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Integrationsprobleme und daraus resultierende Konfliktpotentiale ethnischer Minderheiten in Deutschland

Hausarbeit 1998 23 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Darstellung der aktuellen Situation ausländischer Mitbürger im historischen Überblick

2. Integrationshemmnisse
2.1. Arbeitsplatz
2.2. Familiäre Sozialisation
2.3. Schulische Sozialisation
2.4. Kriminalität
2.5. Konflikte mit Aussiedlern
2.6. Folgen der starken Wohnortkonzentration

3. Ethnische Minderheiten in der DDR
- Entwicklung bis 1990
- Entwicklung nach 1990
- Besonderheiten
- Ausblick

4. Zusammenfassung und Ausblick auf zukünftige Entwicklungen

1. Einleitung

Ausländer ist nach § 1 Abs.2 des Ausländergesetzes (BGBl.1990 I,S.1354) jeder, der nicht Deutscher im Sinne des Art.116 Abs.1 GG ist. In Deutschland lebten 1996 ca. 7,2 Millionen Ausländer, das sind knapp 8,8 Prozent der Bevölkerung. Ihre Zahl hat sich seit der Maueröffnung 1989 um ca. 2,1 Millionen erhöht.

Der ab 1950 einsetzende wirtschaftliche Aufschwung hatte zu einem zunehmenden Bedarf an Arbeitskräften geführt. Dieser konnte zunächst durch die Heimat-vertriebenen aus dem deutschen Osten und Flüchtlinge aus der DDR gedeckt werden. Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 versiegte dieser Strom, so daß der Beschäftigung ausländischer Mitarbeiter eine immer stärkere Bedeutung zukam. Durch Verträge mit Anwerbeländern1955 (mit Italien) und 1960 (mit Spanien und Griechenland) wurde deren Zuwanderung gezielt gefördert. Dementsprechend erhöhte sich die Zahl der in Westdeutschland lebenden Ausländer von 690.000 im Jahr 1961 auf 4,1 Millionen im Jahr 1974. Die durch diese Anwerbekampagnen gewonnenen „Gastarbeiter“ sollten, wie das Wort bereits nahelegt, dem Rotations-prinzip folgend nach einer gewissen Zeit in ihre Heimatländer zurückkehren und bei weiterem oder erneut auftretendem Bedarf durch neue ersetzt werden. Diese Gastarbeiterperiode dauerte bis 1973, als infolge der wirtschaftlichen Rezession ein Anwerbestopp verhängt wurde. Dieser Anwerbestopp führte nur zu einem vorüber-gehenden Rückgang, vor allem der Zahl der erwerbstätigen Ausländer. Die Wohn-bevölkerung nahm ab 1974 durch verstärkten Familiennachzug, hohe Geburtenraten und vermehrte Einreise von Asylbewerbern weiterhin stetig zu, um schließlich ihr heutiges Niveau zu erreichen.

Die Frage, ob Deutschland nun ein Einwanderungsland ist oder nicht, ist in der öffentlichen Diskussion weiterhin umstritten, de facto findet Einwanderung bereits seit längerem statt.

Von den 1996 in Deutschland lebenden Ausländern waren rund 49 Prozent seit mindestens zehn Jahren, darunter 29 Prozent seit mindestens 20 Jahren hier ansässig. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer betrug 1994 12,5 Jahre[1], so waren von den Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren 1990 bereits 65 Prozent in Deutschland geboren.[2]

Der Wandel vom kurzfristig hier lebenden Gastarbeiter zum Einwanderer, sowie der verstärkte Zuzug von Familienangehörigen führte zu einer starken Veränderung der sozio-demographischen Zusammensetzung. Demgemäß glich sich beispielsweise die italienische Erwerbsquote stark der deutschen an. Waren 1961 noch 90,3 Prozent der hier lebenden Italiener erwerbstätig (Deutsche : 47,5 Prozent), so sank dieser Anteil bis 1992 auf 42,01 Prozent.[3] Gleichzeitig stieg die Zahl der ausländischen Frauen von 31 Prozent im Jahr 1961 auf 44 Prozent im Jahr 1994 an. Auch die Zahl der ausländischen Rentner sowie der Kinder und Jugendlichen nahm stark zu.[4]

Bis Mitte der sechziger Jahre waren die italienischen Migranten die größte ausländische Gruppe in der Bundesrepublik.

