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Skateboarding. Untersuchungen zu einer sportiven Jugendkultur

Examensarbeit 2001 81 Seiten

Sport - Sportsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Einführung in das Thema
1.2 Fragestellung
1.3 Forschungsstand
1.4 Der theoretische Rahmen des Lebensstilkonzepts
1.5 Aufbau der Arbeit

2. Exkurs: Der historische Kontext
2.1 Vorgeschichte
2.2 Die erste kommerzielle Welle (USA: 1959-1963)
2.3 Die zweite Welle (USA: 1973-1980)
2.4 Die erste Skateboardwelle in Deutschland
2.5 Skateboarding in den achtziger Jahren
2.6 Die derzeitige Situation
2.7 Zusammenfassung

3. Methodologie
3.1 Diskussion der Methodenwahl
3.2 Die Praxis der qualitativen Forschung
3.2.1 Die beobachtende Teilnahme
3.2.2 Die qualitative Befragung
3.2.3 Das Skateboard-Magazin als Datenquelle
3.2.4 Der Alltagsdialog als Datenquelle
3.3 Durchführung der eigenen Forschung

4. Die Forschungsergebnisse

5. Auswertung der Forschungsergebnisse
5.1 Aktivitäten und Werthaltungen im Skateboarding
5.1.1 Allgemeine Aktivitäten
5.1.2 Informelle Aktivitäten
5.1.3 Die globale Gemeinschaft
5.2 Die Fotografie
5.3 Der Drogenkonsum
5.4 Affinitäten und Abgrenzungen zu anderen Jugendkulturen
5.5 Die Verteilung der Geschlechtsrollen
5.6 Die sportlichen Aktivitäten
5.6.1 Das Training
5.6.2 Über Konkurrenz und Kooperation
5.6.3 Die Ästhetik
5.6.4 Kreativität, Motivation und Flow
5.6.5 Der Wettkampf
5.7 Die Tricks
5.7.1 Basics
5.7.2 Technische Tricks
5.7.3 Grinds und Slides
5.7.4 Klassifizierung der Tricks
5.8 Die räumliche Dimension der Aktivitäten
5.8.1 Kritik des öffentliche Raums
5.8.2 Die Skatehalle
5.8.3 Jugendkulturelle Konflikte in der Skatehalle
5.9. Sozialstruktur und Hierarchisierung
5.9.1 Kapitalformen im Feld der Skateszene
5.9.2 Die Kernszene
5.9.2.1 Der gesponserte Fahrer
5.9.2.2 Der Fotografierte
5.9.3 Die Randszene
5.9.4 Die Freizeitszene
5.9.5 Die Sympathisanten
5.9.6 Zusammenfassung

6. Ausblick

Bibliographie I

Erklärung

1. Einleitung

1.1 Einführung in das Thema

Als ich das erste Mal in Kontakt mit der Jugendkultur Skateboarding kam[1], wirkte sie auf mich zunächst wild, anarchistisch, bunt, kreativ und vor allem elitär. Ihre Sprache war mir unverständlich und die Inhalte ihrer Aktivitäten erschlossen sich mir nur in einem geringen Maße. Sie stellte eine, durch einen hohen Grad innerer Verbundenheit gekennzeichnete, überschaubare Gruppe dar, die sich von der restlichen Gesellschaft durch ihren Habitus distanzierte. Gerade deswegen übte diese Jugendkultur eine große Faszination auf mich aus. Beeindruckend ist es für mich nach wie vor, wie sich Jugendliche um das Thema Skateboarding eine eigene Lebenswelt erschaffen, in der jenseits eines systematischen Vereinstrainings oder pädagogischen Einwirkens, enorme sportliche Leistungen vollbracht werden. Die Bewegungen der Skater sind ebenso spektakulär wie technisch und motorisch hoch anspruchsvoll.

Durch die spektakuläre Art der Bewegungen und dem, auf Distinktion abzielenden elitären Habitus seiner Akteure, übt Skateboarding eine große Anziehungskraft auch auf Jugendliche aus. Skateboarder gelten als exotische Trendsetter und modische Avantgarde. Dementsprechend werden sie als Imageträger von Werbe- und Bekleidungsfirmen umworben. Dass diese Jugendkultur aber nicht, wie vergleichbare andere, nach einem kurzen Moment des Skandalons, durch gesellschaftliche Vereinnahmung und Vermarktung entschärft wurde[2] um sich daraufhin aufzulösen, verdient besondere Aufmerksamkeit. Es scheint daher nicht möglich, Skateboarding in einen Kontext mit modischen, plötzlich auftauchenden, sich verbreitenden und danach wieder verschwindenden Trendsportarten zu stellen. Skateboarding muss durch seine Verbindung von Sport und jugendkulturellem Ausdruck vielmehr als eine ernst zu nehmende Alternative zum traditionellen Vereinssport gesehen werden, die im Rahmen der Enttraditionalisierung moderner Gesellschaften immer populärer wird.

Insbesondere Sportwissenschaftler und Pädagogen müssen jugendliche Lebenswelten, außerhalb von Schule und Verein, verstehen können, wenn sie adäquat auf die Bedürfnisse ihrer ’Klienten’ reagieren wollen. Die Grundlage jedes Verstehens ist die nähere Beschäftigung mit dem Gegenstand. Dazu soll diese Arbeit einen Beitrag leisten.

1.2 Fragestellung

Die leitende Fragestellung dieser Arbeit ergibt sich aus dem Gegenstand selbst. Sie wird in der Frage formuliert, wie sich Skateboarding von anderen Sportarten und Jugendkulturen unterscheidet und warum es auf Jugendliche eine so große Anziehungskraft ausübt. Um diese Leitfrage beantworten zu können, bedarf es der Klärung folgender Fragen:

- Wie sehen die typischen Aktivitäten der Gruppe aus?
- Wie werden diese inszeniert und organisiert?
- An welche Werthaltungen sind sie gebunden?
- In welchen räumlichen Rahmungen finden diese statt?
- Existieren Affinitäten oder Abgrenzungen zu anderen Jugendkulturen?
- Ergibt sich eine Hierarchisierung innerhalb der Szene?
- Kann Skateboarding als Produkt einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung erklärt werden?

