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Soziale Nachhaltigkeit im indischen Microfinance Sektor

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 34 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südasien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. HINTERGRUND: MICROFINANCE IN INDIEN
2.1. S oziales Banking vom S taat verordnet
2.2. Der informelle Sektor - ein ,Lender of Last Resort’?
2.3. Der indische Microfinance Sektor
2.4. Die Verwundbarkeit des Sektors am Beispiel der Krise im Bundesstaat Andhra Pradesh

3. SOZIALE NACHHALTIGKEIT DURCH VERHALTENSREGELN UND EVALUIERUNG
3.1. Microfinance und soziale Ziele
3.2. Verhaltenskodex für MFI’s
3.3. Multidimensionale soziale Performance
3.4. Ergebnisse aus der Praxis

4. WELCHE ROLLE KANN REGULIERUNG SPIELEN?
4.1. Regulierung in Indien
4.2. Entstehung und Inhalt des Microfinance Bills
4.3. Aktuelle Lage

5. ZUSAMMENFASSUNG/ KONKLUSION/ FAZIT

6. QUELLENVERZEICHNIS

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Marktanteile der Microfinance Modelle in Indien

Abbildung 3: Kumulatives SHG Wachstum 2001 - 2008

Abbildung 4: Vergleich SHG und Grameen/ Joint Liability Modell in Zahlen

Abbildung 5: Multidimensionale soziale Peformance

Abbildung 6: Prozessdarstellung des sozialen Performance Konzeptes

1. Einleitung

Diese Hausarbeit geht von der grundlegenden Annahme aus, dass Microfinance, also die Versorgung in Armut lebender Menschen mit Finanzdienstleistungen, die ansonsten keine Möglichkeit haben am formellen Finanzsystem teilzuhaben, wegen der besonderen Schutzbedürftigkeit und Verwundbarkeit dieser Menschen mit einer sozialen Mission verknüpft sein muss. Von diesem Standpunkt ausgehend wird untersucht, ob der indische Sektor von sozialen Zielen geleitet wird oder ob diese von neuen Prioritäten wie der finanziellen Nachhaltigkeit, Wettbewerb und schnellem Wachstum weitgehend in den Hintergrund gedrängt worden sind.

Schließlich wird versucht, Antworten auf die Frage zu finden, wie soziale Nachhaltigkeit in der indischen Microfinance Welt verankert werden kann. Kann mit sozialem Rating oder einem Handlungskodex sicher gestellt werden, dass der Sektor sich der besonderen Verantwortung im operativen Geschäft bewusst bleibt? Inwiefern kann von staatlicher Seite durch regulatorische Maßnahmen dafür gesorgt werden, dass der Sektor in die ,richtige’ Richtung wächst?

Nicht behandelte Themen

Sowohl die Auswahl an möglichen Themengebieten im Bereich von Microfinance in Indien als auch die verfügbare Literatur bietet eine große Auswahl. Wenige Problemfelder in diesem Gebiet können getrennt von dem Rest an möglichen Fragestellungen betrachtet werden. Aus diesem Grund hat sich der Prozess des narrowing down als schwierig herausgestellt und eine recht lange Literaturliste ergeben. Gleichzeitig mussten selbstverständlich viele Themen ausgeklammert werden, bei denen deren Einbeziehung in die Hausarbeit interessant gewesen wäre.

Dazu gehören Bereiche wie der zunehmende Fluss von private equity in den Microfinance Sektor über private Investoren aus dem In- und Ausland, deren Investitionen gewinnorientiert sind. Durch deren Einstieg in den Microfinancebereich ergeben sich neue Kapitalstrukturen, die nicht mehr allzu viel mit der einer NGO zu tun haben und den Investoren die Möglichkeit geben, Mitspracherechte auch im operativen Geschäft auszuüben.

Ein Bespiel ist der Einstieg im Jahr 2007 des internationalen Investors Sequoia Capital, der auch Anteile an Firmen wie Google, Yahoo und Apple hält, in die größte Micro finance Institution (MFI) in Indien, SKS Microfinance. SKS hat einst als kleine NGO begonnen und konnte über Professionalisierung und Standardisierung aufsteigen. Im Geschäftsjahr 2007­2008 wuchs SKS um 200%.