Seit der verstärkten Zuwanderung von türkischen und jugoslawischen Staatsbürgern Mitte der sechziger Jahre stehen Italiener nur noch an dritter Stelle. Im Jahre 1996 kamen 28 Prozent (das sind ca. 2 Millionen) der Migranten aus der Türkei, 18,75 Prozent (1,35 Millionen) aus Ex-Jugoslawien und 8,14 Prozent (586.000) aus Italien.

Die regionale Verteilung der Ausländer über das Bundesgebiet ist sehr unterschiedlich, so liegt ihr Bevölkerungsanteil in industriellen Ballungsgebieten wesentlich über dem Bundesdurchschnitt, in wirtschaftschwachen Räumen sind sie deutlich unterrepräsentiert.

1994 lebten 48 Prozent aller Ausländer in kreisfreien Städten, hingegen wohnten hier lediglich 31 Prozent der Gesamtbevölkerung. Den größten Ausländeranteil unter den deutschen Städten wies 1995 Frankfurt am Main mit 29 Prozent auf. Es folgten Offenbach (28 %), Stuttgart (24 %) und München (23 %). Absolut lebten die meisten Ausländer in Berlin (438.600), gefolgt von München (287.100) und Hamburg (261.800).[5]

Auffallend ist der geringe Ausländeranteil in den neuen Bundesländern. Er lag 1995 bei lediglich 1,7 Prozent (242.100) der dortigen Gesamtbevölkerung.

2. Integrationshemmnisse

Die überwiegende Mehrheit der Ausländer ist im untersten Teil der Schichtungs-hierarchie angesiedelt, d.h. sie ist gekennzeichnet durch ökonomische Defizite, Tendenzen zur sozialen Isolation und Diskriminierung durch die deutsche Bevölkerung, welche ihre Lebenschancen sowie Ihre Möglichkeiten zur Teilnahme am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben erheblich beeinträchtigen. Die soziale und ökonomische Situation der Ausländer hat sich in den letzten Jahrzehnten verbessert, ihre politische ist nach wie vor unverändert: das aktive und passive Wahlrecht wird ihnen verwehrt; lediglich auf kommunaler Ebene, sowie für EU-Ausländer auch auf europäischer Ebene besteht diese Möglichkeit. Wegen des in Deutschland geltenden, auf dem Abstammungsprinzip basierenden Staatsbürger-schaftsrechts fanden Einbürgerungen nur in sehr geringem Umfang statt, so daß hier geborene und aufgewachsene Kinder ehemaliger Gastarbeiter weiterhin rechtlich Ausländer sind. Die strukturell-politische Ambivalenz, der die Migranten ausgesetzt sind, sowie die individuelle Unsicherheit einer späteren Rückkehr wirkt sich negativ auf ihr Integrationspotential aus. Als Integrationspotential wird die bei Ausländern vorhandene soziale Kompetenz für das Leben in Deutschland verstanden. Die im Heimatland erworbene und funktionstüchtige soziale Kompetenz wird hier häufig funktional eingeschränkt. Statt dessen ist die Bereitschaft gefordert, die neuen Lebensbedingungen zunächst zu akzeptieren und unter ihnen Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Hierfür erforderlich ist die individuelle Motivation am sozialen Leben des Gastlandes teilzunehmen, sowie die Bereitschaft zur Entwicklung von Kenntnissen und Fähigkeiten (kognitive Assimilation), die zum Statuserwerb im Gastland beitragen (strukturelle Assimilation), wie z.B. der Erwerb von Sprachkenntnissen. Daneben führt der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung (soziale Assimilation) zu einem Gefühl des Akzeptiert-Werdens (personale Integration), zur gezielten Übernahme von Verhaltensnormen der aufnehmenden Gesellschaft und schließlich zu einer ethnischen Selbstzuordnung zu dieser (identifikative Assimilation).