1.3 Forschungsstand

In ihrem Beitrag: „Der nicht-sportliche Sport“[3], beschäftigten sich Knut Dietrich und Klaus Heinemann zum Ende der achtziger Jahre mit den veränderten Inszenierungs- und Organisationsformen des Sports. Sie kamen zu dem Fazit, dass der Sport seine „innerliche Einheitlichkeit“[4] verloren hat und sich im Rahmen gesellschaftlicher Veränderungen öffnet: „Das Erscheinungsbild des Sports wird immer vielfältiger.“[5] Die Inszenierung des Sports findet folglich nicht mehr ausschließlich in Vereinen statt, sondern hat sich zunehmend individualisiert.[6]

„Dies hat zur Konsequenz, dass sich a) unterschiedliche Konzepte und Formen des Sporttreibens entwickeln und dass b) der einzelne zwischen einer steigenden Anzahl von alternativen Sportangeboten entsprechend seinen individuellen Wünschen wählen kann.“[7]

„Gerade diese Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit ist das spezifische der neuen Sportkultur“[8]

Dieser Erkenntnis folgend, schlossen sich seit Anfang der neunziger Jahre Arbeiten an, die dieses neue uneinheitliche Bild des Sports näher untersuchten. Nachfolgend werden die wichtigsten Arbeiten vorgestellt, die sich speziell mit dem Gegenstand Skateboarding auseinander setzten und in die vorliegende Arbeit eingegangen sind.

Klaus Janke und Stefan Niehues widmeten sich dem Skatesport im Kontext neuerer jugendkultureller Bewegungen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass sich eine Verbindung zwischen Sport und Subkultur seit den achtziger Jahren nicht mehr ausschließen lässt:

„Früher[...]war alles ganz einfach. Da gab es eine festgelegte Liste von Sportarten, die in etwa den bei Olympia zugelassenen Sportarten entsprach. Deren Regeln hatten Verbände definiert, sie waren [...] festgeschrieben. [...] Heute ist fast alles möglich, was gefällt.“[9] „Das Wichtigste an den neuen Sportarten ist jedoch: Sie können ganze Jugendkulturen um sich herum aufbauen. Immer mehr

Sportarten werden zu umfassenden Welten, die nicht einfach mit dem Schlusspfiff enden.“[10]

Jahnke/Niehues beschreiben Skateboarding als „eine der ersten, vielleicht sogar die erste geschlossene Sport- Jugendkultur“ in Deutschland.[11]

Auch Jürgen Schwier unterscheidet zwischen dem „Mainstream“ des Vereinsports[12], und einem „subkulturellen“ Sportverständnis. Er ordnet Skateboarding ebenfalls einer subkulturellen Bewegungskultur zu, „die Ausdruck eines distinktiven Lebensstils“[13] ist. Ebenso bescheinigt er dem organisierten Sport, keine eigenständige Jugendkultur haben zu können, da er ein „für Heranwachsende arrangiertes kulturelles Milieu repräsentiert“.[14] Skateboarding wird hingegen als „bewegungsbezogenes jugendkulturelles Milieu“[15] beschrieben, welches sich einerseits nach außen abgrenzt, andererseits das Bedürfnis nach Bindung und Anerkennung im Inneren befriedigt. Demnach ergibt sich auch für Schwier, dass es sich beim Skateboarding nicht nur um eine Sportart, sondern auch um eine geschlossene Lebensstilgruppe handelt.

Horst Ehni stellt in seinem Aufsatz „Den Skatern auf der Spur“[16], den Skatesport als sinnliche Form der Eroberung urbaner Räume dar:

„Skaten [...] scheint kein Sport aus dem Warenhauskatalog etablierter Sportarten mit codierten Regelwerk und ausgewiesenen Räumen zu sein. Skaten, das ist eine wilde, abenteuerliche und oft verbotene Bewegungskunst inmitten urbaner Räumlichkeiten.“[17]

Ehni hebt die Innovation des jugendkulturellen Engagements hervor, welche die Gesellschaft und ihre Traditionen immer wieder überprüft und modernisiert. Er beschreibt aber auch das Wirken der gesellschaftlichen Disziplinierungsmacht, die aus dem wilden Skaten einen disziplinierten Sport zu machen versucht.[18] Nach Ehni ist die Disziplinierungsmacht Teil des notwendigen Prozesses der Kultivierung und Vergesellschaftung, der das Menschliche davor bewahrt, im „Chaos seiner Möglichkeiten“[19] abzustürzen. Die Strategien, mit denen Skater der herrschenden Disziplinierungsmacht begegnen, beschreibt Ehni mit den Begriffen „Anpassung“, „Ungehorsam“ und „Antidisziplin“.[20] Insofern sieht auch Ehni Skaten als eine Sportart an, die außerhalb gesellschaftlich anerkannter Konventionen hervorgebracht wird.

Steffen Wenzel stellt den Skatesport im Rahmen des Straßensports dar. Darunter versteht er Aktivitäten, die sich nicht, „wie für traditionelle Sportarten typisch, in extra angelegte und funktionalisierte Räume oder Plätze zurückziehen, sondern die Straße [...] für ihre Zwecke okkupieren und umfunktionalisieren.“[21] Auch er beschreibt Skateboarding als Mittelpunkt jugendkulturellen Alltagslebens: „Es manifestieren sich für Jugendkulturen typische Verhaltensweisen in einer Sportart.“[22]

Für das Skateboarding konstatiert er eine für Jugendkulturen typische „spielerische Besetzung des öffentlichen Raums.“[23] Er zieht einen Vergleich zwischen dem selbstinszenierten Straßenfußball seiner Kindheit, seiner Verbannung aus dem öffentlichen Raum und die Rückeroberung dessen durch neue Asphaltsportarten.

Die sportliche Aktivität der Skater im urbanen Raum untersucht auch der Architekt Ian Borden. Er geht von einem Stadtbild aus, welches erst durch die Art seiner Nutzung entsteht. Er sieht Skateboarding als kulturelle Bewegungsform an, die der urbanen Architektur neue, ursprünglich nicht für sie vorgesehene Funktionen entlockt. Dadurch ergibt sich ein ideologischer Machtkampf mit der Öffentlichkeit über die Definition von Stadt.

