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Das Erhabene als ästhetische Kategorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 14 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Das Erhabene
2.1 Barthold Heinrich Brockes: Das Firmament
2.2 Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre oder Die Entsagenden - Die Sternwartenszene
2.3 Theoretische Fundierung des Erhabenen
2.4 Das Erhabene in Abgrenzung zum Schönen

3 Literatur

1 Einleitung

Das Erhabene stellt neben dem Schönen eine zentrale Kategorie der Ästhetik im 18.Jahrhundert dar. Die Weltanschauung und die Literatur jenes Jahrhunderts sind durch diese Kategorie stark geprägt. Deren charakteristische Eigenschaften werden jedoch bereits in der Antike angesprochen. Die Kategorie taucht dann vor allem in den Werken herausragender Persönlichkeiten der Aufklärungsepoche wie Immanuel Kant (1724-1804) und Friedrich Schiller (1759-1805) erneut auf. Die Auseinandersetzung mit der Ästhetik der Natur hat jedoch bis in die heutige Zeit nicht an Reiz verloren, denn die Natur dient zeitlos als Schauplatz des Schönen und des Erhabenen gleichermaßen: Der Anblick einer Felswand, eines reißenden Stroms oder des offenen Meeres wird wohl intuitiv eher dem Erhabenen zugeordnet als die Betrachtung einer Frühlingsblume. Es drängt sich sogleich die Frage auf, ob tatsächlich allein die betrachteten Objekte unterschiedliche Gemütszustände verursachen, oder ob nicht die Subjektivität der Wahrnehmung und die Erwartungshaltung des Betrachtenden die ästhetische Empfindung wesentlich beeinflussen. Der Begriff Ästhetik wird in diesem Zusammenhang nicht im wohl gebräuchlichsten Sinne als Synonym zu Schönheit verwendet. Vielmehr umfasst der Ästhetikbegriff, insoweit die Ästhetik eine philosophische Disziplin ist, die Theorie des sinnlichen Wahrnehmens überhaupt (gr. aisthesis: Wahrnehmung).

Die vorliegende Arbeit stellt nach diesen einleitenden Worten in den ersten beiden Abschnitten des zweiten Kapitels die Kategorie des Erhabenen anhand zweier literarischer Texte vor: Zunächst behandelt die Interpretation des Gedichts Das Firmament von Barthold Heinrich Brockes aus dem Jahr 1721 einen lyrischen Umgang mit einer überwältigenden Naturerfahrung in Form eines Blickes in den Himmel (2.1), bevor im Abschnitt 2.2 durch die Analyse der Sternwartenszene aus Johann Wolfgang von Goethes Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre oder Die Entsagenden (Erstausgabe: 1821) gezeigt werden kann, dass ein vergleichbares Szenario hundert Jahre später zwar eine ähnliche Brisanz für das menschliche Selbstverständnis besitzt, die in beiden Texten angelegte Synthese jedoch unterschiedlich ausfällt. Es folgt im Abschnitt 2.3 eine theoretische Auseinandersetzung mit der ästhetischen Kategorie des Erhabenen. Auch einige Aspekte der antiken Tragödientheorie Aristoteles’ werden in diesem Kontext beleuchtet. Eine Abgrenzung des Erhabenen gegenüber dem Schönen erfolgt dann im Abschnitt 2.4. Mithilfe dieser Unterscheidung wird deutlich, dass das Erhabene eine geistige Verfeinerung und Erhöhung des rein Sinnlichen darstellt, gleichzeitig aber im Gegenteil des Schönen wurzelt. Schließlich wird die für die Anfertigung dieser Arbeit verwendete Literatur genannt.

2 Das Erhabene

2.1 Barthold Heinrich Brockes: Das Firmament

Das Gedicht Das Firmament von Barthold Heinrich Brockes (1680-1747) aus dem Jahr 1721 eignet sich in besonderer Weise, die Kategorie des Erhabenen zu untersuchen. Es eröffnet den ersten Band der Gedichtsammlung Irdisches Vergnügen in Gott, die von 1721 bis 1748 erschien und kann als programmatisch für diese Sammlung bezeichnet werden.[1]

