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Das Bürgertum bei Theodor Fontane - Das Bürgertum im Spiegel der Berliner Gesellschaftsromane "L'Adultera" und "Frau Jenny Treibel"

Wissenschaftlicher Aufsatz 2010 19 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Das Bürgertum bei Theodor Fontane

I. Einleitung: Die Gesellschaftsordnung der „Gründerzeit“ und der

geschichtliche Hintergrund

1. Die hierarchisch gegliederte Sozialstruktur

Die Gesellschaftsordnung der Gründerzeit kann man sich grob vereinfacht als ein hierarchisches Schichtenmodell in Gestalt einer Pyramide vorstellen: An der Spitze stehen der Kaiser und seine Familie, dann folgen - zur Basis hin sich zunehmend verbreiternd - der Hof, der Adel, das Bürgertum, untergliedert in Besitzbürgertum (industrielles Großbürgertum) und Bildungsbürgertum (Beamte, Professoren, Gymnasiallehrer), eine zu Beginn des Kaiserreichs noch stark vertretene Schicht der in Land- und Forstwirtschaft tätigen ländlichen Bevölkerung und ein sich gegen Ende des Jahrhunderts entwickelnder 'neuer Mittelstand' der Angestellten. Die zunehmende Industrialisierung führte jedoch zu einer Abwanderung aus ländlichen Gebieten in die großen Städte, damit - vor allem in Berlin und im Ruhrgebiet - zu einem Wachstum der großstädtischen Bevölkerung (Verstädterung) und einem starken Anstieg des Proletariats. [1]

Das ausschlaggebende Kriterium für den Status innerhalb dieser sozialen Hierarchie war nicht mehr das Geburtsprivileg in der herkömmlichen Ständegesellschaft, sondern der materielle Besitz einer sich neu entwickelnden Klassengesellschaft. Der Adel war jedoch bestrebt, um jeden Preis seine priviligierte Stellung zu erhalten, was sich unter anderem in seiner Bevorzugung beim Eintritt ins Offizierskorps zeigte. In diesem Modell steht die zahlenmäßige Größe einer jeweiligen Schicht ungefähr im umgekehrten Verhältnis zu ihrer Macht. Während die oberen Schichten - vor allem der Adel und das Besitzbürgertum - bemüht waren, ihre Besitzstände zu wahren oder - besser noch - aufzusteigen in der sozialen Hierarchie, drohte andererseits auch ein sozialer Abstieg oder sogar ein völliges Scheitern. Dazu findet man in Fontanes Romanen "Frau Jenny Treibel" und "L'Adultera", folgende Beispiele:

- Jenny Treibel steigt durch Heirat vom Kleinbürgertum zum Besitzbürgertum auf;
- Leopold Treibel würde an sozialem Prestige verlieren, wenn er Corinna Schmidt heiratet (was seine Mutter eben darum nicht zulässt);
- Melanie van der Straaten verliert beträchtlich an sozialem Ansehen, als sie ihren Mann verlässt und Ebenezer Rubehn heiratet.

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[1] Zu den Abschnitten 1. - 4. dieser Einleitung vgl. Berghahn, Volker: Abschnitt B. Gesellschaft, § 5 Bevölkerungsstruktur und -entwicklung (S. 91 - 101) und § 6 Soziale Schichtung und Ungleichheit der Lebenslagen (S. 101 - 121). Einen guten Überblick bietet auch Grundmann, Herbert (Hrsg.): § 38 Die sozialen Strukturen (S. 241 - 250) und § 39 Wissenschaftliche und geistige Strömungen im Kaiserreich (S. 250 - 261).

2. Wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklung

Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I zum Deutschen Kaiser gekrönt und Otto von Bismarck zum Reichskanzler ernannt. Bismarcks Innenpolitik war vor allem darauf ausgerichtet, das Einheits- und Machtbedürfnis des nationalliberalen Bürgertums zu befriedigen. Die bestehende Gesellschaftsordnung wurde durch die Machtelite von Adel, Großbürgertum, Militär und Beamtenschaft (die tragenden Säulen des Staates) bestimmt.

Das im Zuge der Industrialisierung und des medizinischen Fortschritts einsetzende extreme Bevölkerungswachstum in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts führte in den Städten, durch die Zusammenballung von Arbeitern in elenden Massenquartieren bei gleichzeitig niedrigen Löhnen, zu einer Situation enormer sozialer Spannungen. Den Bedürfnissen der Arbeiterschaft wurde durch das sozialpolitische Reformwerk von 1881-1889 (Sozialversicherung) Rechnung getragen. Dieses wurde aber durch das Sozialistengesetz von 1878 (verstärkte Kontroll- und Unterdrückungsmaßnahmen gegen die sozialistische Arbeiterbewegung) relativiert.

Die Reparationszahlungen Frankreichs an Deutschland von 1871 bis 1873 lösten mit der ungeheuren Summe von 5 Milliarden Goldfrancs einen Boom in der Gründung neuer Firmen aus. Bestehende Firmen wie Krupp erweiterten ihre Produktion erheblich und beschäftigen viele neue Arbeiter. Die Firma Krupp wurde damit das größte Eisen und Stahl erzeugende Unternehmen der Welt.

