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Die Frau im Dienste der Nützlichkeit

Propagierung des aufklärerischen Frauenbildes in der Moralischen Wochenschrift "El Pensador"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 25 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1) Einleitung

2) Literarische Einordnung des El Pensador
2.1) Die Moralischen Wochenschriften der Aufklärung - eine Kurzcharakterisierung
2.2) Die Wochenschrift ,El Pensador‘ als typische Gattungsvertreterin

3) Die Frau in der Gesellschaft der spanischen Aufklärung: zwischen Tradition und Emanzipation
3.1) Das Frauenbild im frühen 18. Jahrhundert
3.2) Die Gesellschaftsdame als Sinnbild für weiblichen Sittenwandel

4) Das aufklärerische Frauenbild in ,El Pensador‘
4.1) Kritik am neuen weiblichen Lebenswandel
4.2) Ein Idealbild der Frau
4.2.1) Erziehung und Bildung
4.2.2) Das Prinzip der ,wahren‘ Schönheit

5) Pensamiento XXIX: Carta instructiva á una Señorita recien Casada
5.1) Einbettung in das Gesamtwerk ,El Pensador‘
5.2) Zusammenfassung und inhaltliche Analyse
5.3) Diskursive Analyse

6) Schlussbetrachtung

7) Literatur

1) Einleitung

á quién podia dàr la preferencia en mis discursos, sino à la amable, la piadosa, y la mas bella mitad del genero humano?“ (I/II, 1)[1] In diesem zunächst unscheinbar wirkenden Satz drückt José Clavijo y Fajardo die Überzeugung unzähliger Literaten einer ganzen Epoche aus. Die Veränderungen in der Sozialstruktur Spaniens besonders in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bescherten der Damenwelt neue Freiheiten und einen Ausbruch aus ihrer bisherigen festen Bindung an Heim und Hof (vgl. Kilian 2002: 45). Diese Umbruchsituation jedoch löste in fortschrittlichen Denkern wie Fray Benito Jerónimo

Feijoo und vor allem auch José Clavijo y Fajardo große Unzufriedenheit aus, weshalb Weiblichkeitskonzepte, geschlechtsspezifische Unterschiede in der Erziehung und die Rolle der Frau in der Gesellschaft sich über Jahre hinweg als die Themen des aufklärerischen Diskurses profilierten (vgl. Kitts 1995: 53). Welche Funktion hat die Frau in der sich verändernden Gesellschaft? Was genau ist Schönheit und welche Bedeutung hat sie? Welche Eigenschaften machen aus einer jungen Frau eine gute Ehefrau und wie erlangt sei diese? Mit solchen und ähnlichen Fragen setzte sich die geistige Elite Spaniens intensiv auseinander. Als Sprachrohr und Verbreitungsmedium für ihre aufklärerischen Gedanken wirkten hierbei vor allem die Moralischen Wochenschriften. Vor dem Hintergrund, dass die Romanproduktion in der Zeit der Aufklärung einen Einbruch erlebte stellten sie das hauptsächliche gesellschaftliche Kommunikationsmedium dar (vgl. Ertler 2003a: 10). Nach Feijoos Defensa de las Mujeres galt innerhalb der Gattung ab 1762 vor allem Clavijo y Fajardos El Pensador als einflussreichste Veröffentlichung zu dem Thema (vgl. Kitts 1995: 54).

In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich also mit dem Thema des gesellschaftlichen Diskurses in der Aufklärung und seiner Aufnahme und Behandlung in einem der wichtigsten Vertreter der literarischen Gattung der Epoche. Ein besonderes Augenmerkt liegt hierbei zunächst auf Gattungsspezifika der Moralischen Wochenschriften und typischen Merkmalen des El Pensador, um eine literarische Einordnung eben dessen vornehmen zu können. Im Anschluss werde ich mich im dritten und vierten Kapitel dem gesellschaftlichen Diskurs zum Thema inhaltlich widmen, also die tatsächliche Rolle der Frau und das von Clavijo y Fajardo entwickelte Idealbild einander gegenüber stellen. Im fünften Teil der Arbeit werde ich dann abschließend die in Kapitel zwei dargestellten formalen Elemente mit den inhaltlichen Schwerpunkten des dritten und des vierten Abschnitts verbinden und dabei direkt am Primärtext analysieren, mit welchen ästhetischen Mitteln der Verfasser sein Weiblichkeitskonzept propagiert.

2) Literarische Einordnung des El Pensador

El Pensador, herausgegeben von José Clavijo y Fajardo in Madrid, war eine der ersten Moralischen Wochenschriften in Spanien und gilt heute als besonders prominent und wichtig (vgl. Ertler 2003b: 214). Für eine gründliche Analyse ist es wichtig, die Moralische Wochenschrift im Kontext ihrer Gattung zu sehen. Ich möchte deshalb im Folgenden einen groben Überblick über die Entwicklung der Moralischen Wochenschriften und deren wichtigste formale und diskursive Gemeinsamkeiten geben, bevor ich im Anschluss El Pensador als typische Vertreterin der Gattung vorstellen werde.

2.1) Die Moralischen Wochenschriften der Aufklärung - eine Kurzcharakterisierung

Die Gattung der Moralischen Wochenschrift stammt ursprünglich aus England, wo sie 1709 mit der Veröffentlichung von The Tatler ihren Anfang fand und kurze Zeit später mit The Spectator zu großem Erfolg kam (vgl. Stürzer 1984: 61ff.). In Spanien entwickelte sich mit El Pensador die erste erfolgreiche Moralische Wochenschrift als Anlehnung und teilweise Übersetzung der Zeitschrift Le Spectateur aus Frankreich, die wiederum eine Übersetzung des englischen Originals war (vgl. Ertler 2003a: 36f.). In der Folge entstanden verschiedene Vertreter der Gattung, die sich bis zum Ende des Jahrhunderts großer Beliebtheit besonders in der bürgerlichen und adeligen Gesellschaft erfreuten (vgl. Kitts 1995: 89f.). Insgesamt war Spanien in seiner aufklärerischen Bewegung und somit auch in der Gattung der Moralischen Wochenschriften später als andere europäische Länder. Erst mit der Ablösung der habsburgischen Linie durch die Bourbonen kam es zu einer deutlicheren Entwicklung des Pressewesens. Dennoch unterlagen alle literarischen Produkte der strengen Zensur und nach Veröffentlichung auch der Inquisition. Diese insgesamt mühsame Entwicklung in Spanien ist zurückzuführen auf den starken Einfluss der Gegenreformation, für den es in anderen aufklärerischen Ländern kein Äquivalent gab (vgl. Ertler 2003b: 209ff.).

Die Blütezeit der Moralischen Wochenschriften endete in Spanien im Jahr 1788 mit der letzten Veröffentlichung von El Filósofo a la moda, ebenfalls einer Übersetzung des englischen Spectator (vgl. Ertler 2003a: 24ff.).

Die Moralischen Wochenschriften der Zeit ähneln sich in ihrer inhaltlichen Schwerpunktsetzung sehr. Verbreitete Themen stammen vor allem aus dem bürgerlichen Alltag und beziehen sich auf den Menschen selbst. So behandeln die Zeitschriften besonders stark die Themenkreise Ehe, Kindererziehung, Frauenbildung, Aberglaube und Theater. Politische Themen hingegen werden in der Regel gemieden. Die erklärten Ziele der Wochenschriften liegen in der Belehrung des Lesers in moralischen Fragen, seiner Bildung zu einem besseren Menschen und einem aktiven Mitglied der Gesellschaft und der Aufforderung an den Leser, seine Vernunft zu gebrauchen und sich tugendhaft zu verhalten (vgl. Martens 1968: 100ff.).

Auch in Form und stilistischer Umsetzung sind sich die einzelnen Vertreterinnen der Gattung sehr ähnlich. Allesamt verzichten auf einen systematischen Stil und greifen stattdessen auf große Varietät der Darstellungsform zurück; es kommt zu einem spielerischen Wechsel zwischen Briefen, Träumen, Fabeln, Satiren etc. in Form von Mikroerzählungen (vgl. Ertler 2003a: 9). „Kalkuliertes Chaos" (Martens 1968: 32) ist daher ein zentrales Gestaltungsprinzip der Moralischen Wochenschriften. Ein weiteres gattungskonstituierendes Merkmal ist neben der inhaltlichen Ausrichtung vor allem die fiktive Verfasserschaft. Sie verbirgt die wahre Identität des Autors und ermöglicht eine sehr direkte und persönliche Kommunikationssituation (vgl. Martens 1968: 69ff.). Darüber hinaus spielt die Einbindung von Leserbriefen, sowohl imaginierter als auch realer Natur, eine große Rolle. Sämtliche Wochenschriften fordern ihre Leser auf, sich aktiv am Diskurs zu beteiligen und veröffentlichen Leserbriefe. Die Anzahl fingierter Leserbriefe überwiegt jedoch deutlich (vgl. Martens 1968: 15ff.).

