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Der St. Peterhof zwischen Hansestadt und Hansetag

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 24 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Das Handelszentrum Novgorod
1.2 Der Weg deutscher Kaufleute nach Novgorod
1.3 Die Bedeutung des Novgorodhandels für deutsche Kaufleute
1.4 Das Leben am Peterhof

2 Der deutsche Kaufmann zu Novgorod
2.1 Das Ränkespiel der Hansestädte
2.2 Novgorod im Interesse des Hansetages
2.3 Der Machtzuwachs seitens der livländischen Städte
2.4 Rigas Sonderweg

3 Der Niedergang des Novgoroder Kontors

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ziel dieser Hausarbeit ist es die Beziehungen bestimmter Hansestädte und der ge­samthansischen Tagfahrt zur hansischen Niederlassung deutscher Kaufleute in Novgorod aufzuzeigen, worüber das entsprechende Referat schon einen Überblick verschaffte. Hierzu wird der gesamte Zeitraum seit der Erschließung des Russland­handels durch deutsche Kaufleute von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zur erst­maligen Schließung des deutschen Peterhofes 1494 betrachtet.

Überlieferte Quellen hierzu sind hansische Rezesse, Verträge, Chroniken, Briefe und - die wohl bedeutendste Quelle - die Hofordnung des Peterhofes in ihren sie­ben Editionen, Skra1 genannt. Eine aktuelle Literaturübersicht und ein Überblick über den Forschungsstand gibt Anika Zeller in ihren Ausführungen der Reihe Hamburger Beiträge zur Geschichte der Deutschen im europäischen Osten von 20022,daher wird in dieser Arbeit nicht überdies darauf eingegangen. Auch archäo­logische Funde verschiedener Grabungen in Novgorod geben Aufschluss über Aufbau, Organisation, Ereignisse sowie Handel zur Zeit des hansischen Kaufman­nes zu Novgorod, sind für das Ziel der Hausarbeit allerdings weniger federführend.

Einführend soll die Erschließung des russischen Handelsraumes des deut­schen Kaufmannes dargestellt, ferner anhand ausgewählter Verträge und der Skrair die sich oft ändernden Machtverhältnisse im Bezug auf den Novgoroder Hansehan­del aufgezeigt und schließlich die bedeutenden Einflüsse der jeweiligen Hansestäd­te und der gesamthansischen Tagfahrt herausgestellt werden. Auch wenn die Be­zeichnung Hansestädte erst um 1400 für Städte, „deren Bürger als Kaufleute im Ausland die der Hanse eingeräumten Privilegien gebrauchten“3,aufkommt, wird diese Arbeit diesen Begriff zur Vereinfachung wissentlich darüber hinaus verwen­den.

1.1 Das Handelszentrum Novgorod

„Der mittelalterliche Hansehandel mit Novgorod ist ein Thema, dem eine erhebliche europa­geschichtliche Relevanz zukommt. Novgorod bildete seit dem Niedergang Kievs im 12. Jahrhundert das bedeutendste wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Rus‘, das heißt der ostslavisch-orthodoxen Welt.“4

Die besondere Lage an der Volchov, die einen direkten Zugang in die Ostsee bietet, in direkter Nähe zur Wolga, die den schnellen Weg zu den orientalischen Reichen zugänglich machte, und zum Dnjepr, welcher den direkten Kontakt zur Hauptstadt Kiev und nach Byzanz ermöglichte, machten Groß-Novgorod zum Mittelpunkt allen Warenverkehrs über die Wasserstraßen. Schon im 12. Jahrhundert hatte die Stadt Novgorod etwa 15 000 Einwohner und somit immense Arbeits- und Kauf­kraft. Da Novgorod eine autarke Republik und somit unabhängig war, übte diese Stadt einen starken Reiz auf die Bojaren der Kiever Rus‘ aus. So konzentrierte sich Finanzkraft und Expertise im blühenden Groß-Novgorod.5