Indien

Indien ist eine föderale Republik mit 29 Bundesstaaten und sechs Unionsterritorien. Auf 3,29 Millionen km2 leben rund 1,2 Milliarden Menschen. Die Wachstumsrate der Bevölkerung liegt bei geschätzten 1,55% pro Jahr. Rund 70% aller Inder leben in ländlichen Gebieten und sind zum Großteil von der Landwirtschaft abhängig (60% aller Beschäftigten arbeiten in der Landwirtschaft). 40% der Menschen sind Analphabeten, unter Frauen beträgt der Anteil 52% (jeweils Zahlen von 2001). Die Wachstumsraten des BIP’s lagen in den Jahren seit 1997 zwischen 6% und 9,6%. Rund 25% der Bevölkerung und damit 290 Millionen Menschen leben unter der Armutsgrenze von 1,25 US-Dollar pro Tag.[1]

Microfinance - verschiedene Definitionen

Spätestens seit dem von den Vereinten Nationen ausgerufenen , International Year of Microcredit 2005’ und dem an den Micro finance Entrepreneur Muhammed Yunus und die von ihm gegründete Grameen Bank verliehenen Friedensnobelpreis im Jahr 2006 hat sich Microfinance als ein wichtiges Konzept im entwicklungsökonomischen und -politischen Kontext etabliert und wurde als zentrales Instrument zur weltweiten Armutsbekämpfung und Erreichung der von den Vereinten Nationen definierten Millennium Development Goals (MDG’s) anerkannt. Ein schnelles Wachstum des globalen Micro finance Sektors, immer neuen MF Programmen, sowohl staatliche Programme in Entwicklungs- sowie Industrieländern, als auch Programme von internationalen und nationalen NGO’s und Entwicklungshilfe-Institutionen, wie der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) oder der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sowie nicht zuletzt die Erfolge der Microfinance Idee in der Praxis haben auf verschiedenen Ebenen die Aufmerksamkeit gesteigert.

Microfinance wird im Folgenden als ein Sammelbegriff für Finanzdienstleistungen verwendet, deren Zielgruppe arme, sehr arme und vom Finanzsystem ausgeschlossene Menschen sind. Microfinance umfasst sowohl den Begriff Mikrokredit, der in den Anfängen der Entwicklung der Microfinance Idee gängig war, jedoch mittlerweile nur noch einen Teil der Realität beschreibt. Von traditionellen Finanzdienstleistungen unterscheidet sich Microfinance durch

- geringe Höhe der Kredite und Spareinlagen
- Formalitäten[2], Rückzahlungs- und Einzahlungsmodalitäten und Betreuung, die auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten sind
- Spezielle, über Finanzdienstleistungen hinausgehende Angebote
- unterschiedlicher rechtlicher Status der MFI’s
- soziale Mission der MFI
- Gruppenformierung (SHG oder joint liability groups[3] )
- regelmäßige Gruppentreffen (wöchentlich oder monatlich).

Weitere Spezifikationen in Bezug auf das potentielle Dienstleistungsangebot sind:[4]

- Kredite werden an Individuen oder die Gruppe vergeben
- Ermöglichung von Finanztransaktionen wie Überweisungen und Abheben von Bargeld
- Mikro-Versicherungen
- Sparkonto (mit regelmäßigen Pflichteinzahlungen oder freiwilligen flexiblen Einzahlungen)
- Pensionsleistungskonto

Armut und Microfinance

Zwei zentrale Definitionen von Armut sollen in diesem Abschnitt kurz präsentiert und eine Beziehung zu Microfinance hergestellt werden.

Die einfachste und geläufigste Definition von Armut ist die der Einkommensarmut, die sich danach bestimmt, wie viel Geld eine Person in einer bestimmten Periode zur Verfügung hat. Bei der Einkommensarmut gilt ein Mensch als arm wenn sein Einkommen einen am Durchschnittseinkommen einer Region, eines Landes oder einer Gruppe von Ländern gemessenen relativen Anteil unterschreitet. Die Weltbank hat die bekannte absolute Armutsgrenze entwickelt, die aktuell bei 1,25 US-Dollar liegt (in Preisen von 2005 um die Kaufkraftparität bereinigt). Ermittelt wird dieser Betrag aus dem Durchschnitt der nationalen

Armutsgrenzen von 10 bis 20 der ärmsten Länder der Welt.[5] Dieses Armutsmaß hat sich durch seine Einfachheit und Vergleichbarkeit weltweit durchgesetzt. Wird mit diesem Maß der Erfolg von Microfinance Programmen gemessen, sind diese genau dann erfolgreich, wenn möglichst viele Kunden durch die Microfinance Kredite die Armutsgrenze überschreiten, beziehungsweise ihr Einkommen steigern.