Das lyrische Ich blickt in die „[s]apphirne Tieffe“ (V.1) des Himmels, die in ihrer Unendlichkeit zu einer Verlusterfahrung führt, die vom lyrischen Ich zunächst als existentielle Bedrohung und erst am Ende des Gedichts als eine heilsame Gotteserfahrung empfunden werden kann. Dieser Verlust umfasst mehrere Ebenen: Die Natur stellt in ihrer Unfassbarkeit eine Bedrohung des Geistes dar, zudem versagt die Sinneswahrnehmung, was als konkreter Ausdruck der Insuffizienz des Verstandes in Bezug auf die Erfassung des Kosmos gewertet werden kann. Schließlich ist dann sogar die Seele durch die Naturerfahrung in einer bedrohlichen Form beeinflusst. Dem lyrischen Ich „entsatzte sich [der] Geist“ (V.5), es „schwindelte [das] Aug’“ (V.6) und schließlich „stockte [die] Sele“ (V.6). Bei der Betrachtung des Firmaments fehlt dem lyrischen Ich jeglicher Orientierungspunkt. Diesen Befund unterstreicht die hypotaktische Struktur der Schilderung. Bemerkenswert ist auch die Charakterisierung des Blickes als ein unaufhaltsames Sinken, das Assoziationen zu Verlust und Tod weckt: Das Auge „senckt’“ (V.3) sich in das „unerforschte Meer des holen Luft-Raums“ (V.3) und sinkt „immer tieffer“ (V.5). Das Motiv der Abwärtsbewegung wird dabei im Verlauf des Gedichts durch einen Vergleich gedoppelt, indem von einem „sinckend Eisen“ (V.11) die Rede ist, das gemeinhin durch eine „dicke Fluht“ (V.10) getroffen werde. Analog dazu kommt es zu einer Kollision „des Abgrunds Raum“ (V.10) mit dem „Geist“ (V.12). Es prallen jeweils also die Sphäre der Natur und die menschliche Sphäre aufeinander. Das sinkende Eisen, das an untergehende Schiffsbauteile denken lässt, kann somit als Metapher für die durch die Natur stets bedrohte menschliche Sphäre betrachtet werden. Die Leitmetapher des Gedichts, das Meer, zeichnet sich durch Ambiguität aus: Zum einen wird durch sie der Himmel bildhaft beschrieben, zum anderen ist das Meer ein alter Topos für das Leben. Im siebten Vers ist mit dem Wort „Höle“ wohl auf Platons Höhlengleichnis angespielt, in dem beschrieben wird, dass Gefangene in einer Höhle sitzend nur die Schatten aus dem Reich der Ideen sehen, womit auf die beschränkte Erkenntnis des Menschen angespielt wird. Die im Gedicht angesprochenen „Ewigkeiten“ (V.8) sind auf Platons Höhlengleichnis bezogen folglich die Ideen und Urbilder, von denen der Mensch im Reich der Dinge nur schattenhafte Abbilder sieht. Gott hingegen ist der Urgrund und „ohn’ End’ und Anfang“ (V.9). Der neunte Vers des Gedichts stellt in seiner zentralen Position eine Zäsur dar, denn zum ersten Mal wird innerhalb des Gedichts explizit auf Gott verwiesen und das erste, mit Schrecken verbundene Szenario des Orientierungsverlustes abgeschlossen.

Das Gedicht weist vor allem nach dieser Zäsur durch die Verwendung ausdrucksstarker Verben wie „schlug“ […] „zusammen“ (V.10/V.12), „verschlang“ (V.16) und „schlug […] nieder“ (V.17) eine hohe Dynamik auf, die als Klimax in einer Schlusspointe gipfelt. Immer deutlicher tritt im weiteren Verlauf des Gedichts die Todesmotivik zutage: Die „ungeheure Gruft“ (V.13) „verschlang so gar die Welt“ (V.15) und das „gantze[ ] Wesen ward ein Staub, ein Punct, ein Nichts“ (V.16). Der Verlust ist folglich ein doppelter: Es kommt zu einem Weltverlust wie zu einem Selbstverlust. Die Verwendung des Stilmittels des Oxymorons in Syntagmata wie „lichter Dunckelheit“ (V.17), „heylsams Nichts“ (V.19) und „glückseliger Verlust“ (V.19) deutet an, dass das Erhabene der Naturerfahrung mit einem Mischgefühl einhergeht. Letztlich überwiegt jedoch eindeutig ein befreiendes Gefühl, was die emphatische Ausdrucksweise sowie die Interjektion „o“ in Vers 19 verdeutlichen. Der Selbstverlust des lyrischen Ichs dient der Einswerdung mit der göttlichen Ordnung. Eine Doppelbewegung lässt sich erkennen: Zum einen wird das Erhabene transzendiert, also die kosmologische Unermesslichkeit als Chiffre für Gottes unermessliche Größe eingesetzt. Zum anderen überträgt sich das Erhabene von außen wiederum auf den Menschen. Das lyrische Ich geht aus der mit Todesimaginationen verbundenen Naturerfahrung gestärkt hervor, da es sich selbst nun als Teil einer unermesslichen göttlichen Ordnung verstehen kann. Der gebetsartige Stil der Schlussverse verweist auf die theologische Gesamtausrichtung des Gedichts. Der letzte Vers ist zudem durch Sperrschrift optisch hervorgehoben.

