Lade Inhalt...

Hagia Sophia - Ein Versuch über Sinn und Bedeutung zur Zeit Justinians I

Hausarbeit 2007 43 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

INHALT

I. EINLEITUNG
Einführung und Fragestellung
Forschungsstand, Methode und benutzte Literatur

II. HAUPTTEIL
II.1 HISTORISCHER KONTEXT
II.2 DER BAU UND SEINE NUTZUNG
II.2.1 BAUFORM
Baugeschichte
Baubeschreibung
Hybride Strukturen in der Hagia Sophia
Der Einfluss von Liturgiewandlungen auf die Kirchengestalt
Vorgängerbauten
Kuppelkonnotationen
Innenraumgestaltung und Raumwirkung
II.2.2 DIE FUNKTIONALE BEDEUTUNG DER HAGIA SOPHIA
II.2.3 LITURGIE

III. RESUMÉE
Kritik
Inhaltliche Zusammenfassung

IV. ABSTRACT

V. ANHANG

ABBILDUNGEN

VI. LITERATURVERZEICHNIS

I. Einleitung

Einführung und Fragestellung

„ So the church has become a spectacle of marvellous beauty, overwhelming to those who see it, but to those who know it by hearsay altogether incredible. “ 1

Der riesige Bau der justinianischen Hagia Sophia ist im Verlaufe seiner bald tausendfünfhundertjährigen Geschichte Träger verschiedenster Ideen und Bedeutungen gewesen. Ob als Kirche, Moschee oder Museum, damals und noch bis heute ist die überwältigende monumentale Wirkung der Großen Kirche spürbar. Wie und warum es dazu kam, dass im sechsten nachchristlichen Jahrhundert ein Bauwerk mit solch nachhaltigem Eindruck gebaut wurde, wird die vorliegende Arbeit überblickshaft darstellen. Der Fokus ist dabei ein doppelter. Zum einen wird die singuläre Architektur und Ausstattung der Hagia Sophia die Aufmerksamkeit binden. Zum anderen wird im zweiten Teil Sinn und Bedeutung der Kirche in der justinianischen Zeit betrachtet.

Dem übergeordnet ist die Fragestellung, wie Kulturen es unternehmen, sich den ihnen nötigen Raum zu schaffen. Die folgenden Überlegungen werden dementsprechend der Analyse der Hagia Sophia vorangestellt. Menschen gestalten sich ihren Raum zumeist zweckorientiert. Dies geschieht in Abhängigkeit von Umweltbedingungen und in Reaktion auf existierende Bedürfnisse oder Ziele. Neben dem Ackerbau und anderen landschaftsformenden Tätigkeiten, gestaltet der Mensch Raum ganz wesentlich durch die Architektur. Mit deren Errichtung verändert der Mensch bewusst seine Umwelt. Gleichzeitig beeinflusst der Raum, welcher durch die Architektur und weitere in ihm stattfinde Tätigkeiten - zum Beispiel rituelle Bewegungen - geprägt wird, das menschliche Befinden, indem er unmittelbar auf dieses einwirkt. Es besteht also die Möglichkeit durch bewusste Gestaltung des Raumes Menschen zielgerichtet zu beeinflussen.2 Bis hierher ist diese Feststellung nicht übermäßig bemerkenswert und beispielsweise anhand von obigem Beispiel von PROCOPIUS zur Empfindung von Schönheit einfach nachvollziehbar. Spannender wird es jedoch, wenn Architektur im Zusammenhang mit bestimmten Nutzungen dazu dient, konkretere Ideen zu vermitteln. So wird Architektur beispielsweise nicht selten „ [ … ] eingesetzt, um politischen Willen, [oder, Anm. T.S.] politische Veränderungen zu visualisieren und zu repräsentieren [ … ] “ 3 oder wird als Rahmen politischer Handlungen genutzt, um diesen zusätzliche Bedeutungsdimensionen zu verleihen.4 Sie dient in diesen Fällen, neben anderen Zwecken, der Repräsentation oder der Ausübung von Macht. Des Weiteren ist Architektur, gerade insofern sie ein zweckgebundenes Produkt bewusster menschlicher Tätigkeit darstellt, unlösbar mit dem Willen und den Absichten der Bauenden sowie den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen verknüpft. Dementsprechend ist die Erschließung von Sinn und Bedeutung einer Architektur auch nur unter Berücksichtigung dieser Bedingungen zu leisten.5 Umgekehrt lässt sich daraus ableiten, dass Architektur im Sinne eines Spiegels gesellschaftlicher Verhältnisse in Grenzen auch Rückschlüsse auf diese zulässt.6