Als Definition von Armut genügt die Beschränkung auf das Einkommen oder die Konsummöglichkeiten jedoch nicht. Der indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen entwickelte einen sehr viel umfassenderen Armutsbegriff, und ein multidimensionales Rahmenkonzept.[6]

An einem (sehr kurzen) Beispiel soll versucht werden, die Grundzüge zu erläutern. Eine Fähigkeit (capability) ist die Freiheit sich in einer selbst gewählten Art und Weise zu verwirklichen, bzw. in vielfältiger Hinsicht zu funktionieren (functioning). Ein Gut oder eine Dienstleistung (commodity) kann ein Funktionieren herbeiführen, dies ist jedoch von individuellen, sozialen und Umweltfaktoren abhängig.

Eine muslimische Frau in einem indischen Dorf, die mit ihrem Mann und ihren Kindern in absoluter Armut lebt, d. h. unter der indischen Armutsgrenze, ist in vielerlei Hinsicht in ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten beschränkt. Eine MFI bietet ihr an, an einem Programm teilzunehmen, durch das sie mit einem Kredit versorgt wird und in einer Einkommen generierenden, einfachen praktischen Betätigung geschult wird (z. B. weben am Webstuhl), für Finanztransaktionen wird ihr sogar ein Mobiltelefon zur Verfügung gestellt, mit dem sie Geld abheben und einzahlen kann.

Der Kredit und das Mobiltelefon können als commodities definiert werden, die ihr die Fähigkeit (capability) geben könnten, eine Reihe von functionings zu erreichen, z. B. ihr Einkommen zu steigern, eine bessere Ernährung zu sichern, Selbstwertgefühl zu entwickeln, eine Rolle in der dörflichen Gemeinschaft zu übernehmen, und ihren Kinder die Schule zu finanzieren. Ihr Mann verbietet ihr jedoch an dem Programm teil zu nehmen und das Mobiltelefon könnte sie nicht bedienen, da sie Analphabetin ist. Die MFI Mitarbeiter schaffen es jedoch, den Mann zu überzeugen und erklären der Frau die wichtigsten Funktionen des Mobiltelefons und die Funktionsweise des Programms. Die commodities könnten durch Überwindung der hindernden Faktoren zur Erweiterung der Fähigkeiten (capabilities) genutzt werden. Die Teilnahme an den Gruppensitzungen und die Arbeit am Webstuhl sind das erreichte Funktionieren der Person (achieved functioning).

Sens Konzept ist sehr flexibel, in Nord-Indien hat die Armut andere Ausprägungen als in Süd-Indien. Vor allem wird deutlich, dass die Armut zweier Menschen, die in demselben Dorf leben und beide mit 1,25 US-Dollar pro Tag auskommen müssen, vollkommen unterschiedliche Ausprägungen haben kann. Ein Versuch dieses Konzept in Zahlen zu fassen, ist der Human Development Index der Vereinten Nationen (UN), der drei Ausprägungen von Armut (Einkommen, Bildung und Gesundheit) anhand einer Skala mit dem minimalen und dem maximalen Werten bestimmt und auf einer Skala zwischen 0 und 1 normiert und international vergleichbar macht.[7] Mit dem Human Development Report 2000/ 2001 wird der multidimensionale Armutsbegriff in die internationale Entwicklungspolitik aufgenommen.[8]

Im Folgenden wird an einigen Stellen, insbesondere in der Analyse und jeweils mit einem entsprechendem Hinweis, auf das multidimensionale Konzept zurückgegriffen. Bei der Verwendung der Quellen wird die dort verwendete Armutsauffassung übernommen. Da jedoch in den wenigsten Quellen der die verwendete Armutsdefinition aufgeführt wird, wird davon ausgegangen, dass von der Einkommensarmut die Rede ist. Die Bezeichnung ,sehr arm’ wird für die unteren 50% des Bevölkerungsanteils unter der nationalen Armutsgrenze verwendet.