„When Skateboarders ride along a wall, over a fire hydrant or up a building, they are entirely indifferent to its function or ideological content. [...] They produce themselves bodily and socially, and they produce the city in terms of their own specific bodily encounter with it.”[24]

Matthias Oltmanns vergleicht unter dem Titel „Zwischen Lifestyle und Mainstream“[25] den expressiven, subkulturellen Lebensstil der Skateboarder mit seiner kopierten und abgeschwächten Form erwachsener Inlineskater. Auch wenn Oltmanns in seiner Untersuchung beide Varianten dem Begriff Skaten unterordnet, verdeutlicht er den Unterschied zwischen dem distinktiven Habitus einer Jugendkultur und seiner ästhetischen Adaption im etablierten Freizeitsport.

Die vorliegenden Arbeiten betonen deutlich, dass sich Skateboarding als Jugendkultur bewusst von etablierten Sportarten abgrenzt. Die Untersuchungen sind aber leider wenig geeignet, die Innensicht der Skateboardszene zu analysieren. Die eigentlichen Aktivitäten und deren Bedeutung für die Jugendlichen, wurden nicht näher thematisiert. Auch wurde die Historie des Skateboardings kaum beleuchtet. Es existiert meines Wissens keine genaue Untersuchung über die Einflüsse, die Skateboarding auf die Lebenswelt seiner Akteure ausübt. Es wird angenommen, dass dies aus einer geringen ethnologischen Involvierung in die Lebenswelt der Skateboarder resultiert. Es scheint somit wichtig, die folgende Untersuchung dort anzusetzen, wo das Phänomen Skateboarding konstruiert wird, nämlich in der Mitte des Untersuchungsfeldes, bei den Akteuren selbst. Horst Ehni erhoffte sich für seine Forschung, dass sie „in Form von narrativen Diskursen [...] aufgenommen und weitererzählt wird“.[26] Dies soll Aufgabenstellung vorliegender Arbeit sein.

1.4 Der theoretische Rahmen des Lebensstilkonzepts

Nicht nur das Sportinteresse Jugendlicher hat sich im Zuge gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse verändert. Von selbiger Tendenz sind auch ganze jugendkulturelle Lebenswelten betroffen. Sie haben sich im Laufe gesellschaftlicher Veränderungen, die in der Literatur als ‚Post-moderne’ beschrieben werden[27], soweit ausdifferenziert, dass nicht mehr von einem zusammenfassenden Jugendkulturbegriff ausgegangen wird.[28] In der modernen Sozialforschung werden Jugendkulturen deshalb im „theoretischen Rahmen eines Lebensstilkonzepts“ gefasst.[29]

„Mit dem Lebensstilbegriff wird Abschied genommen von der in der Ungleichheitsforschung bis in die 70er Jahre gepflegten Vorstellung, dass Lebensstile sich wie andere kollektiv typische Vergesellschaftungsformen auf sozial homogene Lebenslagen gründen, die sich durch ein Bündel sozialstruktureller Faktoren bestimmen lassen“.[30]

Partizipationen in Jugendkulturen entstehen immer weniger aus objektiven Bezügen und Klassenlagen, sondern sind vielmehr Produkte „entscheidungsoffener Lebensmöglichkeiten“[31]. Sie entsprechen folglich partikularen Lebenslagen, die von gesamtgesellschaftlichen „Bindemitteln“[32] weitgehend abgekoppelt sind.[33] Für Einzelbiografien ergibt sich daraus eine erhöhte Selbstbezüglichkeit und Eigenverantwortung:

„An die Stelle milieubezogener jugendlicher Subkulturen sind heute sogenannte Freizeitszenen als wählbare Formationen getreten.“[34]

Lebensstilgruppen konstruieren Zusammenhänge Gleichgesinnter und drücken sich in gemeinsamen Aktivitäten, ästhetischen Ausdrucksformen, Interessen und Werten aus. Sie sind gekennzeichnet durch eine „erhöhte Binnenkommunikation“[35] und die Herausbildung kollektiver „Lebens- und Werthaltungen“[36], die in einem spezifischen Habitus zum Ausdruck kommen. Ein Lebensstil entsteht durch die „ästhetisierende Überhöhung des Alltäglichen“[37]. Alltägliche Konsumgüter werden dadurch in ästhetische Symbole verwandelt, die den eigentlichen Gebrauchswert der Objekte überlagern. Die Objekte werden dadurch in einen neuen Bedeutungszusammenhang gestellt. Die Kenntnis über die Bedeutung stilisierter Zeichen, sowie deren Einsatz im alltäglichen Handeln, trennt Lebensstilgruppen voneinander und schafft so, durch „Distinktion und Abgrenzung zu anderen als der eigenen Gruppenkultur“[38], Möglichkeiten der Identifikation.

„Statt auf einer gemeinsamen Leiter stehen die sozialen Gruppen auf einem Podest, jede für sich, und jede stellt sich auf die Zehenspitzen, um auf die andere herabschauen zu können.“[39]

Um den Zweck der Distinktion erfüllen zu können, bedürfen Stilisierungen immer der „sozialen Sichtbarkeit und Anerkennung“, also der Verwandlung akkumulierten kulturellen Kapitals in symbolisches Kapital“.[40] Die Annahme eines bestimmten Lebensstils verbindet so die gegensätzlichen Wünsche, „ein Individuum sein zu wollen, wie es kein zweites gibt, jedoch auch mit anderen zusammen zu sein und von ihnen anerkannt zu werden.“[41] Lebensstilgruppen sind folglich nicht bloß individuelle Erlebniswelten, sondern auch „Reproduktionsmedien sozialer Ungleichheit“.[42]

„Ein Stil [...] ist Ausdruck, Instrument und Ergebnis sozialer Orientierung und zeigt nicht nur an, wer ‚ wer’ oder ‚ was’ ist, sondern auch wer ‚ wer’ für wen in welcher Situation ist.“[43]

Da Lebensstilgruppen subjektiv konstruiert und nicht objektiv vorgegeben sind, müssen sie im Handeln immer wieder neu reproduziert werden. Das Handeln ist hierbei stets an die vorherrschende Werthaltung der Gruppe gebunden und bestimmt auch über den sozialen Rang in ihr. Nach dem zunächst frei gewählten Eintritt in eine Lebensstilgruppe, orientiert sich das Handeln also wieder an den objektiven Vorgaben der Gruppe:

