Mailprogramm benötigt und enthält außerdem die E- Mail-Adresse des Absenders, das Datum und die Betreffzeile („Subject“)
- Textteil (Body): die eigentliche Mitteilung
- Signatur: optional; erfüllt die Funktion einer Visitenkarte und dient der Selbstdarstellung des Absenders

Wenn die erhaltene E-Mail eine Antwort („Reply“) auf eine frühere E-Mail ist, wird von vielen Mailprogrammen automatisch ein „Re:“ in deren Betreffzeile vorangestellt. An eine E-Mail können beliebige Arten von Dateien angehängt werden, beispielsweise Fotos oder umfangreiche Dokumente.

Die neu eingegangenen E-Mails werden im Mailprogramm nach Datum sortiert angezeigt und mit Betreff und Absender aufgelistet. Ungelesene Mails sind besonders gekennzeichnet. Um eine E-Mail zu lesen, wechselt man in den Anzeigemodus, in dem der komplette Inhalt der Nachricht angezeigt wird. Zur Rückantwort genügt ein Mausklick auf den „Reply“-Button und die E-Mail- Adresse des vormaligen Senders wird automatisch als Empfänger eingetragen. Außerdem wird - wenn das Mailprogramm entsprechend eingerichtet ist - die ganze E-Mail zitiert. Dadurch ist es möglich, auf bestimmte Aussagen gezielt einzugehen, indem die Antwort direkt unter die zitierte Äußerung eingefügt wird. Die Abschnitte, auf die nicht Bezug genommen wird, sind überflüssig und können gelöscht werden. Durch die Verwendung von Zitaten weiß der Empfän- ger der Nachricht genau, auf welche Passagen seiner E-Mail sich die Antwort bezieht. Eine Diskussion per E-Mail enthält fast immer Zitate, teilweise sogar mehrere Zitat-Ebenen, die durch mehrmaliges gegenseitiges Zitieren entstehen. Durch das wörtliche Zitieren unterscheidet sich die formale Gestaltung von E-Mails deutlich vom Aussehen von Briefen.

Neben der Reply-Funktion verfügen Mailprogramme auch über die Möglich- keit, eine Kopie der Nachricht zu versenden, indem die E-Mail-Adressen der Empfänger im Feld „CC“ (= Carbon Copy) eingetragen werden. Sollen die Empfänger nicht wissen, wer die Kopie noch erhalten hat, trägt man deren Adressen stattdessen in das Feld „BCC“ (= Blind Carbon Copy) ein. Mit der „Forward“- Funktion können empfangene E-Mails an andere Personen weiter- geleitet werden.

3.2.1.2. Arten von E-Mails

E-Mails können anhand verschiedener Kriterien kategorisiert werden. Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen privaten und beruflichen E-Mails.

Daneben können vier Haupttypen von E-Mails identifiziert werden:35

1. Eine E-Mail kann Bestandteil einer längeren Korrespondenz sein und sich auf zurückliegende Äußerungen beziehen und zu neuen Kommentaren und Stellungnahmen auffordern.
2. Die E-Mail enthält einen Appell zu einer Handlung.
3. Die E-Mail enthält Informationen, die zur Kenntnis genommen werden sol- len.
4. Es ist unklar, welcher der obigen drei Kategorien die E-Mail angehört und wie mit ihr verfahren werden soll.

Unerwünschte E-Mails („Spam“) in Form von Werbung und sonstige Massen- mails stellen eine Sonderklasse dar. Diese Art von E-Mail tritt häufig auf, da mit geringem Zeit- und Kostenaufwand tausende von Kopien weltweit verbrei- tet werden können. Die Zieladressen stammen dabei fast immer aus Beiträgen, die die adressierten Personen im Internet (z.B. in einer Newsgroup) veröffent- licht haben. Die Absenderadresse von Massenmails ist meistens gefälscht, d.h. sie existiert nicht wirklich.

3.2.1.3. Die Besonderheiten der E-Mail-Kommunikation

E-Mails treffen fast ohne Verzögerung beim Empfänger ein, der sie jedoch auch später lesen kann, da die Nachrichten solange auf einem Mailserver zwischengespeichert werden. Durch die zeitliche Unabhängigkeit können Terminprobleme überwunden werden.

Die Kommunikation per E-Mail ist in verschiedenen Kontexten von Bedeutung; die private Nutzung ist ebenso möglich wie die berufliche. Der E-Mail-Dienst ist sehr vielseitig: Die Nachrichten können an eine oder mehrere Personen verschickt werden und erhaltene Mails können mühelos zitiert werden, wodurch bei der Antwort Zeit gespart wird, da - im Gegensatz zu Briefen - eine Umformulierung des Inhaltes nicht mehr nötig ist.

Bei der Kommunikation per E-Mail werden neben dem Text manchmal auch netzspezifische Ausdrucksformen wie Emoticons, Soundwörter, Aktionswörter und Abkürzungen verwendet. Da mit diesen Ausdrucksmitteln vor allem Zustands- und Gefühlsäußerungen ausgedrückt werden, finden sie in beruflichen E-Mails nur sehr selten Verwendung.

