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Die Frau in der Mode. Überlegungen im Anschluss an Georg Simmel.

Hausarbeit 2010 21 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung – Georg Simmel: Mode als philosophisches Thema

2. Zu Simmels Bestimmung der Mode
2.1. Zwischen Nachahmen und Differenzieren
2.1.1 Wem ahmen wir nach?
2.1.2 Wer macht Mode?
2.2 Schmuck, Scham oder Schutz
2.3 Der Reiz der Mode - Das Neue
2.4 Die Frau in der Mode
2.5 ...und der Mann

3. Simmels Frauenbild – ein Exkurs
3.1 Die Frau in der Mode bis heute

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

Es ist ein natürlicher Hang des Menschen,

in seinem Betragen sich mit einem Bedeutenderen,

(des Kindes mit den Erwachsenen,

des Geringeren mit den Vornehmeren)

in Vergleichung zu stellen und seine Weise nachzuahmen.

Ein Gesetz dieser Nachahmung,

um bloß nicht geringer zu erscheinen,

als Andere [...], heißt Mode.

(Immanuel Kant) [1]

1. Einleitung
Simmel: Mode als philosophisches Thema

Georg Simmel war ein „philosophierender Zeitdiagnostiker'', so Jürgen Habermas in seiner Einleitung zur philosophischen Kultur über Georg Simmel.[2] Ein Vertreter der Lebensphilosophie, der sich kontinuierlich mit kulturphilosophischen und soziologischen Problemfeldern verschiedenster Richtungen beschäftigte. Mit einer besonderen Empfindsamkeit für ''zeittypische Reize, für ästhetische Neuerungen, für Tendenzwellen und Orientierungsumschwüngen'',[3] verarbeitete er Alltagsthemen schriftstellerisch und kreativ, in Form dynamischer Analysen, weniger in sozialwissenschaftlich verfassten Abhandlungen. Durch diese besondere Art Alltags-phänomene philosophisch zu ergründen, dringt er in grundsätzliche Bereiche unseres Daseins, um diese erklärbar zu machen. Selten erhielt er Anerkennung von seinen Kollegen, zu feuilletonistisch schrieb er, so kritisierten sie. Seine Ausführungen, meist Essays, publizierte er überdies häufiger in Zeitschriften. Simmels Beiträge und Vorlesungen fanden hingegen größeren Anklang bei Künstlern, Literaten und einem nicht akademischen Publikum.[4]

Mode ist ein Kulturphänomen und ein interdisziplinäres Thema, sie wird allerdings oft als eher unwichtig und unwissenschaftlich abgetan. Die Perspektivenvielfalt jedoch umfasst psychologische, soziologische, allgemein anthropologische und philosophische Bereiche. Mode ist eine Alltäglichkeit, die Simmel kulturphilosophisch und soziologisch beleuchtet. Simmel, so merkt Busche an, neigt zu einer Theorie der kulturellen Entwicklungen, seine Schriften sind oft stark beschreibend und sie erklären kulturelle Grundzüge, die einer philosophischen Kulturkritik gleichkommen.[5]

In dieser Hausarbeit soll aufzeigt werden, wie sich Simmel mit dem Thema Mode auseinandersetzt. Welche anthropologischen Voraussetzungen bringen den Menschen dazu, sich einer ständig wechselnden Mode anzupassen oder sich durch sie hervorzuheben. Hierzu stehen seine beiden Texte ''Philosophie der Mode“ (1905) sowie der ''Psychologie der Mode“ (1895) im Zentrum. Es wird u.a. der Frage nachgegangen, was kann mit modischer Bekleidung erreicht werden, wer gibt Mode vor und wie zufällig ist sie.

Bezug nehmend auf den Titel wird besonders die Frau in der Mode erörtert. Wie ordnet Simmel das modische Verhalten der Frau ein? Hier soll auch der Unterschied zu dem Interesse des Mannes an der Mode aufgezeigt werden. Wie begründet Simmel seine Behauptung, dass Frauen eine größere Vorliebe für Mode haben als Männer? Zu dieser Klärung soll ein kurzer Exkurs über die Stellung der Frau und ihrer Geschlechterrolle im kulturphilosophischen Kontext dienen. Die Textgrundlage bietet hier Simmels Essay „Zur Psychologie der Frauen“ (1890).

