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Das psychotherapierte Individuum der flüchtigen Moderne: Stigma-Träger oder bereits Normalfall?

Seminararbeit 2010 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Abstract

2 Einleitung

3 Das Individuum auf der „Bühne“ der flüchtigen Moderne

4 Stigmatisierung von Psychotherapie-Patienten
4.1 Definition von Stigma
4.2 Stigmatisierendes Lebensereignis und moralischer Werdegang
4.3 Wandel der Beziehungsstrukturen des stigmatisierten Individuums
4.4 Das Stigma in Relation zur Rolle

5 Der Psychotherapie-Patient in alltäglicher Interaktion
5.1 Stigma-Management diskreditierbarer Personen
5.1.1 Vermeidungsstrategien
5.1.2 Täuschen und Verbergen
5.1.3 Selbst-Enthüllung
5.2 Stigma-Management diskreditierter Personen
5.2.1 Vermeidungsstrategien
5.2.2 Ignorieren des Stigmas
5.2.3 Hilfestellung gegenüber Normalen

6 Der stigmatisierte Psychotherapie-Patient und die Gesellschaft

7 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Abstract

Der seit Jahrzehnten verzeichnete konstante Anstieg bei der Diagnose psychischer Störungen in Deutschland weckt wegen seiner wachsenden Relevanz aufgrund der steigenden Zahl Betroffener Individuen neben dem psychologischen längst auch das soziologische Interesse für das Thema „Psychotherapie“. Ziel dieser Arbeit ist es zu untersuchen, ob es sich bei der Inanspruchnahme psychotherapeutischer Behandlung in der heutigen westlichen Gesellschaft um ein Stigma oder bereits um ein als normal angesehenes Phänomen handelt. Dazu werden auf Basis der Theorie von Erving Goffman Interaktionsrituale zwischen psychotherapierten Individuen und solchen, die nicht dieses Merkmal tragen, unter Berücksichtigung der Relevanz der jeweils eingenommenen Rollen untersucht. Strategien des Stigma-Managements als Techniken zur Bewältigung der beschädigten Identität diskreditierbarer und diskreditierter Individuen, wie beispielsweise Täuschung, Vermeidung, Hilfestellung gegenüber Normalen oder schlichtes Ignorieren, werden anhand konkreter Beispiele beschrieben. Auf diese Weise soll über die Betrachtung der Mikroebene eine Brücke geschlagen werden zwischen der aktuellen Einflussnahme des Stigmas von Psychotherapie-Patienten in sozialen Begegnungen mit Normalen und der daraus ableitbaren möglichen Bedeutung für die Gesamtgesellschaft. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund der Theorie der flüchtigen Moderne nach Zygmunt Bauman, die als Ausgangspunkt und − um es mit dem Vokabular Goffmans auszudrücken − praktisch als übergeordnete „Weltkulisse“ im Hinterkopf behalten werden muss.

2 Einleitung

Seit einigen Jahrzehnten wird bei der Diagnose psychischer Störungen in Deutschland ein konstanter Anstieg verzeichnet. Psychische Störungen stellten bereits seit zehn Jahren den häufigsten Grund für Frühberentungen dar und auch die dementsprechend zugeschriebenen Arbeitsunfähigkeitszeiten und -fälle seien permanent gestiegen. Viele, jedoch bei weitem nicht alle Betroffenen unterziehen sich einer ambulanten oder stationären Psychotherapie, um ihren psychischen „Mangel“ zu beheben (vgl. Gieseke 2009: 391). Unter Betrachtung dieses Phänomens stellt sich die Frage, wie die Gesellschaft beziehungsweise die Betroffenen und ihre Mitmenschen aktuell mit dieser Entwicklung umgehen und zukünftig damit umgehen werden. Handelt es sich bei einer psychischen Störung und der Inanspruchnahme einer Psychotherapie um ein Faktum, das das betroffene Individuum in eine Position abseits der Norm katapultiert, oder kann es bereits als typische Erscheinung unserer Zeit bezeichnet werden? Dieser Frage soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden, indem das Thema „Psychotherapie“ im Hinblick auf Erving Goffmans Untersuchungen der Interaktions- rituale in sozialen Begegnungen und den Techniken der Bewältigung beschädigter Identität beleuchtet wird. Dabei steht in erster Linie das Individuum in seinem alltäglichen Handeln im Vordergrund der Beobachtung. Ausgehend von einem kurzen Abriss zur gesellschaftlichen Diagnose unserer Zeit nach der Theorie der flüchtigen Moderne, die einen übergeordneten Rahmen und möglichen Ansatz für die Zunahme psychischer Krankheiten konstituiert, wird in Anlehnung an Goffman untersucht, für welche Personenkategorien und in welchen Situ- ationen Psychotherapie-Erfahrung als ein stigmatisierendes Merkmal wahrgenommen wird und wie Betroffene in Interaktion mit nicht Stigmatisierten mit diesem Sachverhalt umgehen. Durch die Analyse dieser Punkte aus der Mikroperspektive soll schließlich auf die Beantwort- ung der Frage übergeleitet werden, welche Aussage anhand der Untersuchung des Phänomens „psychotherapiertes Individuum“ für die Gesamtgesellschaft abgeleitet werden kann.

