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Veränderte Kindheit

Hausarbeit 2007 35 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Kindheit im Wandel

1.1 Die Lebensphase der 6- 12jährigen
1.2 Kindheit historisch und demographisch betrachtet
1.3 Vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt
1.4 Die Bedeutung von Bewegung für die kindliche Entwicklung
1.4.1 Verhäuslichung
1.4.2 Veränderungen in der Großstadt
1.4.3 Neue Wohn- und Straßenkonstellationen
1.4.4 Verinselung
1.4.5 Definition Verinselung
1.4.6 Das Zeiterleben in heutiger Kindheit
1.4.7 Das Raumerleben in heutiger Kindheit

2. Veränderte Lebens- und Bewegungswelt von Kindern
2.1 Veränderte Lebenswelt
2.2 Veränderte Bewegungsumwelt
2.3 Das kindliche Bewegungsverhalten aus heutiger Sicht

3. Fazit

Einleitung

„Die kindliche Lebenswelt ist komplex; sie birgt Chancen der Selbstverwirklichung, aber auch vielfältige Risiken in sich.“ (BRÜNDEL; HURRELMANN 1996, S. 7)

Kindheit, wie wir sie heute kennen, entwickelte sich erst langsam im Laufe des 16. Jahrhunderts. Heute stehen Kinder materiell so gut dar, wie keine Generation vor ihnen. Die Heranwachsenden können aus einem Fundus vielfältiger Freizeitangebote wählen (vgl. BRÜNDEL; HURRELMANN 1996, S. 7). Dennoch wird immer häufiger von einer „Veränderten Kindheit“ im negativen Sinne gesprochen. „Kindliche Entwicklung vollzieht sich, [wie bereits erwähnt], aus komplexen Interaktionen mit der sozialen und materiellen Umwelt; Veränderungen der Lebensbedingungen bedeutet Veränderungen der Entwicklungsbedingungen und der Entwicklung.“ (DORDEL 2000, S. 341)

Häufig kann es aufgrund dieser Veränderungen zu einer defizitären Entwicklung des Heranwachsenden kommen. Motorische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten der jüngsten Generation, sind heute ein viel beklagtes Thema innerhalb unserer Gesellschaft. Im Folgenden werden Aspekte diskutiert, inwiefern Wandlungen der Gesellschaft zu Veränderungen innerhalb der Kindheit führen können.

1. Kindheit im Wandel

„Die kindliche Lebenswelt ist komplex; sie birgt Chancen der Selbstverwirklichung, aber auch vielfältige Risiken in sich.“ (BRÜNDEL; HURRELMANN 1996, S. 7)

Kindheit, wie wir sie heute kennen, entwickelte sich erst langsam im Laufe des 16. Jahrhunderts. Heute stehen Kinder materiell so gut dar, wie keine Generation vor ihnen. Die Heranwachsenden können aus einem Fundus vielfältiger Freizeitangebote wählen (vgl. BRÜNDEL; HURRELMANN 1996, S. 7). Dennoch wird immer häufiger von einer „Veränderten Kindheit“ im negativen Sinne gesprochen. „Kindliche Entwicklung vollzieht sich, [wie bereits erwähnt], aus komplexen Interaktionen mit der sozialen und materiellen Umwelt; Veränderungen der Lebensbedingungen bedeutet Veränderungen der Entwicklungsbedingungen und der Entwicklung.“ (DORDEL 2000, S. 341)

Häufig kann es aufgrund dieser Veränderungen zu einer defizitären Entwicklung des Heranwachsenden kommen. Motorische Störungen und Verhaltensauffälligkeiten der jüngsten Generation, sind heute ein viel beklagtes Thema innerhalb unserer Gesellschaft. Im Folgenden werden Aspekte diskutiert, inwiefern Wandlungen der Gesellschaft zu Veränderungen innerhalb der Kindheit führen können. Bevor jedoch näher auf diese gesellschaftlichen Veränderungen eingegangen werden kann, ist zu klären, was unter Kindheit, verstanden wird.

