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Die französische Liaison in Theorie und Praxis

Liaison-Arten und ihre Regeln

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 18 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Liaison in der Theorie
2.1 Liaison obligatoire
2.2 Liaison interdite
2.3 Liaison facultative
2.4 Falsche Liaison

3. Die Liaison in der Praxis
3.1 Realisierte Liaison im untersuchten Gespräch
3.2 Nichtrealisierte Liaison im untersuchten Gespräch
3.3 Kommentar zur Analyse des Gesprächs

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Liaison ‚Verbindung’ ist ein phonologisches Phänomen, das typisch für die Französische Sprache ist. Sie wird definiert als „Ausspracheregelung des Frz., derzufolge ein an sich stummer Konsonant am Ende eines Wortes dennoch artikuliert wird, wenn er zwischen einem auf Vokal auslautenden und einem mit Vokal anlautenden Wort erscheint.“ (Bußmann 1990:457).

In dieser Arbeit wird zunächst das Phänomen der liaison im größerem Zusammenhang erklärt werden, anschließend werden deskriptiv die verschiedenen Liaison-Arten und ihre Regeln dargestellt, in der Unterteilung zwischen liaison obligatoire, liaison interdite und liaison facultative, welche auch den gängigen Grammatiken vorliegt. Als Einführung dienten die Erklärungen in Meisenburg und Selig. Die deskriptiven Erläuterungen zur Liaison begründen sich hauptsächlich auf Delattre1, Klein und Léon, aber auch andere Arbeiten, z.B. von Schwarze und Lahiri, Encrevé und Tranel wurden ergänzend hinzugezogen. Die Erklärungen zu den Eigenschaften der Liaison werden durch Beispiele erläutert.

Die anschließende Analyse eines aufgezeichneten Gesprächs aus dem elektronischen Korpus C-ORAL-ROM soll die Frage beantworten, in wie weit die Liaison im Alltagfranzösisch der Gegenwart Gebrauch findet und ob die normativen Grammatikregeln zur Liaison von Muttersprachlern befolgt werden. Auf diese Weise sollen Akzeptibilitätsurteile erhoben werden. Hierbei sind sowohl Häufigkeit als auch Art der Liaisons, die vom Sprecher des zu Grunde liegenden Monologs realisiert werden, von besonderem Interesse.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll sein, die Anwendung der im ersten Teil genannten normativen Regeln der Liaison anhand eines Textes in der Praxis zu überprüfen und Konformitäten und Abweichungen festzustellen.

2. Die Liaison in der Theorie

Der Begriff der Liaison wird im Deutschen mit Verbindung übersetzt; während Delattre zwischen liaison und encha î nement 2 unterschiedet, führt Klein die Begriffe ‚vokalische’ und ‚konsonantische Bindung’ ein bzw. unterscheidet er zwischen ‚Bindung’ und ‚Mitbindung’ wobei die liaison der konsonantischen bzw. der Mit-bindung entspricht. (Klein 1963:160)3. Beim encha î nement werden die latenten Konsonanten auch im isolierten Wort ausgesprochen: grande[d] amie, petite[t] amie. Während beim encha î nement die ausgesprochenen Konsonanten und Vokale in der cha î ne parlée aneinandergereiht werden und somit laut Delattre das C-V-C-V-Prinzip4 befolgt wird, spricht man bei der Liaison den latenten finalen Konsonanten nur dann aus, wenn ein Wort mit Vokal am Anfang folgt. (Delattre1949:148).

Die Liaison ist theoretisch ein phonologischer Prozess und wird realisiert an der Grenze zwischen einem Wort mit schwacher Wortgrenze und des darauf folgenden vokalisch anlautendem Wortes. Bei der Anwendung der Liaison spielen aber auch andere linguistische Prozesse morphologischer, syntaktischer oder pragmatischer Art eine wichtige Rolle. Nicht alle latenten Auslautkonsonanten werden immer an der phonetischen Oberfläche realisiert immer dann wenn das nachfolgenden Wort mit einem Vokal beginnt. Wortgrenzen, Phrasenstrukturen oder Bedeutungsunterschiede können Liaison blockieren. In einigen Fällen erfolgt Liaison, indem ein nicht vorhandener Konsonant eingefügt wird, um in der cha î ne parlée einen Hiatus zu vermeiden (Meisenburg, Selig 2004:130, Schwarze/Lahiri 1998:74).

Die Liaison ist eine Reminiszenz des Altfranzösischen. „La liaison est la survivance de quelques enchaînements de consonnes finales de l’ancien français.“ (Delattre 1949:148). Während im Altfranzösischen alle Endkonsonanten, wie sie in der graphischen Darstellung der Wörter heute noch vorhanden sind, ausgesprochen wurden, verstummten ab dem 12. Jahrhundert silbenschließende Konsonanten im Wortinlaut und im Wortauslaut, jedoch galt das nicht vor vokalisch anlautenden Wörtern. Auslautkonsonanten wurden dort weiterhin ausgesprochen, wo ein Hiatus im Silbenkontakt vermieden werden musste (Meisenburg, Selig 2004:131). Dort, wo die finalen Konsonanten in der groupe rhythmique an ein Vokal gebunden waren, hat man sie erhalten (Léon 199]2:152, Carton 1974:217f).