„Soziale Ungleichheit - im Gegensatz zur ‚natürlichen Ungleichheit’ – stellt das Ergebnis sozialen Handelns dar, sie wird alltäglich reproduziert und verändert.“[44]

Die Lebensstilforschung bezieht sich im wesentlichen auf die Kulturtheorie Bourdieus[45], die sich vornehmlich mit kulturell konstruierten sozialen Relationen zwischen Individuen beschäftigt. Teil dieser Relationen sind identitätsstiftende Distinktionen, die durch ihre Sichtbarkeit soziale Unterscheidungen anzeigen. Diese Differenzen werden heute immer weniger durch materiellen Besitz oder Berufskategorien, sondern vermehrt durch kulturelle Habitusformen angezeigt.[46]

„In der kulturellen Überbietung von Geld und materiellem Vermögen zeigt sich die Verlagerungsbewegung auf kulturalistische Differenzierungsschemata besonders drastisch. [...] Der pure Geldbesitz, der nicht auf dem Feld der Kultur in Distinktionsvorteile umgemünzt werden kann, verliert an Wert.“[47]

„Die soziale Welt ist kein Universum vollkommener Konkurrenz oder Chancengleichheit, sondern eine Welt von Trägheit, Akkumulation und Vererbung von erworbenen Besitztümern und Eigenschaften. [...] Kapital ist akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Materie oder in verinnerlichter, inkorporierter Form [...] In Form einverleibter Dispositionen, Bewegungen, Haltungen ihrer Körper, die Hinweise auf soziale Positionen und Distanzen sowie die einzuhaltenden Verhaltensweisen bzw. Distanzstrategien geben.“[48]

Da sich Skateboarding als eine jugendkulturelle Lebensstilgruppe kennzeichnen lässt, die sich auch über Distinktion definiert, bietet die Theorie Bourdieus einen brauchbaren theoretischen Rahmen. Im Folgenden wird Skateboarding, in Anlehnung an Bourdieu, begrifflich als soziales Feld gefasst, in welchem Handlungen hervorgebracht werden, die einem spezifischen Gruppenhabitus unterliegen und diesen reproduzieren. Die Distinktionskraft nach außen und die innere hierarchische Struktur, auch dieser Kultur, richtet sich nach unterschiedlicher „Akkumulation der in ihr anerkannten Kapitalsorten“ und deren Präsentation als „symbolisches Kapital“.[49]

1. 5 Aufbau der Arbeit

Zunächst folgt, um die heutige Form des Skateboarding verständlicher präsentieren zu können, ein Exkurs in seine Geschichte. Im daran anschließenden Kapitel werden die empirischen Methoden vorgestellt, die der Untersuchung der aktuellen Situation der Skateboarder zugrunde liegen. Im Hauptteil dieser Arbeit werden die erhobenen Forschungsergebnisse dargestellt, diskutiert und im Rahmen der Lebensstiltheorie ausgewertet.

Hauptinhalt der Auswertung sind die an die Werthaltungen der Szene gebundenen Aktivitäten, wobei sich insbesondere den sportlichen Aktivitäten gewidmet wird. Ein weiterer Fokus wird auf die räumlichen Rahmen der Aktivitäten gesetzt, da diese einen entscheidenden Einfluss auf die Inszenierung des Skatens haben und in ihnen Konflikte mit anderen Raumnutzern entstehen können. Im sich daran anschließenden Kapitel wird, in Anlehnung an Bourdieu und Zentner, die Sozialstruktur der Szene beschrieben.

Auf die Einflüsse der Kommerzialisierung und Vermarktung wird entgegen vorherigen Planungen nicht detailliert eingegangen, da dieses Thema im Umfang eine gesonderte Arbeit verlangt. Ebenso wenig soll diese Arbeit als ein pädagogischer Ratgeber im Umgang mit jugendlichen Subkulturen verstanden werden. Ziel ist ein tieferer Einblick in eine bisher wenig untersuchte, selbst-konstruierte Lebenswelt heutiger Jugendlicher.

2. Exkurs: Der historische Kontext

Skateboarding existiert als jugendkulturelles Phänomen nicht nur im Hier und Jetzt. Es kann mittlerweile auf eine vierzig jährige Geschichte zurückblicken und ist durch ein stetiges Auf und Ab seiner jeweiligen Popularität gekennzeichnet. Skateboarding war im Laufe seiner Geschichte immer wieder Träger unterschiedlicher Images und Aktivitäten. Wird Skateboarding, wie es sich momentan darstellt, als Teil eines laufenden Prozesses begriffen, muss sein historischer Kontext und seine jeweiligen Wirkungen auf jugendkulturelle Lebenswelten dargestellt werden.

2.1 Vorgeschichte

Die Geschichte des Skateboards beginnt weit vor seiner Kommerzialisierung. Die ersten Ur-Skateboards waren eigentlich selbstgebaute Roller und entstanden um das Jahr 1900. Diese „Scooter“[50] basierten auf von Rollschuhen entnommenen Rollen, die unter ein Brett geschraubt oder genagelt wurden. Sie galten, ähnlich wie Go-Karts, Schlitten oder Seifenkisten, als bewegliche Spielzeuge, mit denen kleine Abhänge herunter gefahren werden konnten. Das Besondere und Neue an diesen Brettern war die fehlende Lenkung. Gesteuert werden konnten diese Rollbretter nur durch eine gezielte Balancierung des Körpergewichts.

2.2 Die erste kommerzielle Welle (USA: 1959-1965)

Nach dem zweiten Weltkrieg expandierte in den USA sowohl die Wirtschaft, als auch die Bevölkerungszahl explosionsartig. Die in dieser Zeit Geborenen werden heutzutage zusammenfassend als die „ Baby Boomer Generation “ bezeichnet. Es handelte sich um die erste amerikanische Jugendgeneration, die umfassend über mehr Freizeit und größere finanzielle Mittel verfügte, als jede vorherige. Mit ihnen wurde eine ganze Kinder- und Jugendgeneration als potentieller Konsument entdeckt.

„These teenagers, with both time and a certain amount of money on their hands, were eager to create a new era.”[51]

So wurden in dieser Zeit immer neue Produkte erfunden, die das Kaufinteresse dieser neuen Jugendgeneration wecken sollten.

