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Erziehungsberatung in der frühen Kindheit - Methoden zur Stärkung der Erziehungskompetenz

Bachelorarbeit 2010 53 Seiten

Pädagogik - Familienerziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Aufbau der Arbeit
1.2 Begriffsdefinition Erziehungskompetenz

2 Familie im Wandel
2.1 Gesellschaftliche und psychologische Veränderungen der Elternrolle
2.2 Gibt es die „Erziehungskatastrophe“?

3 Erziehung in der frühen Kindheit
3.1 „Die Geburt der Eltern“
3.2 Erziehungsaufgaben
3.3 Regulationsstörungen
3.4 Bindungstheorie
3.5 Erziehungsstile

4 Erziehungsberatung in der frühen Kindheit
4.1 Neue Ansprüche an die Erziehungsberatung
4.2 Methoden
4.2.1 Entwicklungspsychologische B eratung
4.2.1.1 Grundsätze
4.2.1.2 Ziele
4.2.1.3 Vorgehensweise
4.2.1.4 Der systemische Ansatz
4.2.3 Marte Meo
4.2.3.1 Grundsätze
4.2.3.2 Ziele
4.2.3.3 Vorgehensweise
4.2.4 Das Steep-Programm
4.2.5 Schreiambulanzen

5 Die praktische Umsetzung an dem fiktiven Beispiel des exzessiven Schreiens
5.1 Ausgangssituation
5.2 Der Beratungsprozess
5.3 Fazit

6 Ausblick

Quellen- und Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: 24 h Schlafprotokoll

1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Aufbau der Arbeit

In der vorliegenden Bachelorarbeit wird der Frage nachgegangen, mit welchen Methoden die Erziehungskompetenz von Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern gestärkt werden kann.

Warum aber ist es gerade in der jetzigen Zeit wichtiger denn je, die Fähigkeit zu einer kompetenten Erziehung zu fördern? Nicht nur die zahlreichen Fälle von Kindesvernach­lässigung und Kindesverwahrlosung, sondern vor allem die zunehmende Verunsicherung vieler Eltern, hervorgerufen durch zahlreiche gesellschaftliche Veränderungen, könnten darauf eine Antwort geben.

Eltern sind der Schlüssel für alle Erziehungsprozesse und ihnen wird heute eine enorme Verantwortung hinsichtlich der optimalen Entwicklung ihrer Kinder zugewiesen. Viele Eltern fühlen sich den gesellschaftlichen Anforderungen nicht gewachsen, zweifeln an ihrer eigenen Kompetenz und empfinden ihre Elternschaft als zunehmend schwierig und negativ belastet. (vgl. Henry-Huthmacher, 2010, S. 8)

Um den heutigen Erziehungsansprüchen gerecht zu werden, brauchen Eltern Unterstützung, denn nur starke Eltern können auch starke Kinder erziehen. Wie und mit welchen Methoden Eltern bei ihrer Aufgabe begleitet werden können, untersucht die vorliegende Arbeit.

Um die Thematik zu vertiefen wird zunächst der Begriff der Erziehungskompetenz genauer beleuchtet.

Im darauf folgenden Kapitel erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Thematik, inwiefern sich Eltern und Familie in einem Wandel befinden. Dazu werden sowohl die gesellschaftlichen als auch die psychologischen Veränderungen näher beschrieben. Im weiteren Verlauf wird der Frage nachgegangen, ob die viel zitierte „Erziehungskatastrophe“ wirklich existiert.

Im Anschluss daran wird die Erziehung in der frühen Kindheit erläutert. Dazu gehören die Erziehungsaufgaben, die gängigen Regulationsstörungen, die Bindungstheorie sowie eine Beschreibung der unterschiedlichen Erziehungsstile. Auch der Prozess der Elternwerdung wird hier thematisiert.

Sodann werden die verschiedenen Methoden der Erziehungsberatung in der frühen Kindheit mit ihren jeweiligen Grundsätzen, Zielen und Vorgehensweisen vorgestellt.

Um die praktische Umsetzung dieser Methoden darzulegen, wird im darauf folgenden Kapitel ein fiktiver Beratungsprozess beschrieben.

Die Bachelorarbeit schließt ab mit einem Ausblick.