Es ist also insgesamt festzuhalten, dass die Moralischen Wochenschriften in Spanien als Mittel dienten, die Leserschaft auf lockere und unterhaltende Art und Weise in aufklärerisches Gedankengut einzuführen. Mit Hilfe von spielerischen und fiktiven Elementen wurde er dazu gebracht, seinen Verstand einzusetzen und aufgefordert, sich in den jeweiligen gesellschaftlichen Diskurs zu integrieren.

2.2) Die Wochenschrift ,El Pensador‘ als typische Gattungsvertreterin

Wie bereits erwähnt gilt El Pensador als eine der ersten und vor allem wichtigsten Moralischen Wochenschriften in Spanien (vgl. Ertler 2003b: 214). Das Gesamtwerk umfasst sechs Bände mit insgesamt 86 Artikeln, den so genannten pensamientos. Diese wurden in zwei Phasen veröffentlicht: in den Jahren 1762 und 1763 die ersten vier Bände mit insgesamt 52 pensamientos und erst nach mehrjähriger Unterbrechung die übrigen 34 Artikel in zwei Bänden (vgl. Ertler 2003a: 43ff.). Die Wochenschrift war vergleichsweise sehr verbreitet und fand viele Nachahmer (vgl. Ertler 2003b: 215).[2]

Die inhaltlichen Schwerpunkte von El Pensador stimmen mit den oben dargestellten typischen Inhalten der Gattungsvertreter überein. Politische, wirtschaftliche sowie religiöse Themen werden weitgehend ausgespart und vermieden; der Fokus liegt stattdessen auf Frauen, Erziehung, Kunst und Theater (vgl. Ertler 2003a: 9f.). Auf die Themenkomplexe Frauen und Erziehung, besonders die der weiblichen Bevölkerung, wird hierbei ein besonderes Augenmerk gelegt. Dies ist vor allem im Zusammenhang mit der wachsenden Bedeutung von Frauen in der Ausdifferenzierung des literarischen Kommunikationssystems zu sehen. Es galt, einen engen Kontakt zu Frauen herzustellen, da sich diese vor allem in den späten Jahren des 18. Jahrhunderts als wichtigste Rezipientinnen profilieren sollten (vgl. Ertler 2003a: 83).

Die Ziele, die El Pensador verfolgt, sind ebenfalls die gemeinsamen der Moralischen Wochenschriften. Es geht um die didaktische Vermittlung von moralischen Botschaften, um eine grundsätzliche Verbesserung des gesellschaftlichen Zusam­menlebens im Sinne des aufklärerischen utilidad-Ideologems zu erreichen („El objeto es mejorar à los hombres [...]“, I/I, 6). Hierzu werden der Leserschaft Ratschläge und Verhaltensregeln an die Hand gegeben, die sie zu vernunftgelenktem Handeln führen sollen (vgl. Kilian 2002: 30f.). Auf diese Weise wird die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft durch die Botschaft der Wochenschrift gestärkt. Darüber hinaus verfolgt El Pensador das Ziel, die Menschen von Aberglaube und falschen Sitten zu lösen (vgl. Ertler 2003a: 50f.). Neben diesen explizit formulierten Zielen hat El Pensador durch seine unterhaltsame Gestaltung den Zweck, die Freude am Lesen zu wecken. Das Lesen als zentrales Bildungswerkzeug wird hier zu spielerisch lockerem Zeitvertreib und so in den Alltag integriert (vgl. Ertler 2003a: 99).

Die diskursive Gestaltung von El Pensador beruht sehr stark auf dem oben dargestellten spielerischen Wechsel verschiedener Perspektiven und Darstellungsformen. In den einzelnen Beiträgen baut Clavijo y Fajardo Rahmenfiktionen auf, durch die er Typen und Bräuche der spanischen Gesellschaft auf unterhaltsame Weise vorstellt und Szenen aus dem Alltagsleben beschreibt (vgl. Ertler 2003b: 214f.), zum Beispiel durch Briefe (z.B. III/XXIX) oder Gesprächsszenen (z.B. in I/IX). Einige dieser Beiträge erstrecken sich sogar über zwei oder mehr pensamientos (vgl. Ertler 2003: 44f.). Es herrscht außerdem ein hoher Grad an Intertextualität bzw. Selbstreferenz - El Pensador verweist immer wieder auf sich selbst und stellt Bezüge zwischen den einzelnen pensamientos her (z.B. I/I, 10: „Methodo, ni orden no hay que esperarlo en esta Obra“; I/IV, 1: „Saliò á luz mi segundo Pensamiento con la Carta à las Damas, y sucedió von èl un caso bastante gracioso, que voy a contar [...]“). So entsteht ein übergreifendes Textgefüge, das als solches nicht nur in seinen Einzelteilen sondern vor allem auch als Gesamtwerk betrachtet werden kann (vgl. Ertler 2003a: 44).

Als Prototyp der Moralischen Wochenschriften bedient sich El Pensador natürlich des Mittels der fiktiven Verfasserschaft. Im ersten pensamiento, das als Einleitung fungiert, stellt sich der fiktive Verfasser dem Leser ausführlich vor („Yo, señor mio, soy de genio taciturno, pensador, y nimiamente delicado“, I/I, 2). Die Selbstdarstellung als tugendhafter Philosoph schafft die Legitimationsgrundlage für die folgenden gesellschaftskritischen und richtungsweisenden Beiträge („He vivido bastante tiempo, procurando aprovecharlo en observar à los hombres, y quisiera ser util à los que han de vivir“, I/I, 7). Jedoch lässt der Verfasser in seiner Einleitung auch einige Fragen offen und spielt so mit der Fantasie des Lesers: „[...] si el Autor es blanco, ò tinto, grande, ò pequeño, de genio dulce, ò de complexion biliosa, cosa tan importante para su inteligencia“ (I/I, 1) (vgl. Ertler 2003a: 53f.).

Die Vorteile der fiktiven Verfasserschaft liegen auf der Hand: Hauptsächlich dient sie als Schutzmechanismus für kritische Werke wie El Pensador, denn durch sie wird die Anonymität des Autors gewahrt (vgl. Ertler 2003a: 54). Sie macht übermäßige Rücksichtnahme und Vorsicht gegenüber der Leserschaft und im Hinblick auf die Zensur obsolet und verleiht den Beiträgen einen persönlichen Charakter. Darüber hinaus weckt sie das Interesse der LeserInnen, die durch sie gereizt werden, Mutmaßungen über die wahre Identität des Verfassers anzustellen (vgl. Martens 1968: 65).

Innerhalb des Werkes kommt dem fiktiven Verfasser die wichtige Funktion zu, die einzelnen pensamientos zu ordnen und in einen Zusammenhang zu bringen (vgl. Ertler 2003a: 46). Dies geschieht vor allem über die Einleitungen in die jeweiligen pensamientos. Sie verbinden die einzelnen Beiträge miteinander, werben um die Gunst der Leserschaft für die folgende Kritik und liefern deutliche Rezeptionsvorgaben, nach denen das Erzählte interpretiert werden soll (vgl. Ertler 2003a: 45). So bildet der fiktive Verfasser also einen novellistischen Rahmen und garantiert die innere Einheit der Veröffentlichungen (vgl. Martens 1968: 70).

3) Die Frau in der Gesellschaft der spanischen Aufklärung: zwischen Tradition und Emanzipation

Die Rolle der Frau in der spanischen Gesellschaft stand im 18. Jahrhundert im Zeichen des Wandels. Zwar kam es nicht zu einem Bruch mit Traditionen und einer emanzipatorischen Revolution (vgl. Kilian 2002: 44). Dennoch betrachtet die Forschung den Wandel der Stellung der Frau als eine der „einschneidendsten sozialen Veränderungen des Jahrhunderts“ (Schütz 1997: 189). In diesem Kapitel werde ich deshalb das Rollenverständnis der spanischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts darstellen, Entwicklungen und Probleme in Bezug auf die weibliche Position in dieser aufzeigen und so die von Heike Hertel-Mesenhöller diagnostizierte „Dialektik von Emanzipation und Tradition“ (2001: 102) untersuchen.

