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Unterrichtskonzeption: Brauchen wir die Familie noch? - Der Wandel der Familie und ihrer Funktionen im Laufe der Zeit

Unterrichtsentwurf 2009 21 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Sachanalyse
1.1 Einleitung
1.2 Ehe und Familie im Umbruch
1.3 Der demographische Wandel
1.4 Strukturwandel der Familie
1.5 Theoretische Erklärungsansätze
1.6 Schlussbemerkung

2 Lernziele

3 Bedingungsanalyse

4 Stundenverlaufsplan

5 Didaktische Analyse
5.1 Einordnung in den Lehrplan
5.2 Didaktische Prinzipien
5.3 Die Bedeutung des Themas für die Schüler
5.4 Die Didaktische Reduktion
5.5 Begründung für Methoden und Medien

Literatur

Anhang
Schülernotizen für den Hefter Materialien
Materialien
Aufgabenstellungen
Hefternotizen

1 Sachanalyse

1.1 Einleitung

Seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist die Familie in den Industriegesellschaften stetigen Wandlungsprozessen unterworfen. Die Lebensläufe der einzelnen Individuen sind nicht mehr standardisiert wie noch vor fünfzig Jahren. Damals folgte auf den Schulabschluss eine relativ schnelle, feste Bindung an einen Partner, die Ablösung vom Elternhaus, die Heirat und schließlich die Geburt des ersten Kindes. Männer waren für die Existenzsicherung zuständig und Frauen beschränkten sich auf ihr Dasein als Hausfrau und Mutter. Seit dem haben sich nicht nur die Familienformen gewandelt, sondern auch die Lebensentwürfe der Menschen. Es gibt mehr Wahlmöglichkeiten in beruflichen und privaten Lebensabschnitten. Nach Ulrich Beck ist nicht mehr sicher, „ob man heiratet, wann man heiratet, ob man zusammenlebt, ob man das Kind innerhalb oder außerhalb der Familie empfängt oder aufzieht, mit dem den man liebt, der aber mit einer anderen zusammenlebt, vor oder nach der Karriere oder mittendrin.“

Trotz des enormen Wandels hat sich die Bedeutung der Familie kaum verändert. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung finden, dass die Familie zum Glücklichsein dazu gehört. Vor diesem Hintergrund ist es für Schüler wichtig den Wandlungsprozess der Familie zu verstehen und ihre Funktionen in den Sozialisationsprozess einordnen zu können. Die folgende Sachanalyse bietet einen Hintergrund zur dargestellten Unterrichtseinheit und stellt die Ursachen des Wandels, sowie dessen Folgen dar. Dabei stützt sich der Autor vornehmlich auf Rüdiger Peuckert: „Familienformen im sozialen Wandel“.

1.2 Ehe und Familie im Umbruch

Vor der Industrialisierung waren Familien primär Produktionsstätten (Landwirtschaft). In ihr wurden das Familienleben und die Produktion vereinheitlicht. Nicht nur Kinder gehörten zur Familie, sondern auch Knechte und Mägde, weswegen diese Familienform auch die Sozialform des „Ganzen Hauses“ genannt wurde.In ihr herrschten gefühlsarme Beziehungen, da es innerhalb der Familie vornehmlich darum ging die Produktionsstätte zu erhalten und die Existenz zu sichern. Nachwuchs wurde nicht gezeugt, um der Liebe zwischen den Partnern ein Gesicht zu verleihen, sondern um potentielle Arbeitskräfte zu gewinnen.

Mit der Industrialisierung wurden Arbeits- und Wohnstätte voneinander getrennt und es entstand die sogenannte „bürgerliche Familie“. Frauen und Kinder konnten fortan von der Erwerbstätigkeit freigestellt werden. Der Familie kamen nun emotionale und intime Funktionen zu Teil, die man vorher vernachlässigen musste. In dieser Zeit bildete sich die Polarisierung der Geschlechterrollen. Während Männer von nun an für die Erwerbstätigkeit zuständig waren, kümmerten sich Frauen um den Haushalt und die Kindererziehung.