1.2 Der Weg deutscher Kaufleute nach Novgorod

Noch bevor deutsche Kaufleute den Russlandhandel für sich entdeckten, bestanden im 10. Jahrhundert schon rege Handelskontakte zwischen Kaufleuten Gotlands und russischen Kaufleuten aus dem Raume Groß-Novgorods, wie arabische Münzfunde auf Gotland und in Schweden beweisen, da diese Münzen nur über das Handels­und Umschlagszentrum Novgorod dort hingelangt sein können.6 Ferner bezeugen mehrere Eintragungen der Nestor-Chronik Handelsfahrten der Novgoroder nach Schweden und Dänemark zu Beginn des 12. Jahrhunderts. Im Jahre 1130 heißt es in einer furchtbaren Nachricht:

„Im selben Jahr sanken sieben Schiffe, die von Übersee, von den Goten gekommen waren, sie gingen mit der Ware unter, und nur einige retten sich, wenn auch nackt; aber aus Däne­mark kamen sie wohlbehalten zurück.“7

Das es nicht nur zu Seeunglücken, sondern auch zu kulturellen Disputen auf sol­chen Handelsfahrten kam, zeigt eine Eintragung des Jahres 1134: „Im gleichen Jahr schlugen sie in Übersee, in Dänemark, einige Novgoroder nieder.8 “ Positive Vor­kommnisse wurden natürlich nicht verzeichnet, dennoch ist von einer gedeihlichen Beziehung zu den Kaufleuten Gotlands auszugehen. Denn schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts wird in Novgorod die St. Olafskirche9 und der Gotenhof errichtet, während man im Gegenzug den Novgorodern 1156 den Bau der Freitagskirche und eines Hofes in Visby gewährte. Ein Beweis der ständigen Handelsbeziehungen.10

„In der zweiten Hälfte des 12. Jh.s ereigneten sich im Ostseehandel wesent­liche Veränderungen, die durch das Auftauchen deutscher Kaufleute eingeleitet wurden.11 “ Mit der Gotländischen Genossenschaft12 erlangten deutsche Kaufleute erste Kontakte zu russischen Händlern. Den Weg nach Novgorod entdeckten sie durch Mitfahrten bei den skandinavischen Händlern. Daher entstammen auch topo­grafischen Bezeichnungen auf dem Wege nach Novgorod oftmals skandinavischen Sprachen und nicht dem Altrußischen. Auf diesem Wege erschloss sich die Got- ländische Genossenschaft erstmals den Novgorodhandel, trotz ihrer namentlichen Beschränkung auf den Gotlandhandel.13

In Novgorod kamen die deutschen Kaufleute vorerst im Gotenhof unter bis dessen Kapazität erschöpft war. 119214 wurde der deutsche Hof mit dem St. Peter erbaut. Doch die deutschen Kaufleute traten nicht etwa in Konkurrenz zu den gutnischen Partnern, sondern kooperierten auf Grundlage des Artlenburg-Traktats von Hein­rich dem Löwen mit ihnen. Aus nicht beweisbaren Gründen liefen die deutschen Kaufleute den gutnischen den Rang ab. Die Forschung führt diesen Siegeszug auf die stark professionalisierten und kapitalreichen Kaufleute zurück, die durch ihre leistungsstarken Koggen direkten Zugriff auf zentrale Absatzmärkte hatten.15

1.3 Die Bedeutung des Novgorodhandels für deutsche Kaufleute

Der Novgorodhandel bestand seitens der deutschen Kaufleute unter anderem aus christlichen Gründen, da der heimische Kerzenbedarf der Kirchen durch die Hanse vor allem aus den Novgoroder Überschüssen als Nebenprodukt der Honigprodukti­on gedeckt wurde.16 Doch zu diesem hochmoralischen und altruistischen Grund kann in Anbetracht der weiteren Handelsprodukte auch die finanzielle Profitabilität und materielle Einzigartigkeit des Novgorodhandels gezählt werden. Hans Joachim Kürtz stellt nicht zu Unrecht fest: „Die Kaufleute hatten sich auf das gefährliche Nowgorod-Unternehmen eingelassen, weil der Ost-West-handel hohen Gewinn versprach.“17

Hansische Kaufleute kauften neben Wachs und Pelzwerk auch Fisch, Tran, Talg und Häute sowie Seide und Gewürze, aus dem Orienthandel der Russen, in Novgo­rod. Russisches Pelzwerk war vor allem Zobel, Hermelin, Nerz und Eichhörnchen. Diese waren eindeutig der russische Exportschlager. „Hauptabsatzort war das flandrische Brügge, wo sich Kaufleute aus aller Welt trafen. Wichtigster Um-schlagsplatz war die Stadt Lübeck.“18