1.2 Begriffsdefinition Erziehungskompetenz

Der Begriff der Erziehungskompetenz wird zurzeit sehr aktuell aus vielen unterschied­lichen Richtungen diskutiert. Laut Medien und Ratgeberliteratur beispielsweise müssen Eltern kompetent sein, um ihre Kinder richtig erziehen zu können.

Um herauszufinden, ob Erziehungskompetenz überhaupt erlernbar ist und wie Eltern diese Kompetenz am besten vermittelt werden kann, muss zunächst einmal deutlich werden, was das Wort Erziehungskompetenz bedeutet.

Der Begriff Erziehungskompetenz setzt sich aus den Bestandteilen „Erziehung“ und „Kompetenz“ zusammen. Schon beim Begriff der „Erziehung“ existiert ein Spektrum der unterschiedlichsten Ansichten, was Erziehung bedeutet. An den jeweiligen Enden dieses Spektrums stehen zwei prinzipiell gegensätzliche Auffassungen über Erziehung:

a) die Verfechter der klassischen Lerntheorie: Verschärft dargestellt wird hier Erziehung als eine Art Handwerk oder Produktion gesehen, wo der „Erzieher“ etwas nach seinem Willen herstellt bzw. formt.

b) die Reform- und Antipädagogen: hier wird Erziehung als eine Art „Wachsen lassen unter Begleitung“ gesehen. Der „Erzieher“ kann mit einem Gärtner verglichen werden, der seine Schützlinge beim „Wachsen“ begleitet und vor negativen Einflüssen bewahrt.

Um zu einer reflektierten Interpretation von Erziehung zu gelangen, scheint es notwendig, sich in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen umzuschauen. (vgl. Kuttler, 2009, S. 23)

In der Literatur lassen sich viele Definitionen des Begriffs Erziehung finden. Eine grundlegende Definition stammt von Wolfgang Brezinka. Sie lautet: „Als Erziehung werden Handlungen bezeichnet, durch die Menschen versuchen, die Persönlichkeit anderer Menschen in irgendeiner Weise zu fördern.“ (Brezinka, 1990, S. 95) Anders ausgedrückt ist Erziehung eine Einwirkung auf den zu Erziehenden mit dem Ziel, dessen Verhalten zu verändern und zu verbessern. Was dieses veränderte Verhalten nun beinhaltet, bleibt dem Erzieher überlassen.

Auch der Begriff „Kompetenz“ lässt sich schwer definieren. Laut Johannes Weinberg bezeichnet Kompetenz „diejenigen Fähigkeiten, die den Menschen sowohl in vertrauten als auch in fremdartigen Situationen handlungsfähig machen.“ (zitiert in: Kaufhold, 2006, S.50)

Kompetenz bezeichnet demnach die Fähigkeit eines Menschen, bestimmte Aufgaben selbstständig durchzuführen. Jemand ist also kompetent, wenn er neue und fremde Situationen mit seinem eigenen Wissen bewältigen kann und nicht auf andere Personen angewiesen ist.

Im Bereich der Kindererziehung spielt vor allem der Begriff der Handlungskompetenz eine Rolle.

Laut Kultusministerkonferenz bezeichnet Handlungskompetenz „die Bereitschaft und Befähigung des Einzelnen, sich in beruflichen, gesellschaftlichen und privaten Situationen sachgerecht durchdacht sowie individuell und sozial verantwortlich zu verhalten.“ (KMK, 2007, S. 10f.)

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass erziehungskompetente Eltern über ausreichende Kenntnisse verfügen müssen und diese verantwortlich mit Blick auf die Familie und die Gesellschaft einzusetzen wissen. Sie müssen die Fähigkeit besitzen, ihrem Kind all das zu vermitteln, was es braucht, damit es selber zu einem kompetenten und verantwortungsvollen Mitglied der Gesellschaft wird. Diese Fähigkeit zu einem kompetenten Handeln können sie nur auf einer Grundlage von Wissen und Verstehen entwickeln.

2 Familie im Wandel

2.1 Gesellschaftliche und psychologische Veränderungen der Elternrolle

Historisch betrachtet wurde die Kindheit überhaupt erst am Ende des 18. Jahrhunderts „entdeckt.“ Jean-Jacques Rousseau war einer der ersten, der die Ansicht vertrat, dass die Phase der Kindheit als besonders schützenswert zu betrachten sei und Kinder an sich als Individuen betrachtet werden müssen. Damit leitete er einen Perspektivwechsel ein, denn bis dahin wurden Kinder nicht um ihrer selbst willen erzogen, sondern nur zum Nutzen ihrer Eltern. (vgl. Gudjons, 1995, S. 84f.)

