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Wie wird der Traum von Albertine und Alice in Buch und Film dargestellt?

Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" und Stanley Kubricks "Eyes wide shut" - Ein Vergleich

Hausarbeit 2008 16 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Arthur Schnitzlers Traumnovelle
2.1 Kontextualisierung der Novelle

3 Stanley Kubricks Eyes wide shut
3.1 Kontextualisierung des Films

4 Buch und Film im Vergleich
4.1 Allgemeiner Vergleich der Figuren Albertine und Alice
4.2 Darstellung des Traums in Buch und Film
4.3 Deutung des Traumes

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Arthur Schnitzlers Traumnovelle, die 1926 veröffentlicht wurde, kreist um die Frage, ob sich der Wunsch nach sexueller Erfüllung mit den Konventionen der bürgerlichen Ehe decken kann. Die Eheleute Fridolin und Albertine geraten nach dem wechselseitigen Geständnis außerehelicher erotischer Wünsche in eine Krise, finden jedoch zum Schluss wieder zueinander. Der Autor spielt in der Erzählung auf verschiedenen Ebenen mit dem Verschwimmen von Traum, Wachtraum und Realität.

Stanley Kubrick versetzte die Traumnovelle vom Wien der 20er ins New York der 90er Jahre. Seine filmische Umsetzung bleibt trotz dieser entscheidenden Änderung nah an der literarischen Vorlage, angefangen von Inhalt und Struktur über die Darstellung der Figuren bis hin zu wichtigen Dialogen.[1] Trotz dieser Nähe ist der Film keine Illustration des Buches, sondern nach Kreutzer eine –­ von der Kritik ebenso gelobte wie kritisierte – interpretierende Transformation.[2]

Diese Arbeit fokussiert beim Vergleich von literarischer Vorlage und Film auf die Frage, wie der Traum Albertines im jeweiligen Medium dargestellt wird, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede festgestellt werden können und warum an bestimmten Stellen literarische Vorlage und Film übereinstimmen oder voneinander abweichen. Die charakteristischen Darstellungsformen des jeweiligen Mediums werden in diesem Rahmen ebenfalls berücksichtigt. Um die Fragestellung in einen größeren Zusammenhang einbetten zu können, werden die Figuren Albertine und Alice vor der Untersuchung des Traums in ihrer Gesamtheit miteinander verglichen, unter anderem in Bezug auf die verschiedenen Epochen und Schauplätze.

Zum Schluss werden wichtige Aussagen zur Deutung des Traums diskutiert, die auf den tiefenpsychologischen Theorien Freuds zur Traumdeutung basieren. An dieser Stelle schließt sich die Frage nach der, möglicherweise verschiedenen, Bedeutung des Traums in Buch und Film an.

2 Arthur Schnitzlers Traumnovelle

2.1 Kontextualisierung der Novelle

Arthur Schnitzler begann bereits 1907 mit ersten Skizzen zu seiner Novelle, die er zunächst mit „Doppelgeschichte“, dann mit „Doppelnovelle“ betitelte und ihr bei der Vollendung 1924/25 den Titel „Traumnovelle“ gab.[3] Das Verschwimmen von Traum, Wachtraum und Realität[4] zieht sich durch die gesamte Erzählung. Es beginnt bei der gegenseitigen „Beichte“ der Eheleute, wobei der Wunsch nach außerehelicher sexueller Erfüllung von beiden wie eine Art Wachtraum geschildert wird. Der in der Nacht umherirrende Fridolin, der sich mit einem tatsächlichen Ehebruch an dem gedanklichen Ehebruch Albertines rächen will, nimmt die Orgie in der Villa als traumhaft entrückte Realität auf, da er selbst als Zuschauer und Eindringling außerhalb des eigentlichen dortigen Geschehens bleibt. Albertine vollzieht schließlich im Traum die Erfüllung ihrer unterdrückten sexuellen Sehnsüchte. Zum Schluss bekräftigen beide Eheleute, wieder in der Realität angekommen zu sein: „,Nun sind wir wohl erwacht‘ – sagte sie „,für lange.‘“[5]

In Albertines Traum tauchen Bestandteile aus den vorangegangenen Elementen der Erzählung auf. Die Erlebnisse Fridolins werden durch den Traum Albertines gespiegelt, worauf auch die ersten beiden Titelentwürfe hinweisen.[6] Bis zum Schluss erfährt der Leser nicht, ob die nächtliche Reise Fridolins nur in dessen Einbildung stattgefunden hat.

