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Die Entwicklung des Begriffes der "Menschlichkeit" bzw. der "Humanität" bei Hans Castorp im Roman "Der Zauberberg" von Thomas Mann

Wissenschaftlicher Aufsatz 2010 3 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Die Entwicklung des Begriffes der „Menschlichkeit“ bzw. der „Humanität“ bei Hans Castorp im Roman „Der Zauberberg“ von Thomas Mann

Die Suche Hans Castorps nach „Menschlichkeit“ bzw. „Humanität“ zieht sich als Leitmotiv wie ein roter Faden durch den Roman. Hier soll untersucht werden, an welchen Stellen im Roman dieses Motiv aufgenommen und entwickelt wird und wie es schließlich in Hans Castorps „Schneetraum“ in einen neuen Begriff von „Menschlichkeit“ einmündet. Dabei soll die enge Beziehung zwischen einigen Essays, Tagebucheinträgen, Reden und Vorträgen Thomas Manns , insbesondere den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1915), „Goethe und Tolstoi“ (1921) und „Von deutscher Republik“ (1922) und dem „Zauberberg“, berücksichtigt werden.

Der Gedanke der Humanität wird im Roman erstmalig deutlich ins Spiel gebracht an der Stelle, wo Settembrini sich als „Humanist“, als „homo humanum“ (ZB Seite 84) bezeichnet. Er setzt sich vehement für Humanismus, Aufklärung, Menschenrechte, Demokratie und Fortschritt ein und wird wiederholt mit „Licht“ und „Klarheit“ in Verbindung gebracht (ZB Seite 265/266). Im Mittelalter haben „Menschenfeindschaft und Aberglauben“ (ZB Seite 218) regiert.

„Das Menschengeschlecht komme aus Dunkel, Furcht und Haß, jedoch auf glänzendem Wege bewege es sich vorwärts und aufwärts einem Endzustand der Sympathie, der inneren Helligkeit, der Güte und des Glücks entgegen ...“ (ZB Seite 215). „Humanismus“ sei „Liebe zum Menschen“ (ZB Seite 218). Hans Castorp findet Settembrinis Gedanken „hörenswert“, nimmt “gutwillig Kenntnis davon“ und „öffnete ihnen zur Prüfung sein Inneres“ (wie der Autor auf ZB Seite 220 ironisierend feststellt). Aber er distanziert sich im weiteren Verlauf zunehmend davon, weil sie sich als rhetorisches, d. h. auf Form und Wirkung und nicht auf Inhalt bedachtes, Geschwätz entlarven, als hohles und phrasenhaftes Gerede, verstärkt durch Überheblichkeit, Anmaßung und Arroganz. Bezeichnenderweise unterscheidet Castorp in einem Gespräch mit Clawdia die „humanistische“ Redeweise Settembrinis von einer„menschlichen“ Redeweise (ZB Seite 763), die auf Clawdia gemünzt ist. Er wird von ihrer russischen „Menschlichkeit“ stark angezogen. Sie spricht das Wort „mähnschlich“ aus, „mit einer gewissen trägen und schwärmerischen Dehnung“ (ZB Seite 762). Unwillkürlich nimmt er diese Ausspracheweise auf und imitiert sie, wodurch ihr Einfluss auf ihn hervorgehoben wird.

In den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ unterscheidet Thomas Mann zwischen dem Humanismus des westlichen bzw. französischen „Rhetor-Bourgeois“ und einer spezifisch russischen Menschlichkeit, die auf „christlicher ... Demut, auf Leid und Mitleid“ beruhe und die der deutschen Menschlichkeit näher stehe als die französische. Clawdias „Mähnschlichkeit“ stellt also einen deutlichen Gegenpol zu Settembrinis Humanismus dar. Thomas Mann kennzeichnet Settembrini im Roman eindeutig als den in seinen „Betrachungen“ beschriebenen Typus des „Zivilisationsliteraten“, d. h. einen romanischen Schriftsteller, der politisch wirksam sein möchte und unter Berufung auf die humanistische Tradition die Sache der „Menschlichkeit“ vertritt, der schwärmerisch vom „Kultus des Wortes“ spricht, „der Eloquenz, die er den Triumph der Menschlichkeit“ nennt (ZB Seite219) und behauptet, „das Wort sei die Ehre des Menschen“ und „nicht nur der Humanismus“, sondern „Humanität überhaupt, alle Menschenwürde, Menschenachtung und menschliche Selbstachtung sei untrennbar mit dem Worte... verbunden“ (ZB Seite 219). Er gibt sich als Pädagoge aus, in Wirklichkeit entwickelt er aber die Züge eines Jongleurs, der „die Worte springen und rollen läßt ... so elastisch wie Gummibälle“ (ZB Seite 140) Er versteigt sich zu der Formulierung, „das schöne Wort erzeuge die schöne Tat“ (ZB Seite 220) und begleitet seine Rede mit anmutigen Handbewegungen wie bei einer „Sonntagspredigt“ (ZB Seite 84), letztlich gehe es ihm jedoch um Macht und Selbstbehauptung (vgl. Seite 542: „Herr Settembrini hatte eine gewaltige Art zu fragen...“).