3.1) Das Frauenbild im frühen 18. Jahrhundert

Die gesellschaftliche Organisation beruht im Spanien des 18. Jahrhunderts noch immer vornehmlich auf dem starken Einfluss der katholischen Kirche (vgl. Kilian 2002: 43). Frauen werden in theologischer Tradition als inferior und sündhaft betrachtet, und zwar sowohl physisch als auch geistig und moralisch (vgl. Hertel- Mesenhöller 2001: 35). Aufgrund wenig fortgeschrittener Forschung herrscht Unkenntnis über den weiblichen Körper und seine Andersartigkeit im Vergleich zur männlichen Physis. Zwar kommt es zu einer allmählichen Abwendung vom Ein­Geschlecht-Modell der frühen Neuzeit, in welchem der weibliche Körper als imperfekte Variante des männlichen gilt. Dennoch hält sich die Vorstellung, dass Frauen aufgrund ihrer Gebärmutter einem krankhaften Zyklus ausgesetzt sind und dem Mann deshalb in jeder Hinsicht unterzuordnen sind (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 37ff.). Diese Hierarchie ist nicht nur traditionell im gesellschaftlichen Sittenkodex verankert, sondern findet auch Niederschlag in der Rechtsprechung der Epoche. Juristisch werden Frauen in die Kategorie der Minderjährigen eingeordnet und unterliegen daher einer steten männlichen Vormundschaft - zunächst durch den Vater, später dann durch den Ehemann. In der Ehe liegen Autorität und Verantwortung allein beim Mann, die Frau ist zu unbedingtem Gehorsam und Unterwerfung verpflichtet (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 39ff.).

So gelten Frauen auch intellektuell als dem Mann unterlegen und werden daher von geistig anspruchsvollen Aufgaben ausgeschlossen (vgl. Hassauer 1997: 209f). Die Ausbildung von Mädchen findet in der Regel im Elternhaus oder in einem Kloster statt, wo sie sich vornehmlich die handwerklichen Fähigkeiten einer Hausfrau aneignen. Darüber hinaus lernen Mädchen in ihrer Ausbildung die Regeln kennen, denen eine Ehefrau der Zeit unterworfen ist und internalisiern traditionell konservative Moralvorstellungen (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 42f.). Diese Art der Ausbildung unterscheidet sich stark von der der männlichen Altersgenossen, nicht zuletzt weil man der weiblichen Bevölkerung in der Regel nicht einmal Grundkenntnisse im Lesen und Schreiben beibringt[3] (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 44f.). Der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen bleibt Frauen im 18. Jahrhundert verwehrt (vgl. Ortega López 1988: 21); die vergleichsweise kurze Ausbildungszeit dient ausschließlich dazu, Mädchen auf ihr späteres Leben als Hausfrau und Mutter vorzubereiten. Schließlich ist der weibliche Wirkungskreis in der Regel auf die enge Sphäre der Häuslichkeit beschränkt - hogar, familia und maternidad sind, besonders in höheren Schichten, die ausschließlichen Aufgabenbereiche der Frauen (vgl. Kilian 2002: 43). Ihre naturgegebene Bestimmung, Kinder zu gebären und damit den Fortgang der Menschheit zu sichern steht im Vordergrund und gilt als das höchste Lebensziel einer Frau (vgl. Hertel- Mesenhöller 2001: 43). In unteren Gesellschaftsschichten hingegen ist die Berufstätigkeit von Frauen zum Beispiel im landwirtschaftlichen oder industriellen Sektor aus wirtschaftlichen Gründen verbreitet (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 46).

Insgesamt bewegen sich die Frauen der Epoche also ausgesprochen eingeschränkt und sind sowohl aus dem öffentlichen Leben als auch vom Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen ausgeschlossen. Dem Mann kommt in allen Belangen die aktive Rolle zu, während die Frau eine rein passive, empfangende Funktion trägt (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 39). Sally-Ann Kitts spricht in diesem Zusammen­hang sogar von einem männlichen „overriding desire to control and subdue woman“ (1995: 54).

3.2) Die Gesellschaftsdame als Sinnbild für weiblichen Sittenwandel

Ab der Mitte des Jahrhunderts jedoch kommt es zu einem Wandel in der Kultur- und Sittengeschichte des Landes. Frauen, besonders Gesellschaftsdamen aus den gehobenen Kreisen der städtischen Epizentren, beginnen ihre traditionell uneingeschränkte Bindung an Heim und Hof abzulehnen (vgl. Kitts 1995: 55). Die Trennung zwischen Häuslichkeit und Öffentlichkeit gewinnt an Bedeutung; es entsteht die „Kernfamilie in Abgrenzung von der Öffentlichkeit“ (Ertler 2003a: 85). Dieser Paradigmenwechsel zur funktional ausdifferenzierten Gesellschaft führt zur allmählichen Entstehung eine bürgerlichen Mittelschicht, die sich vom gehobenen Bürgertum absetzt, welches seinerseits zum Teil die Umgangsformen des Adels übernimmt (vgl. Ertler 2003a: 84f.) und diesen zunehmend funktionslos macht (vgl. Kilian 2002: 45). In Spanien jedoch ist die Trennung zwischen intimem und öffentlichem Raum im auslaufenden 18. Jahrhundert im Vergleich zu anderen europäischen Nationen[4] wenig fortgeschritten (vgl. Ertler 2003a: 85) Dennoch kommt es zu einer funktionalen Neuverteilung und Frauen besonders der höheren Schichten sehen sich nunmehr in der Möglichkeit, die Grenzen ihres engen Wirkungsbereichs zu überschreiten, sich neuen Themen zuzuwenden und mit anderen Dingen zu beschäftigen (vgl. Kitts 1995: 55f). So nehmen sie Verbindung zu dem Leben jenseits des häuslichen Bereichs auf und vernetzen sich miteinander. Es entstehen regelmäßige zirkelähnliche Treffen der adeligen Damen, so genannte tertulias, welche in eindeutiger Tradition zu der französischen Salonkultur des 16. und 17. Jahrhunderts stehen und den täglichen Kirchgang als einzige Verbindung zur Welt außerhalb des Domizils ablösen. Diese Gesprächskreise stellen für die spanische Damenwelt der Zeit nicht nur eine Gelegenheit der Kommunikation und des Gedankenaustausches dar (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 43), sondern sie bedeuten durch ihr Zustandekommen im Hause einer der jeweiligen Damen auch die Öffnung der heimischen Sphäre für familienfremde Personen und damit eine zumindest räumliche Aufhebung der bisherigen Abschirmung der Frau vor anderen Männern als ihrem Ehemann (vgl. Kilian 2002: 45).

Mit dieser neuen Sitte einher geht der entstehende Trend unter Gesellschafts­damen, Kontakt zu einem Hausfreund, dem so genannten cortejo, zu pflegen. Dieser hat als ständiger Weggefährte nicht nur ungehinderten Zugang zu den privaten Räumen der verheirateten Damen und ihrer Familien, sondern fungiert auch als Berater in modischen Fragen und Begleiter bei gesellschaftlichen Anlässen wie zum Beispiel den oben beschriebenen tertulias (vgl. Kilian 2002: 45f.). Darüber hinaus betrachten Frauen von höherem Stand den cortejo als Möglichkeit, ihren gesellschaftlichen Status zu demonstrieren (vgl. Kitts 1995: 62). Auf welcher Ebene, ob auf platonischer oder amouröser, sich diese Beziehungen bewegen, ist in der Forschung umstritten. Francisco Aguilar Piñal zum Beispiel hält die Verhältnisse zwischen Damen und cortejos für „aduiterio[s] consentido[sf‘ (1991: 59), die für die Frauen eine Gelegenheit darstellen, sich durch die Flucht in eine Liebesbeziehung aus den Zwängen ihrer Ehe zu befreien. Werner Krauss dagegen sieht in ihnen keineswegs ein Anzeichen der Unmoral oder des Ehebruchs, sondern vergleicht die Beziehungsstruktur mit der eines Minnesängers zu seiner Herrin (vgl. Krauss 1973: 49).

