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Zur Rezeptionsgeschichte von Konrad Lorenz‘ „Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression“ (1963) in der BRD zwischen 1963 und 1973

Verehrt, verklärt, verteufelt?

Magisterarbeit 2010 99 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Allgemeines / Vergleiche

Leseprobe

1. Einleitung

„Charles Darwin entdeckte nicht die Evolution, aber er präsentierte als erster die Evolution als durchdachtes, wissenschaftliches, logisch und empirisch gut belegtes Gedankenmodell; so gut, dass man dieses Modell fast zwangsläufig als Teil des Weltbildes annehmen musste. Mit demselben durchschlagenden Erfolg gab Konrad Lorenz dem Begriff der Erbkoordination, der Vorstellung vom Instinkt und vom Verhalten als biologische Anpassung eine wissenschaftliche Basis.“1 (Sverre Sjölander)

Konrad Lorenz, der oft als „Vater der Graugänse“ titulierte Verhaltensforscher, scheint für die heutige Biologie in einer Kontinuitätslinie mit Charles Darwin zu stehen - und gleichsam auf der selben Ebene, wenn es um seine Bedeutung auf dem Gebiet der Theoriebildung geht. Diese Einschätzung des schwedischen Zoo- logen Sverre Sjölander aus dem 2001 spiegelt in mehrfacher Hinsicht die Beurtei- lung des Ethologen im öffentlichen Bewusstsein der Gegenwart wider: Es handle sich bei Lorenz um einen Pionier der Verhaltensforschung - mit einer zwar streit- baren, aber dennoch revolutionären Theorie, die zum damaligen Zeitpunkt in der Geschichte notwendigerweise gedacht und trotz zahlreicher Widerstände vertreten werden musste. So wie Darwin die Evolution, so hat Lorenz den Instinkt in den 1960er-Jahren zwar nicht entdeckt, aber er hat ein neuartiges Erklärungskonstrukt für die Entstehung von Aggression entwickelt. Und in der Tat scheint sich Lorenz‘ Instinkt-Modell der Aggression - um es in Sjölanders Worten auszudrücken - „fast zwangsläufig als Teil des Weltbildes“ etabliert zu haben. Das mechanistisches Konzept vom Menschen als Dampfkessel, der regelmäßig ein „Ventil“ braucht, um „Dampf abzulassen“, weil „sich Wut aufgestaut“ hat, ist inzwischen ein fester Be- standteil der Alltagssprache.2 Und so selbstverständlich wie diese Lorenz’sche Terminologie gebraucht wird, genauso leicht lässt man sich dazu verleiten, unre- flektiert in Lorenz‘ Kategorien zu denken. In der gegenwärtigen Zeit, die geprägt ist von den Erkenntnissen der Genforschung, erscheint diese Automatik des Denkens umso gefährlicher, da ein sozialdarwinistisches Menschenbild, verbunden mit zu- nehmender technischer Umsetzbarkeit, virulente Folgen für die moderne Gesell- schaft haben kann. Wenn es heute möglich ist ein Alkoholiker-Gen3 oder auch ein Verbrecher-Gen zu „entdecken“ und damit auf breite Akzeptanz zu stoßen, setzt das ein grundsätzliches Bekenntnis zum sozialdarwinistischen Menschenbild vo- raus. Denn ist der Alkoholiker oder Verbrecher erst einmal genetisch enttarnt, wird das erklärte Ziel der Forschung lauten, diese „Schwachstellen im System“ zu entfernen. Diese Selbstverständlichkeit, mit der die Genforschung Verhalten durch Erbanlagen erklärt, rührt von einer Anlagen-orientierten Denkweise her, die Konrad Lorenz mit seinem 1963 erschienenen Werk „Das sogenannte Böse“ zwar nicht begründet, aber zu einem gewissen Teil gefördert hat.

Es ist daher dringend notwendig zu untersuchen, wie Lorenz‘ einzelwissenschaftli- chen These vom Aggressionstrieb und seine Vorstellungen von der Evolution des Verhaltens in etwas Einzug halten, was C. G. Jung mit dem Schlagwort des „kol- lektiven Unbewussten“ auf eine Formel gebracht hat. Die Frage lautet daher: Wa- rum wurde das Buch eines Wissenschaftlers, der, überspitzt gesagt, zuvor vor al- lem unter Ornithologen ein Begriff war, zum Publikumserfolg? Oder anders formu- liert: Wie erklärt sich das große öffentliche Interesse der 1960er- und 1970er- Jahre an der Aggressionsforschung im Allgemeinen und an Lorenz‘ Instinkttheorie im Besonderen? Denn „Das sogenannte Böse“, in dem Lorenz ein Konzept vom Aggressionstrieb vorlegte, wurde in den Jahren nach seinem Erscheinen stark beachtet, rege besprochen und gleichermaßen gelobt wie kritisiert. Die Frage nach den Gründen für den Erfolg des Buches wurde bisher noch nicht gestellt. Nach Auskunft des Lorenz-Kenners Franz Wuketits von der Universität Wien4 existiert keine Monografie über die Rezeptionsgeschichte. Um die Theorie, die in den 1960er- und 1970er-Jahren großes Aufsehen erregt hat, ist es still geworden: Die Lorenz-Schülerin Hanna-Maria Zippelius nennt „Das sogenannte Böse“ zwar noch im Literaturverzeichnis ihrer Lorenz-Würdigung „Die vermessene Theorie“ (1992) - die Lehre von der menschlichen Aggressivität lässt sie im Text jedoch vollkommen unerwähnt.5 Die Biologie und auch andere Wissenschaften beachten das Buch kaum noch. Mit „Gescheiter als alle die Laffen“ (1991) hat der Psycholo- ge und Lorenz-Schüler Norbert Bischof ein umfassendes Porträt des Verhaltens- forschers vorgelegt. Doch in diesem „Psychogramm von Konrad Lorenz“ empfiehlt Bischof, „Das sogenannte Böse“ nicht mehr mit Studierenden zu lesen. Die neues- te Biografie „Konrad Lorenz“ (2003) stammt von dem Wissenschaftsforscher Klaus Taschwer und dem Biologen Benedikt Föger. Darin ordnen die Autoren - neben Lorenz‘ anderen Werken - auch „Das sogenannte Böse“ in einen historischen Kontext ein und bewerten seine wissenschaftstheoretische Bedeutung. Die For- schung über die Rezeptionsgeschichte des Buches steht dennoch am Anfang.

