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Fremdsprachliches Textverstehen unter Einbeziehung kulturspezifischer Aspekte

Studienarbeit 2010 26 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Theoretische Grundlagen und Definitionen
1.1 Kulturbegriff
1.2 Fremdheitsbegriff
1.3 Interkulturelles Lernen und Landeskunde

2 Textverstehen in einer Fremdsprache

3 Fremdsprachliches Textverstehen an einem Textbeispiel
3.1 Die Analyse kulturspezifischer Aspekte des Textes
3.2 Die praktische Anwendung des Textes im DaF-Unterricht
3.2.1 Aufgaben zur Annäherung an den Text
3.2.2 Aufgaben zur Texterschließung und Textdeutung
3.2.3 Aufgaben zur Weiterarbeit mit dem Text

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der vorliegenden Arbeit werden kulturspezifische Aspekte des fremdsprachlichen Textverstehens anhand eines Textbeispiels in Bezug auf den fremdsprachlichen Deutschunterricht untersucht.

Zu Beginn der Arbeit möchte ich die Relevanz und Aktualität meiner fremdsprachendidaktischen Analyse erörtern. Das Thema ist insofern von großer didaktischer Bedeutung, weil Förderung kommunikativer Kompetenzen in der Fremdsprache allgemein zu einem der Hauptziele des Fremdsprachenunterrichts gehört. Das Lernen einer Fremdsprache ist gleichgesetzt mit dem Lernen einer fremden Kultur. Demzufolge ist die Befähigung der Lernenden zur interkulturellen Kommunikation als ein übergeordnetes Ziel im Fremdsprachenunterricht zu betrachten. Insofern ermöglichen die landes- und kulturkundlichen Dimensionen in den Texten den Lernern, auf das Anderssein der Zielkultur sensibilisiert zu werden, die kulturellen Unterschiede zwischen der eigenen und der Zielkultur zu erkennen und zu akzeptieren, aber auch die Fähigkeit zu entwickeln, die möglichen Stereotype zu differenzieren (vgl. Krechel 1989 in Zeuner 2001, S. 91).

Des Weiteren ist es oft der Fall, dass schriftliche Texte unter Umständen die einzige Kontaktmöglichkeit zur Zielsprache und -kultur außerhalb des Landes sind. Mit dieser Arbeit möchte ich herausfinden, wie ein Fremdsprachenlehrer vorgehen kann, um dem Nicht-Muttersprachler den Zugang zu landeskundlichen Textinhalten zu ermöglichen und auch dann relevante Informationen aus einem Text zu entnehmen, wenn es diesem an sprachlichem, stilistischem oder kulturellem Vorwissen für ein erfolgreiches Textverstehen möglicherweise noch mangelt.

In der Einführung zur Arbeit werde ich die theoretischen Grundlagen und Definitionen der kulturspezifischen Aspekte allgemein erläutern. Zuerst werde ich auf den Kulturbegriff näher eingehen, danach auf den damit eng verbundenen Fremdheitsbegriff. Dem folgend wird die Interkulturalitätsdebatte in der Fremdsprachendidaktik in Bezug auf das interkulturelle Lernen und Landeskunde präsentiert. Anschließend wird auf das Textverstehen in einer Fremdsprache direkt eingegangen und dabei die Relevanz des sprachlichen, stilistischen und kulturellen Hintergrundwissens der Lerner anhand des Artikels „Leseverstehen aus der Perspektive des Nicht-Muttersprachlers“ von Selma Meireles analysiert. Den Schluss bildet ein praktischer Beitrag in Form einer Textanalyse und Vorschlags für die Textarbeit anhand eines von mir ausgesuchten Textes von Wladimir Kaminer. Der Text „Lula Kebap“ eignet sich insofern für die Vermittlung interkultureller Kompetenzen im fremdsprachigen Deutschunterricht, da er durch mehrfache kulturelle Konstellationen gekennzeichnet ist: einmal aus der Perspektive des russischsprachigen Autors, einmal aus der Perspektive des deutschen Studenten, der Hauptfigur der Geschichte, und einmal aus der Perspektive des Landes Aserbaidschan, in welchem sich die Geschichte ereignet.