Das Abwenden von Häuslichkeit und Privatem bedeutet für die Frauen des 18. Jahrhunderts auch ein Hinwenden zu Fragen der Äußerlichkeit; die Begriffe ,Schönheit‘, ,Mode‘ und ,Luxus‘ geraten verstärkt in den weiblichen Fokus. Die Damen höherer Gesellschaft investieren nunmehr viel Zeit in kosmetische Behandlung (vgl. Kilian 2002: 46f.), die jedoch den Gebrauch von Wasser durch kosmetische Produkte zu ersetzen versucht und damit die elementarsten Regeln der Körperpflege missachtet (vgl. Ertler 2003a: 90). Was ihre Kleidung anging, so wenden sich die Damen der Gesellschaft ab von der traditionell in gedeckten Farben gehaltenen spanischen Kleidung und hin zu französischer Importmode (vgl. Kilian 2002: 46). Dieser „exzessive Schönheitskult“ (Ertler 2003a: 88) und der weibliche Hang zu Luxusartikeln sind der männlichen Bevölkerung ein Dorn im Auge, da er Ausdruck dafür ist, dass Frauen beginnen, ihre traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter abzulehnen (vgl. Kitts 1995: 94). Man versucht daher mit gewissem Nachdruck, ein staatlich diktiertes einheitliches Gewand für Frauen durchzusetzen. Dieses soll die spanische Wirtschaft vor dem Eindringen ausländischer Manufaktur schützen, die familiären Ausgaben für Mode gering halten und die allzu offensichtliche Demonstration von Reichtum und Macht verhindern, kann sich jedoch in der Gesellschaft nicht durchsetzen (vgl. Bolufer Peruga 1998: 169 ff.).

In der sich verändernden Gesellschaft verbessert sich auch die Ausbildung der Frauen geringfügig (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 102). Die Töchter der höheren Schichten bzw. der Aristokratie werden verstärkt von Privatlehrern und -erziehern unterrichtet, die ihnen Lesen und Schreiben, religiöse Themen und handwerkliche Fähigkeiten einer Hausfrau beibringen. Darüber hinaus kommt es ab 1783 nach königlicher Anordnung zur Einrichtung von Mädchenschulen in Madrid, wo neben den oben genannten Unterrichtsthemen die Unterweisung in elementare Regeln der Körperhygiene tritt. Das dominante Thema jeder weiblichen Erziehung bleibt auch im auslaufenden 18. Jahrhundert die religiös-moralische Unterweisung zu utilitaristischen Zwecken des Erhalts der gesellschaftlichen Ordnung (vgl. Hertel- Mesenhöller 2001: 43ff.).

Die Veränderungen, die sich ab der Mitte des Jahrhunderts darstellen, deuten die „zaghafte Entstehung eines neuen, progressiven Frauenbildes“ (Hertel-Mesenhöller 2001: 103) jenseits von physischer und geistiger Unterwerfung an. Die mit Feijoos Defensa de las Mujeres einsetzende Diskussion über das weibliche Geschlecht trägt durchaus fortschrittliche Gedanken, die sogar emanzipatorische Bestrebungen hervorrufen. Dennoch bleibt die geschlechtsspezifische Rollenverteilung, die die Frau auf ihre Mutterschaft beschränkt, erhalten und tatsächliche Verbesserung in Ausbildung und Wirkungskreis bleibt den Frauen der oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 102f.).

4) Das aufklärerische Frauenbild in ,El Pensador‘

Die Rolle der Frau in einer aufgeklärten Gesellschaft und die Ausbildung, die diese erforderlich macht, sind zentrale Themen in El Pensador. Verschiedene pensamientos widmen sich vor allem der Erziehung von Frauen, ihrer gesellschaftlichen Funktion und der Bedeutung von Schönheit für die Damen der Epoche (vgl. Kitts 1995: 60). Diese Fokussierung auf das weibliche Geschlecht ist als Reaktion auf die sich abzeichnenden Emanzipationsbestrebungen zu sehen, die im Widerspruch zu der von Clavijo y Fajardo angestrebten Rolle der Frau in einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft stehen (vgl. Kitts 1995: 53f.).

Dieses Kapitel wird sich daher dem aufklärerischen Frauenbild, wie es in El Pensador propagiert wird, widmen. Ich werde kurz die wichtigsten Angriffspunkte der Kritik Clavijo y Fajardos an dem Verhalten der Gesellschaftsdame darstellen, um dann im Anschluss auf das gewünschte Ideal der Frau und die zielgerichtete Erziehung hin zu diesem Ideal einzugehen.

4.1) Kritik am neuen weiblichen Lebenswandel

Wie bereits angedeutet werden die neuen Freiheiten, die der gesellschaftliche Wandel des 18. Jahrhunderts den Frauen bringt und die Gewohnheiten, die diese sich ab der Mitte des Jahrhunderts anzueignen beginnen, von der Gesellschaft, besonders natürlich der männlichen, nicht wortlos akzeptiert. Besonders Verfechter aufklärerischen Gedankengutes wie Clavijo y Fajardo üben teils harsche Kritik am neuen Lebenswandel der Frauen, so auch in El Pensador (Vgl. Kilian 2002: 46).

Im Mittelpunkt der Kritik steht zunächst das gesellschaftliche Phänomen des cortejo. Bereits die Definition, die Clavijo y Fajardo zu dem Galán liefert, zeigt eine deutlich kritische Betrachtung: „Es un pretexto, á cuya sombra se passean muchos escándalos, disfrazados bajo los especioses títulos de obsequio, reconocimiento, y amistad.“ (I/IV, 18). Der cortejo unterminiert in den Augen des Verfassers nicht nur die Institution der Ehe, sondern vor allem die moralischen Grundlagen der Gesellschaft insgesamt (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 42f.). Er übertritt in aller Öffentlichkeit symbolische Schranken, verstößt damit aus aufklärerischer Sicht gegen die auf Vernunft und Tugend beruhenden Sitten und ist in glücklichen Ehen völlig unangebracht. Darüber hinaus stellt Clavijo y Fajardo fest, dass der cortejo keine nützliche Funktion in der Gesellschaft inne hat, somit also nicht zur felicidad pública beiträgt (vgl. Ertler 2003a: 93ff.). Er ist ganz im Gegenteil in der Regel ein ungebildeter, ungehobelter Mann, der schlechten Einfluss auf die Damenwelt ausübt (vgl. I/XVIII, 87f.). In direktem Zusammenhang dazu steht auch seine Kritik an den weiblichen Gesprächszirkeln, den tertulias. Diese betrachtet er als verschwendete Zeit, da die Kommunikation nur um der Kommunikation willen und der Austausch von belanglosen Neuigkeiten ebenfalls gegen das Prinzip der Nützlichkeit verstoßen. Weibliche Gesellschaft führt in den Augen des Verfassers durch die naturgegebene lasterhafte Neigung der Frauen in der Regel zu Eitelkeit, Selbstdarstellung und Verleumdung und hat keinen gesellschaftlichen Nutzen (vgl. Ertler 2003a: 96f.).

Neben dem Hausfreund und weiblicher Geselligkeit werden vor allem der Schönheitskult der Damen und die Funktion der Schönheit in der Kommunikation zwischen beiden Geschlechtern problematisiert. Wie bereits erwähnt missachtete die extreme kosmetische Behandlung der Gesellschaftsdamen im Sinne der Schönheit die Grundregeln der Körperhygiene, was von Clavijo y Fajardo immer wieder betont und kritisch kommentiert wird (vgl. Ertler 2003a: 90). Überhöhte Schönheit der Frauen dient laut Clavijo y Fajardo ausschließlich der Wahrung des Scheins und reizt Männer - beides aus Verfassersicht nicht gewünschte Effekte, die letztendlich zu Unheil führen können (vgl. Ertler 2003a: 87f.).

