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Das "römische Bundesgenossensystem" in Italien – Militärische Einheit und gesellschaftlicher Zwiespalt?

Die Frage nach der Bedeutung des Verhältnisses zwischen Römern und Italikern hinsichtlich der machtpolitischen Stabilität Roms im 3. Jh. v. Chr.

Seminararbeit 2009 23 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Erläuterung der Komplexität des “römischen Bundesgenossensystems“ im dritten Jahrhundert vor Christus
2.2 Analyse des gesellschaftlichen und politischen Verhältnisses zwischen Rom und seinen italischen “Mitbürgern“
2.3 Erörterung der Bedeutung des “römischen Bundesgenossensystems“ für den militärischen Erfolg Roms am Beispiel des Verhaltens der Bundesgenossen und Latiner im Zweiten Punischen Krieg

3. Fazit

4. Anhang
I. Quellenverzeichnis
II. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“Divide et impera“ – So lautet das bekannte Motto einer Herrschaftsstrategie, die man durchaus auf das “römische Bundesgenossensystem“ in Italien zu republikanischer Zeit übertragen könnte. Die hegemoniale Ausweitung Roms und der Aufstieg als primäre Macht im Mittelmeerraum im dritten Jahrhundert vor Christus resultierten unter anderem aus der Bekämpfung der Samniten, Latiner und Etrusker sowie ihrer Eingliederung in den römischen Staatsverband.

Um diesen Zusammenhang genauer in Betracht zu ziehen, soll hier die Bedeutung des “römischen Bundesgenossensystems“ für den militärischen Erfolg Roms in Auseinandersetzung mit den Karthagern geklärt werden. Voraussetzung dafür ist die Untersuchung der Beschaffenheit des Systems sowie die Analyse des machtpolitischen und gesellschaftlichen Verhältnisses zwischen Römern, Latinern und Bundesgenossen, sodass ferner am Beispiel ihrer Agitation gegenüber Hannibal im Zweiten Punischen Krieg die Charakteristika der “Wehrgemeinschaft“ herausgestellt werden sollen.

Ziel ist letztendlich die Beantwortung der daraus entstanden Fragen: Inwiefern kann man von einer Einheit des “italischen Bundes“ sprechen? Wie lässt sich diese machtpolitisch und gesellschaftlich differenzieren? Welche Rolle spielt sie gegebenenfalls für den militärischen Erfolg Roms?

In der geschichtswissenschaftlichen Forschung ist man sich in dieser Frage weitestgehend darüber einig, dass der Sieg Roms über Hannibal vor allem dem Zusammenhalt und der Loyalität des “römischen Bundesgenossensystems“ zu verdanken sei. Diese These soll zunächst in Frage gestellt werden, denn einerseits heißt es, das vielfältige System unterschiedlicher Abhängigkeitsstufen verhinderte ein einheitliches Aufbegehren gegen Rom und andererseits charakterisiert man die Beziehung als stabile Einheit zur Garantiegewinnung des militärischen Erfolges. Diese Annahmen schließen sich zwar nicht gegenseitig aus, allerdings ergeben sich aus der Tendenz ihrer Widersprüchlichkeit, die Merkmale des Bundes betreffend, neue historische Fragen: Inwiefern müssen die genannten Thesen aufgrund der Divergenz ihrer Annahmen relativiert werden? Auf welche Weise wurden die italischen Bürger in das römische System gegebenfalls integriert? Wovon hing der militärischer Erfolg Roms in diesem Zusammenhang ab?

Von diesen Problemstellungen ausgehend, ist die Erläuterung der Charakteristika des “römischen Bundesgenossensystems“ unerlässlich.