Kinder zu bekommen ist heute keine Notwendigkeit mehr, sondern wird im Zuge einer individuellen Lebensplanung als „Projekt“ gesehen. So ist es selbstverständlich geworden, den Kinderwunsch genau zu überdenken. Das Für und Wider wird gründlich analysiert. Wenn die Entscheidung dann zugunsten eines Kindes fällt, rückt das Kind meist in den Mittelpunkt des weiteren Lebensverlaufs. Elternschaft und Kindheit werden oft idealisiert und sind mit hohen Anforderungen und auch Einschränkungen verknüpft.

Auch wenn der Phase des Elternseins gesellschaftlich und psychologisch eine enorme Bedeutung beigemessen wird, so existieren dennoch unterschiedliche Ansichten und Konzepte von Elternschaft. Nach Schülein werden drei Exposés der Eltern-Kind- Beziehung unterschieden:

1. Im selten gewordenen „traditionellen Exposé“, welches noch am ehesten in ländlichen Gebieten oder in den unteren sozialen Schichten zu finden ist, regeln feste Strukturen und Gewohnheiten den Umgang mit dem Kind. Es existiert eine allen bewusste Hierarchieordnung und die Kinder werden nach festen Wertvorstellungen erzogen. Die Mutter-Kind-Rolle wird nicht extra betont und der Umgang mit dem Kind ist eher distanziert. Traditionelle Grundsätze prägen und organisieren die frühe Eltern­Kind-Beziehung.
2. Im „avantgardistischen Exposé“ hingegen stehen die Bedürfnisse des Kindes im Mittelpunkt. Das Kind steht hierarchisch auf der gleichen Stufe wie die Eltern. Die Eltern-Kind-Beziehung basiert auf einer bedingungslosen Hinwendung zum Kind. Es wird sowohl nachts als auch tagsüber viel Wert auf körperlichen Kontakt gelegt. Realisiert wird dies durch das Familienbett und diverse Tragehilfen.
3. Das „moderne Exposé“ ist heute das am weitesten verbreitete, besonders bei der sozialen Mittelschicht. Auch hier ist die Beziehung zum Kind sehr emotional und stark idealisiert. Das Kind ist ein wichtiger Bezugspunkt und der Leistungsdruck an eine gelingende Erziehung ist hoch. Es besteht der Anspruch an eine Erziehung, die die Kinder schon sehr früh fördert, um sie möglichst gut auf die Zukunft vorzubereiten. Die Eltern-Kind-Beziehung ist stark kindzentriert und die Aufgabe der Eltern ist es, für eine bestmögliche Begleitung und Unterstützung zu sorgen. (vgl. Romeike/Imelmann, 2010, S. 20ff.)

Die Vielzahl der Möglichkeiten sowie die Pluralisierung von Lebensstilen in der heutigen Individualisierungsgesellschaft führen zu einer schwindenden Verhaltenssicherheit bei vielen Eltern: Welcher Erziehungsstil ist der richtige? Wie viel Grenzen brauchen Kinder? Wie können Kinder ein angemessenes Konsumverhalten erlernen?

Dazu kommt noch der zunehmende Leistungsdruck. Wer heute Kinder erzieht, der möchte dies möglichst „richtig“ und „perfekt“ machen. Denn es liegt in der Verant­wortung der Eltern, das Kind bestmöglich zu fördern um ihm so möglichst viele Chancen offen zu halten. Diese neuen Anforderungen der modernen Gesellschaft können zu einer Überforderung auf Seiten der Eltern und der Kinder führen. (Fried/Roux, 2006, S. 292f.)

Auch die veränderten Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, wie die Zunahme der Alleinerziehenden und Ein-Kind-Familien oder die Häufung von Patchwork-Familien tragen ihren Teil zu einer Veränderung der Elternrolle bei. Des Weiteren fehlen Rollen­vorstellungen und Vorbilder von gelingender Erziehung, denn die meisten Mütter in den Großstätten sind auf sich allein gestellt und nicht wie früher, eingebettet in Familientraditionen und Nachbarschaftshilfe.