3 Das Individuum auf der „Bühne“ der flüchtigen Moderne

Erving Goffmans soziologische Untersuchungen basieren auf dem Gedanken, dass die Welt eine Theaterbühne ist und der Mensch im alltäglichen Leben als Schauspieler auf dieser Bühne agiert (vgl. Goffman 1993: 143). Die Bühne ist im Sinne Goffmans als der Ort des Schauspiels in Bezug auf einzelne Interaktionen zu verstehen. Bevor jedoch auf Aspekte der Interaktion im Speziellen eingegangen werden kann, soll zuerst kurz der entsprechende ge- sellschaftliche Rahmen − praktisch die übergeordnete Bühne, auf welcher das Individuum der heutigen Zeit sich befindet − vorgestellt werden. Die heutige Lebenswelt der westlichen Gesellschaft ist dadurch geprägt, dass sich Strukturen, Bezugsrahmen und Leitbilder mehr und mehr verflüchtigen (vgl. Bauman 2003: 8). Die Metapher der Flüchtigkeit, wie Bauman (2003) sie zur Beschreibung der zweiten Moderne verwendet, gibt einen anschaulichen Ein- druck seines Bildes der Gegenwartsgesellschaft, in der gesellschaftliche Strukturen und Ordnung instabil, relational und entgrenzt werden. Daraus ergibt sich folglich für das Indivi- duum eine Freiheit, die unter anderem durch eine ausgeprägte Individualisierung und Privati- sierung von Risiken geprägt ist (vgl. Junge 2006: 111). Die unbegrenzten Möglichkeiten, die diese Freiheit in Bezug auf den individuellen Anspruch an persönliches Glück und Lebensstil jedes Einzelnen mit sich bringt, erzeugen laut Baumann (2003) Unbehagen und treiben die Menschen trotz aktualer Normalität ihres Lebens in einen gefühlten Notzustand, gegen den sie selbst allerdings nicht ankämpfen können.

„Worauf alles hinausläuft, ist folgendes: Es tut sich ein immer größerer Abgrund auf zwischen Individualität als Schicksal und der praktischen und realen Individualität als Form der Selbstbehauptung. […] Über die Fähigkeit, diesen Abgrund zu überbrücken, verfügen die einzelnen als individuierte Akteure nicht“ (Bauman 2003: 46).

Die Verbindung dieses Gedankens von Bauman mit der Theatermetapher Goffmans kann als das Bild einer Theatergruppe verstanden werden, die durch das sich fortwährend ändernde Bühnenbild und Requisitenrepertoire und das gleichzeitig immer unkonkreter gehaltene Dreh- buch so in ihrer Darstellung irritiert wird, dass das gewohnte und erwartete Abspielen ihrer Rollen nicht mehr funktioniert. Da jede Rolle jedoch mit bestimmten Erwartungen besetzt ist, die für einen reibungslosen Interaktionsablauf erfüllt werden müssen, gerät der Akteur in eine unbehagliche, mit Unsicherheit erfüllte Situation (vgl. Goffman 1983: 23 ff.). Aus der psychologischen Sicht sind die Unsicherheit des Individuums in Bezug auf die Erfüllung der an es gestellten Erwartungen sowie der fehlende Sinnbezug seiner Handlungen hinsichtlich der übergeordneten Ordnung vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen ein wesentlicher Auslöser für die wachsende Anzahl therapiebedürftiger „Normalbürger“ unserer heutigen Zeit (vgl. Schmeling-Kludas 2008: 349).