Folgende Thesen werden auf Basis dieser Vorüberlegungen formuliert: kulturelle Dispositionen der justinianischen Zeit spiegeln sich in der Hagia Sophia wieder. Die Kirche der heiligen Weisheit war ein von Justinian I initiierter und finanzierter Sakralbau.7 Er wurde sowohl als Patriarchats- wie als Kaiserkirche genutzt. Demnach lassen sich insbesondere Spuren des herrschaftlichen Selbstverständnisses Justinians I und des Verhältnisses des Kaisers, beziehungsweise der imperialen Herrschaft zur christlichen Kirche im Bau der justinianischen Hagia Sophia8 nachweisen. Diese sind Ausdruck der engen Verknüpfung von kaiserlicher Macht und christlicher Kirche zur Zeit Justinians I.

Die Hauptfrage dieser ]Arbeit - nach Sinn und Bedeutung der Hagia Sophia zur Zeit Justinians - wird zu Beantwortung in mehrere Unterfragen zergliedert. Ziel ist es, die Arbeitsthese zu prüfen. Den ersten Analysepunkt bildet die Frage nach den genutzten Mitteln, das heißt wie die Kirche gestaltet wurde. Die Untersuchung nimmt dabei zuerst die Bauform, unter Berücksichtigung der Beziehung zu traditionellen Kirchenbauten, und dann die liturgischen Abläufe in den Blick. Darüber hinaus wird von der funktionalen Bedeutung der Hagia Sophia zu sprechen sein. Auf den gewonnenen Erkenntnissen aufbauend wird dann danach gefragt, welchen übergeordneten Zwecken und Zielen die Große Kirche, so wie sie durch Auftraggeber (den Kaiser) und Planer beziehungsweise ausführende Architekten gebaut wurde, dienen sollte. Dabei werden unter anderem die Rolle des Christentums als staatstragende Kraft und die daraus folgenden Konsequenzen thematisiert. Weiterhin wird das Selbstverständnis und damit verbunden das Herrschaftsverständnis des spätantiken auf Konstantinopel zentrierten römischen Reiches dargestellt. Wie diese Konzepte ein spezifisches Verhältnis zu Rom und der christlichen Kirche, sowie weitreichende Herrschaftsansprüche nach sich ziehen, wird ebenfalls kurz betrachtet. Aus der Zusammenschau der gewonnenen Erkenntnisse lässt sich dann über den Sinn und zum Teil über die Bedeutung der Hagia Sophia sprechen.

Nun lässt sich die mentalitätsgeschichtliche Bedeutung einer Architektur keinesfalls unmittelbar und nur aus den intendierten Zwecken und angestrebten Zielen ermitteln. Um diese für eine bestimmte Zeit auch nur ansatzweise zu ermitteln, gilt es zu untersuchen, welche Auswirkungen die Architektur auf den Benutzer hatte und wie sie sein Handeln beeinflusste. Für die Hagia Sophia ließe sich dies aus Datenmangel günstigstenfalls rudimentär verwirklichen. Für die justinianische Zeit stehen nur zwei für sie aussagekräftige Quellen zur Verfügung. Das ist zum einen die Beschreibung der Hagia Sophia in der Panegyrik De Aedificiis von PROCOPIUS (etwa 553-555) zum anderen die Ekphrasis des Paulus Silentiarius zur Wiedereinweihung der Kirche im Jahre 564. Auf Grund dieser Unzulänglichkeit, aus Platzmangel und um dem Wunsch des Autors zu entsprechen, sich seinen Fähigkeiten angemessen zu beschränken, kann das vorliegende Manuskript diese Fragestellung nicht bearbeiten. In einer weiter gefassten Arbeit, auf Basis einer größeren Anzahl von Quellen, könnte die Wirkung der Großen Kirche demgemäß angemessener behandelt werden.

Forschungsstand, Methode und benutzte Literatur

Umfangreiche und vielfältige Literatur zum Bau der Hagia Sophia ist vorhanden. Allerdings datieren die Standartwerke zur Hagia Sophia (KÄHLER, JANTZEN, mit Abstrichen KINROSS und KRAUTHEIMER) zum Teil zurück bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Es bleibt unklar, ob eventuell neuere Erkenntnisse vorliegen, die in aktuellen Werken gebündelt werden könnten, aber nicht veröffentlicht sind. Ansätze mit konsequenter Einbeziehung des kulturhistorischen Kontextes der Erbauung sind selten aufzufinden. Die Frage nach Sinn und Bedeutung der Hagia Sophia wurde zumeist nicht oder nur zum Teil behandelt. Der vorliegenden Arbeit stellt sich also die schwierige Aufgabe, die jeweils Stückwerk bleibenden Ausführungen zu einer zusammenhängenden Aussage zu bündeln. Dem konnte sich auf dieser Basis nur angenähert werden. Insgesamt lässt sich auf Grundlage der vorhandenen Literatur wesentlich mehr zu baugeschichtlichen, denn zu mentalitätsgeschichtlichen oder allgemeiner kulturgeschichtlichen Fragen aussagen.