Diese individuelle Motivation zum Erwerb von Handlungsfähigkeit und zum Aufbau von Integrationsbereitschaft ist abhängig von der Herkunft und Vorbildung der Migranten sowie von ihrer Zahl und räumlicher Ballung im Land. So weisen beispiels-weise Jugoslawen ein deutlich höheres Integrationspotential auf als Türken, da sie überdurchschnittlich häufig bereits industrielle Fertigungsprozesse kennengelernt haben und meist aus größeren Städten stammen. Erschwerend kommt hinzu, daß viele Türken in Deutschland in denjenigen Stadtteilen deutscher Großstädte mit besonders hohem Türkenanteil wohnen.

Für letztere besteht z.B. kaum die Notwendigkeit, in ihrem Ghetto Motivationen zum Erwerb der deutschen Sprache zu entwickeln. Integrationshemmnisse sind insofern die nicht vorhandene Fähigkeit und Triebkraft, Handlungsfähigkeit in der Gesellschaft des Aufnahmelandes zu erwerben oder sogar voll integrierter Bestandteil derselben zu werden. Diese Motivationen werden wiederum beeinflußt von Integrations-barrieren, die in der sozialen Umwelt, der subjektiven Situation innerhalb dieser, sowie auf Seiten der deutschen Bevölkerung liegen.

Ausländerdiskriminierung, Aufenthaltsregelungen, Verwaltungsvorschriften wirken mit den Integrationsdefiziten der Ausländer selbst im Wechselspiel desintegrierend.[6]

Die Wirkung solcher Barrieren auf das Integrationspotential und die aktuelle Situation soll nun weitgehend am Beispiel der türkischen Immigranten in Deutschland dar-gestellt werden. Türken stellen nicht nur die größte Ausländergruppe in Deutschland, sie sind zudem als Nicht-EU-Bürger, Nicht-Europäer und Angehörige eines eher fremden Kulturkreises in besonderem Maße von sozialer Distanz auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene betroffen und stellen somit ein spezielles Konfliktpotential mit besonders ausgeprägten Integrationsbarrieren dar.

2.1. Arbeitsplatz

Die Ausländer der ersten Generation wurden gezielt für Arbeitsplätze mit niedrigen Qualifikationsanforderungen angeworben, die nicht oder nur schwer mit Deutschen zu besetzen waren. Sie sind auch heute noch überwiegend als Un- oder Angelernte tätig. Der Anteil dieser Schichten an der ausländischen Erwerbsbevölkerung lag 1984 bei ca. 67 Prozent. Er sank zwar bis 1994 auf ca. 53 Prozent, liegt damit aber immer noch deutlich über dem der Deutschen (ca. 13 Prozent).[7]

Ein überproportional hoher Anteil verrichtet belastende und gefährliche Arbeiten in Großbetrieben mit Massenproduktion und Schichtarbeit, häufiger als Deutsche werden Ausländer im Akkord beschäftigt, von Arbeitsunfällen sind sie signifikant häufiger betroffen, so daß die Arbeitsbedingungen von Ausländern insgesamt als schlechter beurteilt werden müssen, als die ihrer deutschen Kollegen. Zudem beklagen viele einen Verlust ihrer beruflichen Identität, durch den abrupten Übergang von landwirtschaftlicher oder vorindustriell-handwerklicher Produktion zu industrieller Lohnarbeit mit arbeitsteiligem Fertigungsprozeß und Entfremdung vom Produkt.