„Yo-Yos, Hula-Hoops and the like would rise and fall [...]. It was only a matter of time before someone picked up on the potential lying in those roller skate wheels nailed to hunks of wood. The first commercial Skateboard hit the marketplace in 1959.”[52]

Die ersten, industriell gefertigten und käuflich zu erwerbenden Skateboards waren Produkte der Firma Roller Derby[53]. Sie können als Anfang der sich nun rapide entwickelnden Ausbreitung und Kommerzialisierung der ehemals selbstgebauten Skateboards angesehen werden. In dieser Zeit begann der Imagewandel des Skateboards vom Kinderspielzeug zum individuellen Sportgerät.

Larry Stevenson, Herausgeber der Zeitschrift „Surf Guide“, erkannte als erster die Ähnlichkeit der Bewegungen des Skateboardings mit denen des Surfsports. Er gründete im Jahre 1963 eine eigene Skateboardfirma: Makaha Skateboards. Stevenson übernahm die bereits im Surfen etablierte Idee, für die Vermarktung seines Produkts ein Skateboardteam zu engagieren, welches diesem neuen Sportgerät zu einem bestimmten Image verhelfen sollte. Skateboarding wurde somit zu einem Teil der zu dieser Zeit populären Surfkultur. Skateboardfahren galt den Surfern seitdem als Alternative zum Surfen, wenn das Meer zu kalt oder die Wellen zu flach waren:

„...open minded surfers began to realize that these scooter-minus-the handlebar contraptions were not just childrens toys; as the movement and balance needed to stay on one were similar to those required in surfing.”[54]

Es kann als Ergebnis dieser Marketingstrategie gelten, dass in den USA bis zum Jahre 1965 über 50 Millionen industriell gefertigte Skateboards verkauft wurden und sich Skateboardfahren, unter dem Begriff „Sidewalk-surfing“[55], in der ganzen USA verbreitete.

Im November des Jahres 1965 endete der erste Skateboard-Boom schlagartig. Da sich die Skateboardfirmen zu sehr auf den stetig wachsenden Absatz verlassen haben, reagierten sie nicht adäquat auf die veränderten Interessen der Konsumenten und die negativen Reaktionen der Öffentlichkeit.[56] So befriedigten die Hersteller durch die Verwendung kostengünstiger „Clay-Wheels“[57] und unlenkbarer Achsen nicht den gesteigerten Wunsch nach kontrolliertem Fahren. Durch noch nicht erfundene Schutzausrüstung verstärkt, kam es immer häufiger zu Unfällen mit schweren Verletzungsfolgen. In der öffentlichen Meinung wurde Skateboarding daraufhin vorwiegend als „new medical menace“[58], als neuartige Verletzungsart, denn als Sportart wahrgenommen. Als Reaktion auf die große Verbreitung des Skateboardings in den amerikanischen Städten, gingen erste Behörden dazu über, das Skaten auf Gehwegen, Straßen und öffentlichen Plätzen zu verbieten.[59] Wer Skateboard fuhr, handelte somit straffällig und wurde kriminalisiert.[60] Der Markt für Skateboards kollabierte daraufhin. Die Skateboard-Szene beschränkte sich Ende der sechziger Jahre auf ein paar kalifornische Jugendliche, die sich nun neue Orte suchen mussten, an denen sie ihren Sport ausüben konnten. Sie begannen zu dieser Zeit in leeren Swimmingpools[61], trockengelegten Entwässerungskanälen und ungenutzten Pipelines zu skaten.[62]

Es wird angenommen, dass gerade die Verbannung des Skatens aus dem öffentlichen Raum und damit aus der Gesamtgesellschaft, den distinktiven Lebensstil der Skateboarder hervorbrachte und damit das Image einer gefährlichen und verbotenen Sportart verstärkt wurde. Als erwiesen gilt, dass die Skater ab diesem Zeitpunkt ein Underground- und Rebellenimage produzierten und eine in sich geschlossene Jugendkultur entwickelten.

2.3 Die zweite Welle (USA: 1973-1980)

Mitte der siebziger Jahre fand eine Wende im Skateboarding statt, die als vorübergehender Versuch eines organisierten Sportimages gekennzeichnet war. Während die erste Skateboardgeneration vorwiegend auf der Straße und damit im öffentlichen Raum fuhr, verlegte sich das Skaten nun hauptsächlich in neue, extra errichtete Skateparks[63], die meist kommerziellen Interessen entsprangen. Sie boten der Inszenierung des Skatesports einen legalen und gesicherten Rahmen.

„Legal action was the furthest thing from skateboarders mind when they got to skate these parks. Most were delighted to be free of the hassling they got when they skated the streets.”[64]

Neue Produkte und bessere Materialien, wie Urethan- Rollen[65], Schutzausrüstungen und lenkbare Achsen machten das Skaten komfortabler, berechenbarer und dadurch sicherer. Durch diese neuen Rahmenbedingungen entwickelte sich ein erneuter Skateboardboom, der sich vom vorherigen dahingehend unterschied, dass er das Rebellenimage der Skater relativierte und Skateboarding in der öffentlichen Meinung erstmals als moderne Trendsportart angesehen wurde. Skaten erhielt ein sauberes, unschuldiges Image, welches medial verbreitet und kommerziell vermarktet werden konnte. Typisch für die Popularisierungsstrategien dieser Zeit waren Wettkampf-inszenierungen, die sich an den olympischen Disziplinen, wie Weit- und Hochsprung sowie Wett- und Slalomrennen orientierten.[66]

Ende der siebziger Jahre schlossen die meisten amerikanischen Skateparks allerdings wieder, da der Skateboardboom erneut abflaute und die Betreiber nicht mehr im Stande waren, die hohen Versicherungssummen aufzubringen.[67] Dies führte, wie bereits Mitte der sechziger Jahre, zu einer erneuten Subkulturalisierung des Skatesports, da das Fahren auf der Straße weiterhin unter Strafe stand:

„When Skateparks began to close, the sport went underground and into peoples backyards. Hardcore skaters began building ramps and took the sport in a completely different direction.”[68]

In dieser verbliebenen kleinen Subkultur entwickelte sich die heute noch typische Form der Selbstinszenierung und -organisation dieses Sports.