Zu Beginn der Analyse wird als Referenzrahmen für diesen Text der kulturhistorische Kontext der Regierungszeit Justinians soweit notwendig und machbar gestreift. Dazu werden insbesondere die Werke von RUNCIMAN, WIRTH und BARKER benutzt. Nur am Rande wird der weitere kulturgeschichtliche Kontext des byzantinischen Reiches berührt. Zentrales Thema der Arbeit ist der Baukörper der Hagia Sophia. Literaturen zur Architektur, beziehungsweise Architekturgeschichte, der Kunstgeschichte, der Bauforschung und der archäologischen Untersuchung der Kirche bilden demnach die Grundlage dieses Teilabschnitts. Insbesondere Erkenntnisse über die Mittel der Gestaltung der Baufunktion und Bauaussage werden aus ihnen gewonnen. In Absetzung zu anderen Bauten wird die spezifische Bedeutung der Kirche erschließbar. Neben der oben genannten Standartliteratur war insbesondere MAINSTONES Monographie zur Hagia Sophia von großer Hilfe um die Bedeutung der Liturgie zu verstehen und damit kulturhistorische Zusammenhänge erfassbar zu machen. TREITINGERS Monographie mit dem Titel Die oströmische Kaiser- und Reichsidee gab dazu ebenfalls vielfältige Anregungen und trug daher zum Verständnis der Großen Kirche als hervorragendem kaiserlichen Bau wesentlich bei.

Die vorliegende Arbeit basiert nur in Einzelfällen direkt auf den zwei zentralen Quellen, De Aedificiis (etwa 553-555) von PROCOPIUS und Ekphrasis (564) des Paulus Silentiarius. Darüber hinaus wird von den Autoren das so genannte Zeremonienbuch (De ceremonis aulae) des Kaisers Konstantin VII, Porphyrogennetus als wichtige Quelle verwandt und ist daher zumindest indirekt von Bedeutung. Die genannten Quellen lassen, unter Berücksichtigung der Quellenkritik, zum Teil recht umfassende Aussagen über Architektur, Ausstattung, Dekoration, Kirchengerät und Möblierung zu. Sie geben weiterhin Aufschluss über die liturgische Nutzung der Kirche, damit also auch darüber, welche Eindrücke der Bau in der alltäglichen Benutzung hervorgerufen haben könnte. Stellenweise werden auch direkt subjektive Eindrücke der Autoren vermittelt. Letztendlich könnten, wie oben schon andeutet, bei einer intensiveren und fokussierteren Analyse dieser und weiterer Quellen, tiefergehende Erkenntnisse gewonnen werden, inwiefern die Hagia Sophia tatsächlich Einfluss auf ihre Nutzer und deren Handlungen ausübte. Wobei hier schon im Vorhinein, die mit diesen Quellen gegebene, nur schmale Datenbasis kritisch bemerkt werden müsste.

II. Hauptteil

II.1 Historischer Kontext

„ In our own age has been born the Emperor Justinian, who, taking over the State when it was harassed by disorder, has not only made it greater in extent, but much more illustrious [ … ] “ 9

PROCOPIUS entwirft in seinen Bauten ein außerordentlich positives Bild von Justinian. Wäre es nicht für die Textsorte der Panegyrik (Lobschrift), es wäre verwunderlich, wie sehr PROCOPIUS Justinian im Vergleich zur Darstellung in anderen Schriften idealisiert.10 Um uns nicht allein auf den Lobpreis des PROCOPIUS verlassen zu müssen, wird im Folgenden eine kurze geschichtliche Einführung in die Wirkungszeit Justinians gegeben.11