2. Hintergrund: Microfinance in Indien

2.1. Soziales Banking vom Staat verordnet

Schon früh in der Geschichte des indischen Staates wurde von den politischen Führern ein Zusammenhang zwischen der Versorgung der ländlichen Bevölkerung mit Krediten und ländlicher sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung thematisiert.[9] Nach der Unabhängigkeit wurde in den 1950er Jahren ein Netzwerk ländlicher Genossenschaftsbanken aufgebaut, mit dem Finanzmittel in die Landwirtschaft und kleine Betriebe, ebenfalls zum großen Teil in ländlichen Gebieten, geleitet werden sollten.

Der Plan schlug jedoch fehl, da ein Großteil der Mittel, die für die ländliche Entwicklung vorgesehen waren, von den Geschäftsbanken an Großkonzerne vergeben wurden, die wiederum als Haupteigentümer der Geschäftsbanken fungierten. Dieser Entwicklung setzte Indira Gandhi im Jahr 1969 mit der Verstaatlichung der der privaten Banken ein Ende.

Das Ziel dieser Maßnahme war die Kontrolle über die Umverteilung wirtschaftlicher Macht und Vermögen zu gewinnen und im Zuge dessen, durch gezielte Kreditvergabe an Sektoren, die als ,priority sectors’[10] identifiziert wurden, ein gerechtes und gleichmäßiges Wachstum zu erzielen.[11]

Eine Quotenregelung wurde beschlossen, die Banken vorschrieb 40% ihrer Kredite in priority sectors zu vergeben. Von diesen 40% müssen wiederum 25% in die schwächsten Bereiche der Prioritätssektoren fließen. Jeder Bank wurde ein ,Service Gebiet’ mit 15 bis 20 Dörfern zugewiesen und die Entscheidungsmacht gegeben, über die Eröffnung von Filialen anderer Banken in diesem Gebiet zu entscheiden.

In den 1970ern und 1980ern kamen weitere Regelungen hinzu, die die operationale und finanzielle Autonomie der Banken einschränkten, jedoch auch zu einer besseren Versorgung der ländlichen Bevölkerung führten. Ein Beispiel ist die 1:4 Regelung, die vorschrieb 4 Filialen in Regionen zu eröffnen, die noch ohne Bankfiliale waren, bevor die Lizenz für eine Filiale in einer Region, in der bereits eine andere Bank vertreten war, vergeben wurde.[12]

Der Staat setzte die Prioritäten, soziale Ziele waren wichtiger als Rentabilität. Im Zuge dieser Maßnahmen wurden tausende regionaler Bankfilialen in ländlichen Gebieten, die Regional Rural Banks (RRB’s), gegründet, die auch heute noch mit ihrem großen Filialnetz die finanzielle Infrastruktur prägen. Nach Basu (2005) waren 73% des Vermögens der Geschäftsbanken in der Hand von verstaatlichten Banken oder RRB’s, der Anteil am gesamten Finanzsektor betrug 52%.

Mit einer Welle der Liberalisierung des Finanzsektors in den 1990ern wurden einige Vorschriften wie der ,Service Area Ansatz’ und die 1:4 Regelung wieder fallengelassen, die priority sector Quotenregelung hat jedoch weiterhin Bestand. Der Wettbewerb, insbesondere in ländlichen Gebieten, ist trotz Liberalisierung weiterhin schwach.

Wettbewerb und Privatisierung gelten als schädlich für das Ziel der Versorgung der armen Bevölkerung. Die zugrunde liegende Ansicht ist, dass Arme grundsätzlich uninteressant für Finanzinstitute sind und ohne Initiative des Staates, der die Kontrolle übernehmen und Vorschriften erlassen muss, vom Finanzsystem ausgeschlossen bleiben.

In den Jahren seit 1990 hat die Anzahl der ländlichen Bankfilialen zunächst stagniert und ist schließlich leicht zurück gegangen. Die priority sector Quote wurde zwar erreicht, die Kredite, die in priority sectors vergeben werden, gingen jedoch zumeist an größere Kunden.[13]

2.2. Der informelle Sektor - ein ,Lender of Last Resort’?

Seit der Unabhängigkeit und den ersten politischen Maßnahmen zur Versorgung ländlicher Gebiete mit Finanzdienstleistungen, wurden informelle Kreditquellen, bzw. Geldverleiher, als ein Übel gesehen, das es auszumerzen galt. Selbstmorde unter Bauern, die sich bei informellen Geldverleihern hoch verschuldet hatten und ihre Schulden nicht mehr zurück zahlen konnten, lenkten die Aufmerksamkeit auf ausbeuterisch hohe Zinsen und fragwürdigen Geschäftspraktiken.

