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Die Behandlung im pädagogisch-therapeutischen Team

Über die Zusammenarbeit von Psychoanalytischer Pädagogik und Psychoanalytischer Psychotherapie in der stationären Behandlung von Jugendlichen mit substanzbezogenen und komorbiden Störungen

Wissenschaftlicher Aufsatz 2011 34 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Voraussetzungen der Zusammenarbeit der Psychotherapie und des Erziehungsdienstes
2.1. Zum Selbstverständnis der psychoanalytischen Pädagogik und zum Selbstverständnis der psychoanalytischen Psychotherapie
2.2. Das nicht eingelöste Postulat der „Erziehung der Erzieher“

3. Behandlungsaspekte
3.1. Grundkonzepte der psychoanalytischen Technik: Übertragung, Gegenübertragung, Widerstand und ihre Bedeutung für die Arbeit des pädagogisch-therapeutischen Teams
3.2. Das psychotherapeutische Setting: Gruppen- und Einzelpsychotherapie
3.3. Das pädagogische Setting: Gruppen-Milieutherapie, Einzel-Milieu-
therapie und Rekreationstherapie als Basistherapie
3.4. Szenisches Verstehen als hermeneutisches Verfahren in der pädagogischen Diagnostik
3.5. Erziehungsmittel und Erziehungsziele
3.6. Einstellungsänderung durch Kommunikation

4. Integration von Psychotherapie und Pädagogik im klinischen Setting
4.1. Überschneidungen, Verflechtungen, Gemeinsamkeiten und
Differenzen von psychotherapeutischer und pädagogischer Praxis
4.2. Evaluation der erzieherischen Arbeit

5. Zusammenfassung und Diskussion

6. Literatur

Zusammenfassung

Dieser Aufsatz schließt sich thematisch an den Aufsatz „Pädagogische Ansätze in der Postakutbehandlung“ (Schlieckau 2009) an. Hier wird nun der Focus auf die Beschreibung der idealtypischen Zusammenarbeit zweier zentraler Arbeitsbereiche der Suchtfachklinik gelegt: der Psychotherapie und des Pflege- und Erziehungsdienstes.

Diese Beschreibung eines Best practice-Beispiels der Basistherapie ist keine Utopie. Sondern das Modell wurde mit Erziehern in der klinischen Praxis real entwickelt und wird erfolgreich gelebt. Es hat sich am Beispiel der Dietrich Bonhoeffer Klinik in Ahlhorn/Niedersachsen über Jahrzehnte gezeigt, dass entgegen der Annahme von Körner (1980), Psychoanalyse und Pädagogik seien unvereinbar, in der Tat eine gute Zusammenarbeit von Psychotherapie und Pädagogik zum Wohle des jugendlichen Patienten möglich ist. Der Beitrag der Erziehung zur Suchtrehabilitation wird im Verhältnis zum Beitrag der Psychotherapie von Suchtfachleuten oft geringer bewertet, aber gleichwohl anerkannt. Dabei leisten die Erzieher in der Dietrich Bonhoeffer Klinik eine umfängliche Beziehungsarbeit und Beratung der Patienten im sog. Realraum der Klinik und unterstützen so ganz wesentlich die Arbeit ihrer psychotherapeu-tischen Kollegen im jeweiligen Stationsteam. Der Pädagogische Dienst der Klinik kann nicht nur auf ein Erfahrungswissen aus über 30 Jahren stationäre Rehabilitation zurückgreifen, sondern u. a. auch auf die Ergebnisse aus der beinahe 100-jährigen Entwicklung der Psychoanalytischen Pädagogik, die sich ursprünglich von Sigmund Freund herleitet.

Pädagogische Ansätze sind heute im Rahmen einer multimodalen Therapie in stationären Behandlungskonzepten für Kinder und Jugendliche mit substanzbezogenen Störungen fach-lich anerkannt. Eine Synthese von Psychoanalyse und Pädagogik ist möglich. Die psycho-analytische Pädagogik muss heute ein eigenständiges, nichtärztliches, aber gleichwohl psychoanalytisches Selbstverständnis als eigene Identitätsbildung entwickeln, den Diskurs mit benachbarten Fachdisziplinen suchen und sich um eine Evaluation und stärkere Evidenz-basierung ihrer Beiträge bemühen.