Die so eben angewandte und hier durchweg verwendete Bezeichnung des “römischen Bundesgenossensystems in Italien“ stammt von Theodora Hantos, die den Begriff durch ihr gleichnamiges Werk prägte und seitdem in der geschichtswissenschaftlichen Forschung Anklang fand. So ist ihre Untersuchung, neben der ausschlaggebenden, statistischen Darstellung Julius Belochs: „Der italische Bund unter Roms Hegemonie“, ein wichtiger Beitrag zum Grundverständnis der römisch-italischen Beziehungen in mittelrepublikanischer Zeit und somit essentieller Bestandteil dieser Arbeit. Beide Titel versinnbildlichen bereits das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Römern, Latinern und Bundesgenossen, sodass dieses mit den damit verbundenen Komponenten, die die Zusammengehörigkeit eines Volkes ausmachen, wie Kommunikation, Sprache, Kultur oder Rechtslage, im Zentrum der Analyse steht. Danach folgt dessen Erörterung durch die induktive Betrachtung der bundesgenössischen Agitation im “hannibalschen“ Krieg, vor allem nach der Schlacht von Cannae in Süditalien. Schließlich kann die Bedeutung des “römischen Bundesgenossensystems“ nur exemplarisch erfolgen, weil die Quellenlage besonders in der Zwischenkriegszeit (241-218 v. Chr.), dieses Thema betreffend, misslich und stark von der Tradition prorömischer Geschichtsschreibung beeinflusst ist. In Folge dessen richtet sich, in Anbetracht der fehlenden Quellen aus karthagischer Sicht und trotz tendenzieller Parteilichkeit, das Hauptaugenmerk auf die Darstellungen des Polybios (um 200-120 v. Chr.) und Livius (ca. 64 v. Chr-12 n. Chr.).

Da das Problem des Zusammenhangs zwischen der Bedeutung des “römischen Bundesgenossensystems“ und dem damit verbundenen machtpolitischen Aufstieg Roms explizit in dieser Form noch nicht untersucht worden ist, beziehungsweise das so eben beschriebene Phänomem kaum in Frage gestellt wurde, soll diese Arbeit einen anderen Blickwinkel auf den zeitgenössischen, militärischen Erfolg Roms werfen. Schließlich führte nicht immer die soziale und politische Einheit einer Macht zu diesem Ergebnis, was man an der parallel laufenden Akulturation zwischen Griechen, Makedonen und indigenen Völkern im Zeitalter des Hellenismus (323-31 v. Chr.) erkennen kann. Ist hier von einem vergleichbaren “Romanisierungsprozess“ auszugehen?

2. Hauptteil

2.1 Erläuterung der Komplexität des “römischen Bundesgenossensystems“ im dritten Jahrhundert v. Chr. :

Der Titel dieses Kapitels deutet bereits darauf hin, dass im Folgenden nicht die alleinigen Charakteristika des “römischen Bundesgenossensystems“ in Italien herausgestellt werden sollen. Sie sind zwar Voraussetzung, um dessen Bedeutung zu verstehen, aber aufgrund ihres Umfanges nicht essentieller Gegenstand dieser Hausarbeit.

Führt man sich die verschiedenen Bezeichnungen aus der Forschungsliteratur (“italischer Bund unter Roms Hegemonie“, “italische Wehrgemeinschaft“, “römisches Bundesgenossensystem“ in Italien) einmal zu Gemüte, stellt man fest, dass zum Einen zwischen Italikern und Römern differenziert wird und dass zum Anderen Letztere die Oberhand in diesem “Bund“ besitzen, was man an der begrifflichen Hierarchisierung erkennen kann. Doch inwiefern kann ein System, das generell eine gewisse Strategie oder Planbarkeit beinhaltet, überhaupt als “Bund“ bezeichnet werden? In lexikalischen Darstellungen wird dieser so definiert: „Gemeinschaft, Vereinigung, Zusammenschluss von Individuen, Gruppen, Staaten.“[1]