2.2 Gibt es die „Erziehungskatastrophe“?

In der öffentlichen Debatte über Erziehung sind in letzter Zeit häufig die Schlagworte „Erziehungsnotstand“ und „Erziehungskatastrophe“ gefallen. Von vielen Fachleuten und Pädagogen wird behauptet, dass die Kinder von heute zumeist „kleine Tyrannen“ und nur durch das „Lob der Disziplin“ zu bezwingen sind. Die Erziehungswissenschaftlerin Frau Prof. Dr. Tschöpe-Scheffler hat in ihrem Beitrag zur Expertenrunde der Konrad- Adenauer-Stiftung auf den Punkt gebracht, dass diese negative Sicht keine Lösung sei. Anstatt dessen geht sie auf die Gründe ein, warum sich viele Eltern heute verunsichert fühlen und ohne Orientierung sind. Aufgrund der gesellschaftlichen Struktur­veränderungen, hierzu gehören die Prozesse der Pluralisierung und Individualisierung, sind nicht nur die Ansprüche an die Kinder der Zukunft gewachsen, sondern auch die Eltern sind einem enormen Druck ausgesetzt, ihren Kindern die optimale Förderung angedeihen zu lassen.

Der Erziehungsalltag ist heute pädagogisiert und psychologisiert. Es existieren keine verbindlichen Normen und Werte mehr und Eltern reagieren aus Angst, etwas falsch zu machen, immer seltener intuitiv auf das Verhalten ihrer Kinder. Anstatt dessen suchen viele den ultimativen Ratschlag aus der Ratgeberliteratur.

Das Kind ist bei den meisten Familien der Mittelpunkt des Geschehens. Dieser Umstand gepaart mit dem Fehlen von widerstandsfähigen Grenzen kann ohne weiteres dazu führen, dass Kinder zu „kleinen Tyrannen“ werden. Anstatt aber grundsätzlich den Eltern hierfür die Schuld zu geben oder sich dem einseitigen Ruf nach Grenzen und Disziplin hinzugeben, wäre es notwendig, den Eltern Hilfestellung zukommen zu lassen, so dass sie ihr eigenes Erziehungsverhalten reflexiv betrachten können. Einseitige Sichtweisen und Dramatisierungen können in dieser Debatte nicht weiterhelfen und tragen nur zu einer weiteren Verunsicherung bei. (vgl. Tschöpe-Scheffler, 2010, S. 1ff.)

3 Erziehung in der frühen Kindheit

3.1 „Die Geburt der Eltern“

Ein Kind zu bekommen bedeutet für viele Paare das größte Glück. Nach der Geburt eines Kindes sind die Eltern aber mit einer völlig neuen Situation und grundlegend andersartigen Anforderungen konfrontiert.

Plötzlich sind die Eltern verantwortlich für ein kleines Lebewesen und oft wurden die Anstrengungen und Belastungen, die mit einem Baby verbunden sind, unterschätzt. Es existieren keine eingespielten Verhaltensformen und jede Tätigkeit, die mit dem Neugeborenen zu tun hat, ist mit hohen Ansprüchen verbunden. Und so kann dieser neue Lebensabschnitt auch zu einer der größten Herausforderungen werden.

Für viele Eltern ist es schockierend sich einzugestehen, dass ihre Vorstellungen von einer harmonisch perfekten Eltern-Kind-Beziehung nicht mit den tatsächlichen Gegebenheiten übereinstimmen. Gerade für Mütter ist die Umstellung von der Berufswelt zur Vollzeitmutter schwer zu verkraften. Vor allem dann, wenn der Partner schon kurz nach der Geburt wieder seiner Arbeit nachgehen muss und die Mutter isoliert mit ihren Ängsten und Sorgen allein ist. So werden Unsicherheiten noch mehr verstärkt und Konflikte treten häufiger auf. (vgl. Schülein, 2002, S. 208)

Die Geburt eines Kindes läutet also eine folgenschwere und krisengefährdete Zeit im Leben eines Paares ein. Dieser Zeitraum der Elternwerdung wird unterteilt in folgende Phasen:

1. Die "Geburtsphase" gilt als ein Wendepunkt in der familiären Entwicklung, denn sie stellt ein sehr bedeutendes biologisches, soziales und psychisches Ereignis dar, welches erst einmal ausreichend verarbeitet werden muss. Dabei spielt die Qualität des Geburtserlebnisses eine erhebliche Rolle bei der ersten Kontaktaufnahme mit dem neugeborenen Kind und dem Aufbau einer Eltern­Kind-Beziehung.
2. In der "Erschöpfungsphase trotz erstem Glück über das Kind“ (bis zum 2. Lebensmonat des Kindes) spielt die physische Erschöpfung der Mutter eine große Rolle. Zusätzlich muss die Mutter sich auf einen grundsätzlich anderen, vom Kind diktierten Tagesablauf einstellen. Häufig stellt sich neben dieser Erschöpfungsphase auch eine anfängliche Phase euphorischen Glücks über das Baby ein.
3. Die "Phase der Herausforderung und Umstellung" (2. bis 6. Monat) geht mit einer zunehmenden Gewöhnung an die Elternrolle einher. Die Partnerbeziehung hingegen ist massiven Veränderungen unterworfen. Die Rollenverteilung muss neu ausdiskutiert werden, denn eine gleichberechtigte Paarbeziehung ist heutzutage die Idealvorstellung. Diese geht aber nicht konform mit der Wirklichkeit, in der immer noch die Frau die Hauptlast der Kinderversorgung trägt.
4. In der darauf folgenden "Gewöhnungsphase" (6. Monat bis 1 Jahr) kann zum einen eine Ernüchterung über die Elternschaft eintreten. Zum anderen tritt aber auch eine relative Entspannung und Sicherheit im Umgang mit dem Kind ein und bestimmte Verhaltensweisen können mit immer mehr Routine ausgeführt werden. (vgl. Gloger-Tippelt, 1988, S. 12ff )

Die Maße der Unsicherheiten sind schicht- und kulturabhängig. In eher traditionell geprägten Kulturen sind die Eltern in Verwandtschafts- und Nachbarschaftssysteme eingebunden und können durch diese entlastet werden. Viele Verhaltensweisen sind bereits vorgegeben und so fällt es den Eltern leichter, sich in der neuen Rolle zu Recht zu finden.

Auch in der eher traditionell ausgerichteten Arbeiter- oder Unterschicht verläuft der Übergang zur Elternschaft weniger konfliktträchtig ab, denn durch die geschlechts­spezifische Rollenverteilung und Lebensorientierung werden viele Konflikte bereits im Vorfeld vermieden.

In den eher „moderneren“ Schichten herrscht ein höherer Leistungsdruck. Das eigene Selbstwertgefühl hängt hier oft vom Wohl des Kindes ab. Kleine Probleme sind oft sehr emotional besetzt und Versagensängste können mögliche Konflikte noch verschärfen. (vgl. Schülein, 2002, S. 208)

3.2 Erziehungsaufgaben

Jedes Kind hat in seinen ersten Lebensjahren eine enorme Entwicklungsarbeit zu leisten und wird von zwei grundlegenden Bedürfnissen angetrieben: Verbundenheit und Autonomie:

Verbundenheit beinhaltet das Streben nach menschlicher Nähe und festen Bindungen zu den wichtigsten Bezugspersonen.

Autonomie kann auch als das Bedürfnis nach Unabhängigkeit und der Kontrolle von Dingen bezeichnet werden.

Verbundenheit und Autonomie sind untrennbar miteinander verbunden: Nur wer Bindung und Nähe erlebt hat, kann Autonomie entwickeln. Und umgekehrt: Nur wer Autonomie erlebt hat, kann freie und positiv gestaltete Beziehungen bilden und aufrechterhalten.

Die Befriedigung dieser beiden gegensätzlichen, aber doch gekoppelten Bedürfnisse ist die Begleitungsaufgabe der Eltern und die Entwicklungsaufgabe des Kindes.

Um der Entwicklung und Durchsetzung von Verbundenheit und Autonomie Rechnung zu tragen, ist ein Kind angewiesen auf eine entwicklungsfördernde Umgebung, die in der Lage ist, beides erfahrbar zu machen.

Verbundenheit wird insbesondere dann gefördert, wenn die Eltern in der Lage sind, feinfühlig auf die kindlichen Bedürfnisse einzugehen und auch in ihren eigenen Beziehungen Verbundenheit ausdrücken können. Feinfühligkeit wird gekennzeichnet durch folgende Merkmale:

- Die Eltern sind geistig präsent.
- Die Äußerungen des Kindes werden richtig interpretiert.
- Die Reaktion auf diese Äußerungen erfolgt sofort.
- Die Reaktion ist angemessen.