Im Gegenwartsfranzösisch bestimmen mehrere Faktoren die Realisierung bzw. die Nichtrealisierung der Liaison. Die gängigen Grammatiken (s.o.) unterscheiden, unter Berücksichtigung silbenprosodischer, syntaktische, morphologischer und lexikalischer Faktoren, zwischen liaison obligatoire, liaison facultative und liaison interdite, können sich aber bei der Erstellung systematischer Regeln der Abgrenzung nicht auf einem linguistischen Bereich einigen. Während die liaison obligatoire und die liaison interdite sich an den normativen Regeln der Liaison orientieren und somit festgelegt sind, variiert die Realisierung der liaison facultative je nach Kontext. Sie wird von sozialen und stilistischen Faktoren beeinflusst wie in 2.3 gezeigt wird. Je höher die soziale Stellung bzw. das soziale sprachliche Niveau des Sprechers oder der Kontext der Sprechsituation, desto mehr fakultative Liaison wird realisiert, umgekehrt ist häufige fakultative Liaison im alltäglichen und familiären Sprachgebrauch unüblich. (Meisenburg, Selig 2004:132). Wenn Liaison realisiert wird, so geschieht dies nur innerhalb der prosodischen Einheit, der sogenannten groupe rythmique5 d.h. überall dort, wo der Sprachgebrauch eine starke Zusammengehörigkeit zweier Wörter oder Wortklassen etabliert hat.

In seinen grundlegenden Beobachtungen zur Liaison (Delattre 1949:150ff) stellt Delattre fest, dass Liaison in folgenden Fällen realisiert wird:

a) von einem weniger wichtigen zu einem wichtigerem Wort: les [z] amis, nous [z] arrivons, deux [z]élèves, eine Ausnahme bilden Inversionsfragen
b) im Plural, um den Bedeutungsunterschied zum Singular herzustellen: maisons [z]àvendre ‚Häuser zu verkaufen’ vs. maison /àvendre ‚Haus zu verkaufen’
c) wenn das erste Wort kürzer als das zweite ist: très [z] utile vs. extr ê mement / utile
d) beim Nasal werden die Adjektive denasaliert: un bon [n]élève, un [n] ancien [n] ami. Das nasale n bleibt bei der fakultativen Liaison erhalten: a-t- on / envoyéç a, un /àun.6

Liaisonfähige und -gängige Konsonanten sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten7 8

Bei Bedeutungsunterschieden wird keine Liaison realisiert, siehe en [n] eau ‚im Wasser’ vs. en / haut ‚in der Höhe’ , les [z] uns ‚die einen’ vs. les / Huns ‚die Hunnen’ (Delattre 1949:150ff). Dies ist ein notwendiger, jedoch kein hinreichender Grund, Klein weist darauf hin, dass il est [t] ouvert ‚es ist offen’ mit il est tout vert ‚er ist ganz grün’ phonologisch gleich ist, genauso en [n] agent ‚als Agent’ und en nageant ‚beim Schwimmen’, trop [p] heureux ‚zu glücklich’ und trop peureux ‚zu ängstlich’ , dennoch verhindert dies keine Liaison (Klein 1963:161).

Auf die phonologischen Phänomene der Liaison soll hier nicht speziell eingegangen werden. Grundlegend werden die stimmlosen Konsonanten [s] und [x] zu dem stimmhaften [z], die stimmhaften [t] und [g] dagegen werden stimmlos zu [d] und [k]. Schwarze und Lahiri stellen für Liaisonkonsonanten in bestimmten Kontexten zwei Phänomene fest, zum einen die Realisierung bzw. Nichtrealisierung der latenten Konsonanten und zum anderen die Desonorisierung bzw. Sonorisierung bestimmter latenter Konsonanten (Schwarze, Lahiri 1998:73). Interessant hierbei ist, dass, während bei der Liaison das heutige - s und - x als [z] und das geschriebene - d als [t] ausgesprochen werden, die Konsonanten beim encha î nement unverändert ausgesprochen werden, d.h. ohne phonologische Variation erhalten bleiben. In der cha î ne parlée ist dieses Phänomen hilfreich für den Zuhörer, so kann er z.B besser zwischen der weiblichen Form grande [d] amie (encha î nement) und der männlichen Form grand [t] ami (liaison) unterscheiden (Léon 1992:152).