Um also die gesellschaftlichen und politischen Gemeinsamkeiten zwischen Römern und Italikern näher zu untersuchen, ist die Betrachtung der Entstehungsgeschichte des Systems unerlässlich. Die Eingliederung und der Aufbau des Bundesgenossensystems erstreckte sich über Jahrhunderte, die weitgehende Hegemonie Roms kristallisierte sich allerdings erst im dritten Jahrhundert v. Chr. heraus. Nachdem Rom in Italien nach jahrhundertelangen Kriegen Etrusker, Kelten und Sabiner im Norden, Hirtenstämme unter der Führung der Samniten in Mittelitalien und im Süden Lukaner und Griechen zu bekämpfen hatte, waren nach dem Latinischen Krieg (340-338), dem Samnitenkrieg (326-290) und dem Krieg gegen süditalische Stämme und Städte (282-270) weitestgehend alle Konkurrenten um die italische Hegemonie unterworfen.[2]

In unterschiedlichsten Abhängigkeiten und Bündniskonstellationen standen die italischen Völker Rom Anfang des dritten Jahrhunderts gegenüber. Ob eine bewusste Strategie der Einverleibung vorherrschte, war aufgrund der Vielfältigkeit an Bedingungen und Umständen eher unwahrscheinlich. So kam es unter anderem auf die zeitliche und geographische Lage des einzelnen Stammes und seiner Verwandtschaft zu Rom an. Außerdem sprechen Veränderungen und Erneuerungen der Bündnisse seitens Roms dagegen. So waren es vor der Auflösung des latinischen Bundes 338 v. Chr. noch von Latium und Rom gemeinsam gegründete Kolonien, die danach entweder von Rom im Feindesland errichtet wurden oder sich im “ager romanus“ befanden (wie zum Beispiel Ostia seit 338 v. Chr.).[3]

Die Latiner, hier in Ansätzen bereits beschrieben, waren ein Bestandteil des “römischen Bundesgenossensystems“ und lassen sich fortwährend differenzieren zwischen “prisci Latini“ (Altlatiner), die als “civitates foederatae“ galten und teilweise die Souveränität des cassischen Bündnisses behielten, und den zahlenmäßig überlegenen “Latini coloniarii“ (Neulatinern), die im Gegensatz zur ersten Form kein römisches Bürgerecht inne hatten und eine lokale Selbstverwaltung nach dem “ius Latii“ betrieben.[4]

Diese unterschiedlichen Rechts- und Abhängigkeitsverhältnisse repräsentieren, ohne an dieser Stelle weiter ins Detail zu gehen, die Komplexität des “römischen Bundesgenossensystems“ in Italien und lassen bereits die Bedeutung dessen erahnen. Theodora Hantos versuchte somit die einzelnen Volksgruppen nach ihrem integrativen Anteil im römischen Staat zu charakterisieren, sodass sie die Beziehung zwischen Römern und Neulatinern sowie latinischen Kolonien als territorialintegrative indirekte Herrschaft und die der Altlatiner als territorialintegrative direkte Herrschaft bezeichnet. Den Unterschied macht hier vorallem der Grad der Autonomie aus, bedingt durch die geographische Lage. Auf diese Weise wird ebenso bei der Typisierung der “cives Romani“ verfahren. Als römische Bürger benennt man vollständig integrierte Völker im direkten Herrschaftsbereich Roms, “municipia“ mit je nach Lage geschaffener innerer Autonomie und die “civitates sine suffragio“, also Gemeinden ohne Stimmrecht, die der lateinischen Sprache oft nicht mächtig waren und somit von einer politischen Einflussnahme ausgeschlossen wurden. Diese bezeichnet Theodora Hantos als teilintegrative direkte Herrschaft, während die “municipia“integrativ direkt beherrscht wurden. Noch nicht erwähnt wurden die Bundesgenossen oder “socii“, also Völker, die mittels bilaterale Verträge (foedera) mit Rom, anlässlich eines freiwilligen Anschlusses oder nach Kriegsniederlagen, unter einer nach Frau Hantos teilintegrativen direkten Herrschaft am “römischen Bundesgenossensystem“ Anteil hatten und zumindest noch im dritten Jahrhundert v. Chr. eine innenpolitische Selbstständigkeit genossen.[5]