2.4 Die erste Skateboardwelle in den Deutschland

1976 gilt als das Jahr, in dem die ‚Skateboardwelle’ nach Deutschland ‚schwappte’. Durch in Deutschland stationierte amerikanische Soldaten drang das Skateboard zunächst als Kinderspielzeug in den westdeutschen Kulturraum.[69] Skateboardfahren galt als modern und wurde entsprechend vermarktet.[70] Die Regale der Supermärkte und Spielzeuggeschäfte waren mit Skateboards gefüllt. Der erste Skatepark Deutschlands, die „Pfanni Hills“, wurde 1978 in München eröffnet und, nach amerikanischem Vorbild, wurden erste Skateboardteams gegründet. Ende der siebziger Jahre war die erste populärkulturelle Skateboardwelle jedoch schon wieder vorbei. Dieses jähe Ende ist durch das Gesetz der Mode zu erklären, wonach diese sich in ihrem Höhepunkt immer selber abschafft.[71]

Skateboarding kann im Deutschland der siebziger Jahre als eine kurze Modeerscheinung gelten, die das Spielzeugimage nicht wirklich überwand und bald von der nächsten Mode abgelöst wurde.[72] Als Restprodukt bildete sich, ähnlich wie in den USA, eine kleine Szene, die weiterhin Skateboard fuhr. Aus ihr sollte sich die deutsche Skateszene entwickeln, die sich seit Mitte der achtziger Jahre als eine expandierende, sportive Subkultur darstellt.

2.5 Skateboarding in den achtziger Jahren

Seit Mitte der achtziger Jahre verlief die Entwicklung des Skateboarding in den USA und in Deutschland in etwa parallel, zeitlich jedoch um circa fünf Jahre versetzt.[73] In dieser Zeit entstand eine Affinität[74] zur, ebenfalls aus den USA stammenden, subkulturellen Straight-Edge -Bewegung.[75] Diese entdeckte das Skateboardfahren als distinktives Ausdrucksmittel gegen die institutionelle Verregelung der persönlichen Lebenswelt:

„The basic tenet of the straight Edge philosophy centres around the issue of self-control. The goal is to regain as much personal control over your own life as possible.”[76]

Skateboard zu fahren schien, als individueller und expressiver Sport, das geeignete Mittel, um sich sowohl vom etablierten Sport als auch von der hegemonialen Kultur, in der er eingebettet ist, abzugrenzen:

„Baseball, hotdogs, apple pie, weed, beer, pills, needles, alcohol etc., etc., are all typical hobbies of all the typical people in all the typical states in the typical country of the United States of America [...] why be a clone? why be typical?”[77]

Die dieser Protesthaltung zugrunde liegende Distinktion gegenüber der Mainstream -Kultur der USA wurde, subkulturell typisch, „nicht mit den Mitteln der Erwachsenengesellschaft - Diskussion und Diskurs - geführt“[78], sondern vor allem indirekt durch die „expressive, stilistische Darstellung einer alternativen Lebensführung“ ausgedrückt.[79]

Durch seine implizierte Freiheit und Radikalität schien Skateboardfahren im Stande, den Lebensstil der Punk- und Straight-Edge -Bewegung sportiv ausdrücken zu können.

„Skating gets your mind off of things and lets you have a thrill in your life. It can get your mind off violence, drugs, and all that shit.”[80]

Subkulturelle Jugendszenen waren vor diesem Zeitpunkt eher durch eine generelle Sportablehnung gekennzeichnet. Begründet wird dies durch die damals vorherrschende Sportinszenierung durch feste Institutionen:

„In Jugendkulturen finden radikale Experimente statt, die aus den Bezirken der verwalteten Welt ausgeschlossen sind.“[81]

Es wird angenommen, dass Skateboarding, erst durch seine Verbindung mit anderen Subkulturen, zu einer eigenständigen Jugendkultur heranreifte, mit der Jugendliche den „Sport den Klauen der Institutionen entrissen“[82] haben. Skateboarding bedeutete eine Emanzipation aus den Zwängen, die sich durch die Sportausübung in Vereinen ergaben:

„Nach und nach trat ich aus Sportvereinen aus, hörte auf Fußball zu spielen. [...]Für mich kam die Entscheidung, diese Sportarten aufzugeben an dem Punkt, an dem ich die grenzenlose Freiheit entdeckte, die der Skatesport bietet. [...]Skateboarding war die Schule, auf der ich Dinge gelernt habe, die ich nirgendwo anders hätte lernen können“[83]

„Jede Sportart hat einen gewissen Charakter, nimm zum Beispiel Tennis. Das ist etabliert und hat schon ein gewisses Image. Ein Jugendlicher der dazukommt übernimmt die Verhaltensmuster. Es ist sehr selten, dass jemand, der einem Tennisverein beitritt, völlig ausrastet und dem Bild eines langhaarigen Heavy-metal Rockers entspricht. Skating hat ein anderes Erscheinungsbild. Es ist eine junge Erscheinung“.[84]

Die Ausgrenzung traditioneller Habitusformen etablierter Sportarten trug verstärkend dazu bei, dass Skaten in seiner damaligen Inszenierungsform als sehr exklusiv und publikumswirksam galt:

„Eine Half-Pipe konnte man in eine Fußgängerzone stellen und zog damit garantiert eine riesige Menschenmenge an, die mit offenen Mündern die Akrobaten [...] bestaunten.[85]

Es kann festgehalten werden, dass sich die deutsche Skateszene erst in den achtziger Jahren als eine homogene Jugendkultur emanzipiert hat. In dieser Zeit wurden die „alltagsästhetischen Schemata“[86] kreiert, die den habituellen Rahmen der Aktivitäten der Skater festlegten. Die Versuche, das deutsche Skateboarding in Verbänden zu integrieren, wurden nach und nach aufgegeben.[87]

2.6_ Die derzeitige Situation

Anfang der neunziger Jahre erlebte die Skateszene einen erneuten Imagewandel, da die nachgewachsenen Akteure eine Affinität zur damals populären HipHop-Kultur aufwiesen. Es etablierte sich ein neuer Typus des charakteristischen Skaters, der seine Distanz zur älteren Skater-Generation auch auf begrifflicher Ebene ausdrückte. Die neue Form des Skatens wurde als „New-School“[88] bezeichnet; ein Begriff, der typischerweise dem Vokabular der HipHop-Kultur entstammt. Das „Old-School“ Skateboarding der achtziger Jahre gilt der Szene heute allerdings wieder als freier, kreativer und authentischer als die technischere Variante des „New-School“ Skatens, die mehr auf den Vergleich abzielt.

