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Die Denkfigur des Naturzustandes bei Jean-Jaques Rousseau

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorüberlegungen zu der Notwendigkeit der Betrachtung des Naturzustandes

3. Die Beschreibung des Naturzustandes
3.1 Der „Wilde“und seine physische und psychische Konstitution
3.2 Die moralische Ausprägung des „Wilden“

4. Die Überwindung des Naturzustandes
4.1 Die Entstehung von Eigentum
4.2 Die Entstehung von Obrigkeiten und Tyrannei

5. Abschließende Anmerkungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jean-Jaques Rousseau veröffentlichte 1755 den „Discours sur l'origine et les fondements de l'inégalité parmi les hommes“ als seine Antwort auf die Preisfrage der Académie de Dijon. Es galt für den „Prix de morale“ die Frage „Quelle est la source de l'inégalité parmi les hommes, et si elle est autorisée par la loi naturelle“ zu beantworten. Der Beitrag Rousseaus beschäftigte sich vornehmlich mit der Darstellung eines ursprünglichen Zustandes der menschlichen Art und wie dieser im Laufe sukzessiver Entwicklungen bis zu den neuzeitlichen Gesellschaften überwunden wurde.

Methodisch soll die hier vorliegende Arbeit die bei Rousseau dargestellte Denkfigur des Naturzustandes thematisieren. Dafür sollen ausführlichere Vorüberlegungen getroffen werden, welchen Nutzen und welche Zweckmäßigkeiten diese Denkfigur für Rousseau ergaben. Darüber hinaus soll dargestellt werden, ob es sich bei der Denkfigur um eine bloße Darstellung der frühesten Menschheitsgeschichte handelt, oder die eigentliche Verwendung im Verständnis von Rousseau hinaus ging. Außerdem soll der Naturzustand nach Rousseau durch Bezug zu den originalen Quellen kritisch dargestellt werden. Dabei soll im Sinne des Originaltextes bei bestimmten Aspekten auf die Werke und Ansichten anderer zeitgenössischer und späterer Philosophen verwiesen sein, die entweder von Rousseau selbst angeführt werden, oder die sich auf Rousseau beziehen. Abschließend soll dann die Überwindung des Naturzustandes von Rousseau kritisch erläutert werden. Der gesamten Arbeit liegt dabei eine eigenständige Interpretation Rousseaus als Arbeitsmethodik zu Grunde.

Die Quellenlage war außerordentlich vorteilhaft für die Bearbeitung des gewählten Themas. Rousseau liegt heute mit seinen zentralen Schriften in mehreren Übersetzungen und Gesamtbänden vor. Ebenso reichhaltig stellt sich die Sekundärliteratur dar[1], wobei mit der im Vordergrund stehenden Textausgabe von Martin Fontius eine unkommentierte Version der Texte vorlag. Schwerpunkt der Arbeit soll der o.a. Diskurs sein. Der Rückgriff auf Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“ soll bei ausgewählten Schwerpunkten ebenso erfolgen. Die Sekundärliteratur wurde nur im geringen Maße herangezogen, da die eigene Interpretation der von Rousseau gemachten Ausführungen nicht verfälscht werden sollte.

2. Vorüberlegungen zu der Notwendigkeit der Betrachtung des Naturzustandes

In erster Linie konnte Rousseau feststellen, dass sich nahezu alle ihm bekannten Philosophen und Theoretiker mit der Denkfigur des Naturzustandes befassten und diesen als Ausgangspunkt für staatstheoretische und auch evolutionäre Abhandlungen ansahen. Alle „haben sie, unaufhörlich von Bedürfnis, Habsucht, Unterdrückung, Begierden und Stolz redend, Begriffe auf den Naturzustand übertragen, die sie der Gesellschaft entnommen haben“[2]. Rousseaus Kritik an dieser Vorgehensweise richtet sich primär an die Verwendung neuzeitlicher Zustände, Charaktereigenschaften und Wesenszüge der modernen Gesellschaft für die Ergründung der vorherrschenden Verhältnisse der Entstehungsgeschichte menschlicher Personenverbände überhaupt, ohne dabei die Eigenheiten der jeweiligen Entwicklungsstufe zu berücksichtigen, was aus der modernen Perspektive nicht möglich sein könne. In letzter Konsequenz müsse man daher zwischen dem „natürlichen Menschen“ und dem „menschlichen Menschen“ unterscheiden[3].

Der „natürliche Mensch“ entspricht dabei der rousseauischen Vorstellung des Menschen in seinem ursprünglichen Zustand, wohingegen der „menschliche Mensch“ alle bis heute angeeigneten Eigenschaften und Wesenszüge besitze, die den modernen und vergesellschafteten Menschen der Aufklärung definierten. Übrige Philosophen sprachen somit „vom Wilden und zeichneten den Zivilisierten“[4].