1. Einleitung

Der Ansatz, eine Schnittstelle zweier Arbeitsbereiche zum Gegenstand der Betrachtung zu machen, mag zunächst ungewöhnlich anmuten, und doch ist die Beschäftigung mit Schnittstellenproblematiken nicht nur im Qualitätsmanagement eine wesentliche Aufgabe. Es lohnt auch, näher zu untersuchen, wie zwei unterschiedliche Berufsgruppen mit je eigenen Berufsverständnissen, Perspektiven, Aufgaben, Settings und Methoden miteinander interagieren, sich gegenseitig unterstützen und ergänzen können. Der Aufsatz kann nur einen groben Überblick über diese Schnittstelle geben und muss Details aussparen.

Über die Arbeit des Pflege- und Erziehungsdienstes in einer Rehabilitationseinrichtung wurde in der Forschungsliteratur bisher recht wenig veröffentlicht. Viel gut reflektiertes Praxiswissen wurde nie wissenschaftlich aufgearbeitet und auf seine Evidenz geprüft. Auch dieser Aufsatz gibt nur die Meinung des Autors auf unterem Evidenzniveau wieder, der seit 16 Jahren als Pädagogischer Leiter und Sozialtherapeut in einer Klinik tätig ist.

In diesem Aufsatz soll der Beitrag des Erziehers bzw. des Psychoanalytischen Pädagogen, nicht der Beitrag des Gesundheits- und Krankenpflegers in der Zusammenarbeit mit dem Psychotherapeuten betrachtet werden, was auf keinen Fall als Entwertung der Pflegewissenschaft verstanden werden soll. Im Vergleich zu Psychotherapeuten mißt man Erziehern oft einen geringeren Stellenwert in der Arbeit mit Patienten und eine weniger bedeutsame Berufsrolle zu, wenn man denn überhaupt davon ausgeht, dass Erzieher in einer Klinik beschäftigt sind (eine Ausnahme bilden hier jedoch viele kinder- und jugendpsychia-trische Einrichtungen mit ihren Pflege- und Erziehungsdiensten). Viele Menschen denken, dass Psychotherapeuten eine wesentlich profundere fachspezifische Aus- und Weiterbildung genossen haben als Erzieher, was in aller Regel auch den Tatsachen entspricht. Daher wird den Psychotherapeuten faktisch ein höheres Ansehen und ein höherer Status zugewiesen (bei ärztlichen Psychotherapeuten gilt dies im Verhältnis zu anderen medizinischen Fachrichtungen häufig noch umgekehrt).

Trifft die von Körner vor 30 Jahren gestellte deprimierende Diagnose zu, dass Psychoanalyse und Pädagogik grundsätzlich miteinander unvereinbar seien (Körner 1980, 778) und dass psychoanalytische Pädagogik kaum mehr als eine wenig geordnete Fülle von Handlungs-konzepten und Praxiserfahrungen, „eine Sammlung theorieferner, psychoanalytisch-pädagogischer Praxiserfahrungen“ umfasse (Körner 1980, 773)?