Von Naphta als Gegenspieler Settembrinis gehen keinerlei Impulse aus, die Castorp auf seiner Suche nach Menschlichkeit ermutigen oder bestärken können. Thomas Mann hat ihn in seinen Betrachtungen als “anrüchigen Mystiker, Reaktionär und Advokaten der Anti-Vernunft“ beschrieben. Als äußerst vielschichtige, widersprüchliche Figur (er ist Ostjude, Jesuit und Kommunist) steht er für Mystik, Kontemplation, Askese, Krankheit und Leiden, Macht und Unterdrückung, Inquisition, Gewalt und Terror, soldatische Tugenden, Gehorsam, Bereitschaft zum Töten und den mit kriegerischer Gewalt und Terror erzwungenen totalitären Gottesstaat. Die mittelalterliche Idee des Gottesstaates auf Erden verbindet er mit der Idee einer kommunistischen Weltherrschaft. Er verkörpert den Typus eines nihilistischen, jegliche Werte verneinenden, inhumanen, revolutionären, religiösen und zugleich kommunistischen Jesuiten. Settembrini und Naphta verzetteln und verzehren sich in endlosen Streitgesprächen (Disputationen), wobei sie sich nicht nur gegenseitig widersprechen, sondern auch im Widerspruch mit sich selbst liegen (vgl. den Abschnitt „Vom Gottesstaat und von übler Erlösung“, 6. Kapitel, Seite 529 ff.). Sie lähmen Hans Castorp in seiner Suche nach einer neuen Menschlichkeit. Anstatt ihn zu beflügeln, führen sie ihn zu „große(r) Konfusion“ (ZB Seite 638). Seine Frage, wie man leben soll, bleibt unbeantwortet. Stattdessen zieht er sich in sein Zimmer zurück und träumt von einem „Hochgebild, genannt Homo Dei“, das „seinem inneren Auge vorschwebte“ (ZB Seite 563).

Nach der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg und dem Untergang des Kaiserreichs modifiziert Thomas Mann im Zuge seiner Hinwendung zur Demokratie Anfang der Zwanziger Jahre seine starke Polemik gegen die westlich-französische, bloß rhetorische Menschlichkeit. In seinen Essays und Vorträgen setzt er sich mit der Frage auseinander, wie unter den veränderten Bedingungen einer Republik das Leitbild der Humanität verwirklicht werden könne. Dabei vertritt der das Konzept einer „deutschen Mitte“ („Von deutscher Republik“, 1922), eine idealistische Vorstellung, die er schon in seinen „Betrachtungen“ vertreten hatte. Dort sprach er davon, dass das „deutsche Wesen“ in der Mitte zwischen West und Ost angesiedelt sei, sowohl politisch als auch im Sinne einer besonderen „Humanität“. Auf den „Zauberberg“ bezogen, stellt Clawdias russische „Mähnschlichkeit“ für Hans Castorps Suche nach einer „neuen Humanität“ einen wichtigen Bezugspunkt dar, später aber auch Settembrini, der gegen Ende des Romans mit Zügen echter Menschlichkeit ausgestattet wird (vgl. ZB Seite 975, wo Castorp Settembrini „wie ein Russe ... auf beide Wangen küsst“ und Settembrini das vertraute „Du“ und den Vornamen „Giovanni“ benutzt). Dadurch wird der Gegensatz zwischen dem Humanismus des westlichen „Zivilisationsliteraten“ und der „Mähnschlichkeit“ des Ostens miteinander versöhnt, wobei Castorp selbst – im Sinne einer „deutschen Mitte“ – durch seinen Wangenkuss sinnbildlich die Verbindung herstellt.