Folgt man diesem Denkansatz, so sei die Notwendigkeit der Überlegungen zu der Denkfigur des Naturzustandes gegeben. Baczko stellt richtig fest, dass die Arbeitstechnik Rousseaus in den verwendeten Materialien „den Charakter eines fast deduktiven Schlußfolgerns“[5] trage, „in dem jede Übergangsetappe von einem gesellschaftlichen Status sich mit […] Notwendigkeit aus der früheren ergibt“[6]. Aus diesem Grund ist es unvermeidbar, zu den ursprünglichen Daseinsformen zurückzukehren. Die Betrachtung der Natur könne dabei nur durch die „Rückkehr zu den Quellen erfolgen“, denn die „Rückkehr zu den Quellen“ konvergiere „im Sinne der Berufung auf die ‚menschliche Natur‘ und den ‚natürlichen Menschen‘ als unveränderliche Grundlage jeglicher menschlicher Einrichtungen“[7].

Dieser Ansatz wird in Bezug auf die Errichtung der Gesellschaften vor allem dann entscheidend, wenn man den Begriff Einrichtungen mit Institutionen in Zusammenhang setzt. Gesellschaften hinterlassen als ihr Zeugnis der Verbindungen mehrerer Menschen Überreste ihres gesellschaftlichen Auftrages. Institutionen können hier als soziale Verhaltensweisen oder Normen, wie die Ehe verstanden werden. Darüber hinaus können konkrete materielle zweckgerichtete Einrichtungen wie ein Organ einer Interessenvertretung genauso gemeint sein, wie immaterielle abstrakte Einrichtungen, was z. B. auf das Grundgesetz als Verfassung zutreffen würde. Vordergründig ist dabei jedoch nicht die Betrachtung der Gesellschaft, sondern die des Menschen, der in dieser Gesellschaft lebt und mitwirkend an der Schaffung von Institutionen agiert.

Ein anderer Aspekt stellt die Frage des Anspruchs an die reale Existenz des Naturzustandes bei Rousseau dar, da dieser Anspruch gleichsam auf die Bedeutung der Originalität und Auswahl der Quellen zur Erläuterung der menschlichen Natürlichkeit wirksam ist. Rousseau muss selbst feststellen, dass „die vergleichende Anatomie […] noch zu geringe Fortschritte gemacht“[8] hätte und „die Beobachtungen der Naturforscher […] noch zu ungewiss“[9] seien. Er fasst somit den damaligen Forschungsstand als sehr pessimistisch ein, was angesichts des noch etwa einhundert Jahre entfernten ersten bahnbrechenden anthropologisch- evolutionären Forschungsbeitrags Darwins durchaus realistisch erscheint[10]. Brisanter erscheint auch Rousseau die Verbindung der Idee des Naturzustandes mit der katholischen Schöpfungsgeschichte. Aus der Heiligen Schrift gehe doch klar hervor, „daß der erste Mensch, der unmittelbar von Gott Verstand und Gebote erhielt“[11] „sich keineswegs in jenem Zustand befand“[12]. Der so aufgebaute Widerspruch zwischen zwingender religiöser Treue und der offensichtlichen Thematisierung des Vorhandenseins des Naturzustandes vermag Rousseau nur dahingehend aufzulösen, als dass er dem Naturzustand den Status eines zur Vereinfachung entworfenen wissenschaftlichen Konstrukts verleiht.

„Man darf die Untersuchungen, die zu diesem Gegenstand möglich sind, nicht für historische Wahrheiten nehmen, sondern einzig für hypothetische und bedingte Überlegungen, eher dazu geeignet, das Wesen der Dinge zu erhellen, als deren wirklichen Ursprung nachzuweisen.“[13]

Rousseau ist sich somit dieses Problems bewusst und kann durch das Verständnis des Naturzustandes als Methodik diesen in seine eigenständige Methodologie einordnen. Er ist demnach „weit entfernt von einer naiven Beschreibung der Vorgeschichte“[14]. Erschließt sich der Naturzustand als wissenschaftliches Modell, so fallen die Widersprüchlichkeiten zwischen der wissenschaftlich-deduktiven Arbeitstechnik und den oft anzutreffenden poetisch-gefühlsbetonten Passagen gering aus, da nun die Schaffung einer neuerlichen Perspektive durch das Konstrukt gegeben ist. Dieser Perspektive liegt letztendlich die gesamte Arbeitshypothese Rousseaus zu Grunde. Durch die gezielte Lösung von der mit modernen Maßstäben wertenden Perspektive des Menschen der Aufklärung beschreibt Rousseau nicht den Naturzustand als Empirie des ehemaligen Daseins des Menschen, sondern viel mehr als einen perspektivischen Rahmen zur Ergründung des menschlichen Wesens durch die Konfrontation mit den Prinzipien unseres Menschseins[15].