Verstärkt wird dieses Gefühl durch die berufliche Dequalifizierung am Arbeitsplatz sowie die Tatsache, daß ausländische Arbeiter allgemein und unter ihnen die türkischen im besonderen in der betrieblichen Hierarchie die unterste Rangstufe einnehmen und oft die Arbeitsplätze mit den niedrigsten Qualifikationsanforderungen und dem geringsten Sozialprestige innehaben.[8]

Ausländer werden zwar generell nicht schlechter bezahlt, jedoch sind sie deutlich häufiger in niedrig bezahlten Arbeitsverhältnissen anzutreffen als Deutsche in vergleichbarer Soziallage, so daß nur geringe Kontaktmöglichkeiten am Arbeitsplatz bestehen. Der Wunsch nach Kontakten, die über den direkten Arbeitsplatzbezug hinausgehen ist zwar vorhanden, wird jedoch kaum erfüllt. Kommunikations-hemmnisse sind neben der Arbeitssituation und vorhandenen Sprachbarrieren vor allem unterschiedliche Vorstellungen der Freizeitgestaltung, sowie die räumliche Trennung durch die Konzentration vieler ausländischer Arbeiter auf bestimmte Wohnviertel. Eine Folge dieser unzureichenden Kommunikationsmöglichkeiten ist ein Rückzug der Ausländer in ihre eigene ethnische Gruppe.

Die als feindlich und unbefriedigend empfundene Arbeitswelt ist oftmals Ursache für eine Abgrenzung seitens der ausländischen Arbeitnehmer und geringes Engagement bei innerbetrieblichen Problemen, z.B. einem niedrigen Anteil von Ausländern in den Betriebsräten.[9]

Die Zahl der beschäftigungslosen Ausländer in Deutschland hat sich seit 1991 mehr als verdoppelt. In den alten Bundesländern sind derzeit 21,6 Prozent von ihnen erwerbslos. Der Abbau von Arbeitsplätzen in traditionellen Wirtschaftszweigen wie der Stahl- und Automobilindustrie oder dem Bergbau hat gerade die Türken besonders hart getroffen. Übten 1973 noch 91 Prozent der in Deutschland lebenden Türken eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit aus, waren es 1993 nur noch 29 Prozent. Allerdings ist zu beachten, daß der Zuzug vieler Familienangehöriger ehemaliger Gastarbeiter, die jetzt ebenfalls unter der vermehrten Arbeitslosigkeit leiden und versorgt werden müssen, diese Zahlen verzerrt.[10]

2.2. Familiäre Sozialisation

Die Sozialisation der Familien ausländischer Arbeiter in Deutschland geschieht zumeist in dem starken Spannungsfeld von relativer Armut, dem Festhalten an traditionellen Verhaltensweisen aus der Heimat und den allgegenwärtigen „Verheißungen“ der Wohlstandsgesellschaft. Die private Sozialisation türkischer Arbeitsmigranten und ihrer Kinder in Deutschland ist wesentlich bestimmt durch die familiäre Desintegration vor allem zu Beginn der Migration. In der Regel waren die Familienmitglieder über einen längeren Zeitraum voneinander getrennt, was zu innerfamiliärer Entfremdung führte, die sich noch durch die Situation in Gastland fortsetzte und verstärkt wurde.

Am deutlichsten wird dies in jenen Fällen, in denen die Ehefrau als erste immigrierte, was besonders in Zielregionen mit einem hohen Anteil verarbeitender Industrie nicht selten war, und der Ehemann später nachkam.

[...]


[1] vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) : Datenreport, S.41

[2] vgl. Rainer Geißler : Die Sozialstruktur Deutschlands, S.214

[3] vgl. (Ministero degli Affari Esteri, 1994)

[4] vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) : Datenreport, S.41

[5] vgl. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) : Datenreport, S.42

[6] vgl. Institut für Zukunftsforschung (Hrsg.) : Ausländer oder Deutsche, Integrationsprobleme, Bund Verlag 1981

[7] vgl. Rainer Geißler : Die Sozialstruktur Deutschlands, S.218

[8] vgl. Institut für Zukunftsforschung (Hrsg.) : Ausländer oder Deutsche, Integrationsprobleme, Bund Verlag

[9] vgl. Institut für Zukunftsforschung (Hrsg.) : Ausländer oder Deutsche, Integrationsprobleme, Bund Verlag

[10] vgl. Der Spiegel 16/1997 S.87

Details

Seiten
23
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638110174
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1642
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – FB II Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Note
1
Schlagworte
Integrationsprobleme Minderheiten Aussiedler

Autor

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