Dieser Gedanke der „Mitte“ und des Vermittelns spiegelt sich im „Schneetraum“ wider, in dem Castorp die Kontrahenten Settembrini und Naphta als „Schwätzer“ (ZB Seite 676) entlarvt und als starrsinnige, unverbesserliche Verfechter unvereinbarer Systeme, die es zu überwinden gilt. Stattdessen gelangt er zu dem Schluss: „in der Mitte ist des Homo Dei Stand ... zwischen mystischer Gemeinschaft und windigem Einzeltum“ (ZB Seite 676). „Mystisch“ verweist dabei auf Naphtas Religiosität und „windig“ auf Settembrini Rhetorik, der von ihm mehrfach abwertend als „Windbeutel“ bezeichnet wird (vgl. z. B. ZB Seite 651). Er entwirft das Ideal einer menschlichen Gesellschaft, die zwischen dem von Naphta ersehnten Kommunismus und der von Settembrini vertretenen westlichen Demokratie angesiedelt ist und in etwa Thomas Manns Überlegungen in „Goethe und Tolstoi“ entspricht. In seinem „Traumgedicht vom Menschen“, der in dem Satz gipfelt „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tod keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken“ (ZB Seite 677), wird die Vision einer neuen Menschlichkeit mit den Begriffen „Güte“ und „Liebe“ verknüpft. Es ist eine dem Tod entgegengesetzte Liebe, die bisher im Roman kaum eine Rolle gespielt hat. In einem Gespräch mit Hofrat Behrens Ende des Abschnitts „Humaniora“ (von lat. „studia humaniora“d. h. die geisteswissenschaftlichen Fächer) im fünften Kapitel hatte Hans Castorp noch formuliert: „Und wenn man sich für das Leben interessiert, ... so interessiert man sich namentlich für den Tod.“ (ZB Seite 366). (Thomas Mann selbst hatte in einem Brief an seinen Bruder Heinrich vom 8. November 1913 von seiner „wachsende(n) Sympathie mit dem Tode, mir tief eingeboren ...“ gesprochen.) Nun wird das Gewicht vom Tod zum Leben verlagert. Durch Hans Castorps Formulierung „Denn alles Interesse für Tod und Krankheit ist nichts als eine Art von Ausdruck für das am Leben ...“ (ZB Seite 675) erfolgt eine Hinwendung zum Leben, wobei beide Bereiche wechselseitig aufeinander bezogen bleiben. In seinem „Traumgedicht“ gelangt Hans Castorp daher zu der Einsicht: „Tod und Liebe – das ist ein schlechter Reim“ (ZB Seite 677). Konkreten Ausdruck findet diese Erkenntnis in dem sich wandelnden Verhältnis zu Clawdia, mit der er einen Bund für Peeperkorn eingeht, ein Bund, der nicht auf Eros, sondern auf Caritas, also einer sich zuwendenden Fürsorge, gegründet ist. Damit wird sein Verhältnis zu Clawdia nach Hermann Kurzke (S. 189) „enterotisiert“. Im Unterschied zu Peeperkorn, der in seiner Potenzgläubigkeit und seinem übersteigerten Männlichkeitswahn ironisiert und lächerlich gemacht wird, überwindet Hans Castorp die Kategorie der reinen „Männlichkeit“. Zwischen Clawdia und ihm entwickelt sich eine neue Form ganzheitlich männlich-weiblicher, androgyner Menschlichkeit, ein dem Leben verbundener Humanitätsentwurf, lebensbejahend und lebenszugewandt. Der Grundstein zu diesem lebensbejahenden Begriff der Humanität wird schon im ersten Teil des „Zauberberg“ im Abschnitt „Hippe“ (ZB 4. Kapitel, Seite 159 ff.) gelegt, in dem Hans Clawdia und Hippe als „androgynes Doppelbild“ sieht. Dieser Wandel drückt sich sinnbildlich auch durch Hans Castorps Stirnkuss aus, den unerotischen Verwandten- und Familienkuss, (ZB Seite 856), der den stark erotisch geprägten Liebeskuss des ersten Teils, der leitmotivisch durch Clawdia mit Krankheit und Tod assoziiert ist, ablöst.

Obwohl Hans Castorp einen grundlegenden inneren Wandel vollzogen hat, erhält er keine Gelegenheit, seine gewonnen Erkenntnisse in eine umfassende Handlungsmaxime umzusetzen. Vielmehr muss er, der sich als „Zivilist“ versteht, in die Rolle seines Vetters Joachim schlüpfen, dem diese Pflicht erspart blieb, und, ganz gegen seine Natur, in den Krieg ziehen mit Schuberts Lindenbaumlied auf den Lippen, das deutsche Innerlichkeit und Tiefe symbolisiert und mit „Rückneigung“ bzw. Rückwärtsgewandtheit und Tod assoziiert ist. Ob sein „Traum von Liebe“ und Humanität sich erfüllt, lässt der Autor zum Schluss des Romans offen, deutet sie allenfalls indirekt als zukünftige Perspektive an. Auf die Vision des Schneetraums verweisend, gibt er die Frage an den Leser weiter und ihm damit die Möglichkeit, diese für sich selbst zu beantworten.

Benutzte Literatur

1. Texte von Thomas Mann

Der Zauberberg. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 1993

Gesammelte Werke in zwölf Bänden (GW). Frankfurt a. M.: S. Fischer, 1960

Betrachtungen eines Unpolitischen. GW Band 12

Goethe und Tolstoi. In: Werke – Briefe – Tagebücher. Frankfurt a. M.: S. Fischer 2001

Von deutscher Republik. In: Werke – Briefe – Tagebücher ...

2. Sekundärliteratur

Koopmann, Helmut (Hsg.): Thomas-Mann-Handbuch. Stuttgart: Kröner, 1990

Kurzke, Hermann: Thomas Mann, Epoche – Werk – Wirkung. München: Beck, 1985

Langer, Daniela: Thomas Mann – Der Zauberberg. Stuttgart: Reclam, 2009

Details

Seiten
3
Jahr
2010
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165109
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Philosophische Fakultät
Note
"-"
Schlagworte
entwicklung begriffes menschlichkeit humanität hans castorp roman zauberberg thomas mann

Autor

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