In der öffentlichen Debatte der letzten Jahre wurde deutlich auf einen strukturellen Mangel in der Erzieherausbildung und Mängel in der Versorgung mit Erziehern in öffentlichen Einrichtungen hingewiesen. Ob diese Debatte auf alle relevanten Tätigkeitsfelder von Erziehern Auswirkungen haben wird, sei angesichts knapper Kassen dahingestellt. Wenn man einmal der Utopie folgen möchte, dass Erzieher bei einer besseren, akademischen Aus- und Weiterbildung, etwa als Psychoanalytische Pädagogen und Lehrer, durchaus einen „gleichwertigen“ professionellen Beitrag zur Rehabilitation randständiger Jugendlicher mit substanzbezogenen Störungen leisten könnten, könnte man sich auch einen höheren Stellenwert der Pädagogik in der Suchtbehandlung vorstellen. Doch dazu fehlen bisher viele strukturelle Voraussetzungen. Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten haben sich über Jahrzehnte hinweg als Berufsgruppen in der Suchthilfe etabliert und ihren Status (sowie ihre Macht) gesichert. Die allermeisten Forschungsarbeiten werden aus diesen Berufsgruppen durchgeführt. Diese Berufsgruppen dominieren mit ihren fachlichen Ansätzen die Strukturen und Konzepte. Und ohne Zweifel haben sie maßgeblich zur Professionalisierung der Suchthilfe beigetragen. Für Erzieher, wenn man sie denn überhaupt in Kliniken antrifft, gibt es in diesem Tätigkeitsbereich kaum eine Lobby. Sie führen Aufgaben in einem untergeordneten, breiten Spektrum der Grundversorgung und Betreuung der Patienten aus. Von vielen Bürgern unbemerkt, hat sich diese Basistherapie aber in den letzten Jahrzehnten im Schatten der o. g. akademischen Lehre sukzessive professionalisiert, wenngleich kaum Forschungsergebnisse zur Evaluation und Evidenzbasierung der Konzepte in der Basistherapie vorliegen. Leider hat sich die akademische pädagogische Forschung bisher kaum der Rehabilitation Sucht angenommen, obwohl sie ein interessantes und forderndes Arbeitsfeld für den Pädagogen darstellt. Eine bessere (akademische) Aus- und Fortbildung der Erzieher und Dotierung der Erzieherstellen ist heute angesichts der noch unzureichenden Reform der Erzieherausbildung und begrenzter Pflegesätze illusorisch. In den Einrichtungen tut man, was man kann, damit eine zielführende Personalentwicklung und Professiona-lisierung auch bei Erziehern und Pflegekräften stattfinden kann. Vieles spricht also dagegen, dass der erzieherische Beitrag in der Suchtbehandlung in absehbarer Zeit einen höheren Stellenwert erhalten wird, wenn hier nicht gezielte Anstrengungen unternommen werden. Und dennoch soll dieser Fachaufsatz aufzeigen, dass es trotz der bestehenden strukturellen Verhältnisse Praxisbeispiele, Konzepte und best practice-Modelle gibt, die tagtäglich eine für den Patienten gedeihliche Zusammenarbeit von Erziehern und Psychotherapeuten verwirklichen.

Welche klinischen Erfahrungen mit der psychoanalytisch-pädagogischen Behandlungstechnik gibt es bereits und wie gestaltet sich heute die Zusammenarbeit von Psychotherapie und Pädagogik in einer Fachklinik für junge Abhängigkeitskranke?

Und welche Entwicklungsmöglichkeiten und Verbindungen der Systeme des psychothera-peutischen und pädagogischen Settings sind heute in der medizinischen Rehabilitation wünschenswert?

2. Voraussetzungen der Zusammenarbeit der Psychotherapie und des Erziehungsdienstes

2.1. Zum Selbstverständnis der psychoanalytischen Pädagogik und zum Selbstverständnis der psychoanalytischen Psychotherapie

Sigmund Freud prägte den Begriff der „Nacherziehung“ und schrieb im Geleitwort zu August Aichhorns Buch „Verwahrloste Jugend“: (wo die erforderlichen individuellen wie die objekti-vierbaren Voraussetzungen für die analytische Situation der Kur fehlten, JS) „…muss man etwas anderes machen als Analyse, was dann in der Absicht wieder mit ihr zusammentrifft“ (S. Freud 1925). Brezinka und Datler machen Psychotherapie gar zu einem Spezialfall der Erziehung (Brezinka 1971, Leber 1984, Datler 1995). Luhmann sagt, soziale Systeme seien Netzwerke kommunikativer Handlungen. Sie seien prinzipiell temporär und bedürften der ständigen Erneuerung. Sie seien ein Produkt der Deutung von Beobachtern und existierten nur im semantischen Raum. Therapie und Pädagogik entstammten beide einem gemein-samen ideologischen Ursprung (Luhmann 2003). Rainer Thomasius und Martin Stolle bemer-ken schließlich: „Die Behandlung von substanzbezogenen Störungen im Kindes- und Jugend-alter erfolgt vor dem Hintergrund einer biopsychosozialen, entwicklungsorientierten Perspek-tive und im Rahmen eines multimodalen interdisziplinären Konzeptes. Dabei müssen viel-fältige Behandlungsansätze mit einbezogen werden. … haben in der Postakutbehandlung von Kindern und Jugendlichen mit substanzbezogenen Störungen die gezielte pädagogische Förderung und verschiedene supportive Maßnahmen hohen Stellenwert.“ (Thomasius & Sack 2009, 245).

