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Selbstdarstellung / Impression Management -Themenüberblick unter besonderer Berücksichtigung Reziproker Effekte

von Diana von Webel (Autor) Ulrike Siebert (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 47 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Selbst und die Darstellung
2.1 Begriffe: Selbst und Selbstkonzept
2.2 Begriffe: Selbstdarstellung und Impression Management
2.3 Das Selbst und die anderen
2.3.1 Symbolischer Interaktionismus
2.3.2 Interaktionsmodelle mit und ohne Medienberichterstattung

3 Impression Management-Theorie
3.1 Theoretische und experimentelle Wurzeln
3.2 Soziale Normen für die Selbstdarstellung
3.3 Selbstdarstellung – warum?
3.4 Taxonomie des Selbstdarstellungsverhaltens
3.4.1 Sich beliebt machen, Einschmeicheln (Ingratiation)
3.4.2 Eigenwerbung betreiben (Self-Promotion)
3.4.3 Sich als Vorbild darstellen (Exemplification), Andere einschüchtern, bedrohen (Intimidation) und Hilfsbedürftig erscheinen (Supplication)
3.4.4 Entschuldigen (excuses), Rechtfertigen (justifications), Prophylaktisch auf Schwierigkeiten hinweisen (disclaimers) und Self-handicapping
3.4.5 Ressourcen für erfolgreiches Impression Management: Bestimmte Eigenschaften betonen
3.4.6 Indirektes Impression Management

4 Reziproke Effekte
4.1 Reziproke Effekte im Modell
4.2 Medienberichterstattung als predicament: Coping-Strategien
4.3 Vorhersagbarkeit von Selbstdarstellungsverhalten

5 Schlussbemerkung

6 Literaturverzeichnis

7 Abbildungsverzeichnis

"Der Mensch erkennt sich nur im Menschen, nur
Das Leben lehret jedem was er sei."
Johann Wolfgang von Goethe:
Torquato Tasso, 2. Akt, 3. Szene

1 Einleitung

Am 7. Juni 2000 erschien in der Allgemeinen Zeitung Mainz in der Kolumne „Guten Morgen, Mainz“ folgender Artikel:

„Durch die Blume

Die Zeiten, da dem Anrufer ein harsches "Bittäää?" am Telefon entgegenschallte, sind vorbei. Stattdessen eine Flötstimme: "Meinnameistmurmelmurmelwaskannichfürsietun?" Überhaupt: Info-Schalter, Kundenbetreuer, Service-Telefone: Mit blumigen Worten wird überall Dienstbeflissenheit gepriesen. Doch die Servicewüste lebt. So etwa, dem sprießenden Grün zum Trotz, in einem Blumenladen im Münchfeld. Dort wollte ein Leser eine Viertelstunde vor Ladenschluss einen Strauß erstehen als kleines Trostpflaster für seine Partnerin, die an dem Tag beim Arzt gewesen war. Doch statt rasch ein paar Blumen sprechen zu lassen, reagierte der Verkäufer recht unwirsch: Er mache jetzt Feierabend, ließ er unverblümt wissen und war auch durch sanftes Zureden nicht zu erweichen. In einer Gonsenheimer Gärtnerei, in der das Geschäft bis zum Feierabend blüht, wurde der Unbestraußte schließlich doch noch fündig. Eine blütenreine Leistung, meint MOGUNTINUS“

Leider hat der Autor nicht gewusst, dass es im Mainzer Münchfeld nur einen einzigen Blumenladen gibt. Der unfreundliche Verkäufer und sein Geschäft waren also eindeutig identifizierbar gewesen. Welche Wirkung hatte der Artikel auf den Floristen? Offenbar eine gewaltige, denn er schaltete einen Anwalt ein. Eine Woche später (AZ vom 14. Juni 2000) sahen sich die verantwortlichen Redakteure gezwungen, unten stehende Gegendarstellung zu der Glosse an der gleichen Stelle im Lokalteil abzudrucken.

