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Die Tradition der Maria Magdalena in ihrer frühchristlichen Ausprägung

Seminararbeit 2008 25 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Maria Magdalena in der biblischen Überlieferung
2.1. Überblick über die Texte
2.2. Lk 8,1-3
2.3. DiePassions-undOsterüberlieferungen derSynoptiker
2.4. Die Passions- und Osterüberlieferung nach Johannes
2.5. Zusammenfassung: Die Charakterisierung von M.M. in der biblischen Überlieferung

3. Maria Magdalena in gnostischen Schriften
3.1. DieQuelle: DieNag-Hammadi-Schriften
3.2. Überblick überdieTexte
3.3. DasEvangeliumnach Maria
3.4. DasEvangeliumnach Philippus
3.5. DiePistisSophia
3.6. Weitere christlich-gnostische Schriften
3.7. Zusammenfassung: Die Charakterisierung von M.M. in der gnostischen Überlieferung

4. Auswertung: Die biblische Überlieferung und die Entwicklung der Tradition zu M.M. in den gnostischen Werken

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Belegarbeit erfolgt innerhalb des Seminars „Dämonen und Exorzismen in der Bibel“ im Wintersemester 2007/2008 und beschäftigt sich mit einer der wenigen dämonisch besessenen Frauen des Neuen Testaments - Maria Magdalena. Aufgrund sehr dürftiger Informationen über die Besessenheit und Heilung der Maria Magdalena im Neuen Testament, erweitere ich meine Ausführungen auf die Darstellung ihrer Per­son allgemein in frühchristlichen Schriften. Meine Aufmerksamkeit richtet sich dabei ausschließlich auf die biblische Überlieferung, sowie die gnostischen Schriften. Die Un­tersuchung von letzterem betrachte ich als wichtig und spannend, denn, wie Claudia Büllesbach passend formuliert, „die neutestamentlichen Apokryphen sind Teil der bun­ten Welt des frühen Christentums und spiegeln wichtige Bausteine der Rezeption Mari­as wider, die bis heute nachwirken“[1].

Unter dem Arbeitstitel „Die Tradition der Maria Magdalena in ihrer frühchristlichen Ausprägung“ werde ich die entsprechend relevanten Texte dahingehend befragen, was sie von Maria Magdalena und ihrer Umwelt preisgeben. Eine ausführliche Exegese und deren umfassende theologische Deutung würden den Rahmen der Arbeit sprengen. Mei­ne Intension ist es, am Ende der Arbeit zusammenzustellen, inwieweit sich biblische Elemente der Magdalenentradition in den gnostischen Schriften auffinden lassen bzw. wie diese dort erweitert oder verändert wurden.

Um dieses Ziel zu erreichen, widme ich mich vorerst der biblischen und damit ältesten Überlieferung, unterteilt in Maria Magdalenas Auftreten in Lukas 8,2 und in den Passi­ons- und Osterüberlieferungen. Bei letzterem behandle ich das Johannesevangelium ge­sondert, weil es sich von den synoptischen Evangelien in einigen für meine Ausführun­gen bedeutsamen Aspekten unterscheidet. Die gnostischen Texte, in denen Maria Mag­dalena in Erscheinung tritt, werden im zweiten Teil meiner Arbeit beleuchtet. Dem vor­weg gehen ein paar Worte über die Nag-Hammadi-Schriften - eine Handschriften­sammlung, die fast alle der erwähnten Texte beinhaltet und damit meine Grundlagenli­teratur für die gesamte Belegarbeit neben der Bibel ist.

In folge dessen, sollte ich mit Informationen ausgerüstet sein einen Überblick über die frühchristliche Magdalenentradition in Bibel und den gnostischen Texten zu geben.

2. Maria Magdalena in der biblischen Überlieferung

2.1. Überblick über die Texte

Maria Magdalena - „eine der rätselhaftesten Frauengestalten des Neuen Testaments“- wird von allen vier Evangelisten explizit genannt[2]. Laut Konkordanz taucht ihr Name, wenn auch in verschiedenen Variationen, 14 Mal im Neuen Testament auf.[3] Sie wird ausdrücklich namentlich erwähnt in Mt. 27,56. 61; 28,1; Mk 15,40.47; 16,1.9; Lk 8,2; 24,10; Joh. 19,25; 20,1. 11. 16.18. An den folgenden Stellen zwar nicht mit Namen an­geführt, ist Maria Magdalena aber „mit hoher Wahrscheinlichkeit als eine der summa­risch genannten 'Frauen' “ anzusehen: Lk 23,49.55 und Apg 1,14[4].

Schaut man sich die eben genannten Bibelstellen konkret an, fällt auf, dass sie vorwie­gend der Passions- und Osterüberlieferung entstammen. Ausnahmen bei dieser Feststel­lung bilden Apg 1, 14 und Lk 8,2. In der Apostelgeschichte handelt es sich bei der an­gegeben Stelle um einen Bericht von dem Leben der Urgemeinde in Jerusalem nach Jesu Auferstehung. Zu Beginn des achten Kapitels bei Lukas wird das Wirken Jesu in Galiläa beschrieben, wozu auch die Heilung von kranken und besessenen Menschen zählt. Im folgenden Punkt richte ich den Fokus auf die letztgenannte Bibelstelle, um mögliche Informationen über die Person der Maria Magdalena[5] zu entnehmen.