1.1 Die Lebensphase der 6- 12jährigen

Die Kindheit, so wurde es von einigen Wissenschaftlern willkürlich festgelegt, beginnt mit der Geburt. Einige Kindheitsforscher plädieren allerdings dafür, die vorgeburtliche Entwicklung bereits zur Kindheitsphase dazuzuzählen, da ihrer Meinung nach die Persönlichkeitsentfaltung bereits im Mutterleib beginnt. Diesbezüglich wird zwischen der prä- und postnatalen Entwicklung differenziert. Das Kindesalter selbst kann in 2 Abschnitte gegliedert werden: Die frühe Kindheit schließt das Lebensalter der Säuglinge (0 - 1 Jahr) und das Kleinkindalter (1-3 Jahre) ein. Die späte Kindheit unterteilt sich in das Vorschulalter (4-5 Jahre) und das Grundschulalter (6-11 Jahre) (vgl. BAACKE 1993, S. 26).

Im Folgenden wird auf den Lebensabschnitt der 6 – 12jährigen unter ausgewählten Gesichtspunkten eingegangen, da das „Spielstadtmodell Lüneburg“ für diese Altersgruppe entwickelt worden ist.

Unabhängig des Alters ist jedes Kind individuell entwickelt. „[Es] kann den ihm gestellten Entwicklungsaufgaben und –möglichkeiten vorauseilen oder hinterherhinken und dies wiederum in bestimmter Hinsicht [...].“ (BAACKE 1993, S. 42) Dies bedeutet, dass die Altersgruppe der 6 – 12jährigen nur eine ungefähre Abgrenzung ist (vgl. BAACKE 1993, S. 42).

Leider finden die Jahrgänge der 6 – 12jährigen in der gegenwärtigen Literatur weniger Beachtung, als andere Entwicklungsphasen des Menschen. Sie ist als die Generation, die bereits ein gewisses Maß an Reife erreicht hat und sich noch nicht mit den Schwierigkeiten der Jungend auseinandersetzen muss, anzusehen. Dennoch darf nicht vernachlässigt werden, dass die Ausbildung einer eigenen Persönlichkeit ein stetiger Prozess ist. Jeder Lebensabschnitt hat für die menschliche Entwicklung eine signifikanten Bedeutung (vgl. BAACKE 1993, S. 117). In der späten Kindheit, insbesondere in der des Grundschulalters, entwickeln sich unter anderem grundlegende kognitive Fertigkeiten. Bereits gebildete motorische Fähigkeiten, werden spezifiziert. Die Körperbeherrschung der Kinder nimmt zu. Ferner lernen sie in diesem Alter soziale Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen und ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen (vgl. MIETZEL 2002, S. 251ff.). Wie bereits ausführlich dargestellt, „[tragen] vielfältige körperliche Bewegungen zur Steigerung der eigenen Geschicklichkeit bei (vgl. MIETZEL 2002, S. 295).

1.2 Kindheit historisch und demographisch betrachtet

Die Kindheit existiert als eine Phase in der Lebensgeschichte des Menschen, erst seit dem Spätmittelalter. Es war die Idee der Erziehung, die zunächst den Begriff der Kindheit prägte (vgl. BRÜNDEL; HURRELMANN 1996, S. 17). Im Laufe der kindlichen Entwicklung ist festzustellen, dass die Erziehung und das Leben der Kinder bis ins Mittelalter fast ausschließlich innerhalb der Familie vollzogen wurde. Die zunehmende Bedeutung der Schulbildung erforderte eine „Verlagerung der Kenntnisvermittlung weg von der Familie, hin zu der Erziehungsanstalt Schule.“ (SCHMIDT 1997, S. 143; zit. n. ARIE 1979 und 1994) Ab dem 14. Jahrhundert galten Kinder nicht mehr als „kleine Erwachsene“, sondern als Heranwachsende, die sich in einer eigenständigen Entwicklungsphase befanden. Kinder aus bürgerlichen Familien erlebten die Phase der Pädagogisierung früher, als die aus armen Familien. Für diese Klassen, galten die Mädchen und Jungen als Arbeitskraft. Erst mit dem Erlass der Preußischen Gesetze aus dem Jahr 1890/91, wurde Kinderarbeit entgültig bis zur Vollendung der Schulpflicht verboten. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Bildung und Ausbildung der Kinder durch organisierte Institutionen übernommen. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass immer mehr spezifische Lebensräume für Kinder geschaffen wurden, die sich von denen der Erwachsenen deutlich unterscheiden.

Es hat Jahrhunderte gedauert, bis Kindern eine unverwechselbare Persönlichkeit und Einmaligkeit zugeschrieben wurde (vgl. BRÜNDEL; HURRELMANN 1996, S. 17).