3.2.2. Mailinglisten

Eine Mailingliste ist ein textbasiertes Diskussionsforum zu einem definierten Thema. Die technische Kernfunktion einer Mailinglist besteht darin, eine E-Mail in Kopie an alle Mitglieder der Liste weiterzuleiten. Mailinglisten werden sowohl für interne Kommunikation von bestehenden Gruppen (z.B. innerhalb von Organisationen) als auch für einen Austausch von bisher nicht miteinander in Kontakt stehenden Personen verwendet.

3.2.2.1. Teilnahmevoraussetzungen und Ablauf

Zur Teilnahme an einer Mailingliste muss man in der Lage, sein, E-Mails empfangen und zu versenden.

Zunächst sucht man die Mailinglisten aus, an denen man teilnehmen will.36 Das Thema der Mailingliste ist üblicherweise schon am Namen der Liste zu erken- nen. Die Eintragung in die Liste erfolgt über eine E-Mail an ein Listenverwal- tungsprogramm. Nach erfolgreicher Anmeldung bekommt der Neuling eine Willkommensnachricht. Erst dann kann das Mitglied eine E-Mail an die Liste schicken und damit die anderen Mitglieder erreichen. Jedes Mitglied der Mai- lingliste bekommt automatisch eine Kopie jeder E-Mail, die an die Adresse der Liste gesendet wird. Neben diesem polydirektionalen Austausch ist es auch möglich, andere Listenmitglieder einzeln zu kontaktieren, indem man diesen eine E-Mail sendet.

Ein Gründer und Verwalter von Mailinglisten wird als „Listowner“ bezeichnet. Dieser kann sowohl das Thema als auch die sozialen Spielregeln der Mailinglisten-Kommunikation festlegen (z.B. Zugangsbeschränkungen definieren). Mailinglisten ohne Zugangsbeschränkung werden als offene Listen, solche mit Zugangsbeschränkung als geschlossene Listen bezeichnet. Die meisten Mailinglisten sind frei zugänglich. Bei einer geschlossenen Liste muss man zunächst eine E-Mail an die Listenverwaltung schreiben, die dann entscheidet, ob man die Kriterien für die Listenteilnahme erfüllt.

Die meisten Listen sind unmoderiert, d.h. die Nachrichten werden sofort und ungefiltert an die anderen Teilnehmer weitergeleitet. Diese Form wird von aka- demischen Zirkeln oder privaten Interessengruppen bevorzugt. Bei moderierten Listen werden die E-Mails zuerst von einem Moderator geprüft und unter Umständen gar nicht weiterverbreitet. Mit dieser Kontrollfunktion können bei- spielsweise Werbung, falsch formatierte oder thematisch unpassende Beiträge aussortiert werden. Wenn der Moderator unliebsame Beiträge unter dem Vor- wand, sie würden thematisch nicht passen, ablehnt, dann missbraucht er seine Machtposition und übt Zensur aus.

Neben den klassischen Mailinglisten gibt es auch solche, die so organisiert sind, dass nur der Betreiber der Liste Beiträge an die Mitglieder versenden darf. Eine solche unidirektionale Mailingliste wird auch als Newsletter bezeichnet. Diese werden vor allem von Unternehmen zur Verbreitung von Informationen an Kunden eingesetzt.

3.2.2.2. Themen

Das Themenspektrum von Mailinglisten ist weit gefächert und es fehlt eine klare inhaltliche Kategorisierung, wie sie für Newsgroups existiert. Die The- menpalette der Mailinglisten reicht von computerbezogenen Themen, über Freizeitthemen bis hin zu kulturellen und wissenschaftlichen Themen. Die Zahl der existierenden Mailinglisten lässt sich nicht abschätzen, da beispielsweise Mailinglisten, die der internen Kommunikation von Organisationen dienen, nir- gendwo registriert sind. Außerdem lassen sich Mailinglisten spontan bei Bedarf ins Leben rufen und wieder stilllegen. Liszt, das größte Verzeichnis von Mai- linglisten im WWW, zählt mehr als 90.000 Mailinglisten.37

3.2.2.3. Die Besonderheiten der Mailinglisten-Kommunikation

Mailinglisten spielen vor allem dort eine Rolle, wo mehrere Personen ohnehin miteinander im Austausch per E-Mail stehen. Die Einrichtung einer Mailingliste empfiehlt sich immer dann, wenn es gilt,

- eine schnelle, kostengünstige Versorgung mit aktuellen Mitteilungen einzu- richten
- und / oder eine möglichst effiziente Form der Zusammenarbeit von räum- lich und organisatorisch getrennten Personen zu gestatten
- und / oder für faire Chancen auf Teilnahme an Diskussionen zu sorgen.38

Mailinglisten in Form von Newslettern werden von Unternehmen zur Kundenbindung eingesetzt. Über Newsletter können keine Diskussionen stattfinden, da nur der Betreiber eine Publikationsberechtigung hat.