Kredite müssen häufig mit dem Eigentum (Vieh, Haus, usw.) oder dem Lohn der Kreditnehmer gesichert werden. Kann der Kreditnehmer die verlangten Raten nicht mehr zahlen, kann dies zu dem Verlust der Lebensgrundlage führen. Eine Abhängigkeit vom Geldverleiher ist schnell hergestellt. Fungiert der Geldverleiher gleichzeitig als Arbeitgeber, ist die Grenze zur versklavenden Ausnutzung seiner Machtstellung schwierig zu ziehen.

Bei all den negativen Eigenschaften sollte nicht übersehen werden, dass dies für viele ländlich Arme meist die einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen, um saisonale Armutsphasen oder Krankheiten zu überstehen. Hinzu kommen einige Eigenschaften, die sich in mancher Hinsicht eher mit den Bedürfnissen der armen Klientel decken, als Microfinance Angebote.

Dazu gehören zum Beispiel kurzfristig benötigte Kredite für private Konsumzweck oder Kredite für gesellschaftliche Anlässe wie Hochzeiten. Vor allem die Flexibilität und die Möglichkeit der kurzfristigen Inanspruchnahme entsprechen den Bedürfnissen der Kunden.[14]

Zum Einen hat der informelle Sektor also bisher die Lücken geschlossen, die der formelle Sektor durch ein Versagen des Staates und der Banken offen gelassen hat. Zum Anderen hat Microfinance auch in den Gegenden, in denen es weit verbreitet ist, nicht unbedingt den informellen Sektor verdrängt. Teilweise kann sogar vom Gegenteil gesprochen werden, dass der informelle Sektor nunmehr die Lücken schließt, die Microfinance Projekte offen lassen.[15]

2.3. Der indische Microfinance Sektor

Microfinance ist in Indien geprägt von der staatlichen Unterstützung des SHG Modells und der langen Geschichte staatlich verordneten sozialen Bankings. Doch auch die Ideen Muhammad Yunus aus dem Nachbarland Bangladesh und Joint Liability Modelle haben sich ausgebreitet, bleiben jedoch hinter dem SHG Modell zurück.

Neben den beiden großen Blöcken SHG und Grameen/ Joint Liability wird häufig als drittes Modell Individual Banking (IB) genannt, das hier keinen eigenen Unterabschnitt erhält, da es nur rund 4% des Marktes ausmacht und im aktuellen State of the Sector Report 2008 keine Erwähnung mehr findet. Das IB Konzept richtet sich an einzelne Kreditnehmer, größtenteils Männer, die höhere Kredite als bei den beiden anderen Modellen erhalten. Regelmäßiges Sparen ist Pflicht, wird jedoch flexibel gehandhabt.[16]

Abbildung 1 gibt einen ersten Überblick über die Anteile der drei Modelle (Zahlen von 2004).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Marktanteile der Microfinance Modelle in Indien

Quelle: EDA (2005) mit M-CRIL Daten von 2004

Das SHG Linkage Banking Programm und das SHG Modell

Während Microfinance im Nachbarstaat Bangladesh eng mit dem Modell der Grameen Bank verknüpft ist, steht Indien für den SHG Ansatz.[17] Bei den so genannten Self-Help Groups[18] (SHG’s) handelt es sich um informelle Gruppen mit 15 bis 20 Mitgliedern, meistens Frauen, die sich regelmäßig treffen und kleine Beträge sparen.

Geformt und gefördert werden sie größtenteils von NGOs, aber auch anderen Arten an SHG Förderinstitutionen (Self-Help Promoting Institutions - SHPI). Die Gruppe organisiert und managet sich zum großen Teil selbst, wählt z. B. die Gruppenmitglieder selber aus, legt Termine der Treffen fest und entscheidet über Strafen, die ein Mitglied z. B. für unregelmäßige Zahlung der Sparbeträge oder Verspätung bei den Gruppentreffen zu zahlen hat.