„Gegendarstellung

red. Zur Glosse ‚Moguntinus’ vom 7. Juni erreichte uns folgende Gegendarstellung: ‚Im Mainzer Anzeiger / Allgemeine Zeitung vom 7. 6. 2000 ist auf Seite 9 ein Beitrag unter der Überschrift ‚Durch die Blume’ enthalten, der unrichtige Behauptungen enthält, die ich wie folgt richtig stelle: a) Es wird behauptet, dass in einem Blumenladen im Münchfeld die Servicewüste lebe. Diese Behauptung ist unwahr. Wahr ist, dass in einem Blumenladen im Münchfeld Service geboten wird. b) Es wird behauptet, in einem Blumenladen im Münchfeld habe der Verkäufer unwirsch reagiert und erklärt, jetzt Feierabend zu machen. Diese Behauptung ist unwahr. Richtig ist, dass der Verkäufer weder unwirsch war, noch erklärt habe, jetzt Feierabend zu machen.’ Wiesbaden, den 9. 6. 2000 Hendrik Hejral, Art Floristic“

Versuchen wir nachzuvollziehen, was dem Verkäufer nach Lektüre der Glosse durch den Kopf ging: Er überlegte sich bestimmt, wie der Vorfall aus seiner Sicht abgelaufen ist und ob er sich tatsächlich so unfreundlich verhalten hat. Auf Grund seiner Reaktion kann man vermuten, dass er sich keiner Schuld bewusst wurde. Deshalb hat er sich sicher über den Journalisten geärgert, der den Artikel geschrieben hat - und dann noch so, dass der Blumenladen identifizierbar ist. Vielleicht überlegte er: „Was sollen denn jetzt bloß die Leute von mir und meinem Geschäft denken? Ganz Mainz glaubt bestimmt, was über mich da steht!“

Als Reaktion auf den Vorfall kommt ihm eine Idee, um das Bild von sich und seinem Laden in der Öffentlichkeit wieder gerade zu rücken: Er bringt die Zeitung dazu eine Gegendarstellung zu veröffentlichen. Ob er mit dieser Art der Selbstdarstellung sein Image erfolgreich korrigieren kann, sei dahin gestellt.

Der Blumenverkäufer musste sich in dieser Geschichte mit zwei wissenschaftlichen Sujets beschäftigen, von denen eines aus der Sozialpsychologie und eines aus der Publizistik stammt: mit Impression Management bzw. Selbstdarstellung (der Kontrolle über Eindrücke, die wir auf andere machen) und mit Reziproken Effekten (der Wirkung massenmedialer Berichterstattung auf diejenigen, über die berichtet wird). Die vorliegende Arbeit behandelt diese beiden Themen und ihre Berührungspunkte. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Bereich Selbstdarstellung / Impression Management.

Wer sich mit Selbstdarstellung befasst, muss zunächst klären, was denn unter „Selbst“ verstanden wird. Danach kann man zu einer sinnvollen Definition von Selbstdarstellung bzw. Impression Management kommen. Zum Impression Management gehört immer eine (zumindest im Kopf des Selbstdarstellers anwesende) Zielperson. Deshalb sollte man ungefähr wissen, wie Interaktion funktioniert und wie Medienberichte über einen der Beteiligten die dabei ablaufenden Prozesse beeinflussen können. Mit dieser Basis gerüstet, beginnt der Streifzug durch die Impression Management-Theorie. Wir befassen uns mit der Entwicklung dieses Forschungszweigs, klären, welche Voraussetzungen und möglichen Motiven es für Selbstdarstellungsverhalten gibt und enden mit einem Überblick über konkrete Impression Management-Techniken. In der abschließenden Betrachtung Reziproker Effekte unter Berücksichtigung von Selbstdarstellungsverhalten werden die bis dahin gesammelten sozialpsychologischen Erkenntnisse auf ihren publizistikwissenschaftlichen Nutzen geprüft.

2 Das Selbst und die Darstellung

Befasst man sich mit Selbstdarstellung, sieht man sich zunächst mit der Frage konfrontiert: Was ist überhaupt dieses „Selbst“? Um dieses Problem ranken sich in Psychologie und Soziologie unzählige Theorien und handfeste Streits unter Wissenschaftlern.

