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Das Platonische Liniengleichnis

Das Verhältnis von Wissen, Meinung, Wahrnehmung und Erkenntnis

Essay 2011 5 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Platon und das Liniengleichnis

Der Inhalt des Master-Studienganges „Philosophie der Wissensformen“ lässt sich vereinfacht gesagt auf die philosophische Reflexion des Wissens, der Denkstile, Sprachstile und Wissenschaftskulturen reduzieren. Freilich trifft diese Bedeutungsfestlegung nicht alle Aspekte jenes Studienganges. Doch von ihr ausgehend bietet sie eine ausreichende Hilfestellung, um zu verstehen, weshalb die platonischen Dialoge Menon und Politea Elementarcharakter im selbigen Studiengang aufweisen. Genauer in der Einführungslehrveranstaltung „Wissensformen“. Denn in diesen beiden Dialogen ist die Frage eingebettet, was den Unterschied zwischen Wissen, Meinung, Wahrnehmung und Erkenntnis ausmacht.

Um diese Unterscheidung herauszuarbeiten, gliedert sich dieses Protokoll in zwei Teile. Im ersten Teil, der den platonische Frühdialog Menon zum Inhalt hat, soll dieser in Bezug auf Wissen und Meinung auszugsweise behandelt werden. Im zweiten Teil wird das Liniengleichnis aus der Politea dargestellt, das komplementär auf das Verstehen des menonschen Dialogs wirkt.

Die Ausgangsfrage im Menon lautet „Sokrates, kannst du mir sagen, ob man Gutsein[1] lehren kann?“[2] Auf der Suche nach der dazugehörigen Antwort wird deutlich, dass Menon, der Dialogpartner des Sokrates, bereits ein bestimmtes Vorverständnis von Gutsein hat, nämlich die Gleichsetzung von Gerechtsein mit Gutsein.[3] Für Sokrates beruht dies jedoch auf falschen Voraussetzungen, denn Menon schafft es nicht den Begriff des Gutseins zu fassen ohne hierbei zirkulär zu argumentieren. Das was Menon im Dialog unter Gutsein angibt, ist lediglich die Nennung eines ganzen Schwarms von Gutsein, deren Teilmenge aus vielen Arten von Gutsein besteht, beispielswiese Weisesein, Besonnensein und Großzügigsein und nicht das von Sokrates geforderte Gutsein als Ganzes.[4]

Ohne die Wichtigkeit dieses Dialogs in Frage stellen zu wollen, denn immerhin wird in der weiteren Folge auf das Menonsche Paradoxon hingewiesen, dass Sokrates mithilfe der Anamnesis auflöst[5], so soll doch dieser Teil des Dialogs übersprungen werden, zugunsten der sokratischen Überlegungen zu Wissen und Meinen. Diese Überlegungen kleidet er in ein Beispiel ein. Eine Person (A) hat eine wahre Meinung darüber, wie man nach Larisa kommt und Person (B) hat das Wissen darum. Sokrates stellt aus diesem Zusammenhang dar, dass Person (A) keinesfalls ein schlechterer Führer sein muss, als Person (B) und schließt daraus, dass wahre Meinung folglich nicht weniger nützlich sei, als Wissen.[6] Jedoch wird im weiteren Dialogverlauf deutlich, dass zwischen Wissen und wahrer Meinung ein Unterschied besteht. Denn wahre Meinung ist nur solange eine schätzenswerte Sache, solange sie bleibt. Wahre Meinung ist eine flüchtige Angelegenheit, die fixiert, beziehungsweise angebunden werden muss. Und wahre Meinung wird angebunden durch eine begründete Argumentation, denn nur so kann ihr Wert steigen. Dieses Anbinden, also die begründete Argumentation, wird von Sokrates ebenfalls als die bereits erwähnte Anamnesis (Wiedererinnerung) bezeichnet.[7] Deshalb ist wahre Meinung in ihrer Wertigkeit gegenüber dem Wissen geringer einzuschätzen.

Bevor im Folgenden auf das Liniengleichnis aus der Politea eingegangen wird, soll dem Menon Dialog eine kurze Reflexion widerfahren. Wie erwähnt, gehört dieser Dialog zu den Frühwerken von Platon. Er eignet sich für den Einstieg in das platonische Denken besonders gut, da das „sokratische“ Denken und seiner Voraussetzungen, die formale Anwendung der logischen Grundsätze des Satzes vom Widerspruch, vom ausgeschlossenen Dritten und vom zureichenden Grund in ihm deutlich sichtbar sind.[8] Denn durch die Anwendung dieser Grundsätze im Denken ist die erwähnte Wissens-Anbindung erst sinnvoll möglich. Von der Unterscheidung zwischen Wissen und Meinung richtet sich im folgenden der Fokus auf die Frage, wie es sich mit dem Wissen und der Wahrnehmung bzw. Erkenntnis verhält, oder anders ausgedrückt, wie der Erkenntnisweg des Menschen verläuft. Dies wird durch das Liniengleichnis deutlich.

Jenes Liniengleichnis findet sich im sechsten Buch (509c - 511e) der Politea. Platon teilt die Welt in zwei Teilwelten, in die Sensibilia (das Sichtbare) und die Intelligiblia (das Denkbare), deren ungleiches Verhältnis zugunsten der Intelligiblia geht, da sie den größeren Abschnitt zugeordnet bekommt.[9] Hiermit bildet Platon sein Verständnis ab, dass sich die wahre Erkenntnis durch Einsatz der Vernunft und nicht durch die Sinne manifestiert.

[...]


[1] Für den griechischen Wertbegriff Areté lässt sich nach Kranz 1994, S.95 (Übersetzerin der Menon-Ausgabe von Reclam jun.) keine ausreichend entsprechende Übersetzung ins Deutsche finden. Denn einerseits entspricht dem griechischen Areté die Funktionalität und Tauglichkeit bei Dingen, andererseits ist damit ebenfalls das Erfolgreich-Sein des Menschen gemeint, dass sich nach Kranz am besten mit dem Begriff der Tüchtigkeit übersetzen lässt. Jedoch warnt Kranz davor, den Begriff der Tüchtigkeit mit einer moralischen oder sittlichen Haltung gleichzusetzen, sodass mit Kunstwort Gutsein gearbeitet wird, da dieses Wort besser geeignet ist die Bedeutungsbreite von Aretè einzufangen (Reclam Ausgabe zweite Fussnote).

[2] Menon 70a

[3] Vgl. ebd. 73d

[4] Vgl. Menon 74a

[5] „Der Mensch kann seine Suche weder auf etwas richten, was er weiß, noch auf etwas, was er nicht weiß; den er dürfte wohl kaum seine Suche auf etwas richten, was er weiß — er weiß es ja, und wer etwas weiß, braucht seine Suche nicht darauf zu richten — und wohl auch nicht, was er nicht weiß, den er weiß ja nicht, worauf er seine Suche richten soll“ (Menon 80e); zur Anamesis (ebd. 85c)

[6] Vgl. Menon 97b

[7] Vgl. ebd. 98a

[8] Vgl. Zehnpfennig 2005, S. 60f

[9] Vgl. Politea 509d

Details

Seiten
5
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640817511
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v165683
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,7
Schlagworte
Platon Liniengleichnis Hypothesen Wissen Meinung Wahrnehmung Erkenntnis Politea Menon Der Staat

Autor

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