Einen ersten Schritt zur Erforschung der ideengeschichtlichen Voraussetzungen und Folgen der Lorenz’schen Aggressionstheorie in den 1960er- und 1970er- Jahren in der Bundesrepublik Deutschland möchte nun diese Arbeit gehen. Dabei stützt sie sich vorwiegend auf Quellen der wissenschaftlichen Rezeption des Bu- ches. Mit Ausnahme von einzelnen Berichten aus dem „Spiegel“ und der „Zeit“ werden keine Quellen der allgemeinen Publizistik untersucht, da die Beiträge der überregionalen westdeutschen Zeitungen und Magazinen aus dem Zeitraum zwi- schen 1963 und 1973 bislang weder digitalisiert noch katalogisiert zur Verfügung stehen. Die Recherche und Analyse einer breiteren Quellenbasis der allgemeinen Publizistik hätte daher den Rahmen dieser Arbeit gesprengt. Dennoch sind diese wenigen Quellen zumindest dazu angetan, einen ersten Eindruck von der öffentli- chen Diskussion um Lorenz‘ Publikation zu vermitteln. Eine weitere Schwierigkeit bei der Quellenrecherche stellen die fehlenden Auflagen der Rezensionsbibliogra- phie IBR nach Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die 1970er-Jahre hinein dar. Zwischen 1963 und 1973 sind jedoch eine Reihe von Monografien erschienen, die direkten Bezug auf „Das sogenannte Böse“ nehmen. Diese Werke entstammen zu einem Großteil der Psychologie und der Biologie.

Die in dieser Arbeit zitierte Sekundärliteratur beschäftigt sich ausschließlich mit dem Inhalt „Sogenannten Bösen“, dessen Kritik oder der Person Konrad Lorenz, nicht aber mit der Rezeptionsgeschichte des Buches. Bezüglich des Rezeptions- verlaufs, der unterschiedlichen Argumentationen in der kritischen Buchbespre- chung und der Hauptpositionen gibt es wie bereits erwähnt kein Grundlagenwerk - es besteht also noch enormer Forschungsbedarf in diese Richtung. In der Folge liegt das Hauptziel dieser Arbeit vorwiegend in der Darstellung und Zusammen- schau der Rezensionen aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Diszipli- nen: vornehmlich aus den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie der Naturwis- senschaft. Auch wenn es sich um einen Bestseller - und somit um ein Buch, das in einer breiteren Öffentlichkeit eine Wirkung erzielte - handelt, so fand doch eine tiefergehende Kritik auf der Ebene der wissenschaftlichen Buchbesprechung statt. Diese gab es in den verschiedensten Fakultäten, obwohl das Thema ein verhal- tensbiologisches ist. Da die Verhaltensbiologie aber an mehrere Forschungsdis- ziplinen angrenzt und darüber hinaus auch philosophisch-theologische Fragestellungen aufwerfen kann, erzeugte eine neue, provokante Theorie wie die von Lorenz, ein großes Echo an den Universitäten.

Die Kontroverse um die Instinkttheorie - nämlich Ursache, Wirkungsweise und Sinn der Aggression - ist naturgemäß eng an den Begriff des Instinkts gekoppelt. Dieser Begriff selbst, so ist es Herders „Lexikon der Biologie“ zu entnehmen, ist jedoch ein „geschichtlich zentraler und stets umstrittener Begriff der Ethologie ge- wesen, der seiner Vieldeutigkeit wegen heute immer weniger benutzt wird, da er zusätzlich auch in die Umgangssprache eingegangen ist“6. Einen Eindruck von der Unschärfe des Instinktbegriffs vermittelt Franz Wuketits, indem er - beginnend mit Charles Darwin und mit Konrad Lorenz endend - eine Reihe von Versuchen der Begriffsbestimmung seit dem 19. Jahrhundert aufzeigt.7 Einige Beispiele seien hier genannte:

„Der Instinkt ist als eine ererbte Modifikation des Gehirns zu betrachten.“ (C. Darwin 1871) „Der Instinkt ist gleichsam eine Gebrauchsanweisung der Organe. Warum soll uns nun die Gege- benheit der Gebrauchsanweisung rätselhafter und unerklärlicher sein als diejenigen des dazugehö- rigen Werkzeugs? Instinkt und Organ sind uns also beide gleichermaßen ‚unerklärlich‘.“ (F. Alverdes 1925)

„Instinkte sind typische Formen des Handelns, und überall, wo es sich um gleichmäßige und regelmäßig sich wiederholende Formen des Reagierens handelt, handelt es sich um Instinkt, ob sich eine bewußte Motivierung dazu gesellt oder nicht.“ (C. G. Jung 1948)

„Der Instinkt ist ein weites System erstaunlicher, wahrscheinlich unbewußter Antizipationen.“ (J. Piaget 1974)

Von Definitionen im strengeren Sinne lässt sich in den meisten Fällen nicht sprechen. Wuketits ist der Ansicht, dass die meisten Verhaltensforscher vielmehr eine hberzeugung ausdrückten, dass es „so etwas“ wie Instinkte geben müsse.8 Der Instinktbegriff stellte also in der Verhaltensforschung eine grundlegende Schwierigkeit dar, da er selbst eher einer Hypothese glich, als einem operationalisierten Forschungsgegenstand. Vor diesem Hintergrund ist dann auch die Diskussion um instinktives Verhalten im 20. Jahrhundert zu betrachten.