Mit den Wandlungsprozessen der fünfziger und sechziger Jahre (Wirtschaftswunder, Ausbau des sozialen Sicherungssystems) verbesserten sich auch die Lebensverhältnisse der Bürger im Land. Ein neues Leitbild der modernen Kleinfamilie bestimmte das Familienbild. Dieses beinhaltete die lebenslange, monogame Ehe. Die Frau war zuständig für emotional-affektive Bereiche des Familienlebens. Wohingegen dem Mann als Autoritätsperson die Außenbeziehungen und instrumentalen Aspekte oblagen (Peuckert, 25). In diesem „golden age of marriage“ war der Familienverlauf der Menschen Teil ihres Lebenslaufes. Diese Phasen des Verlaufs waren institutionalisiert und wurden unhinterfragt gelebt. Nach dem Kennen- und Liebenlernen eines Paares begann der traditionelle Zyklus. Auf die Heirat folgte die Gründung eines eigenen Haushaltes, sobald der Mann für die materielle Grundlage sorgen konnte. Auf die Geburt des ersten Kindes folgte üblicherweise die Familienerweiterung auf zwei oder mehr Kinder. Sobald die Kinder auszogen, begann für diese ihr eigener Familienzyklus und für die Eltern die nachelterliche Phase. Mit dem Tod eines Elternteils endete dieser Prozess. Eine Trennung der Ehe und eine eventuelle Re-Organisation durch eine Wiederheirat waren nicht vorgesehen. Für die heutige Zeit ist dieser Ablauf nicht mehr gültig. Die Familienentwicklung hat ihre ehemals selbstverständliche Verankerung im Lebenslauf eingebüßt. Heutzutage gibt es längere Phasen des Alleinlebens, Paarbeziehungen mit getrennten Haushalten, unverheiratetes Zusammenleben, usw. Vielmehr sind neue Formen von „Familienzyklen“ entstanden, die Regelmäßigkeiten aufweisen. Beispielsweise ist das nichteheliche Zusammenleben mit einem Partner in vielen Ländern üblich. Auch die nichteheliche Elternschaft ist zur Normalität geworden. Selbst der Verzicht auf eine Familiengründung ist eine anerkannte Option im Lebenslauf. Somit ist der traditionelle Familienzyklus nur noch ein Modell unter Anderen.

1.3 Der demographische Wandel

Die Krise der „Normalfamilie“[1] ist ablesbar an der Entwicklung der Geburtenzahlen, der gesunkenen Heiratshäufigkeit und der Zahl der Ehescheidungen. Wobei man beachten muss, dass die Zahl der Ehescheidungen teilweise durch die Entstehung neuer unehelicher Paargemeinschaften kompensiert wird. Die derzeitige Situation erscheint auch teilweise nur so krisenhaft, da die Form von Ehe und Familie noch nie so dominant war wie in den sechziger Jahren (Peuckert, 19). Die oben genannten Krisensymptome gehen einher mit einer Pluralisierung der Haushalts- und Familienformen, wie sie in Ausschnitten in Tabelle 1 dargestellt ist.

Tabelle 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle:Peuckert,29

Mit dem Strukturwandel der Familie geht ein Geburtenrückgang einher, welcher in zwei demographischen Übergängen sichtbar ist. Der erste demographische Übergang von 1900-1933 hatte die Reduktion der Zahl der ehelichen Kinder auf durchschnittlich 2 zur Folge, während im zweiten Übergang von 1965-1984 die Fruchtbarkeit unter das Reproduktionsniveau rutschte.

1.4 Strukturwandel der Familie

Die Ursachen für den Rückgang der Geburten sind aber nicht zwangsläufig in einer nachlassenden Wertschätzung der Familie zu sehen. Viele Studien beweisen, dass der Familie unter den verschiedenen Lebensformen der höchste Stellenwert eingeräumt wird (Peuckert, 111). Vielmehr ist dies eine Folge der Deinstitutionalisierung der Familie, welches ein Anwachsen der Wahlmöglichkeiten, die Zunahme von Verhaltensunsicherheiten und Entscheidungsproblemen in Intimbeziehungen zur Folge hat. Es existiert eine Vielzahl an Komponenten, die auf die Familienbildung einwirken. Eine allgemeine Wohlstandssteigerung, die Ausweitung der Bildungschancen und Arbeitsmöglichkeiten (insbesondere verheirateter Frauen) und die steigende Mobilität haben das Bewusstsein des Wählen-Könnens, aber auch die Notwendigkeit des Wählen-Müssens verstärkt. Das heißt, dass die Entscheidung für die Familie und/oder Kinder eine langfristige, irreversible biografische Festlegung und damit der Verzicht auf andere Optionen bedeutet (Peuckert, 112). In der Volkswirtschaft spricht man hierbei von Opportunitätskosten. Beispielsweise sind die Opportunitätskosten einer Managerin, die in den Mutterschaftsurlaub geht relativ hoch, da sie auf das Geld verzichtet, welches sie während ihrer Berufsabstinenz verdient hätte. Dieses Beispiel steht obligatorisch für viele junge Frauen, die heute familien- als auch berufsorientiert sind und ihre Prioritäten setzen müssen. Ein weiterer Grund für die rückläufigen Geburtenzahlen und damit auch der Familiengründungen ist die relative sozio-ökonomische Benachteiligung von Familien (Peuckert, 113). Die Kosten für die Erziehung und Pflege der Kinder haben sich erhöht und mit steigender Kinderzahl sinkt die Erwerbstätigkeit der Frau und die schon erwähnten Opportunitätskosten steigen. Zusätzlich dazu haben sich die Ansprüche an die Elternrolle erheblich erhöht. Dadurch kommt es häufig zu psychischen Belastungen und Verunsicherung seitens der Erwachsenen sich für Kinder zu entscheiden.

1.5 Theoretische Erklärungsansätze

Es gibt keinen überzeugenden Ansatz der erklären kann welche Ursachen die Pluralisierung der Lebensformen und die Deinstitutionalisierung der bürgerlichen Ehe haben. Nach Rüdiger Peuckert bieten die folgenden Erklärungsansätze lediglich den größten Erkenntnisgewinn.