Des Weiteren ist noch anzumerken, dass der speziell ausgesuchte Text von Kaminer, gerade weil er von einem Nicht-Deutsch-Muttersprachler stammt, einen Anreiz zum Lernen der deutschen Sprache bieten kann. Auch die Tatsache, dass der Text eine landeskundlich beladene Informationsquelle darstellt, spricht dafür, dass er dem Lehrer eine gute Möglichkeit bietet, im fremdsprachigen Deutschunterricht mit der Vermittlung der landes- und kulturkundlichen Informationen zu arbeiten.

Wie ist es möglich, seine Schüler auf das erfolgreiche Textverstehen vorzubereiten, sie dabei zu unterstützen, ihr eigenes Potential beim Lesen in der Fremdsprache zu erkennen und weiterzuentwickeln? Wie geht ein fremdsprachiger Leser an einen Text heran? Wie erkennt dabei der Lehrer die möglichen Verstehensschwierigkeiten bei Lernenden und gestaltet dementsprechend die Textarbeit mit den dazu gehörenden Aufgaben und Übungen? Diese Fragen und mögliche Herangehensweisen an den Text in Bezug auf die landes- und kulturkundlichen Informationen werde ich in meiner Arbeit unter anderem anhand der praktischen Anwendung im Unterricht näher betrachten.

1 Theoretische Grundlagen und Definitionen

1.1 Kulturbegriff

„Kultur“ ist ein relativ oft verwendetes Wort. Leider ist nicht immer klar, was darunter verstanden werden soll, denn der abstrakte Begriff „Kultur“ ist vieldeutig. Die Bedeutung variiert je nach dem, von wem und in welchem Kontext dieser Begriff eingesetzt wird.

Kultur - abgeleitet vom lateinischen „colere“ = bebauen, bestellen, pflegen - bedeutet zunächst ganz allgemein die Art und Weise, wie die Menschen ihr Leben gestalten, aber auch alles, was sie dadurch geschaffen haben (vgl. Maletzke 1996, S. 15). Dem Mittelalter war der Begriff „Kultur“ fremd. Erst etwa seit dem 17.

Jahrhundert hat man „Kultur“ mit der „Natur“ verglichen und bezeichnete mit dem Wort „Kultur“ alles, was „der Mensch aus eigenem Willen und Vermögen schafft, während „Natur“ ihm vorgegeben ist“ (ebd., S. 15).

Im deutschen Sprachgebrauch wurde der Begriff „Kultur“ seit dem 18. Jahrhundert immer mehr mit den „Kulturprodukten“ in Zusammenhang gebracht, die mit bestimmten Wertungen verbunden wurden. „So wurde in Deutschland Kultur gleichbedeutend mit Hochkultur oder Elitekultur, mit einem Bereich also, der nicht jedem, sondern nur bestimmten Kreisen - den ‚Gebildeten’ - zugänglich ist“ (ebd., S. 15). Diese Auffassung von Kultur findet sich vor allem in den Werken von Dürer, Goethe und Beethoven wieder.

In der Kulturanthropologie ist Kultur als ein „System von Konzepten, Überzeugungen, Einstellungen, Wertorientierungen zu verstehen, die sowohl im Verhalten und Handeln der Menschen als auch in ihren geistigen und materiellen Produkten sichtbar werden“ (vgl. ebd., S. 16). Kultur ist also „die Art und Weise, wie die Menschen leben und was sie aus sich selbst und ihrer Welt machen“ (ebd., S. 16). Kultur ist etwas spezifisch Menschliches. Der Mensch schafft Kultur und wird von ihr geprägt. Der Mensch verfügt über Erinnerung und Phantasie, was dazu führt, dass er Vergangenheit und Zukunft hat, er ist folglich ein „geschichtliches Wesen und er kann planen“ (ebd., S. 16). Damit ist seine Fähigkeit zur Abstraktion verbunden, mit deren Hilfe sich der Mensch eine Welt abstrakter Symbole schafft, nämlich die der Sprache. „Durch Sprache macht der Mensch aus dem Chaos einen Kosmos; ohne Sprache wäre er nicht in der Lage, sich in dieser Welt zu orientieren und funktionierende Gemeinwesen aufzubauen“ (ebd., S. 20f.).