Resultierend aus dieser Veranschaulichung, die unter einer anderen Fragestellung sicherlich noch weiter differenziert werden könnte, ergibt sich die Frage nach dem möglichen Zusammenhalt dieses Systems. Die Vielfältigkeit dieser Abhängigkeiten und Herrschaftsverhältnisse, die durchaus im Blicke ihrer Entstehung und Lage logisch erscheinen, machten eine soziale und politische Einheit der verschiedenen Völker innerhalb Italiens scheinbar unmöglich. Dies lässt sich zum Beispiel an der unterschiedlichen Rechtslage erklären. Einflussnahme hatte nur derjenige Bürger und Latiner, der sich auf römischen Grund befand und das Wahlrecht inne hatte[6], was bei den socii und in den von Rom weiter entfernt liegenden Stämmen und Städten im dritten Jahrhundert ohnehin nicht der Fall war. Ihre geographische Lage war also ein entscheidender Faktor für ihre Integration in den römischen Staat und ebenso maßgebend für ihre Kontrollierbarkeit durch Rom. So ist festzustellen, dass vom Zentrum der Macht weit entfernte Gebiete, wie Nord- oder Süditalien, auch durch fehlende Verkehrswege, weitgehend autonom waren und sich zuweilen gegen die hegemoniale Unterdrückung Roms wehrten.

Zwischen den zwei Punischen Kriegen lassen sich einige Bundesgenossen verzeichnen, die im Kampf um ihre Freiheit gegen Rom rebellierten, wie der etruskische Stamm Falerii oder das süditalische Lukanien, das im Krieg Roms gegen Tarent auf die gegnerische Seite wechselte.[7] Anhand Julius Belochs statistischen Darstellungen des Bundesgenossensystems gewinnt man in diesem Zusammenhang einen detaillierten Eindruck der unterschiedlichen Stämme und Städte, deren Vielartigkeit selbst in den einzelnen Ländern sehr groß war. Dies deutet darauf hin, dass ebenso innerhalb der bundesgenössischen Einheiten ein Dissens zwischen prorömischen und antirömischen Koalitionen bestand, sodass man nicht von geschlossenen “foedera“ mit Rom ausgehen kann. Vielmehr existierten einzelne Verträge der jeweiligen Gemeinden innerhalb eines Landes mit Rom, wie es in Umbrien der Fall war.[8]

Die komplexe Vielschichtigkeit in den singulären Gebieten verursachte einerseits divergente Loyalitätseinstellungen zu Rom und verhinderte andererseits ein gemeinschaftliches Aufbegehren, sodass es schier unmöglich war einen breiten Widerstand gegen Rom in Gang zu setzen. Des Weiteren wurden die verschiedenen Abstufungen des römischen Bürgertums auch in den Überlieferungen des griechischen und prorömischen Geschichtsschreibers Polybios deutlich. Zwar war oft vom “Volk“ im allgemeinen Sinn die Rede, binnen schriftlicher Gesetze und Verträge wurden die Bundesgenossen jedoch explizit erwähnt. Exemplarisch dafür stehen die Verträge zwischen Rom und Karthago, bereits im ersten Vertrag um 510 v. Chr. verzeichnet: „Unter folgenden Bedingungen soll Freundschaft bestehen zwischen den Römern und den Bundesgenossen der Römer und den Karthagern und den Bundesgenossen der Karthager.“[9]

