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Die Unvereinbarkeit zweier ungleicher Welten

Analyse der Kapitel 4 und 5 aus "Irrungen, Wirrungen" von Theodor Fontane

Wissenschaftlicher Aufsatz 2010 12 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Kapitel 4: Die missglückte Verständigung (Botho in Lenes Welt)

III. Kapitel 5: Die missglückte Liebe (Botho und Lene)

IV. Zusammenfassung, Schlussfolgerungen und Ausblick

Benutzte Literatur

I. Einleitung

In den Kapiteln 4 und 5 des Romans "Irrungen, Wirrungen" zeigt sich schon deutlich, dass Bothos und Lenes Denken und Handeln, ihr Gefühlsleben, ihre Sprechweise und damit auch ihr Verhältnis zueinander durch ihre soziale Herkunft geprägt und bestimmt werden. Ihre aufrichtige Zuneigung, die bei beiden gleich stark zu sein scheint, wird daher immer wieder gestört und durchbrochen. Unter diesem Aspekt betrachtet, kommt diesen beiden Kapiteln des Buches daher eine Schlüsselfunktion zu. Sie können auch als Vorwegnahme bzw. Vorausdeutung späterer Entwicklungen im Verhältnis von Lene und Botho aufgefasst werden, wie zwei Steine eines Mosaiks, die schon viele Komponenten des Ganzen enthalten, das sich im Laufe der Zeit vervollständigt und klarere Konturen bekommt. Dies an konkreten Beispielen aufzuzeigen, ist ein Anliegen dieser Arbeit.

In Kapitel 4 tritt Botho zum ersten Mal als handelnde Figur in Lenes häuslicher Umgebung auf. Er verhält sich nicht – wie man erwarten könnte – als höflicher Besucher, der sich mit der für ihn neuen kleinbürgerlichen Welt vertraut machen will, sondern greift aktiv gestaltend und bestimmend in den Verlauf der Handlung ein. Im darauffolgenden Kapitel 5 bekommt der Leser erste Eindrücke davon, wie sich Botho und Lene verhalten, wenn sie allein sind. Auch hier scheint Botho derjenige zu sein, der die Thematik und die Richtung des Gespräch entscheidend bestimmt. Diese scheinbare Dominanz hält jedoch keiner kritischen Überprüfung stand. Bei genauerem Hinsehen erweist sich seine „Überlegenheit“ als Anmaßung, als bloßer Schein und reine Rhetorik, die von Lene erkannt, richtig gedeutet und wiederholt zurückgewiesen wird. Lene bezieht in ihren Äußerungen klare Positionen und erweist sich ihm zumindest ebenbürtig, in den entscheidenden Punkten sogar überlegen.

II. Kapitel 4: Die missglückte Verständigung (Botho in Lenes Welt)

Bei Bothos Auftritt in Kapitel 4 ist nicht zu übersehen, dass er aus einer anderen Welt kommt: In seiner Welt arbeitet man nicht, sondern vertreibt sich die Zeit mit Annehmlichkeiten, die das Leben verschönern. Man pflegt die Geselligkeit, z. B. im Club, erfreut sich am Spiel, schließt Wetten ab, genießt dazu anregende Getränke und hat seinen Spaß dabei. Aber man achtet

auf die Form, d. h. man betrinkt sich nicht, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit, sondern ist, wie Botho hier, allenfalls „angeheitert“ (21) (Hier wie in allen weiteren Zitaten aus „Irrungen,Wirrungen“ werden die Seitenzahlen jeweils in Klammern angegeben.)