Der Zustand des (ost-)römischen Reiches war bei Justinians I Regierungsantritt, im Jahre 527, nicht so schlecht wie PROCOPIUS es uns glauben machen will. Nachdem die Stürme der Völkerwanderung, im 4. und 5. Jahrhundert, das alte Römische Reich hatten zerbrechen lassen und nicht zuletzt auch zur Reichsteilung unter Theodosius I (395) geführt hatten, ebbten zu Beginn des 6. Jahrhunderts die großen Wanderungswellen langsam ab. Infolgedessen verminderte sich der außenpolitische Druck auf das nunmehr deutlich geschrumpfte Oströmische Reich. Justinians Onkel und Vorgänger, Justin, ein illyrischer Aufsteiger (Regierungszeit 518-27), schuf, durch Konzentration auf innenpolitische Themen und die Konsolidierung der Finanzen, die Basis für eine neue Periode der Prosperität.12

Justinian I, der diese Politik anscheinend schon während der Regierung seines Onkels entscheidend mitgeprägt hatte, profitierte bei seinem Amtsantritt von der außenpolitischen Beruhigung und den nunmehr vollen Staatskassen. Beides waren Vorraussetzung, um seine ehrgeizigen Projekte zu verwirklichen. Den Großteil seiner Energien lenkte er in drei Hauptbeschäftigungsfelder: Kriegsführung, Verwaltungs- und Rechtsreform, sowie Bautätigkeit. PROCOPIUS nennt nicht weniger als sieben Hauptziele: die innere Unruhe zu unterdrücken, die Rückeroberung ehemals römischer Gebiete von den Barbaren, die Ausweitung des Reiches, die Sicherung der Grenzen, die Wiedereinführung beziehungsweise Stärkung der religiösen Orthodoxie, die Reform und Neuorganisation des Gesetzes und die Wiederbelebung des Wohlstandes.13 Die genannten Ziele wurden jedoch nur teilweise erfüllt. Eines der ersten großen Projekte Justinians war die Neuzusammenstellung allgemein gültiger Gesetze. Der Codex Justinianus und die dazugehörigen Digesten und Novellen waren unter anderem der Versuch, Rechtsvorstellungen aus römisch-heidnischer Zeit an die neuen religiösen Gegebenheiten anzupassen. Diese Maßnahmen und die damit verbundene Reform der Provinzialverwaltung war dafür mitverantwortlich, eine neue Einigkeit im Reich zu stiften.14 Recht war hier aber auch Mittel der Machtausübung. Beispielsweise um unerwünschte herätische Gruppierungen wie die Manichäer zurückzudrängen.15 Religiöse Abspaltungen stellten überhaupt ein immer wiederkehrendes Problem für die Regierung Justinians dar. Gerade da die christliche Religion Staatsreligion und damit staatstragend geworden war (siehe Unten), konnten Abweichungen nicht geduldet werden. Demgemäß wurde beispielsweise versucht die im 5. und 6. Jahrhundert verbreiteten monophysitischen Abweichungen von der Orthodoxie zu reintegrieren oder dauerhaft unschädlich zu machen.16 Die umfangreichen Kriegszüge Justinians brachten keinen dauerhaften Erfolg. Zwar schaffte er es bis zum Ende seiner Regierungszeit, das Mittelmeer tatsächlich wieder zu einem römischen Meer zu machen und im Zuge dessen große Teile der ehemals römischen Gebiete zurück zu gewinnen. Jedoch schon während seiner Regierungszeit und verstärkt nach seinem Tode, zeigte sich die Fragilität des von ihm geschaffenen Reichsgebildes. Nicht nur, dass seine Eroberungszüge einen enormen finanziellen Druck auf die Staatskasse ausübten. Meist konnten die Investitionen kaum durch entsprechende Gewinne gerechtfertigt werden und nicht selten gingen Gebiete schnell wieder verloren oder bildeten neue Konfliktherde.17 Die Staatsausgaben des byzantinischen Reiches stiegen indessen keineswegs nur durch Justinians Kriegszüge rapide an. Nicht zuletzt auch seine rege Bautätigkeit trug dazu bei.18 Das justinianische Bauprogramm war ein imperiales Programm welches sich, vom Staat finanziert, sowohl an das Volk, wie auch an die Führungsschicht des Reiches wandte. Es war Teil einer öffentlichkeitswirksamen Kampagne zur Hebung des Ansehens der kaiserlichen Macht. Es war Medium die Menschen im Reich und außerhalb zu beeindrucken und das Territorium auch durch eine gemeinsame Bausprache zu vereinen.19 Die zentrale Rolle die der Kaiser inne hatte wurde gestützt und unterstrichen durch ein hohes Maß an Machtdarstellung. Das Bauprogramm war, über funktionale Aspekte hinausgehend, sichtbares Symbol für die kaiserliche Macht und wirkte direkt ansehenssteigernd und damit die kaiserliche Autorität stützend. Das sich die propagandistischen Aussagen darin nicht erschöpften, wird am Beispiel der Hagia Sophia verdeutlicht. BARKERS Unterteilung der Bauten Justinians in zwei Typen, nämlich Bauten von vorwiegend praktischem Nutzen (Aquädukte, Fortifikationen) und Bauten ornamentaler Funktion (Kirchen, Klöster)20 lässt sich bei der Analyse von Machtrepräsentation nicht anwenden. Die Zwecke der Bauten differieren zwar zwischen einer Festung und einer Kirche oder zwischen einer Straße und einem Palast. Gleichwohl haben auch Kirchen, Klöster und Paläste praktischen Nutzen (Sicherstellung des Seelenheils, Verwaltung usw.) und nicht nur ästhetische Funktionen. Dazu kam eben noch die intendierte repräsentative Funktion21, die sicherlich nicht selten über die Ästhetik erreicht wurde. Freilich auch diese Funktion ist eben nicht so „unpraktisch“ wie BARKER annimmt. Sie war, gerade dadurch, dass sie das Ansehen und damit die Autorität der kaiserlichen Macht stützte, von immensem praktischen Nutzen, indem sie dazu beitrug, das System der Herrschaft zu stabilisieren und damit half, es langfristig handlungsfähig zu machen. Daher erklärt sich, warum Justinian das Reich, jenseits von Sicherheitsaspekten und versorgungstechnischen Gründen, aufwendig architektonisch neu ausstattete.22