Arie bewertete diese Entwicklung nicht nur positiv. Er sieht diesen Wandel „[...] als eine Zeit der zunehmenden Einschränkungen [...]“ für das Kind an. Das Kind, so formuliert er, wurde „[...] mit vereinten Kräften aus der Gesellschaft der Erwachsenen herausgerissen [...]“ und das „[...] erstmals freie Kind in den Rahmen einer zunehmenden strengen Disziplin gepresst.“ (ARIE 1978, S. 526) DE MAUSE hingegen hebt hervor, dass Kindheit im Laufe der Jahre zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. Gerade positive, gefühlvolle familiäre Beziehungen kennzeichnen die kindliche Entwicklung entscheidend
(vgl. SCHMIDT 1997, S. 143).

Diese beiden Ansätze fokussieren zunächst nur die Schule und die Familie als Instanz der kindlichen Erziehung. Völlig außer Acht gelassen wurde das Freizeitverhalten der Kinder. Mitte der 80er Jahre wurde innerhalb der Kindheitsforschung deutlich, dass das Kind „ein eigenaktives Subjekt“ (NISSEN 1992, S. 4) ist, „[...] dessen Interessen, Wünsche, Bedürfnisse und Möglichkeiten einer eigenständigen Betrachtung bedürfen.“ (NISSEN 1992, S. 4) Der Sozialwissenschaftler HURRELMANN betrachtet die Bedeutung der Kindheit sehr viel neutraler als ARIE und DE MAUSE. So begreift er „die Person [...] als Subjekt ihrer eigenen Entwicklung und als handelndes und produktiv-realitätsverarbeitendes Wesen.“ (SCHMIDT 1997, S. 144) Dieser entwicklungs- und sozialisationstheoretische Ansatz beinhaltet die Verbindung zwischen dem Kind und seinem Lebensumfeld. Das heißt, dass das Kind sich aus dem aktiven Handeln in seiner Umwelt heraus, entwickelt. (vgl. SCHMIDT 1997, S. 144). Durch Veränderungen in der Gesellschaft, verändert sich demnach auch die Kindheit fortlaufend. ARIE prägte den Begriff der „Veränderten Kindheit“. So stellte er die These auf, dass Kindheit, wie wir sie heute kennen, das „[...] Ergebnis [eines] ganz spezifischen sozial-geschichtlichen Veränderungsprozesses [...]“ ist (SCHMIDT 1997, S. 143).

Die Kindheit hat nicht nur im Laufe der Jahrhunderte einen Wandel erfahren. Wird die Bevölkerungsentwicklung innerhalb der letzten 20 Jahre betrachtet, so wird deutlich, dass der Anteil der jüngeren Generation abgenommen hat. Die stärksten Jahrgänge sind die Altersgruppen der 30 – 60jähirgen (siehe Abbildung 2). Durch die verlängerte Lebensdauer des Menschen und niedrige Geburtenraten, kann nicht mehr von einer Alterspyramide gesprochen werden (vgl. BRÜNDEL; HURRELMANN 1996, S. 20). „Nach Modellrechnungen des Statischen Bundesamtes werden im Jahr 2040 34% der Bevölkerung über 60 Jahre sein. Demgegenüber wird die Bevölkerung unter 20 Jahren nur noch 16% betragen. 1992 waren beide Gruppen noch etwa gleich stark.“ (BRÜNDEL; HURRELMANN 1996, S. 20)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: (Bevölkerung Deutschlands am 31.12.1999; Quelle: www.schader-stiftung.de)