Symbolhaft-abstrakte Sprache ist eine unabdingbare Voraussetzung für den Menschen als Kulturwesen. Auf eine Kurzformel gebracht: Ohne Sprache keine Kultur. […] Die menschliche Sprache geht weithin abstrahierend vor; sie faßt Gleichartiges zusammen und bildet Kategorien, Klassen, Gattungen. Damit dient die Sprache der Reduktion von Komplexität, sie bringt Ordnung und Überblick in die unendliche Vielfalt der Phänomene, sie macht die Welt überschaubar und handhabbar. […] Sprache und Sprachen bilden also nicht etwa die Welt ab, sondern sie bauen für den Menschen die Welt erst auf, sie „konstruieren Wirklichkeit“. Und das geschieht in verschiedenen Kulturen auf unterschiedliche Weise.“ (Ebd., S. 72f.)

Gerhard Maletzke formuliert eine wie folgt lautende These: „Die Sprache einer Menschengruppe hängt auf das engste zusammen mit der Weltsicht dieser Gruppe“ (ebd., S. 73). Einerseits wird die Weise, wie man die Welt wahrnimmt und erlebt, durch die Sprache bestimmt, „zugleich ist die Sprache aber auch Ausdruck des kulturspezifischen Welterlebens und formt und differenziert sich verschieden je nach Weltsicht und nach Bedürfnissen, Erwartungen und Motivationen verschiedener Kulturen“ (ebd., S. 73).

Die Entwicklung des Kulturbegriffes im fremdsprachendidaktischen Kontext spiegelt sich insbesondere in den Konzeptionen des Landeskundeunterrichts wider. In der fremdsprachendidaktischen Interkulturalitätsdebatte werden zwei verschiedene Kulturbegriffe verwendet (nach Brunzel 2002, S. 23):

(1) Kulturen als insbesondere durch Ländergrenzen abgrenzbare und miteinander vergleichbare, in sich differenzierte, heterogene Gebilde;
(2) Kulturen als in der Interaktion zwischen Individuen konstruierbare Größen, die aufgrund ihrer Dynamik und Veränderbarkeit schwer fassbar und voneinander abgrenzbar sind.

Der zweite relativ neue Kulturbegriff kommt aus der Kommunikationswissenschaft und bezieht auch Menschen, die zwischen und in mehreren Kulturen leben und dadurch neue Kulturen schaffen, mit ein (vgl., ebd., S. 24).

Annelie Knapp-Potthoff (1997) definiert Kultur folgendermaßen:

[…] abstraktes, ideationales System von zwischen Gesellschaftsmitgliedern geteilten Wissensbeständen, Standards des Wahrnehmens, Glaubens, Bewertens und Handelns, das in Form kognitiver Schemata organisiert ist und das sich im öffentlichen Vollzug von symbolischem Handeln manifestiert. (Knapp-Potthoff 1997 zitiert nach ebd., S. 24)

Das Kulturenkonzept Knapp-Potthoffs sieht wie folgt aus (Knapp-Potthoff 1997 zitiert nach ebd., S. 26f.):

- Kultur wird nicht mit Nation gleichgesetzt
- Kulturen sind dynamisch und verändern sich ständig
- Kulturen sind nicht homogen
- Kulturen sind nicht eindeutig voneinander abgrenzbar
- Kultur ist ein Konstrukt

An dieser Stelle möchte ich zu den Begriffen der Fremdheit und des Fremdverstehens übergehen, die mit dem Kulturbegriff eng verbunden sind.