Drei Städte profitierten besonders von Justinians Bautätigkeit: Ravenna als Symbol für die Reetablierung von römischer Herrschaft im Westen, Jerusalem als zentrale Stadt der christlichen Staatsreligion, sowie Konstantinopel als Reichshauptstadt, neues Rom und Sitz des Kaisers. Das bedeutendste und wahrscheinlich aufwendigste Bauprojekt in Konstantinopel war die Neuerrichtung der Kirche der Heiligen Weisheit, der Hagia Sophia in Konstantinopel. Bevor wir ihr uns jedoch eingehender widmen, wird jetzt der ideologische Kontext in dessen Rahmen sie entstand und dessen Ideen in sie eingeschrieben sind, beziehungsweise sich durch sie äußern, kurz anhand zweier wesentlicher Aspekte dargestellt.

Zum einen war das, heute als Byzantinisches Reich bezeichnete, politische Gebilde in seinem Selbstverständnis nichts anderes, als die Fortsetzung des Römischen Reiches. Der Kaiser stand diesem als legitimer Herrscher vor. Es wurden wie in vielen anderen Bereichen auch römische Ideen und Traditionen nahezu bruchlos weitergeführt. Die Geschichtswissenschaft neigt mit ihrer Tendenz zu periodischen Einteilungen und Abtrennungen dazu, den Bruch zwischen dem so genannten Byzantinischen und dem Römischen Reich deutlicher zu zeichnen, als ihn Zeitgenossen wohl empfunden haben. Nichtsdestoweniger lassen sich auch dafür Hinweise finden, dass diese Zeit als Wende begriffen wurde. Denn zu den Grundbedingungen des justinianischen Zeitalters gehörten eben die römische Reichsteilung, ein geschrumpftes Staatsgebiet, sowie das Faktum, dass nicht mehr das lateinische Rom, sondern das östlichere Konstantinopel der Reichsmittelpunkt war.