Um die Rezeption des „Sogenannten Bösen“ kulturgeschichtlich einordnen zu können, bedarf es zunächst der Kenntnis einiger Grundlagen. Diese werden im ersten Teil der Arbeit dargestellt. Dazu gehören die historisch-politischen Haupt- merkmale des zu betrachtenden Zeitraums 1963 bis 1973. Desweiteren ist die Anlage-Umwelt-Debatte mit ihren entgegengesetzten Positionen von Bedeutung, da sie den wissenschaftlichen Rahmen der Kontroverse um „Das sogenannte Bö- se“ bildete. Und selbstverständlich sind biografische Informationen über den Autor sowie die inhaltlichen Aussagen seines Buches zum Verständnis der Rezeption erforderlich. Zudem soll die Entstehungsgeschichte der Ethologie kurz erläutert werden.

Der zweite Teil der Arbeit wendet sich dann der wissenschaftlichen Rezeption des Buches zu. Sie ist unterteilt in einen ersten Block, der die Argumente der Kritiker gegen die Instinkttheorie enthält, und einen zweiten Block, der die Stellungnah- men der Lorenz-Befürworter darlegt. Ursprünglich sollten diese beiden Blöcke noch nach Fakultäten unterteilt werden. Da sich aber herausgestellt hat, dass das Gros der Kritiker Vertreter der Psychologie waren, und die Mehrzahl der Unter- stützer Lorenz‘ Seewiesener Institut entsprangen, erfolgt diese Unterteilung nicht. Im Anschluss an die wissenschaftliche Rezeption wird noch die Besprechung des Buches in der allgemeinen Publizistik an den Beispielen „Der Spiegel“ und „Die Zeit“ gezeigt.

Im dritten Teil der Arbeit wird schließlich die Kontroverse um „Das sogenannte Böse“ bezüglich ihrer historischen Bedeutung bewertet.

2. Grundlagen

2.1 Historisch-kulturelle Hauptmerkmale der Phase um bzw. vor 1960

Neben den Schwierigkeiten, die die Definition des Instinktbegriffs aufgeworfen hat, gibt es zudem noch andere Kontexte, in die die Kontroverse um „Das soge- nannte Böse“ einzubetten ist. Da sind zum einen die Auswirkungen des National- sozialismus und des Zweiten Weltkrieges zu nennen. Das Phänomen der Aggres- sion wurde in der Nachkriegszeit intensiv erforscht, um eine Erklärung für das Ausmaß der Gewalt zu finden. In dem Jahrzehnt zwischen 1960 und 1970 stieg die Zahl einschlägiger Publikationen um ein Zehnfaches pro Jahr.9 Aggression wurde zum Modethema. Rolf Denker, der sich mit „Aufklärung über Aggression“ (1966) selbst an der Diskussion beteiligte, begründet den Erfolg des Lorenz-Werks so: „Einmal spielt sicher die anhaltende Diskussion über die Gräueltaten des Drit- ten Reiches eine Rolle in dem Interesse so weiter Kreise! Man sucht Antwort auf die Frage, wie so etwas möglich war.“10 Das Bedürfnis, sich die vergangenen Ge- schehnisse zu erklären, scheint in großen Teilen der Bevölkerung verbreitet ge- wesen zu sein - diesen Schluss legt auch die intensive Diskussion nahe, die Han- nah Arendts kulturkritische Analyse „Eichmann in Jerusalem“ ausgelöst hat. Weil sich Arendt fast zur gleichen Zeit mit derselben Frage wie Lorenz beschäftigt hat (nämlich nach der Ursache von Aggression und deren gesellschaftlichen Folgen), dabei aber eine völlig andere Perspektive wählte, soll ihre Argumentation kurz dargestellt werden.

Zum anderen könnte auch die politische Atmosphäre der Jahre nach 1963 für die Rezeption des „Sogenannten Bösen“ prägend gewesen sein, da Lorenz selbst einen direkten Zusammenhang zwischen einem aggressiven Hahn auf dem Misthaufen und der Atombombe in Menschenhand herstellte.11 So bot er seine Theorie von der triebhaften Aggression als ein Modell an, mit dem selbst komplexe politische Auseinandersetzungen, wie die Blockbildung im Kalten Krieg, seiner Ansicht nach adäquat beschrieben werden können.

Der dritte Kontext, in den „Das sogenannte Böse“ einzuordnen ist, ist die Anlage- Umwelt-Debatte. Dabei handelt es sich um eine wissenschaftliche Kontroverse, die bereits seit der Antike geführt wird und sich um die Frage dreht, ob bzw. wel- ches Verhalten angeboren ist oder erlernt wird. Nachdem Lorenz - nicht aus- schließlich aber hauptsächlich - Verhalten als genetisch determiniert ansah, lohnt sich eine Betrachtung anderer Perspektiven. Deshalb werden im Punkt 2.1.3 ne- ben Freuds Triebtheorie, die für Lorenz‘ Triebtheorie den Grundstein legte, auch die behavioristische Lerntheorie sowie Dollards Frustrations-Aggressions- Hypothese dargestellt.

2.1.1 Hannah Arendts kulturkritische Erklärung des „Bösen“

1964, ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Das sogenannte Böse“, erschien ein aufsehenerregendes Werk, das sich der Frage nach den Ursachen zwischen- menschlicher Gewalt annahm: Die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt, die 1933 aus Deutschland zuerst nach Paris und 1941 dann nach New York emi- grierte, nahm 1961 als Prozessbeobachterin für den „New Yorker“ an der Ge- richtsverhandlung im Fall Adolf Eichmann in Jerusalem teil. Aus ihrem mehrteili- gen Zeitschriftenbericht entstand das Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“12. Anhand ihrer Beobachtungen während des Ver- fahrens kam sie in der Analyse zu einem provokativen Urteil über die Persönlich- keit des sogenannten „Schreibtischtäters“: Weder psychische Erkrankungen, Sa- dismus oder traumatische Kindheitserfahrungen, noch ideologischer Fanatismus hätten Adolf Eichmann, den Organisator der „Endlösung“, Millionen Menschen in den Tod transportieren lassen, sondern die einfache Struktur seines Geistes habe den massenhaften Mord möglich gemacht. Das „Böse“ sei laut Arendt nicht au- ßergewöhnlich, sondern im Gegenteil, seine Durchschnittlichkeit stelle die eigentli- che Gefahr dar.