Therapie mit jungen Abhängigkeitskranken kann nicht erfolgreich sein ohne einen professionellen pädagogischen Rahmen. Dabei ist eine exakte Trennung von Psychotherapie und Pädagogik nicht möglich, da es im System Klinik im Handeln beider Fachabteilungen Überschneidungsbereiche gibt. Zur Vermeidung von Spannungsfeldern sind daher eine möglichst transparente systemische Personalstruktur sowie eine klare Trennung der Funktionen und Aufgaben von Psychotherapeuten und Pädagogen notwendig.

Pädagogik als Handlungswissenschaft sollte nicht als „Stiefkind“ der multimodalen Therapie behandelt werden, sondern braucht die ihr zustehende Akzeptanz und Beachtung. Päda-gogik muss sich mit den benachbarten Wissenschaften auseinander setzen, wie auch umgekehrt. Eine Fehlinterpretation der Therapiebeiträge von Pädagogen basiert häufig auf wissenschaftshistorischen Ursachen, mangelnder Kenntnis der pädagogischen Methoden und auf dem Unvermögen der an der Therapie beteiligten Wissenschaftsdisziplinen, ihre unterschiedlichen Konzepte sich gegenseitig immer wieder zu vermitteln. Dieses Unver-ständnis begleitet die psychoanalytische Pädagogik seit ihren Anfängen.

Es scheint in vier grundlegenden Missverständnissen begründet zu liegen:

a) Therapeutische Hilfe wird im Augenblick der Hilflosigkeit des Pädagogen erbeten, obwohl der Pädagoge auf Grund seiner Ausbildung selbst zur Handlung fähig wäre;
b) Psychoanalytische Therapie unterliegt mitunter dem Selbst(miss-)verständnis als Konzept zum Aufarbeiten von Erziehungsfehlern;
c) Manche Kliniker zeigen die Tendenz, Fähigkeiten und Möglichkeiten der Psycho-therapie zu überschätzen;
d) Manche Psychotherapeuten neigen mitunter leichtfertig, voreilig und/oder mit einer gewissen Portion Arroganz und Hybris zur Entwertung des pädagogischen Beitrages auf der Basis ihres (vermeintlich) höheren Sozialprestiges und ihrer oftmals fundier-teren Aus- und Weiterbildung.

Mitunter herrscht ein beinahe kategorisches Misstrauen Erziehenden gegenüber, ob sie denn beim Einsatz ihrer erzieherischen Methoden und Erziehungsmittel professionell handeln und insofern über ihre Interventionen dem Patienten förderlich seien. Dieses Misstrauen kann von anderen Berufsgruppen leicht als Begründung für eigene Eingriffe in die erzieherischen Arbeitsprozesse instrumentalisiert werden. Aus psychoanalytischer und aus systemischer Sicht hätte ein solcher autoritärer Eingriff in den pädagogischen Arbeits- und Kompetenzbereich fatale Folgen: Patienten würden den systemischen Konflikt sofort wahrnehmen und für ein subtiles destruktives Ausagieren missbrauchen können. Gleichzeitig würde der Erzieher in seiner Sanktionsmacht depotenziert werden und in eine unmögliche Situation geraten, in der das autoritäre Machtgefälle, das gewöhnlich zwischen dem Erzieher und dem Educanden unteilbar herrschen muss, damit Erziehung qua Autorität des Erziehers überhaupt funktionieren kann, sozusagen umgekehrt wird. Plötzlich sieht der Educand, übrigens ähnlich wie im familiären Setting, Möglichkeiten, wie er den Erzieher (Vater und Mutter) gegenseitig ausspielen kann und bestimmt das Geschehen. Wenn eine solche Situation eintritt, verliert das klinische Setting sofort an Wirkung, und alte maligne Spaltungsmechanismen, die bereits in der Biographie vieler Patienten zum Tragen kamen, werden reaktualisiert. Wenn es zu derartigen Grenzverletzungen („Hineinregieren“ in die Pädagogik) kommt, wäre dies auch so, als ob eines Tages das Jugendamt in die Familie kommt und den „Eltern“ das Sorgerecht teilweise oder ganz entzieht. Das bedeutet aber umgekehrt, ganz abgesehen von dem gestörten gegenseitigen Respekt und Vertrauen im Team, dass in dem Moment, in dem der Akteur (z. B. der Psychotherapeut) von außen in die pädagogischen Prozesse steuernd eingreift, dieser Außenstehende auch die volle erzieherische Verantwortung für die Konsequenzen seines Handeln übernimmt.