Zum anderen blieb die christliche Kirche in der prekären Zeit des 4. - 6. Jahrhunderts eine der letzten verbindenden Kräfte. Die Kirche war für den Kaiser, dessen Macht immer öfter, immer leichter erschüttert werden konnte, eine unerlässliche Unterstützung. Ohne sie war seine Position unhaltbar, denn sie war Garant von Kontinuität.23 In ihr überlebte zumindest teilweise die römische Verwaltungstechnik. Wenn auch mit inneren Widersprüchen behaftet, hatte zu Beginn des 6. Jahrhunderts die Integration der Kirche in das Reich soweit geführt, dass das irdische Reich als Gegenpart zum himmlischen begriffen wurde. Die Einheit des irdischen Imperiums erschien als letztlich zentral für die Errettung der Menschheit und der Errichtung des himmlischen Königreiches. Um das zu erreichen erschien es zwingend, dass Reich und Kirche vereinigt und einig existierten. Während im Westen einige der schwerwiegendsten Auseinandersetzungen des Hochmittelalters sich noch immer um die die Trennung oder Synthese von weltlicher und geistlicher Macht drehten, war Justinian einer der ersten Vertreter des Caesaropapismus24. Der Kaiser war nicht mehr nur weltlicher Herrscher, sondern hatte im Rahmen des christlichen Glaubenssystems die Rolle eines 13. Apostels eingenommen. Der Einfluss des Kaisers auf die Kirche war so groß, wie nie zuvor. Der Imperator Cristianus herrschte von Gottesgnaden und war oberster Schutzherr der christlichen Kirche.25 Das Gemeinschaftsbewusstsein im Reich beruhte seit dem 4. Jahrhundert zunehmend auf dem Bewusstsein der Zugehörigkeit zur christlichen Glaubensgemeinschaft.26 Dahinter steht „ [ … ] die Idee einer Völkergemeinschaft in der Oikumene unter dem rechtgläubigen Kaiser “ 27. Diese greift aber auch über die unmittelbare Reichsgemeinschaft hinaus, indem der universelle Anspruch des Christentums nach außen hin eine expansive Militärpolitik antrieb und sich intern gegen unorthodoxe Bewohner richtete.

„ Diese Idee [des Caesaropapismus als politischem System, Anm. T.S.] war, wie jede große politische Idee nicht auf die staatliche Sphäre beschränkt; ihre Auswirkungen können auch in Recht, Kunst, Literatur usw. beobachtet werden. “ 28 Ihre Auswirkungen in genau einer dieser Sphären, der der Baukunst, werden im nächsten Abschnitt anhand der Hagia Sophia thematisiert.

II.2 Der Bau und seine Nutzung

II.2.1 Bauform

Baugeschichte

Die Hagia Sophia (Siehe Abbildung 1) ist in vielerlei Hinsicht ein singulärer Bau. Nicht nur ist ihre Architektur einmalig. Genauso bemerkenswert ist, dass wir sie, knapp 1500 Jahre nach ihrer Erbauung, noch immer in nahezu ihrer ursprünglichen Gestalt antreffen. Die Kirche fungierte fast ein Jahrtausend, bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen, als Zentrum des byzantinischen Christentums. Auch nach der Eroberung durch Sultan Mohammed II im Jahr 1453 blieb die Hagia Sophia, zur Moschee Aya Sofya umgewidmet, als Bau erhalten. Der Außenbau der Kirche und ihre nähere Umgebung erhielten über die Zeit verschiedene Anbauten. Abgesehen von Stützkonstruktionen und Reparaturarbeiten, sind besonders einige Grabstätten und die vier osmanischen Minarette hervorzuheben. Im Innenraum gab es keine grundsätzlichen baulichen Veränderungen. Die größten baulichen Eingriffe waren verschiedene Reparaturen und Wiederherstellungen von Kuppel und Kuppelbögen29, sowie die Entfernung der christlichen Möbelierung (Chorschranken, Altar, Sythronon, Metatorion [siehe Unten]). Die Innenraumdekoration wurde seit dem 6. Jahrhundert mehrfach stark verändert. Dies betraf wesentlich den Mosaik- und Freskenschmuck der Kirche.30 Dank der überaus langen Phase kontinuierlicher Nutzung des Baus als religiöse Kultstätte, befindet sich die Hagia Sophia heute in gutem und zum großen Teil originalen Erhaltungszustand. Dieser ermöglicht es der Forschung einen weiten Blick zurück in die Zeit zu werfen, wie sonst nur selten möglich. Die nachfolgende Beschreibung bezieht sich, soweit nicht anders angegeben, nur auf den rekonstruierten Bauzustand zu Justinians Zeiten.31

Aus der Analyse verschiedener Quellen konnten nachfolgende Rahmendaten für die Hagia Sophia relativ sicher bestimmt werden. Justinians Wirkungszeit vor dem Bau der Großen Kirche wird, ergänzend zur obigen Darstellung, durch vier Daten skizziert: Nach langer Mitregentschaft wurde Justinian 525 zum Caesar, 527, nach dem Tod Justins, zum Kaiser. Das nächste Jahrzehnt wurde insbesondere durch weitreichende Kriegszüge (~ ab 532) gegen die Perser und die ehemalige westliche Reichshälfte bestimmt. Daneben waren insbesondere die Verwaltungs- und Gesetzesreform (bis ~ 534) wichtige Projekte Justinians. Der Nika-Aufstand, 532 in Konstantinopel, markierte eine einschneidende gewaltsame Reaktion auf einige der justinianischen Reformmaßnahmen. Der Aufstand verschiedener Zirkusfraktionen gegen den Kaiser zog umfangreiche Verwüstungen und Brände in der Stadt und insbesondere im kaiserlich-imperialen Viertel und auf der Akropolis nach sich.32 Unter anderem wurden die beiden Kirchen Hagia Eirene und die theodosianische Hagia Sophia schwer beschädigt beziehungsweise zerstört.