4 Stigmatisierung von Psychotherapie-Patienten

Die Tatsache, dass ein Individuum zur Bewältigung seines Alltagslebens auf die Hilfe eines Psychotherapeuten angewiesen ist, kann für bestimmte Personengruppen zu einem stigmatisierenden Merkmal werden. Was eine Stigmatisierung allgemein im Verständnis Erving Goffmans ausmacht und in welcher Form die Benötigung therapeutischer Hilfe ein Stigma für bestimmte Personenkategorien und Rollen ist, wird im Folgenden dargestellt. Hierzu ist es wichtig zu betonen, dass nicht die psychische Störung als solche für die Untersuchung zugrunde gelegt wird, sondern die Tatsache, dass davon betroffene Individuen therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Das untersuchte Stigma ist ergo die Gegebenheit, sich in entsprechender Behandlung zu befinden oder befunden zu haben.

4.1 Definition von Stigma

Nach Goffman (2008) antizipiert das Individuum im sozialen Verkehr die soziale Identität seiner Interaktionspartner und ordnet sie in eine bestimmte Kategorie von Personen ein, um so ohne besondere Aufmerksamkeit und Gedanken agieren zu können. Diese Antizipation der sozialen Identität, die umgangssprachlich auch als „Schubladendenken“ beschrieben werden kann, sei eine Zuschreibung von Charaktereigenschaften wie zum Beispiel "Ehrenhaftigkeit" und strukturellen Merkmalen von der Art des "Berufs" durch andere aus einem etablierten Kategorisierungssystem. Jedes Individuum verfüge gleichzeitig über zwei Arten sozialer Identitäten: eine virtuale soziale Identität, die aus den normativen Erwartungen der anderen antizipiert werde, und eine aktuale soziale Identität, die solche Attribute umfasse, die beim Individuum tatsächlich nachgewiesen werden könnten. Diese beiden Identitäten könnten mehr oder weniger auseinanderklaffen. Die Einstufung einer Person in ein bestimmtes Katego- riensystem bringt gleichzeitig bestimmte Erwartungen von uns an seine Erscheinung und sein Verhalten mit sich. Nach Goffman (2003) konstituiert das Stigma eine auffallende Abwei- chung zwischen virtualer und aktualer sozialer Identität: Wenn eine Person also Merkmale aufweist, die von der Personenkategorie, der es zugeordnet wurde, in dem Sinne abweichen, dass sie weniger wünschenswert sind als das Erwartete, dann wird diese "von einer ganzen und gewöhnlichen Person zu einer befleckten, beeinträchtigten herabgemindert. Ein solches Attribut ist ein Stigma, besonders dann, wenn seine diskreditierende Wirkung sehr extensiv ist" (Goffman 2008: 11). Als Stigma sind jedoch nicht grundsätzlich alle unerwünschten Eigenschaften zu bezeichnen, sondern lediglich solche, die vom Stereotyp einer konkreten Personenkategorie abweichen. "Ein und dieselbe Eigenschaft vermag den einen Typus zu stig- matisieren, während sie die Normalität eines anderen bestätigt, und ist daher als ein Ding an sich weder kreditierend noch diskreditierend. [...] So ist ein Stigma in der Tat eine besondere Art von Beziehung zwischen Eigenschaft und Stereotyp" (Goffman 2008: 11 f.).