Um das Bedürfnis nach Autonomie zu befriedigen ist es wichtig, Anerkennung zu zeigen und den Kindern in abgesteckten Grenzen Handlungsspielräume zur Verfügung zu stellen.

Bei all diesen Überlegungen ist zu beachten, dass Erziehung den vielfältigsten Einflüssen unterliegt, denn das erzieherische Handeln ist abhängig von den unterschiedlichsten Faktoren, wie zum Beispiel der persönlichen elterlichen Erziehungserfahrung oder den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Familie.

Und auch jedes noch so durchdachte Erziehungshandeln muss bestimmte Grenzen akzeptieren, denn schon Pestalozzi hat gewusst, dass Kinder „Werk der Gesellschaft“, „Werk der Natur“ und „Werk ihrer Selbst“ sind. (vgl. Liegle, 2006, S. 35ff.)

3.3 Regulationsstörungen

Vorübergehende Zeichen von Überbelastung sind bei fast allen Neugeborenen zu beobachten. Damit diese sich nicht zu einer Störung ausbilden, dürfen sie nicht übersehen und müssen richtig gedeutet werden. Hierin besteht die Schwierigkeit, die Eltern meistern müssen.

Schon im Säuglingsalter unterscheiden sich Kinder erheblich in ihren Fähigkeiten zur Selbstregulation und so werden Babys mit bedingten Fähigkeiten zur Selbstregulation in die unterschiedlichsten Familien geboren, welche wiederum höchst unterschiedlich mit diesen Einschränkungen umgehen.

Bei der Entwicklung von einer vorübergehenden Schwierigkeit zu einer dauerhaften Störung spielt das Verhalten der Eltern und des Kindes vor ihrem jeweiligen Hintergrund eine maßgebliche Rolle. Eine Reihe von Untersuchungen zeigt hier deutlich den Zusammenhang zwischen der positiv verlaufenden kognitiven und sozial-emotionalen Entwicklung eines Kindes und einem liebevollen, geduldigen und feinfühligen Verhalten der direkten Bezugspersonen. Die Fähigkeit der Bezugspersonen zu einem solchen erwünschten Verhalten wiederum ist abhängig von der jeweiligen Charakterstruktur sowie von der einzelnen Familiensituation mit ihren finanziellen und sozialen Kapazitäten.

Zu den zentralen Schwierigkeitsbereichen im Säuglingsalter gehören das exzessive Schreien, allgemeine Schlafstörungen sowie Schwierigkeiten beim Füttern und Trinken. (vgl. Ziegenhain et al., 2006, S. 63ff.)

Exzessives Schreien: Zunächst einmal muss Schreien als ein natürliches Ausdrucksmittel des Säuglings gesehen werden. Es drückt damit aus, dass ihm etwas fehlt. Außer den grundlegenden Bedürfnissen wie Hunger, Durst oder Müdigkeit kann es sich bei diesem Mangel auch um Ängste und Unheimlichkeitsgefühle handeln. Es hat also einen bindungsstärkenden Effekt, denn das Schreien soll die Eltern herbeirufen und sie motivieren, sich liebevoll ihrem Baby zuzuwenden und für einen Ausgleich des empfundenen Mangels zu sorgen. Es gilt heute als wissenschaftlich belegt, dass die einfühlsame und zuwendungsintensive Behandlung eines Säuglings das Gehirnwachstum positiv unterstützt. (vgl. Posth, 2010, S. 54ff.)

Als exzessives Schreien werden Schreiphasen bezeichnet, die anfallartig und ohne zunächst erkennbaren Grund bei völlig gesunden Kindern auftreten. In der Theorie bezeichnet man Schreien als exzessiv, wenn es seit mindestens drei Wochen, mehr als drei Stunden und an mindestens drei Tagen pro Woche auftritt. Diese sogenannte „Dreierregel“ sagt aber nichts über das subjektive emotionale Empfinden der Eltern aus, denn deren Belastungsgrenze kann auch sehr viel niedriger liegen. Im praktischen Beratungsalltag sollten also diejenigen Babys als exzessiv schreiend gelten, deren Eltern sich dadurch emotional überfordert fühlen und aufgrund dessen Hilfe in Anspruch nehmen möchten.