Der Neubau der Hagia Sophia begann nahezu unmittelbar im Anschluss. Baupläne und Materialien scheinen schon bereitgelegen zu haben. Denn ein solch schneller Beginn setzt umfangreiche Planungen und bautechnische Vorbereitungen voraus, die schon vor dem Aufstand begonnen haben müssen. Dies ist übereinstimmend mit der weiteren Baupolitik Justinians. Konstantinopel war Hauptstadt des Reiches. An großartigen Prachtbauten diesen Anspruch zu unterstreichen mangelte es ihr jedoch noch, beziehungsweise waren diese überkommen. Justinian war der erste Kaiser, der sich überwiegend in Konstantinopel aufhielt.33

Inwiefern diese Entwicklungen die Baustruktur beeinflusst haben könnten, wird nun erörtert. Auch wenn PROCOPIUS ein mehrfaches Eingreifen des Kaisers in den Bauprozess erwähnt (wohlgemerkt unter dem Einfluss göttlicher Inspiration) und gewisse Vorgaben wahrscheinlich sind, so kann doch über den direkten Anteil des Kaisers an der architektonischen Struktur nur wenig ausgesagt werden. BARKER vermutet, dass es Justinians vorrangiger Wunsch war, ein deutliches Zeichen seiner Macht zu setzen.34 MAINSTONE schließt sich an und spekuliert über konkrete Anforderungen, die der Kaiser an einen Kirchenneubau gestellt haben könnte: er solle eindrucksvoll, groß, schön und dauerhaft sein35 und den Vergleich mit anderen Bauten nicht scheuen zu brauchen, beziehungsweise diese übertrumpfen.36 Wenn Justinian sowieso Pläne hatte, seine autokratische Position durch den Bau einer neuen großen Kirche zu unterstreichen, so bot sich ihm nach den Zerstörungen des Nika-Aufstands jedenfalls ein idealer Ort, Gelegenheit und Legitimation für ein solches Bauprojekt.37 Gleichzeitig ist es auch möglich, die Kirche als Triumphmonument für die Niederschlagung der Aufständischen zu lesen, so KRAUTHEIMER.38

[...]


1 PROCOPIUS 13.

2 Vgl.: SCHWANDNER in RHEIDT & SCHWANDNER 1f.

3 RHEIDT & SCHWANDNER in Rheidt & SCHWANDNER VII.

4 Darüber hinaus besteht selbstverständlich die Möglichkeit, dass eine Handlung erst zu einer politischen wird, wenn sie an einem bestimmten Ort durchgeführt wird.

5 Vgl.: HOFFMANN in RHEIDT & SCHWANDNER 5f.

6 Das heißt natürlich auch, dass sich, mit ändernder Nutzung, Sinn und Bedeutung von Bauten stark verändern können. Sinn und Bedeutung erschließt sich immer nur in Kontexten.

7 Vgl.: PROCOPIUS 11.

8 Die justinianische Hagia Sophia war die dritte Kirche mit diesem Namen, die an derselben Stelle nacheinander gebaut wurden (Ausführlicher siehe Unten). In Folge ist, wenn nicht ausdrücklich anders gesagt, mit der Bezeichnung Hagia Sophia immer die von Justinian I im Zeitraum zwischen 532 - 537 erbaute Kirche gemeint. Die Bezeichnungen Hagia Sophia, Große Kirche und Kirche der heiligen Weisheit werden nachfolgend synonym gebraucht.

9 PROCOPIUS 5.

10 Insbesondere die Geheimgeschichte Anecdota widerspricht diesem Justinianbild doch erheblich. Vgl.: CAMERON 3-18 u. 84-112.

11 PROCOPIUS schrieb eine der aussagekräftigsten zeitgenössischen Beschreibungen der Hagia Sophia. KÄHLER meint, er beschreibe aber er umschreibe nicht und PROCOPIUS versuche immer das Wesentliche zu erfassen. Die Bauten seien zwar Panegyrik aber keine Übersteigerung des Baus selbst und daher als Quelle überaus wertvoll. (Vgl.: KÄHLER 17).