2.1 Liaison obligatoire

Notwendig ist die Liaison an Stellen, an denen sich das Aufeinanderfolgen der Wörter durch ihr häufiges Usus eingeprägt haben, z.B. zwischen Adjektiven und Nomen, innerhalb der klitischen Gruppe des Verbs, innerhalb von Phraseologismen und nach einsilbigen Präpositionen und Adverbien. Die am häufigsten repräsentierten Liaisons obligatoires sind Verbindungen zwischen Determinant und Nomen: les+enfants, zwischen Personalpronomen und Verb: ils+ont und die Liaison nach einsilbigen Partikeln: très+important (Delattre 1955:42). Léon spricht von starker Kohärenz (z.B. in der Nominalgruppe oder in feststehenden Ausdrücken) und variabler Kohärenz9 (Verbalgruppe und Adverbialgruppe) und verbindet diese Kohärenz mit obligatorischer und fakultativer Liaison (Léon 1992:154f). Die wichtigsten Pflichtliaisons werden wie folgt zusammengefasst (Meisenburg, Selig 2004:133, Delattre 1949:152ff, Klein 1963:168f):

a) beim Nomen

- Artikel + Nomen: les [z] amis, les [z] enfants
- Demonstrativpronomen + Nomen: ces [z] amis, cet [t] ami10
- Indefinitpronomen + Nomen: un [n] ami
- Zahlwörter + Nomen: deux [z] amis, les deux [z] autres
- Possesivpronomina + Nomen: mon [n] ami, vos [z] enfants, son [n] ami
- Adjektiv + Nomen: son petit [t] ami, un ancien [n] ami, un petit [t] arbre11.

b) beim Verb

- klitische Pronomina + Verb: vous [z] avez, ils [z] ont compris, nous [z] en avons, jedoch nicht bei eux: eux / ont tout compris
- on + Verb: on [n] avait
- en oder y + Verb: en [n] avoir assez
- Verb + nachgestellte Klitika im Imperativ: allez -[z] y, allons- [z] y
- Inversion12: dit-[t]il, ont- [t] ils compris, est- [t] il?, a-t- [t] il?.

[...]


1 Pierre Delattres Ausführungen gelten eine der wichtigsten Quellen der modernen Arbeiten zur Liaison und waren z.B. für Léon und Grevisse maßgebend, sie wurden aber auch von anderen Linguisten als zu streng und nicht zeitgemäß kritisiert, Rothe weist ihm eine „normativ-puristische Einstellung“ zu. (Rothe 1978:87), Encrevé kritisiert Delattre wegen mangelnder Feldforschung bzw. Quellenangabe und weil er sich auf ein Sprachverhalten berufe, das eher bei gebildeten Parisern, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts und später geboren wurden, vorzufinden ist. (Encrevé 1988:44).

2 Diese Unterscheidung ist nicht unüblich. Dieser Meinung schließt sich auch Carton an (Carton 1974:87) und sie ist auch bei Léon zu finden. (Léon 1992: 151).

3 Klein benutzt jedoch selber in seinen Ausführungen den französischen Terminus, dies ist in den meisten Grammatiken üblich und wird deshalb auch in der vorliegenden Arbeit so gehandhabt.

4 Delattre sieht wohlgefällige Sprache als eine Kette von Konsonanten und Vokalen, die sich abwechseln. Dort, wo diese Kette unterbrochen wird, neige der Sprecher dazu, diese Verbindung künstlich herzustellen. (Delattre1949:148).

5 Eine Ausnahme bildet z.B. das Rezitieren von Texten oder die Theaterrede, bei der jede mögliche Liaison realisiert wird.

6 Zu den Nasalen findet sich eine ausführlichere Unterteilung bei Klein (vgl. Klein 1963:165).

7 Liaison auf r wird eher selten realisiert, parler [r] encore ist selten, bei laisser-aller wird keine Liaison realisiert (Klein 1963:163).

8 Mit den Besonderheiten der Bindung von neuf und den etymologischen und stilistischen Faktoren befasst sich Klein genauer. (vgl. Klein 1963:164)

9 Delattre und Léon benutzen den Begriff derétroitesse um Bindungskräfte zwischen den einzelnen Elementen zu bezeichnen.

10 Bei cet ami wird die Liaison durch das t auch graphisch dargestellt, (vgl. ce chien) und deutet auf das von Delattre genannte Bestreben der Sprecher hin, Konsonanten und Vokalen abzuwechseln .

11 Bei vorangestellten Adjektiven im Plural wird Liaison häufiger realisiert, weil der Liaisonkonsonant auch Plural markiert.

12 Bei der Inversion wird am Verbende ein Konsonant eingefügt, wenn keiner vorhanden ist: parle-t-il.

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640798490
ISBN (Buch)
9783640798353
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v164719
Institution / Hochschule
Universität Konstanz – Sprachwissenschaft
Note
2,1
Schlagworte
Hauptseminar Romanistik Sprachwissenschaft Phonologie Française Liaison obligatoire interdite facultative Meisenburg Selig Delattre Alltagfranzösisch Grammatikregeln enchainement Morphologie Phonologie chaine parlee Pronomen Syntagma Prosodie Sonorisierung nasal klitisch Realisierung Marker

Autor

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