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Friedrich Hölderlins "Hyperion oder Der Eremit in Griechenland" und Möglichkeiten, ihn in der Romantik zu verorten

Eine romantische Analyse

Rezension / Literaturbericht 2011 4 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Friedrich Hölderlins Hyperion oder Der Eremit in Griechenland und Möglichkeiten ihn in der Romantik zu verorten

Der Eintrag zum Bildungsroman im Metzler Literatur Lexikon erklärt den Begriff Bildung, wie er in der Weimarer Klassik verstanden wird, als etwas, das eine zweckgerichtete „Ausbildung vollendeter Menschlichkeit“ (Burdorf 2007: 89) bewirkt. Friedrich Hölderlin, 1770 geboren und ein Kind seiner Zeit, das eifrig Schiller nachahmte und Schellings sowie Fichtes philosophische Gedankengänge reflektierte, befasst sich in seinem Hyperion auch mit der Ausbildung seines „tragischen Helden“[1], der auf Grund der Erfahrungen, die er zeit seines Lebens macht, schließlich in einen Zustand der Ruhe und Seligkeit verfällt, bereit das Schicksal zu akzeptieren:

O Seele! O Seele! Schönheit der Welt! du unzerstörbare! du entzückende! mit deiner ewigen Jugend! du bist; was ist denn der Tod und alles Wehe der Menschen? [...] Geschiehet doch alles aus Lust, und endet doch alles mit Frieden. [...] Es scheiden und kehren im Herzen die Adern und einiges, ewiges, glühendes Leben ist alles (Balmes 2008: 457).

Trotzdem ist Hyperion kein (klassischer) Bildungsroman, in dem der anfangs junge Protagonist zu einem dem gesellschaftlichen Ideal entsprechenden, zivilisierten Menschen herangebildet wird, von Borries bezeichnen ihn aber als Entwicklungsroman (von Borries: 1993: 115). Er beschreibt den Lebensweg des Hyperion, eines Griechen, der um die Mitte des 18. Jahrhunderts auf einer kleinen Insel, Tina, geboren wurde und dort eine glückliche Kindheit verlebte, denn „ein göttlich Wesen ist das Kind, solang es nicht in die Chamäleonsfarbe der Menschen getaucht ist. Es ist ganz was es ist, und darum ist es so schön“ (Balmes 2008: 318). Durch seinen Lehrer Adamas wird er in die Welt der griechischen Mythen, Philosophie und Wissenschaft eingeführt. Die beiden verbindet innige Freundschaft und bevor Adamas weiterzieht prophezeit er Hyperion, dass er einsam sein wird, ein vorausweisender Verweis auf Hyperions Gemütszustand und auch seinen Lebensabend, der ebenso im Titel schon vorkommt. Bald darauf treibt es auch Hyperion weg von Tina, mit Erlaubnis seiner Eltern geht er nach Smyrna, wo er nach kurzer Freude über die Natur und das vorgefundene Kulturgut die erste Ernüchterung erfährt über die bürgerlichen Kleingeister und ihr Desinteresse an großen Ideen für die Zukunft des momentan unfreien Griechenlands, das sich auch in Hochmut ihm gegenüber äußert:

Sprach ich einmal auch vom alten Griechenland ein warmes Wort, so gähnten sie, und meinten, man hätte doch auch zu leben in der jetzigen Zeit; und es wäre der gute Geschmack noch immer nicht verlorengegangen, fiel ein anderer bedeutend ein. [...] Ich war endlich müde, mich wegzuwerfen [...] Ich lebte nun entschiedner allein (Balmes 2008: 329).