Ein praktisches Beispiel dazu: ein Teil der erzieherischen Aufgabe ist die Überwachung der Einhaltung der Hausordnung. Wenn z. B. ein Psychotherapeut in diese erzieherischen Aufgabe eingreift und entgegen der allgemeinen Hausregel einem (erwachsenen) Patienten ausdrücklich das Rauchen auf dem Zimmer erlaubt, übernimmt er auch die Verantwortung und Haftung dafür, wenn dieser mit einer brennenden Zigarette einschläft und andere dadurch zu Schaden kommen.

Ein weiteres praktisches Beispiel: es herrscht zwischen dem Bezugspsychotherapeuten und dem Bezugserzieher Uneinigkeit über die Frage der Umsetzung, Form und Stärke einer erzieherischen Sanktion nach einem konkreten Regelverstoß. So hat gemäß der gültigen Hausordnung und der Qualitätsprozesse der Einrichtung der Erzieher etwa den Educanden X im Stufensystem der Klinik um eine Stufe heruntergestuft (negative Sanktion), weil der Educand X Geld, das für einen Bekleidungseinkauf bestimmt war, statt dessen für den Kauf von Drogen zweckentfremdet hat. Daraufhin hatte der Bezugspsychotherapeut sein Veto gegen diese Sanktion eingelegt und veranlasst, dass nicht nur die Form und Stärke der Sanktion, sondern die erzieherische Sanktion als solche zurückgenommen wird. Nicht die Zweckmäßigkeit einer solchen Intervention steht hier in Frage, sondern die formale Arbeitsteilung von Arbeitskollegen verschiedener Funktionsbereiche. Üblicherweise hat der Erzieher die volle Autonomie in der Festlegung und Umsetzung erzieherischer Sanktionen. Das Veto des Psychotherapeuten stellt eine Ausnahme von dieser Regel dar. Hier stellt sich die Frage, wieviel gegenseitiger Respekt, Vertrauen und Professionalität im Handeln beider Berufsgruppen aufgebracht werden kann, damit ein solches Veto die absolute Ausnahme bleibt. Vom Verfahren her sollte auch nur derjenige, der die Sanktion verhängt hat, diese nach dem Veto eines Anderen auch selbst zurücknehmen, um die persönliche Hoheit des Handelns zumindest dem Anschein nach wahren zu können. Wenn ein anderer Mitarbeiter die Sanktion des Erziehers gegenüber dem Educanden rückgängig machen würde, träte der oben beschriebene Fall der Depotenzierung und Verunsicherung des Erziehers als Autoritäts-person ein, die dann unweigerlich zu einer ernsten systemischen Krise im Team der Einrichtung führen würde. Umgekehrt würde dasselbe gelten, wenn der Erzieher beginnen würde, eine spezielle Psychotherapie mit dem Educanden zu beginnen und dadurch die Bedeutung und Rolle des Bezugspsychotherapeuten in Frage stellt.

Mit den soeben beschriebenen Negativbeispielen aus der Praxis ist hoffentlich deutlich geworden, dass jegliche gegenseitige, nicht abgestimmte Eingriffe in das ureigenste Kompetenzfeld des jeweils anderen Arbeitskollegen zu entsprechenden negativen Folgen im System und Setting der Klinik führen und dann eigentlich nur noch eine destruktive Psychodynamik entfalten können. Es kann nicht im Interesse des Teams sein, wenn irgendein Kollege durch ein anderes Teammitglied vor den Patienten oder vor dem Team bloßgestellt und in seiner Amtsautorität in Frage gestellt wird. Grundsätzlich wäre es auch nicht unproblematisch, wenn ein Arbeitsbereich, etwa die Psychotherapie über eine legitime koordinierende Funktion hinaus durch eine in der Organisationsstruktur der Einrichtung gegenüber anderen Fachbereichen der Klinik hierarchisch höhere Positionierung eine derartige Machtfülle und Dominanz erlangen würde, dass er beinahe nach Belieben alle anderen Therapieansätze in der Einrichtung beeinflussen und fremdbestimmen kann. Eine derartige Systemstruktur hätte aber durch den ihr immanenten starken Kontrollansatz einen Suchtcharakter, würde dem multiprofessionellen und emanzipatorischen Ansatz einer multi-modalen Suchttherapie diametral entgegenlaufen und auf seiten der Patienten eher das Gegenteil von Kontrolle und Entwicklung, nämlich Chaos und Regression hervorrufen. Mit dem Kontrollansatz verbunden wäre die Annahme einer ungleichen Verteilung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, von Qualifikationsniveaus und Kompetenzen im Team, die dann einen autoritären, steuernden Eingriff in andere Fachbereiche rechtfertigen würde, um eine fachlich oder individuell einseitige Zielvorstellung zu verwirklichen. Damit verbunden wäre im Zweifel auch eine partielle oder generelle Missachtung der dann benachteiligten Fachbereiche sowie ihrer Methoden und Konzepte. Dies alles klingt, als ob es ständig zu ernsten Konflikten zwischen den beiden Arbeitsbereichen kommen müsse. Das ist aus aller erfahrung nicht der Fall. In der klinischen Praxis ist dagegen häufig positiv festzustellen, dass die Zusammenarbeit i. d. R. gut funktioniert, dass sich Psychotherapeuten durch die Arbeitsteilung in gewisser Weise entlastet fühlen und dass die Therapiefähigkeit bestimmter Patienten durch erzieherische Interventionen oft erst hergestellt wird, noch bevor sich der Patient aktiv(er) an der Einzel- und Gruppenpsychotherapie beteiligt.