Brockes’ Werk ist im Kontext der sogenannten Physikotheologie zu lesen.[2] Diese theologische Richtung versucht als Symbiose der Lehre von Gott und der Naturwissenschaften ähnlich der natürlichen Theologie, die Existenz Gottes durch Rationalität oder den Blick auf die Schöpfungswunder zu beweisen. Im Gedicht Das Firmament wird die Natur gesehen und dechiffriert. Jedoch wird gerade das Instrument einer allumfassenden menschlichen Wahrnehmung und Erkenntnis negiert. Es handelt sich somit eher um eine apophatische Gottesbegründung: Aus der Verneinung einer menschlichen Ratio, die die Welt in ihrer Gesamtheit zu erschließen vermag und aus einem universellen Verlust heraus wird auf eine göttliche Ordnung geschlossen. In einer Art unio mystica-Erfahrung findet sich das lyrische Ich in der göttlichen Ordnung und somit in Gott selbst wieder. Das Muster einer Einswerdung findet sich bereits im mittelalterlichen Ähnlichkeitsdenken; die im Gedicht angedeutete Ähnlichkeitsform ist die der Sympathie: „Sie durchläuft in einem Augenblick die weitesten Räume. Vom Planeten zum von diesem beherrschten Menschen fällt die Sympathie wie von fern der Blitz.“[3] Dabei besitzt sie die Kraft, „[…] die Dinge miteinander identisch zu machen, sie zu mischen und in ihrer Individualität verschwinden zu lassen, sie also dem fremd zu machen, was sie waren.“[4] Es handelt sich zwar um ein Gedicht der frühen Aufklärung, doch galt Brockes’ Werk bereits damals „bald als unmodern, überholt und langweilig.“[5]. Das Gedicht Das Firmament weist eine mystische Färbung und barock anmutende Elemente auf. Beispielhaft kann hier die Verwendung des Versmaßes „des barocken Alexandriners“[6] angeführt werden.

[...]


[1] Billen, Josef/Hassel, Friedhelm: Undeutbare Welt. Sinnsuche und Entfremdungserfahrung in deutschen Naturgedichten von Andreas Gryphius bis Friedrich Nietzsche. Würzburg 2005. S.43.

[2] Billen, Josef/Hassel, Friedhelm: Undeutbare Welt. Sinnsuche und Entfremdungserfahrung in deutschen Naturgedichten von Andreas Gryphius bis Friedrich Nietzsche. Würzburg 2005. S.40.

[3] Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main 1974. S.53.

[4] ebd. S.54.

[5] Billen, Josef/Hassel, Friedhelm: Undeutbare Welt. Sinnsuche und Entfremdungserfahrung in deutschen Naturgedichten von Andreas Gryphius bis Friedrich Nietzsche. Würzburg 2005. S.38.

[6] ebd. S.44.

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640798872
ISBN (Buch)
9783640798896
DOI
10.3239/9783640798872
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Institut für deutsche Philologie, Lehrstuhl für neuere deutsche Literaturgeschichte
Erscheinungsdatum
2011 (Januar)
Note
1,0
Schlagworte
Wilhelm Meisters Wanderjahre Friedrich Schiller Immanuel Kant Johann Wolfgang von Goethe Barthold Heinrich Brockes das Erhabene Aufklärung Ästhetik

Autor

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Titel: Das Erhabene als ästhetische Kategorie