Über die Ursachen des Schreiens existieren die unterschiedlichsten Theorien. Manche Eltern suchen die Ursachen im Kinde selbst und gehen von Schmerzen (Koliken etc.) oder einem temperamentvollen Gemüt aus. Oft zweifeln Eltern aber auch an sich selbst und ihren Kompetenzen, ein schreiendes Baby beruhigen zu können. (vgl. Barth, 2008, S. 51ff.) Weit verbreitet ist immer noch die Theorie der „Drei-Monats-Koliken“. Diese Theorie ist aber sowohl in der Praxis als auch in der Forschung als primäre Ursache längst widerlegt, denn nur 5% aller Schreibbaby-Fälle lassen sich tatsächlich auf eine Verdauungsstörung zurückführen. (vgl. Lepold, 2002)

In der Fach- und Ratgeberliteratur besteht die Einschätzung, dass aber solche eher einseitigen Betrachtungsweisen wenig förderlich sind. Die Auslöser für exzessives Schreien sind eher auf ein komplexes Zusammenspiel von Ursachen zurückzuführen. Unter anderem wird das sogenannte fehlende vierte Trimester im Mutterleib für das Schreien verantwortlich gemacht. Der amerikanische Kinderarzt Dr. Karp vertritt die Theorie, dass Neugeborene noch nicht bereit seien für ein Leben außerhalb der Gebärmutter. Gerade unruhige Babys, die über unzureichende Selbstberuhigungsfähig­keiten verfügen, bräuchten aufgrund dessen eine Umgebung, die den Empfindungen aus dem Mutterleib ähneln. Dazu gehören unter anderem das Stillen nach Bedarf und das Tragen in Körpernähe. (vgl. Karp, 2003, S. 106ff.)

Allgemeine Schlafstörungen: Nach der Geburt verfügen Babys noch nicht über einen Tag-Nacht-Rhythmus. Babys schlafen tagsüber sowie nachts überwiegend in kurzen Zeitintervallen. Die Fähigkeit, eine ganze Nacht hindurch zu schlafen, müssen sie erst durch Reifungs- und Lernprozesse erlernen. Für diese Regulation des Schlafverhaltens benötigt jedes Kind seine individuelle Zeit.

Der Schlaf-Wach-Rhythmus ist schwer mit dem Schlafbedürfnis der Eltern zu vereinbaren und so kommt es hier immer wieder zu Missverständnissen und Schwierig­keiten.

Viele Eltern sind sich unsicher über den geeigneten Schlafplatz und machen sich Sorgen darüber, ob sie ihr Kind eventuell verwöhnen, wenn sie ihm zu oft Einschlafhilfen gewähren. Die Begleitung der Schlafentwicklung erfordert von den Eltern demnach ein großes Maß an Besonnenheit und Sicherheit über das eigene Tun. (vgl. Sears, 2003, S. 13ff.)

Das wichtigste Anliegen der Beratung sollte hier sein, die Eltern dahingehend zu unterstützen, die individuelle Entwicklung ihres Kindes zu begleiten. Dazu ist das Wissen über das Schlafverhalten von Säuglingen eine grundlegende Voraussetzung. (vgl. Borke/ Eickhorst, 2008, S. 164ff.) Wichtig ist hier, dass die Eltern verstehen, dass das „Schlafenlernen“ ein Entwicklungsprozess ist, der durch Erziehung oder Gewöhnung kaum voranzutreiben ist. Das Durchschlafen lernt der Säugling aufgrund seines ureigenen Bedürfnisses und nicht, weil die Eltern sich in dieser oder jener Weise verhalten. Natürlich muss hier berücksichtigt werden, dass das Leben mit einem Neugeborenen kräftezehrend und ohne ausreichenden Schlaf kaum zu bewältigen ist. Um Schwierigkeiten und dem Schlafmangel seitens der Eltern vorbeugend entgegenzuwirken, gibt es unterschiedliche Lösungsansätze, wie zum Beispiel das Familienbett oder die Miteinbeziehung des Vaters in die nächtlichen Aufgabenbereiche. (Sichtermann, 2003, S. 129ff.)

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Details

Seiten
53
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640798988
ISBN (Buch)
9783640799268
Dateigröße
952 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164543
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
Schlagworte
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Titel: Erziehungsberatung in der frühen Kindheit - Methoden zur Stärkung der Erziehungskompetenz