Botho gibt sich zunächst bescheiden, leutselig und jovial. Er beansprucht keinen „Ehrenplatz“ (21), will niemanden verdrängen und vermeidet elitäre Verhaltensweisen. Vordergründig versucht er, sich in die kleinbürgerliche Umgebung seiner Gastgeber einzufügen, indem er an ihre Denk- und Verhaltensweisen anknüpft, die von nützlichen Tätigkeiten bestimmt werden. Er spricht zum Beispiel vom Wetter, weil ihm klar ist, dass es einen wichtigen Faktor im Leben eines Gemüsegärtners darstellt. Das Universalthema Wetter spielt auch in seiner Welt eine wichtige Rolle, allerdings überwiegend im Freizeitbereich, wenn es um Ausritte zu Pferde und Geselligkeiten im Freien geht. Alls Angehöriger des Adels sind der sportliche Umgang mit Pferden und die Pferdezucht ihm natürlich vertrauter als Obst- und Gemüseanbau. Hier und auch im weiteren Verlauf des Gesprächs zeigt sich, dass Botho als Vertreter seines Standes Universalbegriffe in einer ganz anderen Richtung ausdeutet als ein Angehöriger des Kleinbürgertums. Dem Leser wird klar, dass in Bothos Welt Maßstäbe gelten, die nicht vergleichbar sind mit den Normen der kleinbürgerlichen Welt, d. h. dass die Grundstrukturen seines Denkens und Verhaltens sich fundamental von denen seiner Gastgeber unterscheiden.

As Botho sich neben die alte Frau Nimptsch setzt, reagiert sie verlegen. Er versucht ihr zu schmeicheln und ihren sozialen Status aufzuwerten, ihm Glanz und Bedeutung zu verleihen, indem er auf einen „berühmten Dichter“ hinweist, „der ein Gedicht auf seine alte Waschfrau gemacht hat“ (22). Dieses Verhalten wirkt aufgesetzt und unaufrichtig und wird von Frau Nimptsch mit Befremden und Ungläubigkeit aufgenommen: „Ist es möglich?“ (22). Es mag möglich sein, aber es ändert nichts am Status und am Selbstverständnis einer Wasch- und Plättefrau. Doch Botho insistiert nicht nur, er versteigt sich sogar zu der Behauptung, seine Gastgeber lebten „wie Gott in Frankreich“, eine Floskel, die in manchen Kreisen seiner Welt angebracht sein mag. Hier wirkt sie anmaßend und deplatziert. Sie offenbart, dass Botho – gewollt oder ungewollt – Denk- und Sprachschemata aus seiner Welt in Lenes Welt transportiert, wo sie unpassend sind und nicht verstanden werden. 1)

Obwohl Botho jede Bevorzugung ablehnt und Gleicher unter Gleichen sein will, dringen diese durch seine soziale Herkunft geprägten Schemata immer wieder durch, und zwar bis an die Grenze der Takt- und Geschmacklosigkeit. Das ist zum Beispiel der Fall, als er von einer „großen Herren- und Damenfête“ (23) - auch die Wortstellung spricht Bände! – ein Mitbringsel

in Gestalt eines Knallbonbons präsentiert. Der kitschige Vers im Inneren verstärkt die Peinlichkeit der Situation, ohne dass Botho es zu merken scheint. Lene ist im wörtlichen Sinne getroffen („Lenes Zeigefinger blutete“, 23), ein äußerer Ausdruck ihrer offensichtlichen inneren Verletzung. Das Zerplatzen des Knallbonbons kann man als Vorausdeutung auf ihren zerplatzenden Traum von ihrer Liebe zu Botho auffassen.

[...]


1) „Die Hervorhebung des Standes dient den Angehörigen des Adels häufig nur der ‚Verschönerung’ des Daseins: man legt Wert darauf, etwas zu sein, man betont Statussymbole, die an sich nichts Lebensnotwendiges sind.“ (Müller-Seidel, Seite 254)

Details

Seiten
12
Jahr
2010
ISBN (Buch)
9783640807406
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165107
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Philosophische Fakultät
Note
"-"
Schlagworte
unvereinbarkeit welten analyse kapitel irrungen wirrungen theodor fontane

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Titel: Die Unvereinbarkeit zweier ungleicher Welten