Die Einbindung der Bundesgenossen in etwaige Verträge implizierte jedoch nicht automatisch eine Integration in den römischen Staat. Ferner sollte sie die andere Partei von Bündnissen mit den “socii“ abhalten, einen möglichen Handel und/oder kriegerische Absichten unterbinden. Für die Bundesgenossen bedeutete diese Festlegung die außenpolitische Abhängigkeit von Rom, sodass sie nicht eigentständig Bündnisse, Verträge oder Ähnliches abschließen konnten. Sie garantierte aber auch den militärischen Schutz Roms im Falle eines Angriffes und führte gelegentlich dazu, dass die Römern in diesen Fällen mögliche Bündnisse für ihre militärischen Absichten nutzen, wie es zum Beispiel in Sagunt zum Anlass des Zweiten Punischen Krieges der Fall war, als man den Karthagern vorwarf einen römischen Bündnispartner angegriffen zu haben. In Anbetracht dessen verhalf das “römische Bundesgenossensystem“ der hegemonialen Ausweitung Roms, da es vor der Überschreitung bestimmter Grenzen auswärtiger Mächte warnte und als Stützpunkt diente. Zudem mussten die “socii“ in Kriegs- oder Verteidigungsfällen eine Truppenkontingente stellen, was die römische Militärmacht mit der Gewinnung neuer Gebiete stetig vergrößerte, sodass ihre Truppentärke in den Quellen, trotz der tendenziellen Unglaubwürdigkeit ihrer Größe, kontinuierlich aufgelistet wurde, wie es im folgenden Beispiel vor dem gallischen Einfall 226 v. Chr. der Fall war:

Dies waren die Truppen, die zum Schutz des Landes im Feld standen. In Rom wurden als Reserve für die Wechselfälle des Krieges von den Römern selbst zwanzigtausend Mann zu Fuß und fünfzehntausend Reiter, von den Bundes- genossen dreißigtausend Mann zu Fuß und zweitausend Reiter in Bereitschaft gehalten. Die eingesandten Listen ergaben außerdem an Latinern achtzigtausend Mann zu Fuß und fünftausend Reiter.[10]

Dies zeigt einerseits wie wichtig die vertraglich gebundene Beteiligung der latinischen und bundesgenössischen Heere war, sodass sich aus der Zusammensetzung dieser beiden Anteile in Gegenüberstellung zur römischen Kontingente ein Verhältnis von 3:1 ergibt, was man häufig in ähnlicher Weise in den Quellentexten vorfindet. Daraus ergibt sich eine militärische Abhängigkeit Roms von der Leistung des bundesgenössischen und latinischen Heeres. Andererseits verdeutlicht dieser Quellenauszug auch die Trennung der einzelnen Bevölkerungsgruppen binnen des Militärs, sodass nicht von einer Einheit ausgegangen werden kann. (Näheres dazu in Kapitel 2.2)

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Komplexität des “römischen Bundesgenossensystems“ in vielfältiger Art und Weise nicht in einem einheitlichen “italischen Bewußtsein“ mündete, so wie es in manchen Geschichtsdarstellungen beschrieben ist.[11]

In Folge dieser Argumentation soll im nächsten Kapitel die römisch-italische Identität hinsichtlich ihrer Faktoren näher beleuchtet werden, um herauszufinden, inwiefern eine Zusammengehörigkeit zwischen Römern, Latinern und Bundesgenossen existierte, die durch ihre Stabilität in Annahme der Forschungsliteratur zum politischen Erfolg führte.

2.2 Analyse des gesellschaftlichen und politischen Verhältnisses zwischen Rom und seinen italischen “Mitbürgern“ :

In der geschichtswissenschaftlichen Forschung geht man auch heute noch von einer soziopolitischen Stabilität des Bundesgenossensystems basierend auf der Loyalität der meisten Bundesgenossen aus, obwohl man sich darüber einig ist, dass vor allem die Bundesgenossen kaum in das Staatswesen integriert wurden.[12]

Wie ist dieser Dissens zu erklären? Davon ausgehend, dass grundsätzlich der militärische Erfolg einer Macht von der Beschaffenheit seines Systems abhängt und somit auf dem strukturgeschichtlichen Hintergrund stützt, da das römische Kriegstreiben der Teilnahme des latinischen und bundesgenössischen Heeres und somit seiner Zustimmung bedurfte, sind im Folgenden die Komponenten zu untersuchen, die auf eine Integration der italischen “Mitbürger“ hinweisen, beziehungsweise die Ursachen des Treueverhältnisses klären.