4.2 Stigmatisierendes Lebensereignis und moralischer Werdegang

Bei der Inanspruchnahme psychotherapeutischer Behandlung handelt es sich um ein Merkmal, dass erst im Laufe des Lebens als ein stigmatisierendes Ereignis auftritt. Es teilt das Leben des Betroffenen praktisch in zwei Hälften − die Prä-Stigma-Erfahrung und die Post-Stigma- Erfahrung. In der ersten Phase lerne die Person den Standpunkt der Normalen (als welche solche Personen gemeint sind, die nicht dasselbe Stigma tragen) kennen und erwerbe eine allgemeine Vorstellung davon, wie es sein würde, das Stigma eines psychotherapierten Patienten zu besitzen. In der zweiten Phase besitze die Person selbst dieses Stigma und erfahre am eigenen Leib, was es bedeuten würde, dieses Stigma zu tragen. Zwischen diesen beiden Phasen finde ein Erfahrungsprozess statt, in dem die nun stigmatisierte Person in eine neue Beziehung geworfen werde mit normalen Personen und seinesgleichen (Personen, die über dasselbe Stigma verfügen). Ein besondere Herausforderung wird für das neu stigma- tisierte Individuum dabei der Umstand sein, sich neu identifizieren zu müssen (Goffman 2008: 45 ff.). Es muss einen neuen Platz im Leben für sich finden und ein neues Bewusstsein über sich selbst entwickeln. Ein solches Lebensereignis kann unter Umständen sogar im ersten Moment einen traumatisierenden Charakter haben und somit nach Freud ein Erlebnis sein, „welches dem Seelenleben innerhalb kurzer Zeit einen so starken Reizzuwachs bringt, daß die Erledigung oder Aufarbeitung desselben in normalgewohnter Weise mißglückt, woraus dau- ernde Störungen im Energiebetrieb resultieren müssen“ (Freud 2000: 274 f.). Wer sich früher als starke Persönlichkeit gesehen hat, Probleme eigenständig meistern konnte und sein Leben „im Griff“ hatte, muss für sich nun ein neues Bild seiner selbst erschaffen, das das Bewusst- sein einschließt, nicht ohne Hilfe mithalten zu können und gegebenenfalls den Titel eines „Weicheis“ zu tragen, das auf Hilfe eines „Seelenklempners“ angewiesen ist. Diese Selbsterkenntnis kann eine starke Irritierung und Verunsicherung bedeutet, die zuerst einmal verdaut und schließlich in eine Neuidentifizierung umgewandelt werden muss. Auch wenn es schwierig zu verstehen sei, wie Individuen die Wandlung psychologisch überstünden, so sei doch feststellen, dass sie es offensichtlich täten. Die Tatsache, dass diese Transformation vom Normalen zum Stigmatisierten ausgehalten wird, weist darauf hin, „daß Standardfähigkeiten und Training uns ausrüsten, beide Möglichkeiten zu handhaben“ (Goffman 2008: 163).

4.3 Wandel der Beziehungsstrukturen des stigmatisierten Individuums

Tritt eine Stigmatisierung erst im Laufe des Lebens auf, so stellt neben der Neuidentifizierung auch die Veränderung der Beziehungsstrukturen eine Herausforderung für die betroffene Person dar. Seitens des Stigmatisierten kann das Unbehagen, das früher anderen Psycho- therapie-Patienten gegenüber empfunden worden ist, sich wandeln in ein Unbehagen gegenüber den Normalen. Aus der entgegengesetzten Sicht ist es ebenso möglich, dass Prä- Stigma-Bekanntschaften, die der Vorstellung verhaftet sind, dass sie es mit einer starken Persönlichkeit ohne psychische Probleme zu tun haben, unfähig sind, sich der neuen Situation anzupassen und somit nicht in der Lage sind, ihren nun stigmatisierten Bekannten mit dem gewohnten Takt oder mit vertrauter voller Akzeptierung seiner geistigen Schwäche zu behan- deln (vgl. Goffman 2008: 49). Ein weiterer Aspekt betreffend den Wandel in bestehenden Beziehungsstrukturen ist das Verhalten und Empfinden der Person, die plötzlich auf therapeutische Hilfe angewiesen ist, gegenüber ihresgleichen. Je nachdem, wie weit ihre Neuidentifizierung schon fortgeschritten sei, werde sie sich anderen Individuen mit demselben Stigma zugehörig fühlen. Gleichzeitig aber könne für den „Neuen“ eine empfun- dene Abstoßung diesen gegenüber entstehen, weil er bei seinesgleichen Attribute entdecke, mit denen er es schwierig fände, sich zu identifizieren. Vor allem in der Phase der Neuiden- tifizierung fühlt sich der stigmatisierte oft hin- und hergerissen: „Es wird in der Meinung über die Natur der eigenen Gruppe und die Natur der Normalen korrespondierende Schwankungen geben“ (Goffman 2008: 52).

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640792078
ISBN (Buch)
9783640791194
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164333
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
Stigma Psychotherapie Goffman

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Titel: Das psychotherapierte Individuum der flüchtigen Moderne: Stigma-Träger oder bereits Normalfall?