1.2 Fremdheitsbegriff

Wenn von Kulturen die Rede ist, von der Begegnung zwischen Kulturen […] - dann liegt diesen Vorstellungen und Überlegungen ein einfaches Bild zugrunde: die Unterscheidung nämlich von einem Innen oder Zuhause und einem Draußen. Das Innen bedeutet Wärme, Geborgenheit, Sicherheit, es ist das Feld des Selbstverständlichen. Dem steht das Draußen gegenüber, zwar faszinierend, aber zugleich auch bedrohlich, kalt, gefährlich, fremd. (Maletzke 1996, S. 27f.)

Fremdheit entsteht offensichtlich bereits in der frühesten Kindheit. Laut psychologischen Forschungen, beinhaltet das kindliche Weltbild zwei Pole: das ´Ich´ und das ´Nicht-Ich´ (Boesch 1996 zitiert nach Brunzel 2002, S. 48).

Fremdes wird in der Regel in Bezug auf Eigenes definiert. Das Eigene basiert auf Bekanntem und Vertrautem, das durch Wissen und Erfahrungen erworben wurde. Fremd ist demzufolge das, was man nicht kennt, nicht versteht, noch nicht erfahren oder erlebt hat (vgl. ebd., S. 49).

Wen man in eine fremde Kultur kommt, erlebt man dort vieles als merkwürdig und unverständlich. In der Regel ist es nicht ausreichend, gelerntes Wissen anzuwenden und die Verhaltensweisen im Gastland zu beobachten, um in dieser Kultur zurechtzukommen. Man muss die fremde Kultur zunächst „verstehen“ lernen (vgl. Maletzke 1996, S. 34). Doch was bedeutet es, eine fremde Kultur zu verstehen? Im Bereich der Linguistik kommt zum Aspekt der sprachlichen Verständigung zwischen Menschen eine Wechselseitigkeit ins Blickfeld: „Im Dialog will nicht nur der eine den anderen, sondern auch der andere den einen verstehen“ (ebd., S. 35). „Verstehen“ heißt in diesem Zusammenhang: „erfassen, was der Partner ‚meint’, was er sagen, was er vermitteln will“ (ebd., S. 35).

Das Verstehen einer fremden Kultur bezieht sich darauf, was der Gesprächspartner „meint“, aber auch dass man etwas Neues in seiner Welt in bereits vorhandenes Bekanntes einfügt (vgl. ebd., S. 35). Beim Verstehen einer fremden Kultur geht es also primär darum, den Sinn, die Bedeutung, das „Gemeinte“ einer Kultur zu erfassen. Dies scheint jedoch eine schwer zu lösende Aufgabe zu sein (vgl. ebd., S. 35).

Um den Verstehensprozess des Fremden näher zu betrachten, können die bereits erwähnten Pole des ´Ich´ und des ´Nicht-Ich´ mit einbezogen werden. Das ‚Ich’ bezieht sich also auf das eigene innere Erleben, das ‚Nicht-Ich’ hingegen erzeugt ein gewisses Maß an Unsicherheit in einer Person, die sie entweder anziehen oder ängstigen kann (vgl. Brunzel 2002, S. 51). „Wenn man davon ausgeht, dass der Mensch prinzipiell danach strebt, die Welt zu deuten, zu verstehen, sie berechenbar im Sinne von vorhersehbar zu machen, um sich in ihr orientieren zu können, so ist er gleichsam gezwungen, sich mit seinem ´Nicht-Ich´ auseinander zu setzen“ (ebd., S. 51). Als Folge dieser Erkenntnis muss man seine bisherigen „Annahmen über sich und die Welt hinterfragen“ und sich dem Anderen zuwenden, um über das Verstehen des Fremden sein „Eigenes zu revidieren und neu zu definieren“ (ebd., S. 52).