Hinter diesen konkreten Kritikpunkten der Wochenschrift steht eine grundsätzliche Ablehnung der Veränderungen im Verhalten der Damenwelt, in denen Clavijo y Fajardo keinen Nutzen für die Gesellschaft ausmachen kann (vgl. Kitts 1995: 55). Ganz im Gegenteil stehen der kommunikationsstarke Lebensstil der Gesellschaftsdamen und ihr steter Müßiggang in deutlichem Widerspruch zu der aufklärerischen Überzeugung, dass die Aufgaben der Frau sich auf nützliche Arbeiten im Haushalt beziehen und sie sich moralisch absolut einwandfrei zu verhalten hat (vgl. Ertler 2003a: 98). Den Frauen wird daher in El Pensador vorgeworfen, ihrer Berufung als moralische Instanz in der Gesellschaft nicht mehr nachzukommen, sondern stattdessen die Autorität in der Ehe und Familie zu verlangen und den Ehemann so zu degradieren (vgl. Kilian 2002: 46). Es komme so nach Clavijo y Fajardo zu einer Verweiblichung des männlichen Geschlechts, da Väter und Ehemänner Macht und Kontrolle einbüßten und ihre nunmehr einzige Aufgabe darin bestünde, den kostspieligen Lebenswandel der Frauen zu finanzieren: „¡Y que haya padres, y maridos, que mientras ellos están afanándose para el sustento, y la decencia de sus mugeres, ó hijas, sufran que estén éstas haciéndose ayre con el abanico, teniendo al oído el Cortejo, haciendo alarde de sus galas en el Passéo, ó perdiendo el tiempo en el Tocador!“ (II/XX, 200f.). Heike Hertel-Mesenhöller vermutet hinter diesen Vorwürfen eine grundlegende Angst der männlichen Bevölkerung vor dem Verlust der eigenen Vormachtstellung und einem Machtgewinn der weiblichen Zeitgenossinnen (vgl. 2001: 95).

4.2) Ein Idealbild der Frau

Die Ausführungen in Abschnitt 3.1 zeigen deutlich, dass das Weiblichkeitskonzept der aufklärerischen Denker in enger Verbindung zu den Schlagworten utilidad und felicidad pública, mit denen die Wiedererstarkung des Landes vorangetrieben werden sollte, steht. Die Aufgabe der Frau, sich als für die Gesellschaft nützlich zu erweisen und in ihrer Funktion als Hausfrau und Mutter zur felicidad pública beizutragen steht daher, wie ich im Folgenden zeigen werde, als grundsätzlicher Leitfaden über den konkreten Ausführungen Clavijo y Fajardos zur Frauenthematik (vgl. Kilian 2002: 47).[5]

4.2.1) Erziehung und Bildung

Aufklärer wie Clavijo y Fajardo sehen in Bildung und Erziehung den Schlüssel zu der Ausformung der Frauenwelt nach ihren Vorstellungen (vgl. Kitts 1995: 53). Das grundsätzliche Ziel jeder Bildung des weiblichen Geschlechts ist, dass Frauen nicht durch willkürliche Vorschriften ihrer männlichen Zeitgenossen bevormundet werden, sondern dass sie durch eine intellektuelle Erweiterung ihres Horizontes selbst zu einer neuen Setzung von Prioritäten gelangen (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 94). Die Frau soll also durch Bildung zur idealen Ehefrau geformt werden, die die perfekte Hausfrau und Mutter mit den Eigenschaften eines gebildeten Gesprächspartners für den Ehemann verbindet. In gewisser Weise liegt hier ein Paradoxon vor, denn sie soll einerseits weiterhin an den häuslichen Bereich gebunden sein und andererseits gleichzeitig eine intellektuelle Bildung erfahren. Hinter diesem scheinbaren Widerspruch steht jedoch die Überzeugung, dass Frauen durch entsprechende Bildung lernen, aufklärerisches Gedankengut zu verinnerlichen und zu teilen (vgl. Kitts 1995: 61). So sollen sie zum Beispiel mit Hilfe der richtigen Erziehung selbst die Immoralität und unnütze Funktion des cortejo erkennen und sich von der Sitte distanzieren, ohne von männlicher Seite dazu gezwungen zu werden (vgl. Kitts 1995: 64f.). Des Weiteren soll Erziehung dazu führen, dass Frauen lernen, ihre Rolle als Hausfrau und Mutter zu schätzen und den Wert ihrer Arbeit realisieren. Mit dieser Erkenntnis kehren Frauen, die sich die oben beschriebenen Freiheiten genommen haben, idealerweise gern von selbst in das heimische Umfeld zurück (vgl. Kitts 1995: 61).

Von diesem Selbstzweck abgesehen ist die hauptsächliche Aufgabe weiblicher Erziehung, die Frauen zu angenehmen Gefährten für ihre Männer zu formen. Damen der höheren Schichten sollen schöngeistig erzogen werden, damit sie die folgenden drei Funktionen ausfüllen können: Sie sollen erstens qualifizierte Gesprächspartnerinnen für ihren Mann sein, zweitens ein gutes Vorbild für ihre Kinder darstellen (vgl. Ertler 2003a: 131f.) und diese angemessen erziehen und sollen drittens in männlicher Gesellschaft eine gute Figur abgeben und sich nicht durch Ignoranz diskreditieren (vgl. Kitts 1995: 89). Das erste dieser drei Ziele findet vergleichsweise mehr Beachtung in El Pensador, weibliche Erziehung wird also vorwiegend als zusätzlicher Gewinn für den Ehemann behandelt (vgl. Kitts 1995: 66). Jedoch erkennt Clavijo y Fajardo die intellektuelle Gleichwertigkeit des weiblichen Geschlechts nicht an (vgl. Hertel-Mesenhöller 2001: 51), weshalb die geistige Erziehung der Frauen seiner Meinung nach sehr limitiert auszufallen habe (vgl. Kitts 1995: 66).

Es steht also fest, dass der Bildungskanon der Damenwelt grundlegend reformiert werden muss, um Frauen im Sinne der wahren Schönheit, wie ich sie in Abschnitt 4.2.2 thematisieren werde, zu erziehen. Die Beantwortung der Frage, wie genau diese Erziehung auszusehen hat, bleibt Clavijo y Fajardo jedoch schuldig[6] (vgl. Kitts 1995: 65). Sally-Ann Kitts bezeichnet seine Ausführungen als theoretisch und unpräzise und vermisst klare Definitionen der Schlüsselbegriffe Tugend, Bescheidenheit und Klugheit (vgl. 1995: 69).

Dennoch bewegen sich Erziehung und Bildung unter den wichtigsten Begriffen der gesamten Wochenschrift. Dem zugrunde liegt die Überzeugung Clavijo y Fajardos, dass nicht nur Frauen, sondern Spanien als solches nur zu echtem und effektivem Wandel im Sinne der Aufklärung gelangen kann, wenn jedes Glied der Gesellschaft eigenständig rational denkt und die Bedeutung und Konsequenzen seiner Handlungen im Hinblick auf den gesellschaftlichen Nutzen und die felicidad pública selbst kritisch hinterfragt (vgl. Kitts 1995: 76). Hier zeigt sich die prinzipielle Gewissheit aller Aufklärer, dass Wissen und Bildung die Grundlage für jede Art von Veränderungen sind (vgl. Floeck 1980: 366).

4.2.2) Das Prinzip der,wahren‘ Schönheit

Clavijo y Fajardo beschränkt sich nicht darauf, den Schönheitskult der Damenwelt zu kritisieren, sondern er formuliert stattdessen genaue Angaben, wie ,wahre‘ Schönheit zu verstehen ist. So stellt er fest, dass körperliche Attraktivität mit gewissen Begleitmaßnahmen versehen werden muss, um dauerhafte Wertschätzung der Männer zu erlangen (vgl. Ertler 2003a: 89). Wahre Schönheit entsteht für ihn also erst, wenn Frauen neben körperlicher Anziehung vor allem in ihrem Geiste und Verhalten schön sind, wenn sie also virtud und discreción miteinander vereinen: „Que la belleza realzada por la virtud, y la discreción, que son las que cautivan el corazon, y el espiritu, forma und objeto sin comparacion mas noble, y estimable.“ (I/II, 27f.). Diese Eigenschaften, so Clavijo y Fajardo, würden dem weiblichen Geschlecht Frieden, Gemütsruhe und Freude bringen, wodurch die Frau in sich ruhen und so eine gelassene Attraktivität ausstrahlen könne (vgl. I/II, 19ff.). Die Frau soll also ihrer natürlichen körperlichen Schönheit die Schönheit des Geistes in allem, was sie tut und sagt, hinzufügen (vgl. Kitts 1995: 78), denn Tugend, Klugheit, Verstand und Bildung sind die Elemente, die wahre Attraktivität ausmachen und ohne die die Schönheit als Unwert zu verstehen ist (vgl. Ertler 2003a: 90).

5) Pensamiento XXIX: Carta instructiva á una Señorita recien Casada

Nachdem ich in den beiden vorherigen Kapiteln eine Grundlage zur formalen und inhaltlichen Struktur des El Pensador und dem gesellschaftlichen Diskurs zur Rolle der Frau geschaffen habe, möchte ich im nun folgenden dritten Teil die beiden Elemente zusammenführen. Ich werde dafür das 29. pensamiento inhaltlich im Hinblick auf das Frauenbild der Zeit und diskursiv unter Hinzuziehung der dargestellten Stilmittel analysieren.