Arendts Ergebnis sorgte wie Lorenz‘ Theorie für eine breite Kontroverse, weil sie das „Böse“, also die Fähigkeit zur Unmenschlichkeit, nicht als unnatürlich oder außergewöhnlich betrachtete, sondern als global, allgemein, natürlich und „normal“. So wie Arendt es formulierte, handelt es sich bei aggressiven Verhaltensweisen - bis zum Mord - um eine „Versuchung“, mit der die Rechtsprechung der „zivilisierten“, also der nicht totalitären Länder, rechnen muss:

„Denn so wie das Recht in zivilisierten Ländern von der stillschweigenden Annahme aus- geht, daß die Stimme des Gewissens jedermann sagt: ‚Du sollst nicht töten‘, gerade weil vorausgesetzt ist, daß des Menschen natürliche Begierden unter Umständen mörderisch sind, so verlangte das ‚neue‘ Recht Hitlers, daß die Stimme des Gewissens jedermann sa- ge: ‚Du sollst töten‘, und zwar unter der ausdrücklichen Voraussetzung, daß des Menschen normale Neigungen keineswegs unbedingt zum Mord treiben. Im Dritten Reich hatte das Böse die Eigenschaft verloren, an der die meisten Menschen es erkennen - es trat nicht mehr als Versuchung an die Menschen heran. Viele Deutsche und viele Nazis, wahr- scheinlich die meisten, haben wohl die Versuchung gekannt, nicht zu morden, nicht zu rauben, ihre Nachbarn nicht in den Untergang ziehen zu lassen (denn daß die Abtransportierung der Juden den Tod bedeutete, wußten sie natürlich, mögen auch viele der grauenhaften Einzelheiten nicht gekannt haben) und nicht, indem sie Vorteile davon hatten, zu Komplicen all dieser Verbrecher zu werden. Aber sie hatten, weiß Gott, gelernt, mit ihren Neigungen fertigzuwerden und der Versuchung zu widerstehen.“13

Das indirekte Axiom hinter Arendts Annahme könnte also folgendermaßen inter- pretiert werden: Alle Menschen besitzen von Geburt an einen Drang, oder zumin- dest eine „Anfälligkeit“ für gewalttätiges Verhalten. Die Frage ist nicht ob Aggres- sion angeboren ist, sondern nur wie man Aggression kontrollieren kann. Im natio- nalsozialistischen Deutschland wurde die kontrollierende Instanz - für Arendt das Gewissen - durch Deformation außer Kraft gesetzt. Indem, wie sie schreibt, Hitler ein dem Gewissen entgegengesetztes Recht postulierte, veränderte sich das Ge- wissen insofern, als dass es sodann dem neuen Recht zu entsprechen suchte. Sei die kontrollierende Instanz erst einmal ausgeschaltet, könnten sich „des Menschen natürliche Begierden“ hemmungslos entfalten. Mord stelle dann keine Gewissen- frage mehr dar. Es sei lediglich ein ganz normales Verhalten, das des Hemm- schuhs einer kontrollierenden Instanz entledigt wurde, und deshalb ungehindert gezeigt werden könne.

Hannah Arendts „Banalität des Bösen“ ist nur ein Beispiel für die Forschungs- und Publikationsflut zum Thema Aggression rund 20 Jahre nach Kriegsende. Es scheint ein enormes Bedürfnis nach Erklärung des ungeheuren Ausmaßes der Gewalt im Dritten Reich geherrscht zu haben.

2.1.2 Die politische Atmosphäre der Nachkriegszeit

Erklärungsansätze für Aggression stießen in der Nachkriegszeit außerdem aus Gründen auf großen Anklang, die in der politischen Gemengelage der Zeit zu su- chen sind. Als wahrnehmungs- und verhaltensbestimmend wirkten in West- Deutschland vor allem drei Faktoren: ein Misstrauen gegenüber dem Ostblock (Anti-Sowjetismus), einer gleichzeitigen Amerikanisierung, die sich durch die Hin- wendung zu den USA ausdrückte und einem eigenen Zusammenschluss der eu- ropäischen Länder (Europäisierung). Ausgelöst wurden diese Wahrnehmungsten- denzen durch mehrere politische Ereignisse, die vom Dualismus der konkurrieren- den Gesellschaftsentwürfe Kommunismus und Kapitalismus hervorgerufen wur- den, und im Kalten Krieg gipfelten.

Insbesondere der Besitz von Atomwaffen beider Systeme - in den USA bereits seit dem Zweiten Weltkrieg und in der Sowjetunion seit 1949 - erzeugte eine poli- tische Blockbildung, die auf beiden Seiten ein Gefühl von „wir gegen die anderen“ heraufbeschwor. Die Folgen waren Wettrüstung und Ringen um technische Über- legenheit, die sich an folgenden historischen Eckpunkten exemplarisch ersehen lassen: 1952 testeten die USA erstmals die Wasserstoffbombe, die Sowjetunion ein Jahr später. 1953 schlossen die Ostblock-Staaten als Gegenentwurf zur NATO den Warschauer Pakt. Als die Sowjetunion 1957 mit Sputnik 1 den ersten Erdsa- telliten ins All schoss, löste das in den USA einen gesellschaftlich-politischen Schock aus, da damit der technische Überlegenheitsanspruch des Westens in Frage gestellt wurde. Als 1960 über dem russischen Swerdlowsk ein US- amerikanisches U2-Spionageflugzeug abgeschossen wurde, hatte das eine der schwersten Krisen zwischen den Supermächten im Kalten Krieg zur Folge. 1961 zündete die Sowjetunion ihre stärkste Atombombe. Ein Jahr später kam es zur Kuba-Krise.