Der letzte Gedanke führt uns zum Begriff des interkulturellen Lernens, der im engen Zusammenhang mit dem Begriff der Landeskunde im Fremdsprachenunterricht steht, worum es im folgenden Kapitel gehen wird.

1.3 Interkulturelles Lernen und Landeskunde

Das Beiwort ‚interkulturell’ hat seit Anfang der 1980er-Jahre immer mehr an Popularität gewonnen vor allem in Kombinationsfächern, die sich mehr oder weniger auf die Fremdsprachendidaktik beziehen. „Aus eher erziehungswissenschaftlicher Perspektive hat sich die Verwendung der Kombinationen interkulturelle Erziehung oder interkulturelle Bildung eingebürgert“ (Gogolin 2003, S. 96).

Eine gute Definition für den Begriff „Interkulturell“ bzw. „Interkulturelles Lernen“ liefert Bernd Müller-Jacquier (1994):

Interkulturelles Lernen ist ein situativer Lernprozeß zwischen Personen aus verschiedenen Kulturen. Voraussetzung interkulturellen Lernens ist […] ein interkultureller Kommunikationsprozeß, in dessen Rahmen Sprecher/Hörer […] miteinander in Beziehung treten und in dessen Rahmen sie in der Regel eine Reihe von wie immer gearteten Fremderfahrungen machen. Die Fremderfahrungen umfassen

- den Umgang mit fremdem Handeln, Wissen und kommunikativem Verhalten (basierend auf fremdkulturellen Kulturstandards) allgemein,
- die Erschließung entsprechender fremder Bedeutungen,
- die Reflexion der Wirkung fremder Bedeutungen auf die eigene Handlungsorientierung und
- die Reflexion der möglichen Wirkung des eigenen als fremdem[sic] Verhalten[sic] auf den/die Gegenüber

und sind integraler Bestandteil interkulturellen Lernens. (Müller-Jaquier 1994 zitiert nach Zeuner 2001, S. 30)

Wir sprechen also von „interkultureller Kommunikation“ oder „interkultureller Interaktion“, wenn Menschen verschiedener Kulturen einander begegnen und sich dabei dessen bewusst sind, dass „der jeweils andere ‚anders’ ist, wenn man sich also wechselseitig als ‚fremd’ erlebt“ (Maletzke 1996, S. 37).

Als interkulturell werden alle Beziehungen verstanden, in denen die Beteiligten nicht ausschließlich auf ihre eigene Kodes, Konventionen, Einstellungen und Verhaltensformen zurückgreifen, sondern in denen andere Kodes, Konventionen, Einstellungen und Alltagsverhaltensweisen erfahren werden. Dabei werden diese als fremd erlebt und/oder definiert. Interkulturell sind daher alle jene Beziehungen, in denen Eigenheit und Fremdheit, Identität und Andersartigkeit, Familiarität und Bedrohung, Normalität und Neues zentral Verhalten, Einstellung, Gefühle und Verstehen bestimmen. Interkulturell sind alle jene menschlichen Beziehungen, in denen die kulturelle Systemhaftigkeit durch die Überschreitung der Systemgrenzen erfahren wird. (Bruck 1994 zitiert nach ebd., S. 37)

Die immer weiter wachsende Aufmerksamkeit gegenüber kulturellen Aspekten des Lernens wurde in den letzten Jahrzehnten durch die zunehmende persönliche Mobilität der Menschen beeinflusst, die mit einer rasanten technischen Entwicklung verbunden ist. „Es ist immer üblicher geworden, dass unterschiedliche sprachlich-kulturelle Praktiken auf engem Raum nebeneinander existieren“ (Gogolin 2003, S. 97).

Interkulturelles Lernen hat einen Prozesscharakter. „Allerdings geht es hierbei weniger um abfragbares Wissen und vorzeigbare Fertigkeiten, sondern mehr um Bewusstseinsprozesse, um Einstellungen und Strategien, sich Fremdes zu erschließen. […] Aus diesem Grund sind interkulturelle Lernprozesse auch schwer zu evaluieren“ (Zeuner 2001, S. 32).