12 Vgl.: WIRTH 36.

13 PROCOPIUS 5ff.

14 Vgl.: WIRTH 39f

15 Vgl.: FREELY & CAKMAK 81 und KRAUTHEIMER 202.

16 Von herausragender Bedeutung war beispielsweise das 5. Ökumenische Konzil (553) bei dem wichtige Schriften der christlichen Glaubensgemeinschaft der Nestorianer verbannt wurden.

17 Vgl.: WIRTH 38 und RUNCIMAN 30ff.

18 Vgl.: MOORHEAD 58.

19 Vgl.: KRAUTHEIMER 202f.

20 Vgl.: BARKER 178.

21 U. ECO würde dies als „zweite Funktion“ bezeichnen. Diese läuft parallel zur „ersten Funktion“, welche die funktionalen Aspekte von Architektur bezeichnet. Wobei mit diesem Begriff keinesfalls eine hierarchische Ordnung oder Wertung der Funktionen angedeutet werden soll. Vgl.: ECO, Umberto: Einführung in die Semiotik. 9. Auflage. Fink, München 2002, 312ff.

22 Nicht, dass er der Erste Kaiser gewesen war, im Gegenteil. er bewegte sich damit im Rahmen einer

jahrhundertealten römischen Tradition, die vom Kaiser geradezu erwartete. prunkvolle großartige Bauten für die Öffentlichkeit zu errichten.

23 Vgl. KÄHLER 20.

24 Ein für das Byzantinische Reich, später auch zeitweise für Russland und den Balkan charakteristisches

politisch-religiöses System, indem weltliche und geistige Oberhoheit in der Person des Kaisers vereinigt sind.

25 TREITINGER erläutert dies treffend indem er sagt: „ Diese Heiligkeit, die das Kaisertum umgibt, ist nicht vom Christentum geschaffen, im Gegenteil, lange Zeit von ihm bekämpft, schließlich aber unter Umbiegung des Sinngehaltes vom Gottkaiser auf den Kaiser als Auserwählten, Stellvertreter, Gesandten Christi gelassen worden “ (TREITINGER 40.) und „ In dieser religiös sakralen Grundlage des neuen Herrschaftsgedankens sind die absolutistischen Gedanken des römischen Kaisertums [...] in die christliche Sphäreübertragen. Die Machtfülle [ … ] Gottes trägt den einen christlichen Kaiser, der dadurch mit [Hilfe, Anm. T.S.] göttlicher Macht auf Erden waltet. “ (TREITINGER 44).

26 Vgl.: WIRTH 40f & RUBIN 1, 17f, 125 & TREITINGER 12, 34, 158.

27 TREITINGER 160.

28 TREITINGER 3.

29 Einstürze waren auch nach dem ersten Einsturz der Kuppel 558 nicht selten. Dies resultiert nicht zuletzt aus der gewagten statischen Kuppelkonstruktion und der großen Erdbebenhäufigkeit im Raum Istanbul.

30 Herauszuhebende Neudekorationen fanden während und nach der Zeit der ikonoklastischen Bewegungen im 7.

- 8. Jahrhundert und nach der Umwandlung der Hagia Sophia in eine osmanische Moschee im 15. Jh. statt.

31 Weitreichendere Ausführungen zur Baugeschichte der Hagia Sophia finden sich unter anderem z. T. bei KÄHLER. Allerdings scheinen hier noch Lehrstellen in der Forschung zu bestehen.

32 PROCOPIUS schreibt: „ Some men of the common herd , all the rubbish of the city once rose up against the Emperor Justinian in Byzantium, when they brought about the rising called the Nika Insurrection [ … ] “ .

(Procopius 11).

33 Vgl.: u. A. MAINSTONE 150f.

34 Vgl.: BARKER 177.

35 Insbesondere sollte er wegen der großen Brandgefahr wohl keine Holzdecke haben. Konkrete Erfahrungen hatte man, mit den leicht brennenden Holzdecken der Basiliken, ja gerade erst im Nika-Aufstand gesammelt.

36 Vgl.: MAINSTONE 152.

37 Vgl.: BARKER 181.

38 Vgl.: KRAUTHEIMER 205. Leider führt er dies nicht näher aus. Es kann daher hier nur als Vermutung stehen.

Details

Seiten
43
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640789733
ISBN (Buch)
9783640790340
Dateigröße
7.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164050
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Schlagworte
Hagia Sophia Justinian Konstantinopel Byzanz Architekturgeschichte Christentum

Autor

Zurück

Titel: Hagia Sophia - Ein Versuch über Sinn und Bedeutung zur Zeit Justinians I