Das Ziel ist des gemeinsamen Sparens ist, aus dem gemeinsamen Sparbetrag Mikrokredite an Gruppenmitglieder zu vergeben. Bewährt sich eine Gruppe über einen längeren Zeitraum, meist 6 Monate, kommt der ,Link’ mit einer Bank im Rahmen des von der National Bank for Agriculture and Rural Development (NABARD) finanzierten Programms SHG Bank Linkage Programme (SBLP) zustande.

Nach von der Gruppe selbst festgelegten Regeln in Bezug auf Höhe der an Gruppenmitglieder zu vergebenden Kredite im Verhältnis zu den Spareinlagen kann die Gruppe nun Kredite von der Bank erhalten. Eine besondere Eigenschaft ist, dass die Kredite der Bank an die Gruppe und nicht an Individuen vergeben werden und erst die Gruppe darüber entscheidet, wie die Mittel intern verteilt werden. Die Rückzahlungsrate liegt bei rund 90%.[19]

Im Gegensatz zum Grameen Modell muss also weniger Arbeit bei der Formung und Begleitung der Gruppe aufgewendet werden. Auch muss die NGO, die als SHPI fungiert, die Finanzdienstleistungen nicht direkt anbieten und verwalten, sondern funktioniert als Intermediär zwischen Gruppe und Bank und kann gleichzeitig die SHG als Plattform für eigene Aktivitäten, wie z. B. Schulungen o. ä., nutzen. Diese Arbeitsteilung und das recht dichte Netzwerk an Bankfilialen, insbesondere RRB’s, in Indien hat dem SHG Modell ein rasantes Wachstum ermöglicht Der Grundstein für das SBLP wurde Mitte der 1980er Jahre gelegt, als eine von der NABARD angeführte Task Force mehrerer Organisationen, darunter auch die deutsche GtZ, Studien durchführte, die den Bedarf und das Potential erweiterter Finanzdienstleistungen für Arme in ländlichen Regionen mit Hilfe einer Verknüpfung von SHG’s und Banken untersuchen sollten.

Es wurde deutlich, dass ein großer Bedarf für Kredite, sowohl Konsumkredite als auch Kredite für produktive Zwecke, vorhanden war. Noch drängender war jedoch der Bedarf für Angebote, die Sparen möglich machen sowie Versicherungsprodukte. 1992 wurden die gewonnenen Erkenntnisse in die Tat umgesetzt und die ersten 500 SHG’s gegründet.[20]

Seitdem ist das SBLP gemessen am Zuwachs an neugegründeten SHG’s ein beeindruckender Erfolg. Alleine zwischen 2001 und 2008 stieg die Anzahl an SHG’s, die zumindest einen Kredit einer Bank in Anspruch genommen haben um das 13-fache auf aktuell fast 3,5 Millionen SHG’s (siehe Tabelle 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kumulatives SHG Wachstum 2001 - 2008

Quelle: State of the Sector Report 2006 und 2008

Insgesamt rund 40 Millionen Menschen konnten so erreicht werden (siehe Tabelle 2). Eins der älteren Ziele des Programms, bis 2007 1 Million SHG’s etabliert zu haben, wurde bei weitem übertroffen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Vergleich SHG und Grameen/ Joint Liability Modell in Zahlen

Quelle: State of the Sector Report 2008

Grameen/ Joint Liability Modell

Ausgehend vom Microfinance Modell der 1983 in Bangladesh gegründeten Grameen Bank besteht eine Gruppe typischerweise aus fünf Mitgliedern, die sich wöchentlich mit einem Mitarbeiter der jeweiligen MFI treffen. Regelmäßige Sparbeträge waren zunächst Pflicht für jedes Mitglied, diese Regelung wurde mit der Weiterentwicklung des Konzepts und einer stärkeren Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Kunden zumeist abgeschafft und flexibleres Sparen ermöglicht. Kredite werden an Individuen nach den individuellen Bedürfnissen vergeben, die Gruppe steht für jeden der Kredite als Gesamtheit ein, so dass ein Gruppendruck auf die Kreditnehmer ausgeübt wird, ihren Verpflichtungen nach zu kommen. Im Gegensatz zum SHG Ansatz, bei dem die SHG Mitglieder eigenverantwortlich mit den Krediten, der Rückzahlung und der Kommunikation mit der Bank umgehen, ist die Betreuung im Grameen/ Joint Liability Modell intensiver.