Mummendey gibt in seinem Lehrbuch Psychologie der Selbstdarstellung (1995) einen umfassenden Überblick über „Selbst, Selbstkonzept und Selbstkonzeptforschung“.[1] Dem Begriff des Selbst attestiert Mummendey, er leide gewissermaßen an Bedeutungsüberschuss. Den überladenen Begriff würde er lieber ersetzen durch Beschreibungen präzise erforschbarer psychologischer Prozesse. Dies ist jedoch schlecht möglich.[2] Deshalb behilft sich Mummendey damit, dem „Selbst“ seine Last zu nehmen und eine möglichst einfache Definition davon zu geben, die wir hier nachvollziehen. Diese Definitionen von Selbst bzw. Selbstkonzept führen uns zur Erklärung der Begriffe Selbstdarstellung und Impression Management. Danach gehen wir auf Interaktionsprozesse ein, die für unser Thema relevant sind. Die Bedeutung sozialer Interaktionen für das Selbstkonzept führt uns dabei zu den Vorläufern der Impression Management-Theorie, den Vertretern des Symbolischen Interaktionismus.

2.1 Begriffe: Selbst und Selbstkonzept

Ein „Selbst“ zu haben, bedeutet zunächst einfach, die Fähigkeit zur Reflexion über die eigene Person zu besitzen. Das „Selbst“ ist demnach zuvorderst die kognitive Struktur, die es Menschen ermöglicht, bewusst über sich selbst nachzudenken.[3] Diesen Ansatz vertrat bereits William James (1842-1910), dessen Lehre als Vorläufer für die moderne Selbst(darstellungs)forschung gilt. James sagte, dass das „Ich“ nicht als unveränderliches metaphysisches Gebilde aufgefasst werden braucht: “It [das „Ich“, Anm. d. Autoren] is a thought at each moment different from that of the last moment, but appropriative of the latter, together with all that the latter called its own“.[4]

In der modernen Psychologie wird der Begriff „Selbst“ meist durch „Selbstkonzept“ ersetzt bzw. damit synonym verwendet.[5] Die Erklärung des Ausdrucks Selbst- Konzept lässt sich am einfachsten über die Definition anderer psychologische Begriffe herleiten. „Persönlichkeit“ kann man in aller Kürze definieren als „das Gesamt der individuellen Ausprägungen von Merkmalen oder Eigenschaften, sozusagen von der Schuhgröße bis zur Intelligenz [...]. Während nun der Persönlichkeitsbegriff hauptsächlich darauf zielt, zu kennzeichnen, wie sich die Merkmale des Individuums mehr oder weniger objektiv darstellen, bezieht sich der Begriff des Selbst hauptsächlich auf die subjektive Sicht des Individuums.“[6] „Selbst“ ist demnach quasi der Sammelbegriff für alle Merkmale und Eigenschaften, die sich eine Person selbst zuschreibt.[7] Es geht also nicht darum, was diese Person für sich selbst tatsächlich ist (wie will man das auch wissenschaftlich und objektiv bestimmen?), sondern darum, welches Konzept sie von sich selbst hat (was sich empirisch untersuchen lässt: Welche Eigenschaften schreibt sich jemand zu? Wie glaubt er sich von anderen zu unterscheiden? etc.).[8] Das „Selbst“ ist in diesem Sinne also eine Art mentale Repräsentation der eigenen Person: ein Konzept von sich selbst, das Selbstkonzept.[9]

„Unter dem Selbstkonzept kann demnach die Gesamtheit der auf die eigene Person bezogenen Beurteilungen verstanden werden.“[10] Im Prinzip könnte man bei dieser Definition auch von Einstellungen (im Sinne des englischen attitude) der eigenen Person gegenüber sprechen. „Denn unter einer Einstellung zu einem bestimmten Gegenstand [...] versteht man gewöhnlich die Gesamtheit kognitiver und evaluativer Urteile über diesen Gegenstand. Daher liegt es nahe, Selbstkonzepte als Einstellungen aufzufassen, und zwar Einstellungen mit der Besonderheit, dass das Einstellungsobjekt die eigene Person ist.“[11]

Das Selbstkonzept wird grundsätzlich als relativ stabil eingestuft. Gleichzeitig muss es aber durch die unterschiedlichen Anforderungen in verschiedenen Situationen (Familie, Beruf etc.) und somit je nach angesprochener sozialer Rolle variabel und anpassungsfähig sein. Diesen scheinbaren Widerspruch haben Wissenschaftler mit vielerlei Selbstkonzept-Modellen darzustellen versucht.