All diese Ereignisse sorgten für eine aggressionsbetonte Stimmung zwischen West und Ost, die den Wunsch nach einer globalen Erklärung für die Ursachen der menschlichen Aggression hervorrief. Lorenz lieferte mit dem „Sogenannten Bösen“ eine solche Erklärung. Es ist wenig verwunderlich, dass er damit sozusa- gen „den Nerv der Zeit“14 traf. Denn beide Supermächte verfügten über ein derart großes Arsenal an Kernwaffen, dass es 1963 längst möglich geworden ist, den Gegner vollständig zu vernichten.15 Wie Föger und Taschwer gezeigt haben, wur- de das Werk dann auch im angloamerikanischen Raum zu einem Bestseller und sorgte für internationales Aufsehen. Denn seit 1964 führten die USA Krieg in Viet- nam - und erstmals in der Geschichte wurden Bilder vom Kriegsschauplatz durch das Fernsehen in die amerikanischen Wohnzimmer gebracht. So urteilte die New York Times über das Werk, das einen Erklärungsansatz für die stattfindende Ge- walt bot: „Es ist ein epochemachendes Buch. Und es ist ein zutiefst zivilisieren- des.“16

In den darauffolgenden Jahren stieß „Das sogenannte Böse“ über die wissen- schaftliche Diskussion hinaus auf breites Interesse. Obwohl es natürlich schon andere Aggressionstheorien - wie die von Freud, Dollard oder den Behavioristen - gab, war Lorenz‘ Argumentation auf der biologischen Grundlage der Phylogenese neu. Seine stammesgeschichtliche Herangehensweise muss jedoch vor dem Hintergrund einer Kontroverse um die Ursache des Verhaltens betrachtet werden, die bereits seit der Antike geführt wurde: der Anlage-Umwelt-Debatte.

2.1.3 Die Anlage-Umwelt-Debatte

Zum Erscheinungszeitpunkt des „Sogenannten Bösen“ 1963 war die psychologi- sche Forschung nach den Ursachen der Aggression bereits soweit fortgeschritten, dass sie sich in ihren Grundannahmen und -theorien vom heutigen Stand nur un- wesentlich unterschied. Heute geht man allerdings davon aus, dass menschliches Verhalten weder vollständig von Erbanlagen festgelegt ist, noch zur Gänze auf Lernvorgängen beruht. Der Dualismus der biologisch orientierten Verhaltensfor- schung und des amerikanischen Behaviorismus wurde in der modernen entwick- lungs- und persönlichkeitspsychologischen Anlage-Umwelt-Debatte aufgelöst.17 In der Zeit vor und um 1960 jedoch teilte sich die Verhaltensforschung in zwei Lager: den zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Behaviorismus, der Verhalten als Ergebnis eines von der Umwelt ausgelösten Lernprozesses betrachtete, und die Instinkttheorie, der auch Freud und Lorenz mit ihrer Vorstellung von angebore- nen Verhaltensmechanismen zuzuordnen sind. Die grundlegenden Konzepte der beiden konkurrierenden Positionen sollen in den nachfolgenden Punkten kurz dar- gestellt werden. Als Ergänzung sei auch Dollards Frustrations-Aggressions- Hypothese von 1939 erwähnt, die die Lerntheorie durch ein soziales Moment ent- scheidend erweiterte. Die Theorien werden mit dem Zweck dargestellt, den psy- chologischen Kenntnisstand zu verdeutlichen, auf dem Konrad Lorenz bei der Ab- fassung seines Buches aufbaute, über welchen er hätte verfügen können bzw. welchen er möglicherweise ignorierte.

2.1.3.1 Die Triebtheorie nach Sigmund Freud

Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, hat unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges in seinem Buch „Jenseits des Lustprinzips“ von 1920 eine Triebtheorie entwickelt, die große Bedeutung für die spätere Aggressionsfor- schung haben sollte. Auf sie baute nicht nur Lorenz‘ Instinkttheorie auf, sondern auch die Frustrations-Aggressions-Theorie, die später noch dargestellt wird.18 Triebe sind im Freudschen Instanzenmodell dem „Es“ zuzuordnen, das antagonis- tisch zur Moralinstanz des „hber-Ichs“ angeordnet ist. Zwischen den unterschiedli- chen Zielen der beiden Instanzen muss das „Ich“ einen Kompromiss finden, der sich dann im sichtbaren Verhalten ausdrückt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Freuds Modell der Instanzen „Es“, „Ich“ und „hber-Ich“19

Freud hat in „Jenseits des Lustprinzips“ ein dualistisches Modell entworfen, in dem sich zwei angeborene Ur-Triebe gegenüberstehen: der Todestrieb, auch „Thanatos“ genannt, dessen Energie der Destrudo bilde, und der Lebenstrieb „Eros“, dessen Energie die Libido sei. Freud vertrat die Ansicht, Eros und Thanatos wirkten in allem Lebendigen bis hin in die einzelne Zelle. Daraus resul- tiere, dass neben der Tendenz zum Leben, zur Entwicklung und Fortpflanzung, alles Lebendige auch danach strebe, „aus inneren Ursachen zu sterben“20.

Einerseits könne der Todestrieb selbstzerstörerische Wirkung haben, andererseits richte er sich aber auch gegen andere Menschen. Dies könne nach Freud dahin- gehend erklärt werden, dass der Todestrieb durch seinen Gegenspieler Eros für das Individuum unschädlich gemacht werde: Thanatos könne durch den Lebens- trieb umgelenkt werden und als Aggression gegen Objekte in der Lebensumwelt gerichtet werden. Wie später bei Lorenz betrachtete auch Freud den Trieb als eine Energie, die unentwegt im Körper produziert werde. Triebenergie sammle sich wie in einem Wasserbecken: Wenn sie nicht in kleinen Dosen auf sozialverträgliche Weise abgegeben werde, könne sie sich solange aufstauen, bis sie auf extreme (also sozial unverträgliche) Weise „überlaufe“.21 Als eine Möglichkeit der Umlei- tung der Triebenergie schlug Freud Katharsis vor. Dieses aus der Aristotelischen Dramentheorie stammende griechische Wort bedeutet „Reinigung“ und meint ur- sprünglich die „Läuterung der Seele“ durch das Durchleben von Emotionen wäh- rend einer Tragödie. In ähnlicher Weise werde die Seele gereinigt, wenn im Freudschen Sinne die Triebenergie, also Emotionen wie zum Beispiel „rger und Wut, in voller Intensität ausgedrückt werden. Dies werde durch ein auf sozialen Normen und Werten beruhendes inneres Gewissen - dem „hber-Ich“ - über- wacht: Die durch den Thanatos ständig erzeugte Spannung kann nur kanalisiert werden, wenn die Aggression in annehmbare, kulturell akzeptierte Weise abgelei- tet wird. Als Hilfsmittel für den Umgang mit Aggression nennt Freud Abwehrme- chanismen wie Sublimierung, Projektion, Verschiebung oder Hemmung.22 Die ein- zig konstruktive Art der Abwehr ist dabei für Freud die Sublimierung. Darunter ver- steht er, die Triebenergie sinnvoll zu nutzen um kulturelle oder soziale Leistungen zu vollbringen.23