Das 29. pensamiento beinhaltet zusammen mit dem 30. pensamiento eine sinngemäße Übersetzung des Aufsatzes „A Letter to A Very Young Lady on Her Marriage“ von Jonathan Swift (vgl. Kitts 1995: 77). Es trägt also die in Moralischen Wochenschriften sehr verbreitete Form eines Leserbriefes und eignet sich deshalb als Prototyp eines pensamientos dieser Form besonders gut zur diskursiven Analyse.

Darüber hinaus behandelt oder tangiert das 29. pensamiento die zentralen Themen des gesellschaftlichen Diskurses über die Rolle der Frau, die ich in den vorherigen Kapiteln ausgearbeitet habe. In der vorliegenden Arbeit ist es deshalb auch für eine inhaltliche Analyse gut geeignet.

5.1) Einbettung in das Gesamtwerk ,El Pensador‘

Das pensamiento steht als insgesamt 29. an zweiter Stelle des dritten Veröffentlichungsbandes. Es folgt auf das 28. pensamiento, das den Leser in den nun folgenden Band einführt und sich ansonsten mit dem Verhalten der Gesellschaft in der Kirche befasst. Das 29. Pensamiento selbst wird gefolgt von einer thematischen Weiterführung im 30. Artikel, der sich hauptsächlich mit den Themen der weiblichen Gesprächigkeit und des Umgang mit Bediensteten befasst (vgl. Ertler 2003a: 100).

Inhaltlich steht das pensamiento in direkter Folge auf eine verhältnismäßig große Anzahl vorhergegangener Artikel. Wie bereits erwähnt gilt die Damenwelt und damit weibliches Verhalten als eines der wichtigsten Themen in El Pensador, was sich natürlich nicht nur inhaltlich, sondern vor allem auch in der Vielzahl der Beiträge äußert. So befassen sich im ersten Band fünf pensamientos direkt mit Themen, die in Verbindung zu dem weiblichen Geschlecht stehen und im zweiten Band immerhin noch drei. Diese ersten acht thematisch verwandten pensamientos, die dem 29. vorausgehen, befassen sich mit der gesellschaftlichen Rolle der Frau allgemein, mit den sozialen Phänomenen des cortejo und der tertulia, mit der Erziehung weiblicher Nachkommen und den Defiziten weiblichen Verhaltens. Das hier behandelte pensamiento fügt sich also in die Thematik gut ein und leistet als Verhaltensrichtlinie einen konstruktiven Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs.

5.2) Zusammenfassung und inhaltliche Analyse

Das Thema des pensamientos wird schon im Titel ,Carta instructiva á una Señorita recien Casada‘ deutlich: Es handelt sich um eine Darstellung des richtigen Verhaltens einer jungen Ehefrau im aufklärerischen Rollenverständnis bzw. in katholischer Tradition (vgl. Ertler 2003a: 98).

Der Verfasser möchte die junge Leserin auf ihre Rolle als untergebene und treue Gattin vorbereiten und verfasst gleich zu Beginn des Briefes wichtige Verhaltensregeln. So legt er der Jungvermählten nahe, in der Gesellschaft zurückhaltend aufzutreten, ihre Gefühle nicht öffentlich zu machen und ihre Leidenschaft zu verbergen, vor allem, wenn ihr Ehemann länger abwesend ist (vgl. Ertler 2003a: 98f.). Diese Richtlinie zeigt sehr deutlich den männlichen Wunsch nach einer sittsamen, repräsentativen Gemahlin und Gesprächspartnerin, und die Verpflichtung der Frau, diesen Wunsch zu erfüllen. Es handelt sich hierbei, in Anlehnung an Termini aus der Wirtschaftswissenschaft, um ein Gefüge aus Angebot und Nachfrage, das an dieser Stelle der Wochenschrift ganz konkret den generellen Tonus des gesamten pensamientos vorschreibt: „[...]vuestra instrucción, sin cuyo beneficio es imposible adquirir, ò conservar el cariño, y la estimacion de un hombre sabio [...]pues en ella no busca yá un Cortejo, sino una prudente compañera, y una amiga verdadera mientras viva“ (III/XXIX, 32f.). Das Ziel der Ratschläge, die Frau zu einem angenehmen Zeitgenossen und Gesprächspartner zu machen, wird nicht verborgen; es ist ganz im Gegenteil für jeden Leser offensichtlich, dass die Aufgabe der Ehefrau ist, den Mann in der Verwirklichung seiner selbst zu unterstützen und zu verhindern, dass er durch häusliche Aufgaben abgelenkt wird. Der Mann steht im Mittelpunkt des Familienlebens, während die Frau sich aufopfert, um ihm ein möglichst sorgenfreies und angenehmes Leben zu ermöglichen (vgl. Kitts 1995: 78).

Im Folgenden wendet sich der Verfasser des Briefes den weiblichen Kommunikationsstrukturen und den tertulias zu. Er stellt fest, dass soziale Kontakte vor allem dem männlichen Geschlecht vorbehalten sein sollten, da Kontakt unter Frauen negative Eigenschaften in diesen hervorbringt. So bezeichnet er weibliche Zusammenkünfte als „escuela[s] de error, y de murmuración“ (III/XXIX, 42), die Stolz, Freizügigkeit und Laster provozieren. Es handelt sich um eine Haltung, die misogyner kaum sein könnte und die Frau auf sehr direkte Weise in ihre Grenzen verweist. Die Öffentlichkeit ist der Männerwelt vorbehalten und es obliegt dem Ehemann, männliche Gesellschaft (so sie denn überhaupt geduldet) für die Ehefrau auszuwählen (vgl. Ertler 2003a: 99).

Dieser Ausschluss der Frau aus der öffentlichen Sphäre steht in engem Zusammenhang mit der nun folgenden Einschätzung ihres Intellekts. Der Verfasser ordnet Frau aufgrund ihrer inferioren Vernunft dem Mannes unter und siedelt sie nur knapp über den Affen an: „Quando me pongo à reflexionar sobre esto, me falta poco para pensar, que las mugeres no son criaturas racionales, sino otra cierta especie de animales, poco superiores à las monas [...]“ (III/XXIX, 51). Damit deutet er an, dass Frauen die gesellschaftliche Dimension der Aufklärung stören und stellt so den Allgemeingültigkeitsanspruch aufklärerischer Argumente in Frage. Weibliche Rationalität folge schließlich anderen Regeln als die des Mannes, was dazu führe, dass Frauen aus dem vernünftigen Diskurs der Männer ausgeschlossen werden müssten. Der Verfasser legt den Frauen daher nahe, sich statt mit Schmuck lieber mit ihrer Bildung zu beschäftigen (vgl. Ertler 2003a: 99) und appelliert dabei auch an ihre Sparsamkeit, d.h. den vernünftigen Umgang mit Geld: „Tambien espero, que vuestros vestidos serán un grado menos costosos de lo que puedan sufrir vuestras conveniencias [...]“ (III/XXIX, 52).

Die beiden Themen, die er mit dem oben genannten Ratschlag anspricht - Schönheit und Bildung - werden an anderer Stelle des pensamientos weiter ausgeführt. In Fortführung der Leitlinie des zweiten Briefes ‘Carta del Pensador à las Damas sobre su instrucciorí bezeichnet er körperliche Schönheit als kurzlebig und verlangt eine Erweiterung dieser durch „otras prendas mas duraderas, y mas substancialmente recomendables“ (III/XXIX, 46). Der Verfasser ergänzt die bekannten Argumente für ,wahre‘ Schönheit, die ich in Abschnitt 4.2.2 dargestellt habe, um ein grundlegendes: Bleibende Werte stünden im Vordergrund, weil die Ehe eine nützliche und vernünftige Verbindung sei, keine auf Leidenschaft beruhende Liebesbeziehung. Leidenschaft als solche bringt der Verfasser mit den Gattungen des Romans und des komischen Theaters in Verbindung und verlangt eine Unterdrückung jeglichen Begehrens. Damit schließt er an verbreitete katholische Argumentationsstrukturen zur ,Fleischeslust‘ an (vgl. Ertler 2003a: 99).