„Alle diese kognitiven Ansätze oder Interpretationen des Selbstkonzepts [...] haben gemeinsam, dass sie Selbstkonzepte als vielfältig strukturierte kognitive Systeme auffassen, die in erheblichem Maße an der Steuerung des Verhaltens [...] beteiligt sind. Damit gleichen sie wiederum den in ähnlicher Weise interpretierbaren und interpretierten Einstellungen (attitudes): Auch Einstellungen lassen sich als kognitive Systeme [...] auffassen, denen man traditionellerweise eine wirksame Steuerung des menschlichen Verhaltens zutraut.“[12]

Die meisten dieser Ansätze gehen davon aus, dass ein Individuum viele verschiedene situations- oder gegenstands- oder bereichsspezifische Selbstkonzepte oder Selbstbilder hat. Diese bereichsspezifischen Selbstkonzepte bzw. Selbstbilder zusammen ergeben gleichsam das „Overall“-Selbstkonzept.[13] Mummendey weist darauf hin, dass bei diesen Modellen, die „Selbstkonzepte als komplizierte kognitive Strukturen“[14] auffassen, Theorie und Methode einander bedingen. Ruft ein Forscher beispielsweise Gedächtnisinhalte bei seinen Versuchspersonen ab, so wird er das Selbstkonzept aufgrund des zu Tage geförderten Systems von Erinnerungen als Informationsverarbeitungs- und Speicherungssystem darstellen. Werden dagegen Bewertungen der eigenen Leistungen verlangt, wird das Selbstkonzept zum strukturierten Selbstbewertungssystem. Bei der Interpretation von Forschungsergebnissen sollte man dies stets im Hinterkopf behalten.

Eine Zusammenfassung der oben genannten Aspekte dessen, was der Ausdruck „Selbst“ beinhaltet, liefern Greenwald & Pratkanis:

“The self is a central cognitive structure, a self-concept with content that varies from person to person… The self is a focus of affective regard – in other words, an attitude object… The self is complex, consisting of diffuse, public, private, and collective facets, each providing a distinct basis for self-evaluation. The relative strength of these facets, or subselves, varies as a function of person and situation.”[15]

2.2 Begriffe: Selbstdarstellung und Impression Management

Fasst man das Selbstkonzept als die Summe der Einstellungen zu sich selbst auf, so bedeutet Selbstdarstellung zunächst nichts anderes, als diese Beurteilungen und Bewertungen der eigenen Person seinen Mitmenschen zu präsentieren (self-presentation). Damit hat man jedoch noch nicht alles Wesentliche eingeschlossen. Denn wie wir uns darstellen gibt uns auch Kontrolle über die Urteile und Bewertungen anderer Menschen über unsere Person.[16] Bin ich freundlich zu meinem Nachbarn, wird er eher den Eindruck gewinnen, ich sei ein netter Mensch, als wenn ich ihn nie grüße. Deshalb wird Selbstdarstellung definiert als der Steuerungsprozess, mit dem Individuen die Eindrücke kontrollieren (oder es zumindest versuchen), die sie auf andere machen.[17]

Im Normalfall wird bei der Selbstdarstellung nur ein Ausschnitt der Einstellungen gegenüber sich selbst preisgegeben, das heißt, man präsentiert ein bereichsspezifisches Selbstkonzept. Das kann ein sehr allgemeines Selbstbild sein wie „Ich bin ein netter Mensch“ oder ein sehr spezielles „Ich bin eine hervorragende Gemüsesuppenköchin“. Die erfolgreiche Vermittlung eines bestimmten Selbstkonzepts ist je nach Person und Situation unterschiedlich wichtig. Für den einen ist es vielleicht nicht so essenziell, als besonders freundlich zu gelten, dafür möchte er um jeden Preis als Musikkenner wahrgenommen werden. Oder jemand mag sich am Arbeitsplatz als besonders ordentlicher Mensch darstellen, unter Freunden ist ihm das nicht so wichtig.