Sie verkauften Textilien, Tuche, Leinwand, Garn, Fertigartikel (Handschuhe, Ho­sen, Mäntel), Genussmittel, Salz, Hering, Wein, Bier, Früchte, Gewürze und Me­tallwaren, Silber, Kupfer, Zinn, Blei und Tuchnadeln, Nägel, Messer, Schlösser und Schlüssel. Der Waffenhandel war streng verboten und wurde nach Quellener­kenntnissen auch niemals praktiziert.19

„Die Analyse der archäologischen Funde aus den Ausgrabungen in Novgorod zeigt, daß die Massenartikel des Hanseimports (Erzeugnisse aus Buntmetall, Bernstein, Tuche) fast überall in der Stadt zu finden sind, Einzelstücke20 westeuropäischer Herkunft dagegen nur in Höfen reicher Novgoroder Bojaren oder von Kaufleuten, die mit der Hanse Handel trieben.“21

Zudem war Novgorod wegen der hohen Bevölkerungszahl und des sumpfigen Um­landes auf Getreideeinfuhren der Hanse angewiesen.22 Als Beweis dafür dient diese 1231 im Zuge einer Hungersnot Eintragung in die Nestor-Chronik:

„Im selben Jahr eröffnete Gott uns Sündern seine Güte, seine Gnade erwies er Rasch: Von Übersee kamen eilends Germanen mit Nahrungsmitteln und Mehl herbei || und stifteten viel Gutes; denn diese Stadt [= Novgorod] lag ihrem Land sehr nah.“23

Einerseits sind Hanse- und Novgorodhandel stark voneinander abhängig, das sie gegenseitigen Bedarf perfekt deckten, andererseits

„ist die Geschichte der Beziehungen zwischen Novgorod und der Hanse reich an unzähligen Konflikten, Handelsverboten und Zusammenstößen zwischen den fremden Kaufleuten und den Einwohnern der Stadt.“24

Die Konflikte resultierten in der Regel aus Verletzungen von Handelsvorschriften,Betrugsversuche, schlechte Warenqualität und Unzufriedenheit.25

Obwohl man darüber übereinkam, dass der Handel unabhängig von politischen Veränderungen reibungslos weiterlaufen sollte, „kam es regelmäßig beim Aus­bruch von Kriegen zu Handelsblockade[n] gegen Novgorod und zur Unterbrechung der Handelsbeziehungen.“26

1.4 Das Leben am Peterhof

So lohnend und wünschenswert die Handelsbeziehungen zwischen den Deutschen und den Russen auch waren, war nebst den Transaktionen selbst auch noch das temporäre Zusammenleben und Aufeinandertreffen in Novgorod voller Konfliktpo­tential. Der Russe galt als gewaltbereit und trunksüchtig. Es gab große und schwer überwindbare Differenzen zwischen den Deutschen und den Russen: Sprache und Glaube (lateinisch und byzantinisch). „Nicht nur Leib und Leben, auch die Seele der Kaufleute war in Gefahr in der Wolchow-Metropole.“27

[...]


1 Wegen der Problematik mit Aussprache ([froa]/[skroa]) und Pluralbildung des Wortes Schra ver­wendet diese Hausarbeit in altnordischer Tradition, aus welcher der Begriff entstammt und getrock­nete Tierhaut bzw. Leder bedeutet (entspricht also dem Pergament), den Begriff Skra ([skroa]) und den Plural Skrair ([skroain]).

2 Vgl. Zeller, Anika: Der Handel deutscher Kaufleute im mittelalterlichen Novgorod, Hamburg 2002, S. 8-12.

3 Schmidt-Wiegand, Ruth: Genossenschaftliche Organisation im Spiegel historischer Bezeichnun­gen. Hanse, Gilde, Morgensprache, in: Jörn, Nils; Kattinger, Detlef; Wernicke, Horst (Hrsg.): Genossenschaftliche Strukturen in der Hanse, Köln 1999, S. 1-12, S. 12.