2.2. Lk 8,1-3

„In der folgenden Zeit wanderte er von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes. Die Zwölf begleiteten ihn, außer­dem einige Frauen, die er von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt hatte: Maria Magdalene, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen“ (Lk 8,1-3).

Lukas ist der einzige Evangelist, der den Bericht über Frauen, die Jesus nachfolgen und dienen, dort platziert, wohin er nach dem zeitlichen Ablauf der Geschichte auch gehört: „in die Zeit, während Jesus vor allem in der galiläischen Region der jüdisch bewohnten Gegenden des hl. Landes agierte“[6].

Insgesamt werden innerhalb der oben zitierten Passage drei der vielen Frauen, von de­nen die Rede ist, namentlich genannt: M.M., Johanna und Susanna (vgl. Lk 8,lf.). Die Erstnennung M.M.s dem Zufall zuzuschreiben, stellt sich - das sei hier vorweggenom­men- spätestens nach der Betrachtung weiterer Bibelstellen als nicht zutreffend heraus. Diese Anordnung steht durchaus in Verbindung zur Bedeutsamkeit ihrer Personen als Anhängerin Jesu.[7]

M.M. unterscheidet sich von anderen Frauen mit dem gleichen Namen durch die Anga­be ihres Heimatortes - dem galiläischen Magdala. Mit einem der größten Häfen am Nordwestufer des Sees Gennesaret galt diese stark hellenistisch geprägte Stadt durch Fischfang, Fischverarbeitung und Handel im Altertum als wohlhabend.[8] Die Bezeichnung einer Frau nach ihrem Heimatort ist eine zu dieser Zeit untypische Form. Stattdessen war es nach altisraelitischem Brauch üblich die Frau nach dem Mann zu benennen, der sie öffentlich- rechtlich vertritt.[9] Somit lässt sich spekulieren, dass M. M. allein stehend und kinderlos war. Hier deutet sich das Bild einer recht emanzipierten Frau an, die ihren Heimatort zu Gunsten der Nachfolge und Unterstützung Jesu verlas­sen hat. Oft wird sie, sicherlich mit dem Hintergrund ihrer „reichen“ Heimatstadt, als wohlhabend interpretiert, obwohl nicht sicher ist, ob die Unterstützung der Jüngerschaft materieller Art war.[10]

Nun komme ich zum spannendsten Aspekt im Bezug auf Maria Magdalena, der einen kurzen Ausschnitt ihrer Lebensgeschichte preisgibt. So heißt es in Lk 8,2, dass sie zu den Frauen gehört die Jesus „von bösen Geistern und Krankheiten geheilt hatte“. Im fol­genden Satz wird hinzugefügt, dass es sich bei ihr um genau sieben Dämonen handelt, die ausgefahren sind. Büllesbach schlussfolgert aus der Kürze dieser Anmerkung, dass es sich bei ihrer Dämonenaustreibung um ein „historisch glaubwürdiges Urstück der Magdalenen-Tradition handelt“, auf dass Lukas an dieser Stelle zurückblickt[11]. Informa­tionen zum Zeitpunkt und Ort der Heilung kommen uns nicht zu, doch könnte man da­für das erste Zusammentreffen von M.M. und Jesus in Betracht ziehen. So könnte sie nach dem Exorzismus Magdala verlassen haben und die Nachfolge Jesus angetreten ha­ben.[12] Der Leser erfahrt ebenso nichts über das bestimmte Leiden und die Art der Ob­session, doch lassen sich aus der Anzahl der Dämonen einige Rückschlüsse ziehen. „Wenn bestimmte Zahlen der Dämonen genannt werden, ist am bedeutsamsten die Sie­benzahl“[13]. Verwurzelt ist diese Siebenzahl traditionsgeschichtlich in der Astrologie und Kosmologie.[14]

Die „böse Sieben“ beschreibt das nicht zu übertreffende Ausmaß an dämonischer Be­sessenheit. Wilfried Eckey mutmaßt, dass Maria Magdalena wahrscheinlich verwirrt war und es „sich um einen schier hoffnungslosen Fall“ handelte, wie auch in Lk 11,24­26 beschrieben wird[15]. Diese schwerste Form der Bessesenheit bringt den Ausschluss aus der Gemeinschaft mit sich.[16]

Jesus befreit sie aber von diesem Leiden, so dass Dankbarkeit als Motiv der Nachfolge in Betracht gezogen werden kann. Ebenso könnten auch die Sicherheit und der Schutz den Jesus den Befreiten vor der Wiederkehr der Besessenheit gibt, ausschlaggebend für die Anhängerschaft sein.[17] Konkret belegt werden können diese Hypothesen nicht und bleiben daher nur Spekulationen.