Die dadurch entstandene moralische Dimension der Darstellungen Rousseaus begründet sich durch die gefühlslastigen Beschreibungen der Menschen des Naturzustandes. Wenn Rousseau immer wieder von dem einzigen dem Menschen immanenten Gefühl des Mitleides[16] spricht, begibt er sich automatisch und wissentlich auf diese Ebene. Gefühle im eigentlichen Sinne unterstehen jedoch der subjektiven Erlebnis- und Erfahrungslandschaft eines Menschen. Auch wenn das Mitleid bei Rousseau dem „Wilden“ zugeschrieben wird, so ist es doch auch beim modernen Menschen vorhanden. Als Schlussfolgerung bedeutet dies, dass ein Teil des Wesens des Menschen von diesen Zeiten an bis heute in uns wohnt, man somit „die reine Stimme der Natur“[17] nach wie vor vernehmen kann, wenn man danach fragt und „die durch die Aufschichtungen der Kultur, durch künstliche Leidenschaften“[18] übertönte Ursprünglichkeit wiederentdeckt. Die besagte Ursprünglichkeit führe den Menschen zum Glück seines Seins.

„Wenn man die natürliche Beschaffenheit der Dinge betrachtet, dann scheint der Mensch eindeutig dazu ausersehen zu sein, das glücklichste aller Geschöpfe zu sein. Betrachtet man aber den heutigen Zustand, dann scheint das Menschengeschlecht das beklagenswerteste zu sein. Mit der größten Wahrscheinlichkeit sind also die meisten seiner Übel sein eigenes Werk, und man könnte behaupten, daß er mehr getan hat, um seine Lage zu verschlechtern als die Natur hätte tun können, um sie gut zu machen.“[19]

[...]


[1] Vgl. u.a. Asbach, Olaf, Die Zähmung der Leviathane. Die Idee einer Rechtsordnung zwischen Staaten bei Abbé de Saint-Pierre und Jean-Jaques Rousseau. Berlin 2002; Baczko, Bronislaw, Rousseau – Einsamkeit und Gemeinschaft, Wien 1970; Ehlers, Nils, Der Widerspruch zwischen Mensch und Bürger bei Rousseau. Göttingen 2005

[2] Rippel, Phillipp (Hrsg.); Rousseau, Jean-Jaques, Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen. Stuttgart 1998, S. 32 f.

[3] Vgl. Baczko, Bronislaw, Rousseau: Einsamkeit und Gemeinschaft, Wien 1970, S. 103 ff.

[4] Rousseau, Jean-Jaques, Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen in: Fontius, Martin von, Jean-Jaques Rousseau. Kulturkritische und politische Schriften. Bd. 1. Berlin 1989, S. 206

[5] Baczko, Bronislaw, Rousseau: Einsamkeit und Gemeinschaft, Wien 1970, S. 98

[6] Ebd.

[7] Ebd. S. 91

[8] Rousseau, Jean-Jaques, Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen in: Fontius, Martin von, Jean-Jaques Rousseau. Kulturkritische und politische Schriften. Bd. 1. Berlin 1989, S. 209

[9] Ebd.

[10] Vgl. Bronn, Heinrich Georg (Hrsg.), Darwin, Charles, Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um's Daseyn. Stuttgart 1860

[11] Rousseau, Jean-Jaques, Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen in: Fontius, Martin von, Jean-Jaques Rousseau. Kulturkritische und politische Schriften. Bd. 1. Berlin 1989, S. 206

[12] Ebd.

[13] Ebd. S. 207

[14] Baczko, Bronislaw, Rousseau: Einsamkeit und Gemeinschaft, Wien 1970, S. 95

[15] Vgl. Ebd. S. 99

[16] Vgl. Rousseau, Jean-Jaques, Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen in: Fontius, Martin von, Jean-Jaques Rousseau. Kulturkritische und politische Schriften. Bd. 1. Berlin 1989, S. 231

[17] Baczko, Bronislaw, Rousseau: Einsamkeit und Gemeinschaft, Wien 1970, S. 102

[18] Ebd.

[19] Rousseau, Jean-Jaques, Vom Naturzustand, in: Schmidts, Ludiwg, Politische Schriften. Paderborn 1995, S. 12.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640790661
ISBN (Buch)
9783640790432
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164229
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Rousseau Naturzustand Thema Rousseau

Autor

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