Schnitzler, der 1885 als „Doktor der gesamten Heilkunde“ promovierte, hatte seine medizinische Laufbahn zu Gunsten des Schreibens aufgegeben, ging jedoch als Beobachter weiterhin seinem vor allem psychologischen Interesse nach.[7] Er setzte sich dabei auch kritisch mit Freuds Theorien auseinander, unter anderem auch mit der Traumdeutung. Schnitzler hielt Freuds Theorie für zu deterministisch, vor allem in Bezug auf die Macht, die diese dem Unbewussten zuschreibt. Er selbst schreibt dem
Mittelbewusstsein als Mittler zwischen Bewusstsein und Unbewusstem mehr Bedeutung zu, als Freud dies nach seiner Ansicht tat.

„Das Mittelbewußtsein [sic!] wird überhaupt im Ganzen zu wenig beachtet./ Es ist das ungeheuerste Gebiet des Seelen- und Geisteslebens; von da steigen die Elemente ununterbrochen ins Bewußte [sic!] auf oder sinken ins Unbewusste [sic!] hinab [...].“[8]

Ein weiterer Aspekt, der bei der Analyse der Traumnovelle von Bedeutung ist, ist Schnitzlers kritische Position gegenüber den Normen und Wertvorstellungen in der Gesellschaft seiner Zeit.[9] Er thematisierte und reflektierte das gesellschaftliche Leben im Wien des Fin de siècle, seziert in seinen Werken dessen Doppelbödigkeit und Grausamkeit in Bezug auf Politik, Moral, Fremdenfeindlichkeit und anachronistische Rituale wie dem Duell. Vor diesem Hintergrund muss auch die „Traumnovelle“ gesehen werden, die nicht nur die unterdrückte Triebhaftigkeit der Protagonisten Fridolin und Albertine innerhalb der moralischen Zwänge ihrer Zeit thematisiert, sondern darüber hinaus Albertines Widerstände gegen die von der Gesellschaft als Hausfrau und Mutter instrumentalisierte Frau aufzeigt, was im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch untersucht wird.[10]

3 Stanley Kubricks Eyes wide shut

3.1 Kontextualisierung des Films

Kubrick drehte „Eyes wide shut“ von Ende 1996 bis Mitte 1998 unter strenger Geheimhaltungspflicht aller Beteiligten. Der Film sorgte bereits vor der Premiere für Aufsehen, da viel über die Besetzung der beiden Hauptrollen Bill und Alice Harford mit den damals auch im realen Leben verheirateten Schauspielern Tom Cruise und Nicole Kidman spekuliert wurde. Wie sich zahlreichen enttäuschten Rezensionen entnehmen lässt, hatten viele intime Szenen zwischen Cruise und Kidman erwartet, die die Grenze zwischen Film-Ehe und realer Ehe verwischen würden.[11]

Tatsächlich beschäftigt sich der Film ebenso wie die Novelle mit dem Verschwimmen der Grenzen zwischen Traum, Wachtraum und Realität. Aufgrund der Visualität des Mediums wird hier mit der Wahrnehmung der Darsteller und des Zuschauers gespielt. Der Zuschauer wird bereits in der ersten Szene zum Voyeur und betrachtet intime Details aus dem Ehe-Alltag der Hauptfiguren: Bill, der Alice auf ihre Frage, wie sie aussehe, ohne hinzuschauen antwortet: „Perfect.“, während sie sich von der Toilette erhebt und sich mit dem Papier zwischen die Beine greift.[12] So wie Schnitzler mit den verschiedenen Ebenen von Traum, Wachtraum und Realität arbeitet, überträgt Kubrick diese Thematik auf die visuelle Wahrnehmung, er lässt seine Figuren mit Blicken spielen oder aneinander vorbeiblicken, verschlüsselt Blicke (zum Beispiel durch die Masken) und eröffnet damit zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten und zieht den Zuschauer mit in dieses Spiel hinein.[13]

[...]


[1] Vgl. Acevedo-Muñoz, Ernesto R.: Don´t look now: Kubrick, Schnitzler and „the unbearable agony of desire“. In: Literature Interpretation Theory 13. 2002. No. 2. [April-June], S. 119.