Während der Psychotherapeut in einem klar bestimmten Setting die Einzel- und Gruppenpsychotherapie mit festgelegter Dauer und in einem speziellen Setting anbietet, ist der Pädagoge damit beschäftigt, den Alltag des Patienten zu regeln, ihn in der therapiefreien Zeit sozial zu stabilisieren und zu integrieren und (im Realraum) seine kognitive Entwicklung zu fördern (vgl. Hanselmann bei Friedemann 1964, 475 f.). Dies ist zugleich ein effizienter Einsatz personeller Ressourcen, zumal Therapeuten und Pädagogen einerseits zu verschie-denen Tageszeiten arbeiten, andererseits aber auch teilweise überlappend ihren Dienst am Jugendlichen leisten und in speziellen Settings, wie z. B. in der Gruppenpsychotherapie, gemeinsam präsent sind. Dabei müssen sich sowohl der Therapeut wie der Erzieher im Klaren darüber sein, dass beide intensiv unter Beobachtung des Patienten stehen und auf ihre Tauglichkeit als Modell für attraktives Verhalten und eine nachahmenswerte Lebens-organisation geprüft werden. Bereits in der ersten Sekunde der Begegnung prüft der Jugendliche, ob „die Chemie stimmt“, ob es der Therapeut oder Erzieher ernst mit ihm meint und ob er im Auftreten sicher und authentisch wirkt.

Durch die pädagogische Basistherapie im Alltag wird der Psychotherapeut regelmäßig entlastet und kann sich seinem engeren Arbeitsfeld widmen. Der Pädagoge verstärkt durch seine Beziehungsarbeit die Ansätze des Psychotherapeuten. Die Autorität der „Ersatzeltern“ und verlässliche Grenzen schützen den Patienten vor bedrohlichen Trieb- und Angstdurch-brüchen. Das erfordert aber auch die Zuweisung von Amtsautorität an den Erzieher und die Garantie derselben seitens der Institution Klinik. In der therapiefreien Zeit wird eine Vielzahl von Objekten geboten, mit denen sich der Patient in Beziehung setzen kann. Er kann zwischen verschiedenen Bezugspersonen aus dem Mitarbeiterteam wählen und zu einzelnen Mitarbeitenden ein besonderes Vertrauensverhältnis sowie eine engere Bindung entwickeln, wobei der Psychotherapeut diese Beziehungsdynamik durch den Austausch im Stations- und Klinikteam im Auge behält. Hier wird die enge Verzahnung von psychoanalytischer Psycho-therapie und Psychoanalytischer Pädagogik deutlich. Darüber hinaus kann durch die Effekte der Erziehungs- und Bindungsarbeit des Pädagogen eine höhere Haltequote und überhaupt erst eine Therapiemotivation und –fähigkeit des Patienten gefördert werden. Ein hoher pädagogischer Standard wirkt zudem beruhigend auf die Eltern und das soziale Umfeld des Patienten und ist geeignet, die Reputation der Klinik zu erhöhen. Dies alles sind – ökonomisch betrachtet - Investitionen in die Zukunftsfähigkeit der Klinik.

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Titel: Die Behandlung im pädagogisch-therapeutischen Team