Es erscheint nachvollziehbar, dass diese Theorie stets umstritten war und die psy- choanalytische Welt gespalten hat. Freuds Triebkonzept ist geprägt von persönli- chen Anteilen, die Betroffenheit über den Tod seiner Tochter beeinflusste seinen Zugang zur Thematik. Die Existenz eines allgegenwärtigen Aggressionstriebes konnte wissenschaftlich nicht bewiesen werden. Allerdings hat Freuds Triebtheorie eine große ideengeschichtliche Bedeutung, da sie die nachfolgende Theoriebil- dung in der Psychologie - und eben auch bei Lorenz - stark beeinflusste. So taucht in Lorenz‘ Instinkttheorie zum Beispiel die mechanische Vorstellung vom Menschen als Gefäß auf, das zum Überlaufen gebracht werden kann. Desweite- ren findet sich der Katharsis-Begriff bei ihm wieder, genau wie die Annahme, Triebenergien umlenken zu können (bei Freud: Sublimierung).

2.1.3.2 Behaviorismus

Beim Behaviorismus handelt es sich um eine psychologische Schule, die sich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit dem Ziel herausbildete, Verhalten mit der Methode der Naturwissenschaft zu erforschen: der Empirie. Forschungsge- genstand konnten im Behaviorismus also nicht mehr die „Seele“ sein, sondern nur noch beobachtbares - und damit quantifizierbares, operationalisierbares - Verhal- ten. Deshalb beschäftigt sich diese psychologische Schule nicht mit inneren Antrieben und kognitiven Prozessen, sondern ausschließlich mit aus der Umwelt stammenden Reizen und den darauf folgenden Reaktionen des Individuums. Der Behaviorismus hat keine Aggressionstheorie im eigentlichen Sinne hervorgebracht, aber er hat zwei Lerntheorien entwickelt, mit denen neben vielen anderen Verhaltensweisen auch aggressives Verhalten erklärt werden kann: die Klassische Konditionierung und die Operante Konditionierung.

Einer der ersten und bedeutendsten Behavioristen war der russische Physiologe Iwan Pawlow, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts während eines Experiments zur Verdauung einen Lernprozess entdeckte, der als Klassische Konditionierung be- kannt wurde. Die für seine Untersuchungen verwendeten Hunde zeigten ein Ver- halten, das Pawlows Aufmerksamkeit erregte: Schon wenn sie die Schritte ihres Pflegers hörten, der ihnen Futter brachte, produzierten sie vermehrt Speichel. Aus dieser Beobachtung heraus entwickelte der Lerntheoretiker dann seine Reflexleh- re: Erhält ein Hund Futter, so stellt dies einen natürlichen (unkonditionierten) Reiz für ihn dar, auf den die natürliche (unkonditionierte) Reaktion des vermehrten Speichelflusses folgt. Kombiniert man den unkonditionierten Reiz eine Weile mit einem für den Hund neutralen Reiz, wie zum Beispiel den Ton einer Glocke, so wird der ursprünglich neutrale Glockenton zum konditionierten Reiz. Das bedeutet, der Hund assoziiert mit dem Glockenton Futter und wird in Zukunft auch ohne die Darbietung des Futters mit vermehrtem Speichelfluss reagieren. Das Läuten der Glocke wurde dann zum konditionierten Reiz.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Mit dieser Versuchsanordnung untersuchte Iwan Pawlow die Konditionierung bei Hunden24

Wendet man nun die Klassische Konditionierung an, um aggressives Verhalten zu erklären, so könnte das wie in dem folgenden Beispiel funktionieren: Ein Mann ärgert sich regelmäßig über seinen Nachbarn, wenn dieser sonntags seinen Rasen mäht. Der Lärm ist dabei die eigentliche Ursache für seine Wut und damit der unkonditionierte Reiz. Der Nachbar ist ursprünglich nur ein neutraler Reiz. Durch die regelmäßig am Sonntag stattfindende Kopplung der beiden Reize „Lärm“ und „Nachbar“ wird die unkonditionierte Reaktion „Wut“ zur konditionierten Reaktion, die auf den nunmehr konditionierten Reiz „Nachbar“ folgt. Der Nachbar muss also nach der Konditionierung nicht mehr den Rasen mähen um Wut auszulösen, es genügt schon seine bloße Anwesenheit als Auslösereiz.

Mit der Klassischen Konditionierung meinte Pawlow, jedes Lernverhalten erklären zu können.25 Allerdings verstand er darunter nicht das Erlernen neuer Verhaltensweisen, sondern das Auslösen einer natürlichen, reflexhaften Verhaltensweise durch einen neuen Reiz.