Voller Unmut plant Hyperion seinen Aufbruch aus Smyrna, vielleicht in den Krieg, vielleicht zu Adamas, bis er die Bekanntschaft eines „junge[n] Titan[s]“, eines „herrlichen Fremdling[s]“ (Balmes 2008: 331) macht. Alabanda, Angehöriger einer Gruppe Revolutionärer, die sich „Der Bund der Nemesis“ nennt, wird zum Seelenverwandten Hyperions. Ihre Gespräche sind bestimmt von Zeitkritik an ihrem „kindischen Jahrhundert“ (Blames 2008: 336) und dem heftig gefühlten Drang, etwas verändern zu wollen. Doch in ihren Mitteln sind sie sich uneins: Alabanda möchte auf politischer Ebene aktiv werden, scheut auch vor Gewalt nicht zurück. Hyperion hingegen will die Welt durch Liebe und Geist verändern. Seine Vorstellungen sind vergleichbar mit Novalis Streben nach dem „Goldenen Zeitalter“: Die Griechen waren in der Antike ein mit den Göttern verbundenes Volk. In ihrer jetzigen Situation müssen sie dulden und leiden und haben keinen Blick mehr für das Schöne, Göttliche das durch die sie umgebende Natur in sie gelegt wird. Wenn ihnen nur die Augen geöffnet mittels Begeisterung[2] werden könnten, erlangen sie schließlich den perfekten Zustand auch schon im Diesseits. Dafür muss das bestehende Griechenland untergehen. Diese Meinungsverschiedenheit führt zum Bruch zwischen den Beiden, Hyperion wird erneut einsam, auch krank. „[Die Welt] lief unverschönert vorüber an [ihm].“ (Balmes 2008: 348) Endlich werden Hyperions Lebensgeister wieder erweckt, wenn ihn ein Bekannter nach Kalaurea einlädt. Dort lernt er nicht nur den Kreis seiner neuen Freunde kennen, sondern auch das „Beste und Schönste“ (Balmes 2008: 356), Diotima. Die Beschreibung, die Hyperion von ihr gibt, steht in enger Verbindung zu Platons Diotima, „wo sie als Lehrerin Sokrates zitiert wird, die ihm das Wesen des Eros als `Liebe und Trieb zum Schönen` beschreibt, als Suche nach dem Göttlichen, Wahren und Ewigen (von Borries 1993: 112). Diese Funktion übernimmt sie auch für Hyperion. Diotima ist ein Idealbild von einer „ganz in sich ruhenden, aus der Sicherheit ihrer Natur handelnden Frau, die den unruhig suchenden Mann heilen, ihn zu seiner Mitte führen kann“ (ebd.). Die durch Diotima initiierte Veränderung in Hyperions Bewusstsein bringt er deutlich zum Ausdruck:

Was ist alles, was in Jahrtausenden die Menschen taten und dachten, gegen einen Augenblick der Liebe? Es ist aber auch das Gelungenste, Göttlichschönste in der Natur! dahin führen alle Stufen auf der Schwelle des Lebens. Daher kommen wir, dahin gehen wir (Balmes 2008: 360)

[...]


[1] Obwohl der Roman keine griechische Tragödie ist, wird sein Protagonist doch durch viele Schicksalschläge geläutert, weswegen eine Assoziation mit tragischen griechischen Helden sich aufdrängt.

[2] Für Hölderlin ist der Begriff Begeisterung aufgeladen mit einer meditativen Kraft, durch die der Mensch wahre Schönheit erfahren kann. Vgl. Diotima (Lange tot und tief verschlossen...): „O Begeisterung, so finden/ Wirin dir ein selig Grab/Tief in deine Wogen schwinden/
Still frohlockend, wir hinab/ Bis der Hore Ruf wir hören/ Und, mit neuem Stolz erwacht/ Wie die Sterne wieder kehren/In des Lebens kurze Nacht. (Projekt Gutenberg http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1208&kapitel=38&cHash=9cc2f68e362#gb_found)

Details

Seiten
4
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640816194
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165500
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Philologisch Historische Fakultät
Note
Schlagworte
friedrich hölderlins hyperion eremit griechenland möglichkeiten romantik eine analyse

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Titel: Friedrich Hölderlins "Hyperion oder Der Eremit in Griechenland" und Möglichkeiten, ihn in der Romantik zu verorten