Bildung als Leitthema des Briefes dient also der Vervollkommnung von Schönheit und der vernunftorientierten Gestaltung des Haushaltes durch die Ehefrau. Frauen sollten in den Augen des Verfassers die Lektüre erbaulicher Texte üben. Grundsätzlich geht es dem Briefschreiber weniger um intensive Ausein­andersetzung als um extensive, reflektierende Lektüre, denn das Ziel der Frau solle vor allem sein, Lesen zu lernen und zu üben (vgl. Ertler 2003a: 100). Aus diesem Grund wird den jungen Frauen angeraten, regelmäßig ihren Ehemännern oder anderen Männern, niemals jedoch einer anderen Frau, laut vorzulesen, um auf Fehler aufmerksam zu werden: „Por esto os aconsejo leais en alta voz alguna cosa todos los dias delante de vuestro marido, si lo permite; ò si no, delante de otro qualquier amigo, que sea capaz de corregiror; pero no delante de otra muger, que no pueda conocer los defectos“ (III/XXIX, 55). Wichtig ist jedoch ebenfalls die Auswahl vernünftiger Bücher, die allein den Herren obliegt. Schließlich legt die geistige Elite Spaniens genau fest, was für eine Frau wichtig ist zu wissen und was nicht (vgl. Kilian 2002: 48).

Insgesamt fügt sich der Brief des 29. pensamientos inhaltlich gut in die aufklärerische Struktur der gesamten Wochenschrift ein. Er betont das grundlegend erwünschte Ziel jeder Ehefrau, ihrem Mann zu dienen und für ihn attraktiv zu sein:

Serà, en suma, vuestro principal cuidado, y vuestra primera obligacion adquirir, y conservar la estimacion, y el cariño de vuestro marido, ya que estais casadas con un hombre de buena educacion, de admirable doctrina, de excelente entendimiento, y de delicadissimo gusto. (III/XXIX, 44f.)

Deutlich wird also die strikte Unterordnung der Frau unter die Bedürfnisse des Mannes und ihre Pflicht im Sinne der utilidad, ihre Rolle als Ehefrau nicht nur zu bekleiden, sondern vor allem zu schätzen und selbstständig aktiv zu wählen.

5.3) Diskursive Analyse

Das 29. pensamiento beginnt mit einer kurzen Einleitung des Herausgebers, in der er darstellt, dass er krankheitsbedingt nicht in der Lage gewesen ist, einen Artikel zu einem anderen Thema zu veröffentlichen, wie es eigentlich geplant war. Stattdessen drucke er nun einen Brief ab, bei dem nicht klar ist, aus wessen Feder er stammt. Diese Einleitung ist, wie ich in Abschnitt 2.2. erläutert habe, typisch für El Pensador; der fiktive Verfasser setzt sich damit von dem folgenden Text ab und stellt einen kommunikativen Rahmen her, der dem Leser ermöglicht, das pensamiento in die formale und inhaltliche Gesamtstruktur einzuordnen. Es wird jedoch keine explizite Verbindung zu einem vorhergegangenen pensamiento hergestellt, was in anderen Artikeln häufig der Fall ist.

Die Veröffentlichung eines Briefes als pensamiento gehört, wie ebenfalls in Abschnitt 2.2 dargestellt, zu den häufigsten Mitteln der Moralischen Wochenschriften und hat verschiedene Funktionen. Zunächst vermittelt der Brief als Medium der Geselligkeit eine gewisse Lebendigkeit und stellt einen persönlichen Kontakt her (vgl. Ertler 2003a: 87f.). Darüber hinaus schützt seine Form den Herausgeber als „fiktionalisierte Schutzschicht“ (Ertler 2003a: 95), da er direkte Rückschlüsse auf in diesem Fall Clavijo y Fajardo verhindert. Im vorliegenden pensamiento ist das vor allem bei gewagten Aussagen wie zum Beispiel dem Vergleich der Frauenwelt mit Affen (Zitat siehe oben) von Bedeutung. Die dritte und nicht weniger wichtige Funktion des Mediums Brief liegt im Selbstzweck der Wochenschriften begründet. El Pensador beschränkt sich nicht darauf, seine Leserschaft durch explizite Anweisung zu tugendhafter Lektüre aufzufordern. Stattdessen sucht die Wochenschrift selbst, durch ihre fiktionalisierte Form die Lust am Lesen zu wecken (vgl. Ertler 2003a: 99).

Der hier abgedruckte Brief beginnt mit einer direkten Ansprache der weiblichen Leserschaft und einer Darstellung der Beweggründe für die Formulierung der Ratschläge: „[...] entrais ahora, Señora mia, en un genero de vida, en que havreis menester mucho consejo, para evitar el caer en un gran numero de errores [...]“ (III/XXIX, 29f.) Mit der direkten Adressierung seines Publikums konkretisiert der Verfasser des Briefes den Kommunikationsakt und definiert seine Zielgruppe. Seine kommunikative Haltung zeigt, dass der Briefschreiber als „säkularisierte Version des dominanten Beichtvaters“ (Ertler 2003a: 98) auftritt und dessen Rolle einnimmt. So steht das pensamiento in katholischer Tradition[7] und wechselt vereinzelt vom religiösen Paradigma in vernunftorientierte Moral (vgl. Ertler 2003a: 100). Solche Wechsel des Regelkanons sind in der Aufklärung typisch (vgl. Ertler 2003a: 134).

In seiner Selbstdarstellung bezeichnet sich der Verfasser als enger Freund der elterlichen Generation und tritt an bestimmten Stellen sogar durch Verwendung der ersten Person Plural auf eine Stufe mit der Leserschaft: „El amor, que todos tenemos à la libertad[...]“ (III/XXIX, 30).

Der Hauptteil des pensamientos besteht aus einer Reihe sehr konkreter Verhaltensanweisungen, die eine enge Verbindung zur religiösen Diskursivik aufweisen (vgl. Ertler 2003a: 99). Dies wird zum Beispiel an der bereits dargestellten Forderung nach Zähmung der Leidenschaft deutlich: „[...] aquella ridicula passion que debe su existencia à las Novelas, y solo reside en los Theatros Comicos“ (III/XXIX, 46f.). Grundsätzlich sieht der Verfasser in der Regel von vorsichtigen Umschreibungen ab und formuliert seine Vorstellungen stattdessen sehr klar, direkt und konkret. Er wechselt dabei zwischen einer eher nüchternen Formulierung im Infinitiv (z.B. „Mas cuidado, Señora, con no depreciar, ni olvidar mis instrucciones [...] no solo hacer un respetable papel en el mundo, sino conseguir vuestra propia felicidad[...]“, III/XXIX, 33) und dem Imperativ, der seinen Anweisungen mehr Nachruck verleiht: „Ocultad vuestra estimacion [...] y guardad las afectuosas miradas“ (III/XXIX, 35).

Zwischen den Verhaltensregeln finden sich immer wieder Passagen, in denen der Verfasser Beobachtungen schildert, die er in der Gesellschaft gemacht hat: „Y puedo assegurar sobre este punto, segun lo que prácticamente tengo observado, que las que hacen mayores extremos de dolor por la ausencia de sus maridos, son las que [...]“ (III/XXIX, 37). Diese Herangehensweise findet sich an verschiedenen Stellen in El Pensador und gilt als typisches diskursives Mittel der Moralischen Wochenschriften (vgl. Ertler 2003a: 95).

Der Verfasser des Briefes verfällt darüber hinaus immer wieder in einen despektierlichen Tonfall (vgl. Ertler 2003a: 96). So spricht er zum Beispiel von „aquellas Señoras, llamadas Literatas“ und zeigt durch diese Formulierung deutlich, dass er den Wert der Bildung jener Damen‘ grundsätzlich in Frage stellt. Es handelt sich also im vorliegenden pensamiento nicht nur um direkt ausgesprochene Verurteilungen, sondern um eine unterschwellige Geringschätzung, die vereinzelt durch entsprechenden Sprachgebrauch zum Vorschein kommt.

Der Brief endet mit einer erneuten Legitimation seiner selbst bzw. des Verfassers, wie sie in ähnlicher Form auch zu Beginn vorzufinden ist („[...]porque he empleado mas tiempo, y ha tenido mas ocassiones que otros, para observar, y descubrir el origen, y causas de donde proceden las locuras de vuestro sexo.“, III/XXIX, 57) und einem Verweis auf eine Weiterführung des Themas in der folgenden Woche - ein ebenfalls typisches Element der Moralischen Wochenschriften.