Bedeutsamer als das Klassische Konditionieren ist jedoch das Lernen am Erfolg (Operantes Konditionieren), wie es hauptsächlich im amerikanischen Behavioris- mus erforscht wurde. Der eigentliche Begründer des Behaviorismus war der Psy- chologe John B. Watson, der internalistische Begriffe wie Bewusstsein, Wille, Ab- sicht etc. radikal ablehnte und Verhalten allein aus der Beziehung zwischen Reiz und Reaktion zu erklären beabsichtigte. Außerdem erhob er für Mensch und Tier dieselben „objektiven“ Gesetze - weshalb er nicht zwischen Humanpsychologie und tierischer Verhaltensforschung unterschied. Genau wie Burrhus Frederic Skinner, der in den 1950er-Jahren mit seiner Sinner-Box berühmt wurde, baute Watson auf die Forschungsergebnisse des amerikanischen Psychologen Edward Lee Thorndike auf. Dieser kam am Ende des 19. Jahrhunderts durch seine Studi- en mit Katzen in speziellen Versuchskäfigen (sog. „puzzle boxes“) zu der Erkennt- nis, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit für das Erlernen eines Verhaltens von den Konsequenzen abhängt, die auf das Verhalten folgen. Diese Art zu Lernen wird deshalb „Lernen am Erfolg“ oder Operante Konditionierung genannt. Dabei lernt das Individuum am Erfolg oder Misserfolg seines Verhaltens. Durch Versuch und Irrtum erfährt es, welche Verhaltensweisen in bestimmten Kontexten positive, und welche negative Konsequenzen auslösen. Verhaltensweisen mit negativen Folgen (z.B. Bestrafung oder Entzug eines positiven Reizes) werden danach mit geringe- rer Wahrscheinlichkeit wiederholt, Verhaltensweisen mit positiven Folgen (z.B. Belohnung oder Entzug eines negativen Reizes) mit höherer Wahrscheinlichkeit. Ein neutraler Umweltreiz, der wiederholt gemeinsam mit einem Reiz auftritt, der Aggression auslöst, kann dann zum alleinigen Auslöser der Aggression werden. Auf aggressives Verhalten angewendet besagt diese Theorie: Wenn aggressive Verhaltensmuster Erfolg haben, d. h. das Individuum einen bestimmten Zweck damit erreichen kann, wird dieses Verhalten mit großer Wahrscheinlichkeit wieder gezeigt. Die Aussicht auf Belohnung lässt es in Zukunft dann erneut aggressiv handeln. Führt aggressives Verhalten in einer bestimmten Reizsituation nicht zum Erfolg, bzw. hat sogar negative Konsequenzen, so wird es mit geringerer Wahr- scheinlichkeit wiederholt.

Entscheidend an der behavioristischen Position ist die Annahme, dass Verhalten von der Umwelt hervorgerufen wird. Die Behavioristen behaupteten sogar, dass selbst komplexeste Verhaltensweisen lediglich eine Verkettung einfacher konditio- nierter Vorgänge seien.26 Da im Behaviorismus bis zur „kognitiven Wende“27 keine nicht beobachtbaren, innerhalb des Individuums liegenden Vorgänge wie Gedan- ken, Gefühle, Motive, Problemlösen, Handlungsplanen, Lernen durch Einsicht oder Imitation etc. untersucht wurden, beschäftigte man sich folglich auch nicht mit inneren Antrieben bzw. Instinkten. Die Grundlage zur Erklärung von Verhalten bil- deten daher die von außen auf das Individuum einwirkenden Reize. In dieser Herangehensweise liegt die Ursache für den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Behaviorismus und Triebtheorie in der Anlage-Umwelt-Debatte: vereinfacht formuliert würde ein Behaviorist den Grund für Aggression in der Umwelt suchen, der Triebtheoretiker im Individuum selbst.

2.1.3.3 Dollards Frustrations-Aggressions-Hypothese (1939)

Nachdem die Verhaltensforschung schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts die Funktionsweise des Lernens anhand von Reiz-Reaktions-Modellen zu beschrei- ben versucht hatte, begann mit den Untersuchungen von John Dollard und seinen Mitarbeitern die experimentelle Beschäftigung mit dem sog. Beobachtungs- oder Modelllernen. Es handelt sich dabei um eine soziale Form des Lernens, die Dollard 1939 in „Frustration und Aggression“ erstmals beschrieb28. Seine grundle- genden Annahmen sind:

1. Aggression ist immer eine Folge von Frustration
2. Frustration führt immer zu einer Form von Aggression

Unter Aggression wird dabei jede Verhaltenssequenz verstanden, deren Ziel die Verletzung der Person ist, auf welche sich das Verhalten richtet. Frustration ist für Dollard die Störung oder Unterbrechung des Ablaufs einer (zielgerichteten) aktivierten Verhaltensweise.29

Außerdem griff Dollard Freuds Annahme auf, dass Aggression zusätzlich auf ei- nem Trieb beruhe, der eine Steigerung erfahre, wenn er nicht „ausgelebt“ werden könne.30 Den Ursprung aggressiven Verhaltens sah er jedoch eher in externen Faktoren (der Anhäufung frustrierender Situationen), als in einem angeborenen Aggressionstrieb.

Für Dollard war Beobachtungslernen noch keine eigenständige Lernart, sondern ein Sonderfall des Verstärkungslernens, das bereits durch Behavioristen wie Ed- ward Thorndike oder John B. Watson bekannt war. Beim Modell des Verstär- kungslernens spielten allerdings kognitive Prozesse wie Denken, Erinnern, Bewer- ten etc. insofern keine Rolle, da in der behavioristischen Forschung die Vorgänge im Gehirn als „Black Box“ betrachtet wurde. Unsichtbare, kognitive Vorgänge konnten nicht gemessen werden und wurden deshalb zugunsten des beobachtba- ren - und daher messbaren - Verhaltens außer Acht gelassen. Dollard bediente sich zur Erklärung des sozialen Lernens der sog. operanten Glei- chung31 der Behavioristen. Diese setzt sich aus Hinweisreiz, Reaktion und Ver- stärkung zusammen: Ein Hinweisreiz aus der Umwelt macht das Vorhandensein einer bestimmten Situation kenntlich; zum Beispiel das Glockenläuten des Eis- mannes, das einem Kind die Möglichkeit anzeigt, ein Eis bekommen zu können. Daraufhin erfolgt eine spezifische Reaktion des Kindes, indem es zum Beispiel seine Mutter bittend ansieht und zur Tür zieht. Die Verstärkung würde dann durch die Mutter erfolgen, wenn sie dem Kind tatsächlich ein Eis kaufte. Das bittende Verhalten als Reaktion auf den Hinweisreiz „Glocke des Eismannes“ wäre somit erfolgreich gewesen und würde von dem Kind mit großer Wahrscheinlichkeit wie- derholt werden. Das Verhalten wäre dann gelernt.

