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"Wilde Ursprünge": Opfer, Jagd, Gewalt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 11 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Vorbemerkung

Karl Meuli

Walter Burkert

René Girard

Schlussbetrachtung

Bibliographie

Vorbemerkung

Das Hauptgeschehen im blutigen Opfer, das Töten eines Lebewesens, ruft (zumindest beim modernen Betrachter) vor allem zwei Assoziationsbereiche auf. Zum Einen ist dies die Jagd, deren Ziel die Tötung ist; zum Anderen birgt der Aspekt der gewaltsamen Lebensberaubung den Gedanken an Gewalt und Gewaltbereitschaft als solche in sich. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind Jagd und Gewalt in verschiedenen Theorien als zentrale Elemente des Opfers behandelt worden. Die Hauptthesen der Theorien von Meuli, Burkert und Girard sollen hier vorgestellt werden. Interessanterweise waren alle drei Theoretiker nicht Religionswissenschaftler, sondern Philologen, und die griechische Kultur und Religion der Antike war der Ausgangspunkt für ihre jeweiligen theoretischen Überlegungen. Da die drei in ihren Theorien aber die Ursprünge des Opfers in der Vor- und Frühgeschichte zu fassen suchten, sind sie gerade für unser Seminar von besonderer Bedeutung.

Karl Meuli

Zur Person

Der Schweizer Karl Meuli (1891-1968) war Professor an der Universität Basel. Sein vielfältiges Werk steht zwischen Altphilologie, Volkskunde, Ethnologie, Religionsgeschichte und Psychologie. All diese Disziplinen sind auch in seiner für uns interessanten Untersuchung "Griechische Opferbräuche" (1946) zusammen geflossen.

Opfertheorie in "Griechische Opferbräuche"

Meulis Ausgangspunkt für seine Überlegungen ist der bekannte "Betrug" der Götter im Olympischen Opfer. Wie aus Schilderungen des Opferbrauches, seiner Verhöhnung durch verschiedene Schriftsteller und nicht zuletzt dem Prometheus-Mythos hervor geht, werden im Olympischen Opfer lediglich die bloßen Schenkelknochen (in Fett gepackt) als Gabe an die Götter verbrannt, während die Opfergemeinde das gesamte Fleisch selbst verzehrt. Meuli versteht diesen "Betrug" als späte theologische Deutung eines inzwischen sinnentleerten Rituals der paläolithischen Jägerkultur, dessen ursprüngliche Bedeutung er in Rückgriff auf ethnographisches Material zu erschließen versucht.

In rezenten Jägerkulturen (vor allem Sibiriens und Nordamerikas) findet Meuli eine rituelle Behandlung von Knochen, Fell und Eingeweiden der Jagdbeute vor. So werden in manchen Fällen die Knochen des Beutetieres der tierischen Anatomie entsprechend erdbestattet oder aufgebahrt; in anderen Fällen werden die fleischlosen Überreste an einem bestimmten Ort aufgehäuft oder auch in Bäume gehängt. Ähnliches geschieht auch mit Fell und Eingeweiden. Von den Ausführenden selbst wird bezeugt, dass auf diese Weise dem Wild das zu seiner Regeneration Notwendige zurückgegeben werden soll. Die Rückerstattung von Knochen, Fell und Eingeweiden sichert somit den Fortbestand des Wildes als Jagdgut der Gemeinschaft.

Neben diesem materiellen Aspekt der Rückgabe führt Meuli auch emotionale Aspekte an: nicht nur das materielle Fortbestehen (Auferstehen), auch das Wohlwollen des Wildes und seine gute Gesinnung gegenüber dem Jäger soll durch die gute Versorgung des Erjagten gesichert werden. Denn nur das wohl gesonnene Tier lässt sich töten; das beleidigte bleibt dem Jäger fern. Da nach Meuli in Jägerkulturen höchstens eine vage Grenze zwischen Mensch und Tier gezogen wird, ist jegliches Töten mit Mord gleichzusetzen. Dies birgt nicht nur ein bedrückendes Reuegefühl für den Jäger: um das Wohlwollen des gemordeten Wildes zu erhalten, muss er auch "Unschuldskomödien" inszenieren, in denen er seine Schuldlosigkeit beteuert und die Verantwortung für den Mord auf andere abwälzt.

Meuli sieht diese Riten rezenter Jägerkulturen aufgrund von archäologischen Befunden als Riten an, die schon im Neolithikum auf ähnlicher gedanklicher Grundlage praktiziert wurden. Mit der neolithischen Revolution verlor das Jagen an Bedeutung, doch der Umgang mit den Tierüberresten blieb ähnlich ritualisiert, wenn auch nicht bei jeder Schlachtung. Dementsprechend finden sich im blutigen Opfer als ritualisierter Schlachtung viele Elemente der neolithischen Jägerbräuche:

- das Tier wird vor der Tötung besänftigt und muss häufig (z.B. durch ein Nicken) anzeigen, dass es ein dem Jäger/Opferer wohl gesinntes Tier ist;
- Waschen und Beräuchern, ursprünglich um der Witterung des Wildes zu entgehen, sind im Opfer als vorbereitende Handlungen erhalten;
- die Beteiligten müssen die Tat wie einen Mord sühnen oder sich in 'Unschuldskomödie' von dem Mordvorwurf befreien;
- nach der Tötung wird das Fleisch sofort verzehrt;
- Knochen, Eingeweide, Fell werden speziell behandelt ('Rückerstattung' durch Aufbahrung oder Verbrennen, stark ritualisiertes Essen bestimmter Organe, Fell als Gabe an Priester).

Für Meuli ist demnach das Opfer aus der Beziehung des Menschen zu seiner Jagdbeute hervorgegangen und wohl v.a. im menschlichen Reuegefühl des Tötenden begründet. Über die Götter sagt das Opfer deshalb nichts aus: sie treten erst viel später als Empfänger eines Opfers hinzu. Dabei könnte die Annahme eines "Herren des Waldes" in Jägerkulturen eine Zwischenstufe geliefert haben: dieser "Herr" wacht über sein Wild, wird von diesem über das gute oder böse Verhalten des Menschen unterrichtet und macht davon sein Wohlwollen gegenüber dem Menschen abhängig, das sich im Jagdglück zeigt.

Der "Betrug" der Götter im Olympischen Opfer ist also Burkert zufolge ein später Erklärungsversuch für ein eigentlich neolithisches Ritual, das erst mit Entstehen von Gottesvorstellungen als Gabe an die Götter uminterpretiert wurde. Ursprünglich aber haben diese nichts mit dem Opfer zu tun: "Als die Götter hinzutraten, war die Verteilung des Tieres längst festgelegt".

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Details

Seiten
11
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638213189
ISBN (Buch)
9783638771450
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16464
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Institut für Vergleichende Religionswissenschaft
Note
1.0
Schlagworte
Ursprünge Opfer Jagd Gewalt Religionswissenschaft Religion Opfertheorien

Autor

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Titel: "Wilde Ursprünge": Opfer, Jagd, Gewalt