Der Ausdruck Impression Management wird in der Literatur heute synonym zu Selbstdarstellung verwandt.[18] Zwar haben immer wieder Forscher mit unterschiedlichen Ansätzen versucht, eine Abgrenzung vorzunehmen. Allerdings hat sich im „alltäglichen“ wissenschaftlichen Gebrauch keine dieser Trennungen durchsetzen können.[19]

2.3 Das Selbst und die anderen

James T. Tedeschi, einer der prominentesten Forscher im Bereich Impression Management, glaubte nicht an die Existenz eines „Selbst“ unabhängig von sozialen Kontakten. Für ihn war allein Interaktion die identitätsstiftende Größe für Individuen:

“What Jim [gemeint ist James T. Tedeschi, Anm. d. Autoren] rejected was simply the notion that individual identities – that selves – existed as autonomous units that can be understood when they were set apart from those around them. As Jim wrote in 1985:

Whatever else the self is, it is developed in the context of relationships with others … Indeed, if one removed the identities of the individual as a parent, sibling, offspring, productive worker, and so on, it is doubtful there would be anything left to refer to as the self. Other aspects of the self, such as competence, moral qualities, and character traits, also have meaning only in the context of social interactions.

‘Social interactions’ - Individuals gain meaning through their interactions with others.”[20]

Den Streit um die Existenz eines wie auch immer gearteten „Selbst“ wollen wir gerne den Forschern überlassen. Für unsere Zwecke ist an Tedeschis Aussage vor allem die von ihm betonte Wichtigkeit sozialer Interaktionen für das Individuum interessant: Jegliches Impression Management findet im Hinblick auf oder direkt im Moment der Interaktion mit anderen statt. Dabei wird eine Wechselbeziehung angenommen zwischen den Akteuren, ihrem Selbstkonzept und den Fremdbildern bzw. Urteilen, die sich der Interaktionspartner vom bzw. über den Akteur bildet.[21]

2.3.1 Symbolischer Interaktionismus

Die Annahmen über diese Wechselbeziehungen wie auch Tedeschis Aussage zur maßgeblichen Bedeutung sozialer Interaktionen für die Identität eines Individuums gehen im Prinzip zurück auf Vorläufer der modernen Impression Management- Forschung. Zu nennen sind hier insbesondere William James, Charles Horton Cooley und George Herbert Mead.

William James schrieb über die soziale Natur des Selbst: „A man has as many social selves as there are individuals who recognize him and carry an image of him in their mind.”[22] Nachfolgende Theoretiker griffen diesen Ansatz auf und entwickelten ihn weiter, so zum Beispiel James Mark Baldwin. Baldwin betonte in seiner Betrachtung des James’schen „sozialen Selbst“ die Entwicklung des Selbstkonzepts aus der Interaktion heraus: Indem wir mit anderen in Kontakt treten, entwickeln wir ein Gespür dafür, wer wir sind.[23] Cooley wiederum wurde von Baldwins Theorie beeinflusst. Cooley und Mead gelten als Begründer des Symbolischen Interaktionismus.[24] „Aus der Sicht des Symbolischen Interaktionismus entstehen Urteile über die eigene Person also unmittelbar aus Beziehungen zu anderen Personen.“[25]

Mead geht in seiner Theorie davon aus, dass die Reaktion auf einen Reiz davon abhängt, welche Bedeutung diesem Reiz zugeschrieben wird. Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Der Reiz „Zeitung“ kann je nach Bedeutung für eine Person in einer bestimmten Situation verschiedene Reaktionen hervorrufen: „lesen“, „verbrennen“, „etwas darin einwickeln“, „als Toilettenpapierersatz verwenden“... Ein mit Bedeutung versehener Reiz heißt Symbol. Die Bedeutungszuschreibung und die entsprechenden Reaktionen erlernen Menschen von Kindesbeinen an. Damit Interaktionen funktionieren, ist es erforderlich, dass sich die Interaktionspartner über Bedeutungszuschreibungen einigen. Dies geschieht über eine Definition der Situation. So kann die Situation „Zwei Menschen sitzen sich an einem Schreibtisch gegenüber“ zum Beispiel ein Bewerbungsgespräch, ein Arztbesuch, ein Kaffeeklatsch unter Kollegen usw. sein. Je nach Definition verhalten sich die Personen entsprechend. Darüber hinaus schreiben sich die Interaktionspartner in einer Situation gegenseitig Bedeutung zu. Sie verteilen gewissermaßen Rollen. So agieren im obigen Beispiel ein Bewerber und ein Personalchef, ein Arzt und ein Patient oder zwei Kollegen. Je nach Rolle erwarten die Interaktionspartner ein bestimmtes Verhalten voneinander. Auch ihrer eigenen Person schreiben Menschen Bedeutung zu. Besonders deutlich wird dies am Beispiel körperlicher Merkmale: Je nach herrschendem Schönheitsideal findet sich jemand zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, hübsch, hässlich etc. In einer Interaktion wird das Individuum gemäß der Situationsdefinition sich selbst eine Rolle zuschreiben und sich entsprechend verhalten. Da Menschen jedoch in unterschiedlichen Interaktionen völlig verschiedene Rollen einnehmen können, besitzen Personen mehrere Arten von Selbst, die allesamt sozial definiert sind. Um zu wissen, welches Verhalten angebracht ist und wie es auf andere wirkt, muss sich das Individuum in eine Beobachterrolle begeben und quasi sich selbst durch die Augen anderer betrachten. Ein Akteur deutet die Reaktionen des Interaktionspartners und ordnet so sich selbst einer Kategorie zu. Wie ein Spiegel zeigt mir mein Gegenüber (bzw. seine Reaktionen auf mein Handeln) wer ich bin – und umgekehrt. Mit dieser Idee des looking-glass self (Spiegelbild-Selbst) wird Cooleys Name verbunden.