Im Fremdsprachenunterricht bezieht sich interkulturelles Lernen in besonderem Maße auf das Wahrnehmen, Verstehen und fremdsprachige Vermitteln zwischen Ausgangs- und Zielsprachenkulturen unter Berücksichtigung der durch die Individuen verkörperten intra- und interkulturellen Vielfalt. Es dient dabei hauptsächlich einer „Anbahnung zielsprachiger Kommunikationsfähigkeit“. Der Erfolg dieses Lernprozesses ist nicht primär am Informationszuwachs ablesbar, sondern an der „Veränderung des eigenen Standpunktes“. (Brunzel 2002, S. 70)

Die Diskussion um interkulturelles Lernen und interkulturelle Kommunikation in der Fremdsprachendidaktik, die so genannte Interkulturalitätsdebatte, wurde in den vergangenen Jahrzehnten unter anderem sehr stark durch die landeskundliche Diskussion beeinflusst (vgl. ebd., S. 97). „Landeskundeunterricht ist - wie Fremdsprachenunterricht allgemein - dem übergeordneten Ziel einer ‚Befähigung der Lernenden zu interkultureller Kommunikation’ verpflichtet, weshalb landeskundliches Lernen und sprachliches Lernen eine Einheit bilden“ (ebd., S. 96f.).

Der Begriff Landeskunde lässt sich nur schwer präzise definieren, weil es viele unterschiedliche Auffassungen davon gibt, welche Aspekte eines Landes in diesem Bereich der Fremdsprachenlehre behandelt werden sollten. Die Kenntnis nicht nur der Sprache und Literatur, sondern auch der Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur eines anderen Landes erfüllt im Fremdsprachenunterricht seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert eine immer wichtiger werdende Rolle (vgl. Lüsebrink 2003, S. 60). Zuerst tauchte in diesem Zusammenhang der Begriff ‚Realienkunde’ auf, der „aus einem Amalgam aus faktischnützlichem, ‚realem’ Wissen über Land und Leute, zu Bevölkerung, Handel, Industrie, Gesellschaft und Institutionen“ bestand (ebd., S. 61).

Im 20. Jahrhundert wurde der Begriff der Kulturkunde gebraucht, wobei Kultur als höheres Gut betrachtet und das künstlerische, literarische und musikalische Erbe betont wurde. Besonders in der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Kultur als Ausdruck der Überlegenheit Deutschlands missbraucht, Kulturkunde wurde massiv in die Propagandapolitik der national-sozialistischen Erziehung eingebracht (vgl. ebd., S. 61). Erst in den 1970er- und 80er-Jahren haben sich in den Fremdsprachenphilologien neue kulturwissenschaftliche Paradigmen in Lehre und Forschung entwickelt (vgl. ebd., S. 62). Fremdsprachenlernen sollte fortan den Lernenden „transnationale und transkulturelle Kommunikationsfähigkeit“ vermitteln (Brunzel 2002, S. 98).

[Im Mittelpunkt einer interkulturell ausgerichteten Landeskunde steht von nun an] nicht die Vermittlung kulturkontrastiver Fakten, sondern die Vermittlung der Fähigkeit, Handlungsstrategien zu entwickeln, die den angemessenen Umgang mit Vertretern der Ziel(sprachen)kultur gestatten, und es ferner ermöglichen, die eigene Kultur mit ihren Wertvorstellungen aus einer anderen Perspektive sehen zu lernen.

Details

Seiten
26
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640810901
ISBN (Buch)
9783640811021
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165357
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1, 3
Schlagworte
Lndes- und Kulturkunde im DaF-Unterricht Aufgaben zur Textarbeit Didaktische Vorschläge für den DaF-Unterricht Leseverstehen als Übung im DaF-Unterricht

Autor

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Titel: Fremdsprachliches Textverstehen unter Einbeziehung kulturspezifischer Aspekte