An dieses Schlusswort des Verfassers schließt ein erneutes Eingreifen des Herausgebers an. Dieser stellt kurz die schwierige Lage dar, in der er sich befindet, da die Leser hinter seinen Botschaften vermehrt konkrete Personen zu erkennen glauben (vgl. Ertler 2003a: 53). Der Verfasser macht also erneut sich selbst zum Thema und verweist auf die Fiktionalität seiner Texte, was in Verbindung zu seinen einleitenden Worten steht und damit den symbolischen Kreis schließt.

6) Schlussbetrachtung

Wie die vorliegende Arbeit zu zeigt, hat Clavijo y Fajardo sein eingangs zitiertes Versprechen, dem weiblichen Geschlecht in seiner Moralischen Wochenschrift besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, gehalten. Er vertritt ein streng aufklärerisches Frauenbild im Sinne von Rousseau, das die Frau nach ihrer biologischen Funktion bestimmt und an die häusliche Sphäre bindet, die im 18. Jahrhundert von dem Bereich der Öffentlichkeit getrennt war (vgl. Ertler 2003a: 84f.). Als strenger Beobachter und Richter scheut er sich nicht, die Verhaltensweisen und Sitten der Zeitgenossinnen harsch zu kritisieren und ihre Moralität zu hinterfragen (vgl. Kitts 1995: 81). Um eine Verbesserung dieses unwillkommenen weiblichen Betragens zu erreichen, sind für Clavijo y Fajardo Bildung im Sinne der Vernunft und vorbildliche Erziehung von zentraler Bedeutung. Schließlich ist er überzeugt, dass die Reduzierung des weiblichen Wirkungskreises auf die Häuslichkeit einen Dienst an der Gesellschaft darstellt, den Frauen selbst einsehen werden, wenn sie entsprechend gebildet und belesen sind (vgl. Kitts 1995: 76).

Wie Kapitel zwei deutlich zeigt, beantwortet Clavijo y Fajardo die in der Einleitung aufgeworfenen Fragen nicht nur inhaltlich sondern auch gestaltungsästhetisch in typisch aufklärerischer Tradition. El Pensador als Gesamtwerk kombiniert die wichtigsten gattungskonstituierenden Merkmale der Moralischen Wochenschriften, namentlich vor allem die fiktive Verfasserschaft, die erziehende Intention, die Verwendung von spielerischen Elementen und die enge Bindung zur Leserschaft (vgl. Martens 1968 15ff.) auf geradezu vorbildhafte Weise. Die Analyse des 29. pensamiento zeigt außerdem, dass es sich auch auf Mikroebene um eine absolut typische Diskursivik handelt.

Es ist also abschließend festzuhalten, dass El Pensador als Moralische Wochenschrift einen innovativen diskursiven Ansatz verfolgt. Dieser Neuartigkeit schreibt er jedoch ein traditionelles Frauenbild ein, das sich nur in seiner Begründung von der gnadenlosen Unterdrückung vorheriger Jahrhunderte absetzt.

7) Literatur

Primärtext:

Clavijo y Fajardo, José: El Pensador, 1762-1767. Presentación, Manuel Lobo Cabrera, Enrique Pérez Parrilla, studio Yolanda arencibia. Las Palmas de Gran Canaria: Cabildo de Lanzarote/Universidad de las Palmas de Gran Canaria, 1999, 6 Bde + Bd. N. reproducción facsimile de la edición de Madrid, Imprenta de Joaquín Ibarra 1763.

http://gams.uni-graz.at/fedora/get/container:mws-pensador/bdef:Container/get

(17.03.10)

Sekundärliteratur:

Aguilar Piñal, Francisco (1991): Introducción al Siglo XVIII. Madrid: Júcar.

Bolufer Peruga, Monica (1998): Mujeres e Ilustración. La construcción de la
feminidad en la España del siglo XVIII. Valencia: Institució Alfons el Magnànim.

Ertler, Klaus-Dieter (2003a): Moralische Wochenschriften in Spanien. Jose Clavijo y Fajardo: El Pensador. Tübingen: Gunter Narr Verlag.

Ertler, Klaus-Dieter (2003b): Kleine Geschichte der spanischen Aufklärungsliteratur. Tübingen: Gunter Narr Verlag.

Ertler, Klaus-Dieter/Hodab, Renate/Humpl, Andrea Maria (2008): Die spanische Presse des 18 Jahrhunderts. La pensadora gatidana von Beatriz Cienfuegos. Hamburg: Verlag Dr. Kovac.

Floeck, Wilfried (1980): „Die Literatur der spanischen Aufklärung“ in: Jürgen von Stackelberg (Hrsg.): Aufklärung III. Neues Handbuch der Literaturwissenschaft. Bd 13. Wiesbaden, 359-390.

Hassauer, Friederike (1997): „Die Seele ist nicht Mann, nicht Weib. Stationen der Querelles des Femmes in Spanien und Lateinamerika vom 16. Zum 18.

Jahrhundert.“ In: Bock, Gisela/Zimmermann, Margarete (Hrsg.): Die europäische Querelles des Femmes: Geschlechterdebatten seit dem 15. Jahrhundert. Stuttgart: Metzler. S. 203-238.

Hertel-Mesenhöller, Heike (2001): Das Bild der Frau im spanischen Roman des 18. Jahrhunderts. Im Spannungsfeld von Lebenswirklichkeit und Fiktion. Frankfurt/M.: Vervuert.

Kilian, Elena (2002): Bildung, Tugend, Nützlichkeit. Geschlechterentwürfe im spanischen Aufklärungsroman des späten 18. Jahrhunderts. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Kitts, Sally-Ann (21995 [1963]): The debate on the nature, role, and influence of women in eighteenth-century Spain. Lewiston u.a.: Edwin Mellen Press. S. 53­179.

Krauss, Werner (1973): Die Aufklärung in Spanien, Portugal und Lateinamerika. München: Fink.

Martens, Wolfgang (1968): Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften. Stuttgart: Metzler.

Ortega López, Margarita (1988): „‘La defensa de las mujeres‘ en la sociedad del Antiguo Régimen. Las aportaciones del pensamiento ilustrado.“ In: Folguera, Pilar(Hrsg.): El Feminismo en España: Dos siglos de historia. Madrid: Editorial Pablo Iglesias.

Stürzer, Volker (1984): Journalismus und Literatur im frühen 18. Jahrhundert: die literarischen Beiträge in Tatler, Spectator und den anderen Blättern der Zeit. Frankfurt am Main, Bern [u.a.]: Peter Lang.

Schütz, Jutta (1997): Das 18. Jahrhundert. In: Neuschäfer, Hans-Jörg (Hrsg.): Spanische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler. S. 185-230.

[...]


[1] Alle Zitate aus der Primärliteratur entstammen der Internetseite http://gams.uni- graz.at/fedora/get/container:mws-pensador/bdef:Container/get. Quellen sind in der Form (Tomo/Pensamiento, Seitenzahl) angegeben.

[2] So zum Beispiel „La Pensadora Gaditana“, die zwischen 1763 und 1764 in 52 Diskursen erschien und unter weiblichem Namen veröffentlicht wurde (vgl. Ertler/Hodab/Humpl 2008: 143).

[3] Die Alphabetisierungsquote für das weibliche Geschlecht lag Schätzungen zufolge bei maximal zehn bis fünfzehn Prozent (Ertler 2003a: 85).

[4] Vor allem in England, Frankreich und Deutschland fand die stark fortgeschrittene Trennung des Privaten vom Öffentlichen Niederschlag in einer veränderten Kommunikationsstruktur puritanischer Familien. Hier veränderte sich nicht nur das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, sondern die Ehe als solche wurde von einer Zweck- auf eine Liebesverbindung umgestellt.

[5] Als Vorreiter in der Ausarbeitung und Verbreitung des hier dargestellten Frauenbildes gilt Jean-Jacques Rousseau. Siehe dazu zum Beispiel sein Werk „Emile oder über die Erziehung“ von 1762, erschienen bei Reclam Stuttgart 1963.

[6] Im zweiten pensamiento kündigt der Verfasser an, das Thema noch einmal aufzugreifen. Dies tut er jedoch trotz mehrmaliger Erinnerungen nicht (vgl. Kitts 1995: 66).

[7] Klaus-Dieter Ertler schreibt ihm sogar die Funktion der „Weiterführung [einer] Predigt“ zu (Ertler 2003a: 98)

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640801602
ISBN (Buch)
9783640801435
Dateigröße
752 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164549
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Romanisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Frau Dienste Nützlichkeit Propagierung Frauenbildes Moralischen Wochenschrift Pensador

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Titel: Die Frau im Dienste der Nützlichkeit