Die größte Veränderung erlebte das Skateboarding in den neunziger Jahren jedoch durch die Veränderung seiner Inszenierungsform.[89] Der Skater Mark Gonzales gilt als Erfinder eines neuen Fahrstils, mit dem wieder die baulichen Gegebenheiten des urbanen Raums befahren wurden, dem Streetskaten. Über Skate-Videos wurde diese neue Art des Skateboardfahrens global verbreitet. Sie sollte das Bild des Skatesports grundlegend verändern und bis heute dominierend bleiben. Skateboarding erlangte so in der Öffentlichkeit eine erneute Sichtbarkeit und bot einer größeren Masse einen leichteren aktiven Einstieg in den Skatesport.

Zur heutigen Situation in Deutschland muss erwähnt werden, dass im Zuge der Popularisierung des Skatens seit Anfang der neunziger Jahre viele neue Skateparks- und Hallen entstanden. Diese sind zum größten Teil heute noch existent. Skatehallen dienen der Szene, ähnlich wie Jugendzentren, als legale Treffpunkte und Bewegungsräume, in denen sich die Skater ungestört auf ihren Sport konzentrieren können. Die Szene hat sich, auch aufgrund dieser besseren Rahmenbedingungen, in letzter Zeit wieder stärker verbreitet.[90]

2.7 Zusammenfassung

Für die Skateszene war es, im Gegensatz zu vielen anderen Jugendkulturen, bisher charakteristisch, dass sie sich zu keinem Zeitpunkt gänzlich auflöste. In unpopulären Phasen wurde immer ein neues subkulturelles Image reproduziert, das, durch seine auf Exklusivität beruhende Anziehungskraft, wiederum neue Jugendliche anzog. Wurde Skateboarding zu populär, zu allgemeinkulturell, um einen „kulturellen Distinktionsgewinn“[91] zu erzielen, nahm die Zahl der Akteure wieder ab und Skateboarding veränderte sein Image erneut.

Die Popularität des Skatens kann so als eine Kurve dargestellt werden, deren Amplitudenausschlag ca. alle 5 Jahre wechselt. Momentan zeigt sich, wie Ende der achtziger Jahre, wieder eine populäre Phase, die durch eine subkulturelle, unpopuläre Phase Mitte der neunziger Jahre unterbrochen war. Dies hat auch Auswirkungen auf die Szene, die Gegenstand vorliegender Forschungsarbeit ist.

[...]


[1] Im Jahre 1995, im Rahmen einer sozialpädagogischen Tätigkeit als studentische Aushilfskraft in einer Skatehalle.

[2] Vgl. Clarke: 1998, S. 390.

[3] Dietrich/Heinemann: 1989.

[4] Heinemann: 1989, S.16.

[5] Heinemann: 1989, S.16.

[6] Zur Individualisierungsdebatte, siehe: Beck: 1986, S. 205 ff und Ferchhoff: 1997, S. 33-43.

[7] Heinemann: 1989, S.16.

[8] Heinemann: 1989, S.19.

[9] Jahnke/Niehues: 1995, S.80.

[10] Jahnke/Niehues: 1995, S.84.

[11] Jahnke/Niehues: 1995, S.85

[12] „Den Mainstream des jugendlichen Sportengagements bildet[...] nach wie vor das organisierte Sportreiben im Verein. Es kann davon ausgegangen werden, dass in Deutschland gegenwärtig rund 40% der Heranwachsenden Mitglied in einem Sportverein sind.“ (Schwier: 1998(b), S.14)

[13] Schwier: 1998(b), S.16.

[14] „ Auch wenn Sportvereine heute verstärkt spaß- und erlebnisorientierte Freizeittrends adaptieren, bleibt abweichendes Ausdrucksverhalten tabu, das die Grenzen des skizzierten Sportverständnisses und seiner Rituale stilbildend überschreitet.“ ( Schwier: 1998(b), S.15)

[15] Schwier: 1998(b), S.15.

[16] Ehni: 1998.

[17] Ehni: 1998, S.121.

[18] „Die Gesetze der Vermarktung, der Versportung und der Verschulung der freien, wilden [...] Formen des Sich-Bewegens zu einer gesellschaftlich- formierten Bewegungskultur, scheinen [...] zu greifen.“ (Ehni: 1998, S.122.)

[19] Ehni: 1998, S.122.

[20] Ehni :1998, S .117.

[21] Wenzel: 1997, S.183.

[22] Wenzel: 1997, S.184.

[23] Wenzel: 1997, S.184.

[24] Borden: (b)1998, S.6

[25] Oltmanns: 1998.

[26] Ehni: 1998, S.123.

[27] Vgl. Ferchhoff 1997; Vollbrecht: 1995; Michailow: 1994.

[28] Vgl. Sander 1995, S. 48.

[29] Vgl. Vollbrecht: 1997, S.22 ff.

[30] Vollbrecht: 1995, S.23.

[31] Beck, zitiert nach Fröhlich: 1994, S.10.

[32] „Die universale, hierarchisch oberhalb der partikularen Ordnungen angelegte Schnittmenge von Werten und Orientierungen“(Sander: 1995, S.48).

[33] „Die Kulturgesellschaft macht in ihrer Selbstthematisierung deutlich, dass das bisherige Integrationsmodell problematisch geworden ist und neue soziale Differenzen in der Sphäre der soziokulturellen Reproduktion aufgemacht werden.“(Michailow: 1994, S.118).

[34] Vollbrecht: 1997, S.23.

[35] Schulze: 1997, S.174.

[36] Vollbrecht: 1995, S.25.

[37] Baacke, zitiert nach Vollbrecht: 1995, S.29.

[38] Eckert: 1995, S.187

[39] Schulze: 1997 , S.167.

[40] Fröhlich: 1994, S.24.

[41] Möller: 1999, S.16.

[42] Fröhlich: 1994, S.24.