Dieses Modell hat seit den 1990ern in Indien verbreitet, jedoch bis heute bei weitem nicht die Bedeutung, die es Ländern wie Indonesien und Bangladesh innehat. Grameen/ Joint Liability Initiativen werden meist von NGO’s ins Leben gerufen und von internationalen Gebern mit Finanzmitteln unterstützt.[24] Basu und Srivastava (2005) fassen drei Problemfelder dieses Modells zusammen, mit denen es in Indien zu kämpfen hat:

1. Es mangelt an technischem Wissen und Managementfähigkeiten; die gründenden NGO’s sind auf dem Gebiet der sozialen und Entwicklungshilfe spezialisiert und verfügen nicht über das nötige Wissen im Finanzbereich.

[...]


[1] Vgl. CIA - The World Fact Book (2009)

[2] Meist ist kein schriftlicher Vertrag notwendig, da die Kunden weder lesen noch schreiben können, so dass ein Fingerabdruck oder ein Foto den Vertrag besiegelt. Auch ist keine Kreditsicherheit erforderlich.

[3] Erläuterung im Abschnitt zum Grameen/ joint liability Modell

[4] Sa-Dhan - Core Values and Voluntary Code of Conduct for Microfinance Institutions

[5] Vgl. http://go.worldbank.org/K7LWQUT9L0 unter dem Punkt ‘Measuring Poverty’.

[6] Vgl. Sen (1999) oder als Einführung Robeyns (2003)

[7] Vgl. http://hdr.undp.org/en/statistics/indices/hdi/. Der HDI wird in einer nachbesserten Fassung veröffentlicht, bei der innerhalb eines Landes HDI’s für verschiedene Bevölkerungsgruppen berechnet werden und daraus der nationale HDI berechnet wird, der besondere Diskrepanzen berücksichtigt.

[8] Vgl. http://go.worldbank.org/7KWQQ1WVT0

[9] Vgl. Morduch (2003)

[10] Ein Begriff der zunächst hauptsächlich auf die Landwirtschaft abzielte, mittlerweile jedoch in einem weiteren Sinn aufgefasst wird und auch Sektoren wie den IT-Sektor umfasst.

[11] Vgl. Basu (2005)

[12] Burgess und Pande (2003) finden eine positive Auswirkung der Eröffnung tausender neuer Filialen in zuvor nicht bedienten Gebieten auf Armutsreduzierung und wirtschaftliche Faktoren.

[13] Vgl. Leedladhar et al (2005): zwischen 1997 und 2005 ist die Zahl der Bankfilialen in ländlichen Gebieten von 32 918 auf 32 212 gesunken, die durchschnittliche Höhe eines in des landwirtschaftlichen Sektor vergebenen Kredites stieg im selben Zeitraum von 13 500 INR auf 31 585 INR.

[14] Vgl. z. B. Morduch und Rutherford (2003)

[15] Vgl. Tsai (2004)

[16] Vgl. z. B. EDA (2005)

[17] Auch in Indonesien wurde schon früh mit der in den 1960ern gegründeten Bank Rakyat Indonesia (BRI) ein ähnlicher Ansatz verfolgt wurde (Vgl. z. B. Donaghue (2004)).

[18] Es wird im Folgenden auf die deutsche Übersetzung ,Selbsthilfegruppe’ zu Gunsten des englischen Begriffs verzichtet.

[19] Beschreibung teilweise übernommen aus dem State of the Sector Report 2006.

[20] Vgl. GtZ und NABARD (2005)

[21] Aktiv sind die Gruppen, die aktuell mit einer Bank ,verlinkt’ sind.

[22] Mit MFI sind hier alle Institutionen gemeint, die nicht mit dem SHG Modell arbeiten.

[23] Bezogen auf die Anzahl der Mitglieder, beziehungsweise Kunden.

[24] Vgl. Leedladhar et al (2005)

Details

Seiten
34
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640797448
ISBN (Buch)
9783640797097
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164585
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Soziale Nachhaltigkeit Microfinance Sektor

Autor

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Titel: Soziale Nachhaltigkeit im indischen Microfinance Sektor