Als Abschluss der Hausarbeit werden mögliche differierende Ansichten seiner Thesen zur Gegenwart erläutert und ebenfalls die Position der Frau in der Mode, wie sie sich heute darstellt.

„Der Mensch ist ein dualistisches Wesen von Anbeginn an [...]“,[6] führt Simmel in seinem Essay „Philosophie der Mode“ (1905) ein. Unzählige Verzweigungen unserer Kräfte mache ein einheitliches Handeln unmöglich. Unsere innere vielseitige Energie dränge sich über das Maß unserer äußeren Erscheinung hinaus, somit werden unsere Lebensfacetten durch die Mode bereichert. Wir schwanken körperlich, wie geistig zwischen „Ruhe und Bewegung, […] Rezeptivität und Betätigung“,[7] bewegen uns also ständig zwischen zwei wechselnden Polen. Simmel spricht von einem „sozialisierenden Verschmelzen“ mit einer Gruppe oder einem „individuellen Herausheben“ aus der Selbigen.[8] Die soziale Eigenschaft des Menschen drückt sich durch Nachahmen aus, während die Eigenschaft des Individualismus sich durch Differenzieren zeigt, bzw. einer bewussten Ablösung aus einer Gruppe heraus. Simmel sieht in der Nachahmung eine „psychologische Vererbung“,[9] in der Fähigkeit sich hervorzuheben, eine Möglichkeit, neue und eigene Lebensformen zu erreichen. Für die Tendenz eher nachahmend zu handeln, spricht die Neigung des Menschen, sich nicht der Qual der Wahl aussetzen zu müssen. Ein Handeln, das dem der Anderen gleicht, fördert das Gefühl, sich auf einem sicheren Fundament zu bewegen, eines sich nicht irren Könnens und somit eine Verantwortungsverschiebung auf Andere.[10]

Sich hingegen abzuheben birgt somit die Gefahr, sich nicht selbst tragen zu können und überdies einer „schöpferische[n] Anstrengung“[11] nicht gewachsen zu sein. Es bedeutet aber auch, dass jedes Individuum die Möglichkeit hat, sich selbstständig, kreativ und flexibel entwickeln zu können. Ganz besonders deutlich wird dieser Dualismus in der Mode.

2. Simmels Bestimmung der Mode

2.1. Der Mensch zwischen Nachahmen und Differenzieren

Das Dualistische in der Mode bedeutet einerseits, so Simmel, dass unser Äußeres an bevorzugten Leitfiguren oder Gruppen angepasst und nachgeahmt werden kann. Andererseits versuche der Mensch sich abzuheben, individuell hervorzutreten und schöpferisch tätig zu werden, auch dies gelinge durch die Mode. Es ist eine Grundrichtung unseres Wesens, sich in eine soziale Gruppe zu integrieren, um sich aus ihr heraus in ein individuelles Leben zu begeben.[12] Dies kann besonders gut durch Kleidung erreicht werden, die eine im Vergleich zu anderen ausdruckstarken Körperteilen (z.B.: Gesicht, Hände) eine von Weitem schon erkennbare große Betrachtungsfläche bietet.[13] So haben wir die Möglichkeit eine Gruppenzugehörigkeit des Anderen schnell zu beurteilen.

Innerhalb der gewählten Gruppe, die uns in unserem Aussehen, sowie in unserem Handeln, Sicherheit gibt, das Richtige zu tun, besteht der Drang sich hervorzuheben, ebenso das Bedürfnis sich gegen Außenstehende dieser Gruppe abzugrenzen. Durch Mode kann eine große Bandbreite unserer psychologischen Gegensätze, der Sozialisierung sowie der Distinktion, zum Ausdruck gebracht werden.[14]

Während Simmel zwischen Nachahmung und „Sich-abheben“[15] klar unterscheidet, führt Wolfgang Palaver in seinen Betrachtungen über René Girard aus, dass es sich keinesfalls um zwei getrennte Bereiche handelt. Ganz im Gegenteil: Die Nachahmung, hier die Mimesis, umfasse geradezu die Differenzierung. Girard weist daraufhin, wie deutlich sich eine Tyrannei der Mode entwickeln könne, alleine aus dem einzigen Grund, sich von dem Anderen abheben zu wollen. Dies bestätige Simmel indirekt, indem er dem Modenarren bescheinigt, dass er nicht nur Führer, sondern ebenso ein Geführter der Massen sei. Ein weiteres Beispiel für diese These liefere Simmel, indem er auf die antimimetischen Bestrebungen einiger Weniger hinweist. Es sind diese, sich im „Verein der Vereinsgegner“[16] zusammengeschlossenen, die sich jeder Modetendenz verschließen. Hier wird das Paradoxe an einer Herrschaft gezeigt, dass sie, obwohl scheinbar absolut über dem Volk stehend, mimetisch und somit abhängig an das Volk zurückgebunden sind.[17]