Die Funktionsweisen des sozialen Lernens spiegeln sich nun auch in Dollards Aggressionstheorie wieder. Ausgangspunkt für seine Untersuchungen in den 1930er-Jahren war die Annahme, dass es sich bei Aggression immer um die Fol- ge einer Frustration handle32. Im Umkehrschluss postulierte Dollard, dass einer Frustration immer eine Form der Aggression folgen müsse. Wenn das einmal nicht der Fall sein sollte, dann liege das daran, dass das Individuum durch soziale In- teraktion gelernt habe, seine aggressiven Tendenzen zu kontrollieren. Wie auch die Behavioristen betonte Dollard so die Bedeutung der Umwelt - vor allem der sozialen Umwelt - für das Auftreten aggressiver Verhaltensweisen. Indem sie das Individuum frustriert, wird Aggression überhaupt erst hervorgerufen und in Abhän- gigkeit von der darauf folgenden Umweltreaktion erlernt. Diese Annahme bildete den grundlegenden Unterschied zur Triebtheorie, die die Ursache für Aggression als einen weitestgehend von äußeren Reizen unabhängigen, angeborenen Antrieb definiert, der innerhalb des Individuums zu suchen ist.

2.1.4 Entstehung, Konzept und Aufgabe

der Vergleichenden Verhaltensforschung Was bestimmt den Menschen und sein Verhalten? Sind es Erbanlagen, also an- geborene Triebe, Instinkte und Reflexe, der Hormonhaushalt und neuronale Struk- turen? Oder ist Verhalten ein Produkt der Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt - hervorgerufen durch kognitive Prozesse wie etwa Erfahrungen, Erlern- tes, Assoziationen, Gedanken, Wünsche, Einsichten, Wille etc.? Um diese zentra- le Frage, die in der bereits oben dargestellten Anlage-Umwelt-Kontroverse disku- tiert wurde, drehen sich unzählige psychologische Forschungsarbeiten. Mit der Entstehung der Vergleichenden Verhaltensforschung, auch Ethologie genannt, ist der Jahrhunderte alte Streit um die Ursachen des menschlichen Verhaltens wieder stärker in den Blickpunkt wissenschaftlicher Forschung geraten.33 Strenggenom- men versteht sich die Ethologie eigentlich als zoologische Spezialdisziplin. Ihr Ur- sprung liegt aber nicht allein in der Biologie, sondern sie hat sich im 19. Jahrhun- dert aus den verschiedensten Fachgebieten herausgebildet: u.a. aus der experi- mentellen Tierpsychologie, der evolutionistischen vergleichenden Morphologie und Entwicklungsgeschichte und eben auch aus der naturwissenschaftlich geprägten Humanpsychologie.34 Lorenz‘ Lehrer und Wegbereiter der Verhaltensforschung Oskar Heinroth läutete mit seiner Arbeit „Über bestimmte Bewegungen der Wirbel- tiere“ (1910) den Wendepunkt zur Verhaltensbiologie als eigenständige Wissen- schaft ein. Darin bezog er in die evolutionistische, vergleichend-analytische Ver- wandtschaftsforschung (Taxonomie) die „arteigenen Triebhandlungen“35 ein. Den Begriff der „Ethologie“ bestimmte er so:

„Ethos heißt bekanntlich Sitte und Gebrauch im menschlichen Sinne. Für das Tier paßt dieses Wort eigentlich ganz und gar nicht, denn Sprache, Sitten und Gebräuche sind bei uns anerzogen und erlernt, aber die Ente bringt ihre Sprache und Komment - wie ich die Verkehrsform auch späterhin nennen will - mit auf die Welt und übt beides aus, auch ohne je einen Artgenossen gehört und gesehen zu haben. Wir sprechen hier also von instinktiven, d.h. angeborenen Sitten und Gebräuchen, meinen demnach mit Ethos etwas ganz anderes, als es eigentlich heißt.“36

[...]


1 Sjölander 2001, S. 184.

2 Vgl. Taschwer, Föger 2003, S. 197.

3 Siehe dazu: Wissenschaftler entschlüsseln Alkoholiker-Gen, 26.04.2006 3

4 Vgl. Email vom 3. Juni 2010, siehe Anhang.

5 Vgl. Selg 2000a, S. 5.

6 Herders Lexikon der Biologie, 1985, S. 373.

7 Vgl. Wuketits 1995, S. 118f.

8 Vgl. Wuketits 1995, S.119.

9 Vgl. Selg 1999, S.1.

10 Denker 1968, S. 94.

11 Vgl. Zitat im Punkt 2.3.5

12 Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 2009. 10

13 Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem, S. 248f. 11

14 Taschwer, Föger 2003, S. 202.

15 Taschwer, Föger 2003, S. 197.

16 Zitiert nach Taschwer, Föger 2003, S. 204

17 Vgl. Roth 2007, S. 343.

18 Vgl. Plack 1973, S. 96.

19 Ittel 2008

20 Freud 1940, zitiert nach Rauchfleisch 1996, S. 16.

21 Vgl. Zimbardo 1995, S. 426.

22 Vgl. Selg 1978, S. 25f.

23 Vgl. Schlüter 2007, S. 45.

24 Johannes Kepler Universität Linz

25 Roth 2007, S. 349.

26 Roth 2007, S. 352.

27 Unter der „kognitiven Wende“ versteht man ein Umdenken in der vom amerikanischen Behaviorismus dominierten Psychologie, das ab der Mitte der 1960er-Jahre stattgefunden hat. Ausgelöst von Albert Banduras berühmtem „Bobo-Doll-Experiment“ (1965) wurden innere, kognitive Prozesse nicht mehr kategorisch von der Forschung ausgeschlossen.

28 Schermer 2006, S. 82.

29 Vgl. Merz 1965, S. 577.

30 Vgl. Zimbardo 1995, S. 429.

31 Schermer 2006, S. 82.

32 Dollard 1971, S. 9.

33 Vgl. Pilz 1999, S. 156.

34 Jahn, Krauße 1998, S. 593.

35 Zitiert nach: Jahn, Krauße 1998, S. 592.

36 Jahn, Krauße 1998, S. 593.

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Titel: Zur Rezeptionsgeschichte von Konrad Lorenz‘  „Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression“ (1963)  in der BRD zwischen 1963 und 1973