3.2.3. Newsgroups

Die Kommunikation in Newsgroups ist eine Variante asynchroner Netzkom- munikation. Im Gegensatz zum Chat müssen die Teilnehmer nicht gleichzeitig online sein. Eine Newsgroup ist ein schriftliches Austauschforum zu einem definierten Thema, bei dem die Beiträge auf Newsservern öffentlich zugänglich bereitstehen und von Interessierten dort abgeholt werden können. In News- groups formieren sich Interessengemeinschaften, um Informationen, Kommen- tare oder Meinungen auszutauschen. Die behandelten Themen werden in der jeweiligen Charta einer Newsgroup beschrieben, die bei der Einrichtung der Gruppe beschlossen wird.

Es gibt moderierte und unmoderierte Newsgroups, wobei letztere überwiegen. In unmoderierten Gruppen kann jeder ohne Einschränkungen „posten“ (= Bei- träge veröffentlichen), wogegen in moderierten Gruppen ein Moderator, zu dem alle Beiträge geschickt werden, entscheidet, welche Beiträge veröffentlicht werden.

3.2.3.1. Teilnahmevoraussetzungen und Ablauf

Um auf Newsgroups zugreifen zu können, benötigt man einen Computer mit Internetzugang und Software. In die populären WWW-Browser sind Newsrea- der integriert, die zum Abrufen der Newsgroups von einem Newsserver und zum Lesen, Beantworten und Versenden von Beiträgen erforderlich sind.

Bevor man Newsgroups lesen kann, muss man im Newsreader einige Einstel- lungen vornehmen. Dann kann man die Gruppen auswählen, die man lesen möchte. Das Thema einer Newsgroup ist schon an der Bezeichnung der Gruppe erkennbar. Klickt man den Gruppennamen an, erscheinen die Artikel nach Betreff („Subject“) geordnet. Alle Leser haben die Möglichkeit, auf jeden Arti- kel zu antworten oder eine neue Diskussion zu eröffnen. Bei der Antwort auf einen Artikel wird dieser mit Zitatmarkierung (>) automatisch in das Posting eingefügt, wenn diese Option im News-Programm voreingestellt worden ist.

[...]


1 Reinhold 1992, S. 309

2 Noelle-Neumann/Schulz/Wilke 1999, S. 140

3 Noelle-Neumann/Schulz/Wilke 1999, S. 140

4 Allerdings können die Besucher solcher WWW-Seiten, die vor allem der Information dienen, kaum die Rolle des Senders einnehmen.

5 Maletzke 1963, S. 32

6 Maletzke 1963, S. 28-30

7 Maletzke 1963, S. 30

8 Kressin 1998, S. 73

9 Kressin 1998, S. 76

10 Kressin 1998, S. 74

11 Bisher war diese Art der Kommunikation auf Nischenanwendungen wie Konferenzschal- tungen per Telefon oder Video beschränkt, die vor allem im Geschäftsleben zum Einsatz kommen.

12 Döring 1999, S. 34

13 Schmutzer 1997, S. 221

14 Gallery 2000, S. 71

15 Thiedeke 2000, S. 24

16 zu deutsch „Plauderei“

17 = Abkürzung für Internet Relay Chat

18 Schmidt 2000, S. 109

19 Damit Kommunikation möglich ist, müssen die Teilnehmer den gleichen Chat-Dienst benutzen.

20 Klau 2001

21 Döring 1999, S. 105

22 Sassen 2000, S. 89

23 = Zeichen, die ein um 90 Grad nach links gedrehtes Gesicht darstellen sollen, z.B.

24 = Abkürzung für Multi-User-Dungeons

25 Vogelgesang 2000, S. 244

26 Vogelgesang 2000, S. 243

27 Vogelgesang 2000, S. 243

28 Miril 2001

29 Eine Liste mit Kurzbeschreibungen aller deutschsprachigen und auch einiger englisch- sprachiger MUDs gibt es auf der Website www.mud.de.

30 Vogelgesang 2000, S. 245

31 Vogelgesang 2000, S. 245

32 Döring 1999, S. 115

33 Döring 1999, S. 115

34 Döring 1999, S. 118

35 Döring 1999, S. 39

36 Ein Verzeichnis von Mailinglisten gibt es unter http://www.liszt.com.

37 Döring 1999, S. 51

38 Rost 2000

Details

Seiten
113
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783640787180
ISBN (Buch)
9783656528166
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164037
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Gesellschaftswissenschaften
Note
gut
Schlagworte
Internet Kommunikation Kommunikationswissenschaft Mediensoziologie Medien Soziologie Neue Medien Internetkommunikation Chat Newsgroup Cyberspace sozialer Raum Sozialraum virtuelle Gemeinschaften Gruppen Netzwerkanalyse

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Titel: Kommunikation im Internet – Das Internet als sozialer Raum