Aber nicht nur Kleidung fällt unter das sich stets wandelnde Thema Mode. Jeder Lebensbereich kann der Mode unterworfen sein. Simmel betont: „Darum ist die Herrschaft der Mode am unerträglichsten auf den Gebieten, auf denen nur sachliche Entscheidungen gelten sollen: Religiosität, wissenschaftliche Interessen [...]“. Für Simmel ist Mode oft zufällig, unsachlich und unzweckmäßig „So häßliche und widrige Dinge sind manchmal modern […], daß wir ihretwegen das Abscheulichste auf uns nehmen; [...]“. Somit dürften sachliche Themen nicht zufälligen Moderichtungen unterliegen.[18]

Auch René König stellt fest, es gäbe keine Grenzen für die Mode. Alltägliche Gegenstände, Landschaften sowie „Zeitströmungen selbst politischer Natur“ sind einem ständigen modischen Wandel ausgesetzt. Die Mode scheint die mächtigste Macht der Erde zu sein.[19]

Was macht die Mode so mächtig? Welchen anthropologischen Hintergrund nährt unser Grundbedürfnis nach Nachahmung, bzw. Mimesis und dem Suchen nach dem Neuen, dem Individuellen, das uns ständig zwischen Festhalten und Wandlung oszillieren lässt? Darauf wird in Kapitel 2.3 eingegangen. Zuvor sollen die Vorreiter der Mode, die kreativ und schöpferisch an dem Modewandel beteiligt sind, diskutiert werden.

[...]


[1] Immanuel Kant: Vom Modegeschmack § 69. Immanuel Kant's Schriften zur Anthropologie und Pädagogik. In: Immanuel Kant's Werke Hrsg. von Gustav Hartenstein. Leipzig 1893, S. 268.

[2] Jürgen Habermas: Simmel als Zeitdiagnostiker. In: Georg Simmel Philosophische Kultur. Gesammelte Essais. Berlin 1998, S. 8.

[3] Ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Hubertus Busche: Kulturphilosophie, Kurs 03567, Fernuniversität Hagen 2010, S. 72.

[6] Georg Simmel: In: Ders.: Philosophie der Mode (1905) Die Religion (1906/21912) Kant und Goethe (1906/3 1916) Schopenhauer und Nietzsche (1907). Hrsg. von Michael Behr, Volkhard Krech und Gert Schmidt. Frankfurt a. M. 1995, S. 9.

[7] G. Simmel: Zur Psychologie der Mode. Soziologische Studie. In: Ders.: Soziologische Ästhetik. Hrsg. Klaus Lichtblau. Wiesbaden 2009, S. 49.

[8] Vgl. ebd.

[9] G. Simmel: Zur Psychologie der Mode, S. 50.

[10] Vgl. G. Simmel: Philosophie der Mode, S. 10.

[11] G. Simmel: Zur Psychologie der Mode, S. 49.

[12] Vgl. G. Simmel: Philosophie der Mode, S. 10.

[13] Vgl. J.C. Flügel: Psychologie der Kleidung, In: Die Listen der Mode. Hrsg.: von Silvia Bovenschen. Frankfurt a. M. 1986, S. 208.

[14] Vgl. G. Simmel: Philosophie der Mode, S. 10 f.

[15] G. Simmel: Philosophie der Mode, S. 11.

[16] G. Simmel: Philosophie der Mode, S. 21.

[17] Vgl. Wolfgang Palaver: René Girards mimetische Theorie. Im Kontext kulturtheoretischer und gesellschaftspolitischer Fragen. Wien 2004, S. 99-102.

[18] Vgl. G. Simmel: Philosophie der Mode, S. 13.

[19] Vgl. René König: Macht und Reiz der Mode. Verständnisvolle Betrachtungen eines Soziologen. Düsseldorf 1971, S. 39.

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640797424
ISBN (Buch)
9783640797073
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164579
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Schlagworte
Georg Simmel Mode Philosophie Kulturphilosophie Frauen

Autor

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