Wie lässt sich der Geburtenrückgang innerhalb der vergangenen Jahre erklären? Kinder dienen in der heutigen Generation nicht mehr als Zukunftssicherung. Während früher die Geburt eines Kindes als pragmatisch und selbstverständlich galt überlegt sich die heutige Generation, ob sie einem Kind das Leben schenken wollen oder nicht. Emotionale Gründe überwiegen bei jungen Paaren hinsichtlich der Familienplanung (vgl. BRÜNDEL; HURRELMANN 1996, S. 18ff.). Die Entscheidung der potentiellen Eltern hängt nicht mehr ausschließlich von wirtschaftlichen Voraussetzungen ab. Vielmehr werden emotionale Gründe in den Vordergrund gestellt. Eltern wollen durch das Aufziehen eines Kindes eine positive Entwicklung in ihrem eigenen Leben verspüren. Der Kinderwunsch fügt sich in der Regel in den jeweiligen Lebensabschnitt ein und wird genau geplant (vgl. BRÜNDEL; HURRELMANN 1996, S. 21). Für manchen Lebensgemeinschaften bedeutet die Entscheidung eine Familie mit Kinder zu gründen langfristige Einschränkungen innerhalb des eigenen Lebens. Neben den finanziellen Nachteilen, können die eigenen Lebensgewohnheiten Einengungen erfahren. Die Einteilung des Alltags kann mit einem Kind in der Familie zu Problemen führen (vgl. BRÜNDEL; HURRELMANN 1996, S. 22). Kinder sind von Geburt an auf die Fürsorge der Erwachsenen angewiesen und nehmen einen großen Teil der persönlichen Zeit in Anspruch. Die Sozialisationsinstanz der Familie leistet einen entscheidenden Beitrag zur motorischen Entwicklung der Heranwachsenden. Eine anregungsreiche Wohnumgebung fördert die Entfaltung des Kindes ebenso, wie Spielmaterial, das die Sinneswahrnehmung schult. (vgl. ZIMMER; CICURS 1992, S. 45).[1]

1.3 Vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt

Die Entwicklung vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt basiert laut du Bois- Reymond unter anderem auf der Veränderung des Stellenwertes bzw. der Wertschätzung von Kindern in Familien in den letzten Jahrzehnten. Früher spielten die ökonomische Versorgung der Eltern durch die Kinder im Alter sowie die erwartete Mithilfe des Kindes auf dem Hof, im Haushalt oder Betrieb eine maßgebliche Rolle, d.h. Kinder wurden als „Zufallsprodukt“, bzw. „Notwendigkeit“ betrachtet.

Heute sehen Eltern in ihrem Kind Sinnstiftung und Sinnfindung. Eltern messen ihrem Kind einen hohen Stellenwert bei und wollen sich durch die Übernahme der sinnvollen Aufgabe der Erziehung der Kinder sich Selbst verwirklichen. Allgemein in zwischenmenschlichen Beziehungen kam es zu einer Verschiebung der Machtbalance zwischen den Geschlechtern und Generationen. D.h. (Ehe-) Frauen haben mehr Einfluss und Macht gegenüber den (Ehe-) Männern dazu gewonnen, und Kinder haben mehr Einfluss gegenüber den Erwachsenen (Eltern) erlangt. Damit wird das Geschlechter- und Generationenverhältnis allmählich ausgewogener.

Eine Besonderheit des modernen Verhandlungshaushaltes sieht du Bois-Reymond in der Intimisierung des Familienlebens. Wie ich oben schon erwähnt habe, wächst die Wertschätzung am Kind, d.h. das einzelne Kind wird wichtiger, da die Familien kleiner werden. Das Erziehungsverhältnis wird zum Beziehungsverhältnis. Wo früher die traditionelle, patriarchalische Erziehung vorherrschte, die autoritär geprägt war und wo Befehlen und Gehorchen, sowie die Anwendung körperlicher Gewalt als Erziehungsmittel eine Rolle spielten, ist hingegen die heutige Erziehung weitestgehend liberal und vom Verhandeln und Aushandeln geprägt. In vielen Familien ist dieser Übergang zu einem partnerschaftlichen und gleichberechtigten Eltern-Kind-Verhältnisses zu verzeichnen. Doch das Verhandeln ist auch mit der Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten verbunden, denn die elterliche Erziehungsrolle wird zu einer elterlichen „Begründungsrolle“. Aber durch die zunehmende Familienintimität kommt es nicht nur zur emotionalen Befriedigung, sondern es entwickeln sich auch sogenannte emotionale Verpflichtungen, d.h. es steigen die Erwartungen an das Kind „mitzudenken“ und sein Handeln „kommunizierbar“ zu machen.

[...]


[1] Manuela du Bois-Reymond, Peter Büchner, Hans Krüger, Jutta Ecarius,Burkhard Fuhs: Kinderleben. Modernisierung von Kindheit im interkulturellen Vergleich. Leske+Budrich Verlag, Opladen 1994.

Details

Seiten
35
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640809745
ISBN (Buch)
9783640809974
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165412
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
2,0
Schlagworte
veränderte kindheit

Autor

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Titel: Veränderte Kindheit