[2] Vgl. Kreuzer, Helmut (1981): Arten der Literaturadaption. In: Gast, Wolfgang (Hrsg.): Literaturverfilmung, Bamberg, 1999, S. 27 f.

[3] Vgl. Scheffel, Michael: „Ich will dir alles erzählen“. Von der „Märchenhaftigkeit des Alltäglichen“ in Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“. In: Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur. Heft 138/139, Göttingen, 1999, S. 138 f.

[4] Vgl. hierzu auch Wolf, Claudia: Arthur Schnitzler und der Film. Bedeutung, Wahrnehmung. Beziehung. Umsetzung. Erfahrung, Karlsruhe, 2006, S.141.

[5] Schnitzler, Arthur: Traumnovelle. Die Braut, Stuttgart, 2005, S.103.

[6] Vgl. Freytag, Julia: Verhüllte Schaulust. Die Maske in Schnitzlers Traumnovelle und in Kubricks Eyes Wide Shut. Bielefeld, 2007, S. 69 sowie Perlmann, Michaela: Der Traum in der literarischen Moderne. Untersuchungen zum Werk Arthur Schnitzlers, München, 1987, S. 191. Perlmann erklärt „den traumhaften Charakter der nächtlichen Erlebnisse Fridolins“ damit, dass Schnitzler „ein Spiegelbild von Fridolins Mittelbewußtem“ habe geben wollen, was auch durch die Ausführungen Schnitzlers zur Wichtigkeit des Mittelbewusstseins plausible wird.

[7] Vgl. Weinzierl, Ulrich: Arthur Schnitzler. Lieben. Träumen. Sterben, Frankfurt a. M., 1994, S. 63.

[8] Arthur Schnitzler: „Über Psychoanalyse“. In: Urbach, Reinhard (Hrsg.): Protokolle 2 (1976), S. 282.

[9] Vgl. Wunberg, Gothard: Fin de siècle in Wien. Zum bewußtseinsgeschichtlichen Horizont von Schnitzlers Zeitgenossenschaft. In: Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur. Heft 138/139, Göttingen, 1999, S. 3.

[10] Vgl. Perlmann, Michaela: Der Traum in der literarischen Moderne. Untersuchungen zum Werk Arthur Schnitzlers, München, 1987, S. 199.

[11] Freytag, Julia: Verhüllte Schaulust, S. 85 f.

[12] Vgl. hierzu auch Schmidt, Dietmar: Zwischen den Medien. Traumnovelle (Schnitzler), Eyes wide shut (Kubrick) und die „longue durée“ der Pornografie. In: Metelmann, Jörg (Hrsg.): Porno- pop: Sex in der Öffentlichkeit, München, 2005, S. 133. Der Autor spricht bezüglich der Auflösung der Grenzen zwischen der Beziehung zwischen Darstellern und Dargestellten von einem Willen zur „monströsen Indiskretion“: Alles solle gezeigt werden. Auch hier geht es also letztendlich wieder um das Verschwimmen von Grenzen, hier Fiktion und Realität in Bezug auf den Zuschauer: Was ist noch Rolle, was ist echt zwischen Kidman und Cruise? Der Zuschauer als Voyeur ist begierig, alle intimen Details zu sehen.

[13] Vgl. Freytag, Julia: Verhüllte Schaulust, S 80 sowie Schmidt, Dietmar: Zwischen den Medien, S. 135. Schmidt bezieht sich hier (Beispiel Alice im Rausch) auf die Wahrnehmung der Wahrnehmung in Eyes wide shut. Der Zuschauer wird darauf gelenkt, wie eine Figur des Films etwas tut, wie sie spricht, Dinge anschaut etc., statt nur die Aussage aufzunehmen, wonach laut Schmidt das Sehen „beständig vervielfältigt“ wird, ohne dass es zur „Gewissheit gebracht“ wird. Auch die Verwendung von Spiegeln trägt dazu bei, die Blicke der Darsteller zu vervielfältigen (zum Beispiel Blicke aufzufangen, die ansonsten nicht wahrnehmbar wären), und dadurch unter anderem die Selbstwahrnehmung des Zuschauers als Voyeur zu verstärken.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640810819
ISBN (Buch)
9783640810666
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165222
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Schlagworte
traum albertine alice buch film arthur schnitzlers traumnovelle stanley kubricks eyes vergleich

Autor

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