4 Angermann, Norbert: Novgorod und die Hanse im späten 13. Jahrhundert, in: Hansson, Pär (Hrsg.): Novgorod-Örebro-Lübeck after 700 years, Örebro 1995, S. 52-65, S. 52.

5 Vgl. Zeller, S. 16-19.

6 Vgl. Rybina, Elena A.: Einige Fragen der Beziehungen zwischen Novgorod und der Hanse, in: Wernicke, Horst; Jörn, Nils (Hrsg.): Beiträge zur hansischen Kultur-, Verfassungs- und Schif­fahrtsgeschichte, Weimar 1998, S. 323-330, S. 324.

7 Dietze, Joachim: Die erste Novgoroder Chronik nach ihrer ältesten Redaktion (Sydonalhandschrift) 1016-1333/1352, München 1971, S. 57.

8 Dietze, S. 58.

9 Die Varägerkirche wird 1152 leider Opfer eines Feuers, aber wieder aufgebaut. Vgl. Dietze, S.63.

10 Vgl. Rybina: Einige Fragen der Beziehungen zwischen Novgorod und der Hanse, S. 324f., Rybina, Elena A.: Frühe „Joint-ventures“. Die Beziehungen Novgorods im Ostseeraum, in: MÜL­ler-Wille, Michael; Janin, Valentin L.; Nosov, Evgeni N.; Rybina, Elena A. (Hrsg.): Novgorod. Das mittelalterliche Zentrum und sein Umfeld im Norden Rußlands, Neumünster 2001, S. 291-308, S. 298 sowie Zeller, S. 13.

11 Rybina: Einige Fragen der Beziehungen zwischen Novgorod und der Hanse, S. 325.

12 Diese Titulierung ist inkorrekt, wird aber als Vereinfachung verwendet. Die korrekte Bezeich­nung lautet: Genossenschaft der Gotland besuchenden Kaufleute des Römischen Reiches. Vgl. Kattinger, Detlef: Die universitas der Gotlandfahrer. Eine kaufmännische Genossenschaft in der Handelspolitik Lübecks und Visbys am Ende des 13. Jh.s, in: Jörn, Nils; Kattinger, Detlef; Wernicke, Horst (Hrsg.): Genossenschaftliche Strukturen in der Hanse, Köln 1999, S. 41-63, S. 44.

13 Vgl. Zeller, S. 14 und Anmerkung 42 sowie Angermann, S. 53.

14 Die Datierung ist umstritten. Gemeinhin gilt die Annahme von Rybina, der Peterhof sei 1192 erbaut worden, doch der Beweis fällt schwer, zumal der Hof erstmals in dem Vertrag von 1259 genannt wird.

15 Vgl. Zeller, S. 15f.

16 Vgl. Kürtz, Hans Joachim: Zu Zeiten der Hanse. Handel und Wandel in den Hansekontoren Bergen, Brügge, London und Nowgorod, Lübeck 1983, S. 19 und S. 44.

17 Ebd., S. 35.

18 Ebd., S. 42.

19 Harder-Gersdorff, Elisabeth: Hansische Handelsgüter auf dem Großmarkt Novgorod (13.-17. Jh.): Grundstruktur und Forschungsfragen, in: Angermann, Norbert; Friedland, Klaus: Novgo­rod. Markt und Kontor der Hanse, Köln 2002, S. 133-151, S. 134f. und Vgl. Rybina: Frühe „Joint­ventures“, S. 298.

20 Westeuropäische Schmuckstücke, Mühlespielbretter, Würfel, Wachsnotizblöcke und Messergriffe aus verziertem Bein in westeuropäischer Kunsttradition.

21 Rybina: Frühe „Joint-ventures“, S. 296.

22 Vgl. Kürtz,S.47.

23 Dietze, S. 104.

24 Rybina: Einige Fragen der Beziehungen zwischen Novgorod und der Hanse, S. 327.

25 Vgl. ebd., S. 326f. und Kürtz, S. 48-51.

26 Rybina: Einige Fragen der Beziehungen zwischen Novgorod und der Hanse, S. 327.

27 KÜRTZ, S. 26.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640808779
ISBN (Buch)
9783640809004
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165350
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Hanse Nowgorod Novgorod Hansetag Schra Skra Skrair Nestor Peterhof St. Peter St. Peterhof

Autor

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