Ein Faktor, der grundlegend für die Verständigung einer Gesellschaft und prägend für das Gefühl einer verbundenen Identität ist, ist die Sprache. Sie ermöglicht eine zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion und schafft damit die Basis eines gemeinsamen Bewusstseins. Die Beschaffenheit des “römischen Bundesgenossensystems“ in Italien lässt allerdings durch dessen Vielfalt auf eine Schwierigkeit dies betreffend schließen. Vor allem im ausgehenden dritten Jahrhundert v. Chr. beherrschten die meisten Bevölkerungsschichten außerhalb des “ager Romanus“ kein Latein. Die Sprachvielfalt deckte sich mit der Pluralität der Völker, sodass diese zum Beispiel im Süden Italiens griechisch sprachen, im Norden von gallischen Dialekten geprägt und in Mittelitalien an die Sprache der Bergvölker anlehnten. Analysiert werden kann dies an der Münzprägung einzelner Stämme, was ebenso von Autonomie zeugte oder bundesgenössischen Inschriften, die noch bis zur Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. in den Regionen der `socii´ selten lateinischer Natur waren.[13]

Zudem ernährt sich der einheitliche Wille eines Volkes von seinem interaktiven Kontakt, was in den niedrigeren Bevölkerungsschichten untereinander kaum der Fall war. Begründet werden kann dies durch die widrigen Übermittlungsbedingungen innerhalb Italiens, die nicht zuletzt an noch weniger ausgeprägten Verkehrswegen litten, die erst nach dem Zweiten Punischen Krieg erweitert wurden.

Wie bereits angedeutet, bestand ein Unterschied zwischen der kulturellen und interaktiven Verbindungen der Landbevölkerung und Rom und den patrizischen Adelsfamilien und Rom, die Kolonien leiteten und in häufigem Kontakt mit Rom traten, sodass Ihnen auch das Recht des “conubiums“ gewährt wurde.[14] Außerdem mussten sie der lateinischen Sprache mächtig sein, um unter dem Oberfehl eines Konsuls im Kriegsfall die lokalen Heere zu führen und entsandte Befehle ausführen zu können. Die Mehrheit der bundesgenössischen Bevölkerung konnte höchstens durch dessen Vermittlung einen Eindruck des römischen Staates gewinnen, da ihre Heere meist nur lokal eingesetzt und selten innerhalb römischer Legionen positioniert waren, es sei denn sie wurden für die elitäre Einheit der “Extraordinarii“ ausgewählt. Doch selbst dann blieben die Bundesgenossen für sich. Die Beschaffenheit und der Lageraufbau eines Legionsheeres beschreibt Polybios im Detail, sodass anhand dessen erkannt werden kann, inwiefern ein wirklich gemeinsames Kämpfen der Römer, Latiner und Bundesgenossen Bestand hatte:

[...]


[1] Thurnwald, Rainer, “Bund“, in: Brockhaus, die Enzyklopädie, S. 129.

[2] Vgl. Dahlheim, Werner, Die Antike, S. 321-329.

[3] Vgl. Dreyer, Boris, Die Innenpolitik der römischen Republik, S. 96.

[4] Vgl. Beloch, Julius, Der italische Bund unter Roms Hegemonie, S. 135-136.

[5] Vgl. Hantos, Theodora, Das römische Bundesgenossensystem in Italien, S. 7-9.

[6] Vgl. Meyer, Ernst, Römischer Staat und Staatsgedanke, S. 238-240.

[7] Vgl. Beloch, Julius, Der italische Bund unter Roms Hegemonie, S. 172.

[8] Vgl. Beloch, Julius, Der italische Bund unter Roms Hegemonie, S. 165.

[9] Polyb., III, 22.

[10] Polyb., I, 24.

[11] Meyer, Ernst, Römischer Staat und Staatsgedanke, S.220.

[12] Vgl. Jehne, Martin/Pfeilschifter, Rene, Herrschaft ohne Integration?, S. 8-10.

[13] Vgl., Ebd., S. 13.

[14] Vgl. Meyer, Ernst, Römischer Staat und Staatsgedanke, S.223.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640812721
ISBN (Buch)
9783640812677
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165565
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Rom Karthago Punischer Krieg Hannibal Bundesgenossen Italiker Römer

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