Auch nach Mead besteht ein Teil des Selbst aus den Urteilen anderer über die eigene Person. Dabei kommt es insbesondere auf (erwartete) Urteile von für das Individuum wichtigen Personen(gruppen) an, die Mead significant others nennt. Da man aber in den seltensten Fällen direktes Feedback über sich selbst von anderen bekommt, macht man sich lediglich eine Vorstellung davon, wie andere Menschen einen sehen. Das legt den Schluss nahe, dass man auch alleine Urteile über sich bilden kann, wenn man an mögliche Reaktionen anderer denkt. Eine solche Situation ist beispielsweise die tägliche Körperpflege. Wir duschen und putzen uns die Zähne (allein zu Hause), weil wir nicht möchten, dass wir unangenehm riechen oder ungepflegt aussehen, denn andere könnten einen schlechten Eindruck von uns bekommen.[26]

Der Vollständigkeit halber bleibt zu erwähnen, dass sich ähnliche Annahmen auch in der Attributionstheorie finden. Attributionen sind Erklärungen für unser eigenes Verhalten (self-attributions) oder das Verhalten anderer (other-attributions). Diese Erklärungen suchen wir entweder bei uns selbst (internal attributions) oder „außerhalb“ (external attributions). So kann man zum Beispiel schlechtes Abschneiden bei einem Test der eigenen mangelnden Intelligenz zuschreiben oder aber die schweren Fragen verantwortlich machen. Die Art der Atttribution verändert unsere Einstellungen und unser Verhalten gegenüber uns selbst und / oder anderen. In unserem Fall wäre man entweder deprimiert, weil man nicht so klug ist, oder wütend auf den Lehrer, weil er so schwere Fragen stellt. Bei der Attribution machen wir Fehler, denn meistens erklären wir Verhalten eher durch „interne“ Gründe, speziell wenn es um das negative Verhalten anderer geht.[27]

2.3.2 Interaktionsmodelle mit und ohne Medienberichterstattung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Mit Hilfe der Überlegungen aus dem Symbolischen Interaktionismus ergibt sich für den Interaktionsprozess folgendes Modell der Wechselbeziehungen zwischen Selbst- und Fremdbild:

Folgende Faktoren spielen demnach für den Interaktionsprozess eine Rolle:

- Die Situation, in der die Interaktion stattfindet: Handelt es sich zum Beispiel um ein Geschäftsessen oder eine Feier unter Freunden?
- Das bereichsspezifische Selbstkonzept des Akteurs, welches sein Verhalten in dieser Situation bestimmt: Will die Person ihren Chef von seinen Qualitäten überzeugen, wird er ein anderes bereichsspezifisches Selbstkonzept aktivieren als bei den Kegelbrüdern.
- Das Verhalten (= Impression Management), welches der Akteur an den Tag legt, um den gewünschten Eindruck zu vermitteln: Trifft er dem Interaktionspartner (= Zielperson) gegenüber den richtigen Ton oder findet dieser das Gebaren des Akteurs vielleicht unangemessen?
- Das Urteil des Interaktionspartners (Fremdbild): Kommt die Botschaft des Akteurs richtig an oder macht sich die Zielperson ein ganz anderes Bild? Das entstandene Fremdbild beeinflusst wiederum das Verhalten des Interaktionspartners gegenüber dem Akteur.
- Die Rückmeldung des Interaktionspartners, also sein Verhalten gegenüber dem Akteur, wirkt wiederum zurück auf dessen Selbstkonzept. Gibt die Zielperson positives Feedback, so bestätigt dies den Akteur in seinem präsentierten Selbstkonzept. Bei negativer Rückmeldung kann man sich verschiedene Reaktionen vorstellen:
- Der Akteur könnte sein Selbstbild dem Fremdbild anpassen („Eigentlich hast du völlig Recht, im Prinzip habe ich das [mich] auch schon immer so gesehen.“, „Was interessiert mich mein dummes Geschwätz von gestern.“). Dies passiert nur selten.[28]
- Der Akteur könnte auf andere Weise versuchen, den gewünschten Eindruck doch noch zu erzielen.
- Oder er stempelt das Urteil der Zielperson als irrelevant ab („Der versteht das [mich] sowieso nicht.“, „Der hat ja keine Ahnung.“, „Blöder Kerl!“).

Diese theoretischen Überlegungen gehören zu den grundlegenden Annahmen in der Impression Management-Theorie: Es ist für ein Individuum essenziell, auf andere einen erwünschten Eindruck zu machen, da wiederum die Reaktionen der anderen (bzw. das was wir in diese hinein interpretieren) unsere Einstellungen zu uns selbst beeinflussen.

[...]


[1] vgl. Mummendey (1995). S. 53–80.

[2] vgl. Mummendey (1995), S. 18.; zu „Bedeutungsüberschuss“ vgl. auch Laux & Schütz (1996), S. 16.

[3] vgl. Leary (1995), S. 157.

[4] James (1890), S. 401. Zitiert nach Mummendey (1995), S. 65.

[5] vgl. Mummendey (1995), S.53 f. und Laux & Schütz (1996), S. 16.

[6] Mummendey (1995), S.54.

[7] Mummendey weist darauf hin, dass die Begriffe Merkmale und Eigenschaften in diesem Zusammenhang sehr weit ausgedehnt werden müssen, damit auch noch das „Erleben der Einzigartigkeit, der Kohärenz usw. der Person“ darunter fällt.

[8] vgl. Mummendey (1995), S. 55.

[9] vgl. Laux & Schütz (1996), S. 16.

[10] Mummendey (1995), S. 55

[11] Mummendey (1995), S. 55. vgl. auch Leary (1995), S. 159 f.

[12] Mummendey (1995), S.59.

[13] In dieser Arbeit ist im Folgenden mit Selbst immer das „Overall“- Selbstkonzept gemeint.

[14] Mummendey (1995), S. 63.

[15] Greenwald & Pratkanis (1984), S. 166.

[16] vgl. Mummendey (1995), S. 18.

[17] vgl. Mummendey (1995), S. 111. Tedeschi (1981), S. 3. Leary (1995), S. 2. Laux & Schütz (1996), S. 14.

[18] Ein weiterer Ausdruck, der gelegentlich in der Literatur verwendet wird, ist „Image Control“.

[19] vgl. Mummendey (1995), S. 126 f. Auch wir werden die Begriffe synonym benutzen.

[20] Blanton (2000). Erste Rede, 5. Abschnitt.

[21] vgl. Mummendey (1995), S. 128 f.

[22] James (1890), S. 294.

[23] vgl. Mummendey (1995), S. 66.

[24] vgl. Mummendey (1995), S. 67.

[25] Mummendey (1995), S. 116.

[26] vgl. Mummendey (1995), S. 67f und S. 111 ff.

[27] vgl. Ferguson (2001).

[28] vgl. Schlenker (1988), S. 274.

Details

Seiten
47
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638212731
Dateigröße
731 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16411
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Publizistik
Note
1,7
Schlagworte
Selbstdarstellung Impression Management Berücksichtigung Reziproker Effekte Hauptseminar Reziproke

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