2.3. Die Passions- und Osterüberlieferungen der Synoptiker

M.M. taucht erst innerhalb des Passionsberichtet wieder auf. Namentlich wird sie im Matthäus- und Markusevangelium als eine der Frauen am Kreuz erwähnt. Zwar werden neben M.M. andere Frauen, als die in Lk 8, 2f. genannt, doch die Erstplatzierung ihres Namens finden wir wiederholt (vgl. Mt 27,56; Mk 15,40). Bei Lukas heißt es lediglich: „Alle die Jesus kannten, auch die Frauen, die mit ihm aus Galiläa gekommen waren, standen in einiger Entfernung und sahen zu“ (Lk 23,49). Mit dem Hintergrund von Lk 8,1-3 können wir M.M. aber relativ sicher zu den genannten Frauen zugehörig identifi­zieren. Sie nimmt hier als eine Zeugin des Todes Jesu am Kreuz keine Sonderfunktion ein, indem sie etwas allein erlebt oder tut. Sie gehört zur Gruppe, steht mit ihnen am Kreuz und ist damit an entscheidender Stelle anwesend. Ihre Präsenz bleibt auch bei der Grablegung, sowie beim Grabbesuch am Ostermorgen bestehen. Mit der ausdrücklichen Namensnennung M.M.s verhält es sich bei den Synoptikern an dieser Stelle wie bei der eben beschriebenen Szene am Kreuz. Nur die Frauen, die bei Matthäus und Markus nach M.M.s Namen genannt werden, variieren (Vgl. Mt 27,61; 28,1; Mk 15,47, 16,1). Da das Markusevangelium als primär gilt, möchte ich nun von dessen Bericht aus, ver­gleichend mit Matthäus und Lukas, auf die Rolle Maria Magdalenas bei der Auferste­hung Jesu eingehen. Mit dem Motiv der Einbalsamierung des Toten kommen die Frauen am Sonntagmorgen zum Grab und entdecken den entfernten Stein (Vgl. Mk 16,1). „Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr“(Mk 16,5). Er ver­kündet ihnen die Auferweckung Jesu und trägt ihnen auf diese Botschaft den Jüngern mitzuteilen. Die Frauen werden als entsetzt und ängstlich beschrieben, so dass der so genannte erste Markusschluss unbefriedigend endet: „Und sie sagten niemanden etwas davon, denn sie fürchteten sich“ (Mk 16,8). Manche Exegeten vermuten, dass der Origi­naltext an dieser Stelle von einer Redaktion verfälscht oder gekürzt sein könnte, da Frauen als erste Zeugen der Auferstehung Jesu heikel erschienen waren. Es könnte also eine Korrektur an einer älteren Überlieferung, die die Frauen als Primärzeugen kannten, stattgefunden haben, die die Spannung zwischen Flucht und Verkündigungsauftrag her­vorruft.[18]

Bei Matthäus erfolgt die Erstverkündung durch einen Engel, bei Lukas durch zwei Män­ner in strahlenden Gewändern (Vgl. Mt 28, 2-7; Lk 24,4-7). Hier werden die Frauen zwar als erschrocken, aber voller Freude beschrieben, so dass sie den Auftrag der himmlischen Boten ausführen. (Vgl. Mt 28,8; Lk 24, 8ff.). Bei Matthäus erhält der Ver­kündigungsauftrag zusätzlich Autorität, indem der erweckte Jesus in Mt 28,9f. den Frauen auf dem Weg zu den Jüngern selbst erscheint.

Im sekundären Markusschluss, der nicht von Markus selbst stammt, können wir nun endlich wieder explizit auf Maria Magdalena zu sprechen kommen. Nach Mk 16,9 er­scheint Jesus ihr exklusiv nach seiner Auferstehung. Dort wird die Ersterscheinung aus Joh. 20, auf die ich im kommenden Punkt zu sprechen komme, „verknüpft mit einer No­tiz über die Austreibung der sieben Dämonen aus Lk 8 und mit dem Motiv des Unglau­bens der anderen aus Lk 24,11 (Mk 16,11)“[19].

[...]


[1] Büllesbach, 12.

[2] Frenschowski, 815.

[3] Vgl. Grosse Konkordanz, 988.

[4] Synek, 23.

[5] Im folgenden Verlauf der Arbeit abgekürzt mit: M.M.

[6] Eckey, 368.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. Synek, 26.

[10] Vgl. dazu Eckey, 368; Frenschowski, 815; Büllesbach, 82.

[11] Büllesbach, 86.

[12] Vgl. ebd, 89.

[13] Böcher, 281.

[14] Vgl. Büllesbach, 88.

[15] Eckey, 369.

[16] Vgl. Büllesbach, 88.

[17] Vgl. Eckey, 369.

[18] Vgl. Büllesbach, 60f.

[19] Petersen, 98f.

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640818624
ISBN (Buch)
9783640821846
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166062
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Evangelische Theologie
Note
1,0
Schlagworte
Maria Magdalena Neues Testament Frauen Besessenheit Bibel gnostische Schriften Nag-Hammadi-Schriften Osterüberlieferung

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Titel: Die Tradition der Maria Magdalena in ihrer frühchristlichen Ausprägung