Die Individualisierungsthese von Ulrich Beck

Mit dem Übergang von der Vormoderne zur nachindustriellen Zeit wurden die Individuen aus ihren traditionell gewachsenen lokalen, familialen, ständischen und religiösen Bindungen freigesetzt. Diese Individualisierung beschreibt die zunehmende Unabhängigkeit des individuellen Lebenslaufs von Instanzen (Peuckert, 252). Somit waren die einzelnen Personen immer mehr gefordert, ihre Biografie selbst herzustellen. Denn Ereignisse wie die Geburt des ersten Kindes, die Eheschließung oder der Eintritt ins Berufsleben wurden von nun an nicht mehr gesteuert. Seit den sechziger Jahren hat dieser Prozess auch zunehmend auf den weiblichen Lebenslauf übergegriffen. Die Berufskarriere bildete nun einen Konkurrenten zur Familiengründung.

Diese Individualisierung wird zusätzlich gestützt durch den nachgewiesenen Wertewandel in westlichen Gesellschaften (vgl. Inglehart). Materialistische Werte, wie Ordnung, Leistung oder Pflichterfüllung haben an Bedeutung verloren, wohingegen postmaterialistische Werte, wie zum Beispiel Autonomie, Gleichbehandlung und Selbstverwirklichung an Bedeutung gewonnen haben. Das heißt also, dass für Postmaterialisten Ehe und Kinder eher eine untergeordnete Rolle spielen und dass diese Werte entscheidend zur Veränderung von Ehe und Familie beigetragen haben.

Die Theorie der sozialen Differenzierung (Peuckert, 263/264)

Wie schon erwähnt hat sich das relativ einheitliche bürgerlich-moderne Familienmuster aufgrund neuer Anpassungserfordernisse der gegenwärtigen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft in mehrere „spezialisierte Subsysteme“ ausdifferenziert. Diese neuen Formen kommen mit den immer komplexer werdenden Anforderungen der Umwelt besser zurecht als die Normalfamilie. Das heißt, dass der Wandel der Familie von einer Ausdifferenzierung der Privatheit und der Entstehung neuer Privatheitstypen begleitet wird. Zusätzlich zum kinderorientierten Privatheitstyp, den die Normalfamilie darstellt, ist der sogenannte partnerorientierte und der individualistische Privatheitstyp entstanden. Ersterer bezieht sich auf nichteheliche Lebensgemeinschaften, während letzterer auf Alleinlebende oder Wohngemeinschaften zutrifft.

Dieser Differenzierungsprozess und damit die Pluralisierung der Lebensformen kann also als Steigerung der Anpassungsfähigkeit an die moderne Gesellschaft und an die sich veränderten Umweltbedingungen verstanden werden.

1.6 Schlussbemerkung

Nach wie vor ist die Familie die Sozialisationsinstanz Nummer 1. In ihr erfährt der Nachwuchs häusliche Geborgenheit und wird auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet. Demnach ist die Frage, ob wir die Familie weiterhin benötigen, irrelevant. Man muss sich jedoch die Frage stellen wie weit der Familienbegriff heutzutage ausgeweitet wird. Die Vorstellung der Normalfamilie mit einem Mann, seiner Frau und deren minderjährigen Kindern trifft nur noch auf einen Bruchteil der Familien in der Gegenwart zu. Dies gilt es den Schülern in der folgenden Unterrichtseinheit zu vermitteln.

2 Lernziele

Die Schüler…

- können die Familie in den Sozialisationsprozess einordnen und kennen ihre Funktionen im Hinblick auf das Individuum.
- kennen die neuen Lebensformen.
- können den Wandel der Familie nachvollziehen und die neuen Lebensformen miteinander vergleichen.
- stärken mit Hilfe von kooperativen Lernformen ihre Sozialkompetenz und Kommunikativität.
- fördern ihre Methodenkompetenz indem visuelle Medien verstärkt zum Einsatz kommen.
- können Inhalte von Texten zusammenfassen und sinngemäß wiedergeben.
- können Gelerntes auf andere Sachverhalte transferieren.

3 Bedingungsanalyse

Da diese Unterrichtseinheit für keine reale Klasse konzipiert wurde, wird (laut Thüringen Monitor 2005) davon ausgegangen, dass es sich bei ihr um eine Lerngruppe handelt, die durchschnittlich begabt ist und sich mittelstark für Politik interessiert. In den Familien der Kinder dieser achten Regelschulklasse wird eher selten über Politik gesprochen, so dass der Schule diese Aufgabe größtenteils überlassen wird.

[...]


[1] Ein verheiratetes Paar, unterschiedlichen Geschlechts mit ihren minderjährigen Kindern

[2] Beide Partner gründen in Verfolgung ihrer beruflichen Karrieren räumlich getrennte Haushalte, so dass ein Zusammenleben nur am Wochenende oder in größeren Zeitabständen möglich ist

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640806300
ISBN (Buch)
9783640806775
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164451
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,0
Schlagworte
Famile Wertewandel Sozialkunde

Autor

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Titel: Unterrichtskonzeption: Brauchen wir die Familie noch? - Der Wandel der Familie und ihrer Funktionen im Laufe der Zeit