[43] Soeffner, zitiert nach Vollbrecht: 1997, S.25.

[44] Michailow: 1994 , S.110.

[45] Vgl. Fröhlich: 1994; Michailow: 1994; Hitzler: 1994; Ferchhoff: 1995, 1997; Vollbrecht: 1995.

[46] Vgl. Michailow: 1994, S.119 f.

[47] Michailow: 1994, S.117.

[48] Bourdieu, zitiert nach Fröhlich: 1994, S.34.

[49] Vgl. Fröhlich: 1994, S. 37.

[50] Brooke: 2000, S. 16.

[51] Davis: 1999, S. 11.

[52] Brooke: 2000, S. 16.

[53] Ursprünglich eine Rollschuhfirma, die auf das veränderte Interesse der Jugendlichen reagierte.

[54] Vgl. Davis: 1999, S. 11.

[55] Brooke: 2000, S.17. Anmerkung: Sidewalk-Surfing betonte die Möglichkeit der Surfkultur anzugehören, ohne selbst am Meer zu wohnen. So war es möglich, auch in Großstädten ein Surfer-Image anzunehmen.

[56] Vgl. Brooke: 2000, S.21

[57] Rollen, die alternativ zu den Stahlrollen aus Keramik gefertigt wurden. (Vgl. Brooke: 2000, S.21.)

[58] The California medical association, in: Brooke 2000, S.24.

[59] Im August 1965 verboten 20 Städte das Skateboardfahren. In einigen Städten wurden Skateboards von der Polizei konfisziert. (Vgl. Seewaldt: 1990, S.11.)

[60] In der Befragung wurde berichtet, dass in Kalifornien für das Skaten auf der Straße noch heute Straftickets verteilt werden. Um das konfiszierte Skateboard wieder auszulösen, muss eine Strafgebühr von 20$ bis 75$ bezahlt werden.

[61] Swimmingpools sind in den USA schüsselartig geformt.

[62] Stauder: 1977, S.11.

[63] Böhm/Rieger: 1990, S. 9 ff.

[64] Brooke: 2000, S. 67.

[65] Ein Material, welches die Rollen gleitfähiger und weicher machte. So waren diese in der Lage, Unebenheiten im Fahrbelag besser auszugleichen. Frank Naswothy gilt als der Erfinder dieser Urethan-Rollen. (vgl. Münnichow: 1998, S.40)

[66] Vgl. Brooke:2000, S. 83.

[67] Vgl. Brooke:2000, S.67.

[68] Brooke: 2000, S.67.

[69] Vgl. Peter Diepes, in: Brooke 2000, S. 160-161.

[70] Sichtbar auch am Schlager des deutschen Sängers Benny: „ Skateboard Uh ah ah, city surfing ah ah, Skateboard uh ah ah, komm und fahr mal mit[...] Skateboard ist der neue Hit “ (Frank Farian: 1977, Hansa - International).

[71] „Jede massenhafte Verbreitung führt die Mode dann zwangsläufig ihrem Ende zu, weil sie dadurch die Unterschiedlichkeit aufhebt.“ (Simmel, in: Ferchhoff 1997, S. 95).

[72] Anfang der achtziger Jahre wurden das Rollerskating (Rollschuhlaufen) modern. Dieses zeichnete sich durch eine leichtere Erlernbarkeit und ein größeres Handlungsspektrum aus. (Das Fahren mit Rollerskates war auch in der Ebene möglich.) Dadurch war es leichter zu popularisieren.

[73] Das Phänomen der zeitlichen Verzögerung scheint allen Trends eigen zu sein, die aus den USA stammen. Durch die zunehmende Globalisierung der Kulturen verkürzt sich dieser Abstand stetig (Vgl. Horx 1993, S. 20).

[74] Der Begriff der „Affinität“ beschreibt den Zusammenhang zwischen zwei Szenen, der durch die Fluktuation von Personen zwischen diesen sichtbar wird. ( Schulze1997, S.469).

[75] Die Straight-Edge Bewegung entstand aus der Punk- Bewegung. Straight-Edge bedeutete, entgegen den destruktiven Ausprägungen der Punkkultur, vegetarisch, drogenfrei, anti-kapitalistisch und politicly correct zu leben. Charakteristisch für sie war, dass Freiräume gesucht wurden, in denen das „richtige“ Leben in der „falschen“ Kultur geführt werden konnte. Dies sollte durch einen hohen Grad der Unabhängigkeit von dieser erreicht werden.

[76] Vgl.: www.faqs.org/faqs/cultures/straight-edge-faq/.

[77] Davis, Gary: May 1983, Thrasher, S.8, in: Borden, I.: (b)1998, S.3.

[78] Vollbrecht: 1995, S. 23.

[79] Hebdige: 1983, S. 22.

[80] Vgl.: www.faqs.org/faqs/cultures/straight-edge-faq/.

[81] Baa>

[82] Janke/Niehues: 1995, S. 78.

[83] Krosigk: 2000, S. 9.

[84] Thomas Kalak im Interview in: Janke/Niehues: 1995, S.86.

[85] Krosigk: 2000, S.136.

[86] Schulze: 1997, S.466.

[87] Charakteristisch für Deutschland waren erste Verbandsgründungen. Skateboarding wurde entsprechend dem Anspruch des DSB, alle Sportarten für alle Menschen anbieten zu können, dem DRB untergeordnet. Seit seinem Entstehen hat dieser Verband in der Skateboardszene aber „so gut wie keine Bedeutung“(Telschow: 2000, S.23), da sich Skaten als individuelle Ausdrucksmöglichkeit und Verbände als Institutionen, sich a priori auszuschließen scheinen. Vgl. auch Janke/Niehues: 1995, S.86.

[88] Ein Begriff, der in der Skateszene sehr verbreitet ist. Er dient als Klassifizierungsmerkmal.

[89] Brooke: 2000, S.137.

[90] Siehe dazu auch Kapitel 5.4.2.

[91] Michailow: 1994, S.124

Details

Seiten
81
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638110259
Dateigröße
764 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1656
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Fachbereich Sportwissenschaft
Note
1,2
Schlagworte
Skateboarding Untersuchungen Jugendkultur

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Titel: Skateboarding. Untersuchungen zu einer sportiven Jugendkultur