3. Das Bürgertum

Viele Bürger erzielten enorme Gewinne durch Spekulation an der Börse. Dadurch gewann das Bürgertum großes Prestige, seine Vertreter wurden aber von der adligen Bevölkerung oft abwertend als „Neureiche“ oder "Parvenus" (Emporkömmlinge) angesehen. Große Teile des wohlhabenden Bürgertums waren der Ansicht, dass alle politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fragen und jeder Fortschritt nur im Rahmen eines Nationalstaates gelöst bzw. verwirklicht werden könnten. [1] Dafür war - auch bei sonst unterschiedlichen politischen Auffassungen - die Entwicklung einer „vaterländischen Gesinnung“ unabdingbar. Die Ausführung des politischen Willens delegierte man jedoch in der Regel an die dafür bestimmten Funktionsträger und verhielt sich im Alltag eher unpolitisch, wenngleich - wie man in Fontanes Romanen sehen kann - das politische Tagesgeschehen im privaten Kreise oft ausgiebig diskutiert und kommentiert wurde. Schon nach der gescheiterten Revolution von 1848 war man

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[1] Vgl. hierzu Park, Eue-Choon: Seite 65

dazu übergegangen, sich auf die sogenannten bürgerlichen Tugenden zu besinnen. Nach den unruhigen Zeiten verspürte man ein Bedürfnis nach Ruhe und suchte Freiräume für Reflektion, Fantasie, Poesie, Kunst und gepflegte Konversation. Angst vor dem Chaos und den politischen Kampfparolen der Straße verstärkten den Wunsch nach einer gewaltfreien Sprache und nach Harmonie und Ordnung.

4. Aristokratismus und „Feudalisierung“ des Bürgertums

In vielen Kreisen des Besitzbürgertums gab man sich einem zügellosen Genussleben hin. Man bewunderte den Lebensstil des Adels und wollte daran teilhaben. Das Streben nach adliger Gesinnung und adligem Lebensstil führte oft dazu, dass man vermeintlich adlige Verhaltensweisen kopierte und sich im gesellschaftlichen Auftreten um adlige Vornehmheit bemühte. Nach Bucher (Seite 103) führte die Anpassung an Normen und Wertvorstellungen des Adels zu einer „Feudalisierung“ des Bürgertums. Es war erstrebenswert „Junker“ zu werden, d. h. sich adeln zu lassen. Dieses Bestreben fand seinen Ausdruck u. a.

- in der Wohnkultur (prachtvolle Villen mit großzügig angelegten Parks oder Gärten wie im Roman „L’Adultera“);
- in den Formen der Geselligkeit und des Auftretens (Kutschieren, Land- oder Bootspartien, Ausritte, Jagd);
- in der Kindererziehung (gute Manieren, gewählte Sprache, Betonung von Bildung und Kunst).

Als sich die industriell-großkapitalistischen Strukturen, die vor allem auf der Verflechtung von Großfinanz und Schwerindustrie beruhten, endgültig durchsetzten, wurden der Aristokratismus und die Beschäftigung mit Kunst und Literatur für das gesellschaftliche Auftreten immer bedeutsamer. Reiche Fabrikanten und Bankiers legten sich umfangreiche Kunstsammlungen an. Die Innenwände luxuriöser Villen wurden – quasi auf Bestellung – mit Originalgemälden berühmter Meister verziert. [1] Die Verbindung von Grundbesitz, Geld und Geist (nach Eduard von Hartmann, dem Modephilosophen der Gründerzeit, "Grundaristokratie", "Geldaristokratie" und "Bildungsaristokratie") sollte die künftigen Kulturträger erzeugen. Aristokraten und Bürger, Gelehrte und Geschäftsleute bildeten eine höhere gesellschaftliche Klasse. Das Bündnis führte zu einer Kapitalisierung des Adels und - wie oben bereits erwähnt - einer Feudalisierung des Bürgertums. (Vgl. hierzu Bucher, Seite 104 - 106) Die Orientierung am Lebensstil des Adels und das Bestreben, sich gesellschaftlich aufzuwerten, führte auch zu ehelichen Verbindungen zwischen Adel und Bourgeoisie (von Fontane in „L’Adultera“ literarisch

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[1] Ein beeindruckendes Beispiel hierfür ist die luxuriöse Innenausstattung der van der Straatenschen Villa, insbesondere die imposante Ansicht des Speisesaals, die den Besucher in Erstaunen und Bewunderung versetzte. (L'Adultera, S. 25)

verarbeitet). Auf diese Weise erhielt der Adel den oft willkommenen finanziellen Rückhalt und befriedigte gleichzeitig die sozialen Ambitionen des Bürgers, seinen gesellschaftlichen Status zu verbessern und einen adligen Lebensstil zu pflegen. So bildeten viele Vertreter dieser gesellschaftlichen Gruppen eine eine Art symbiotische Verbindung, von der beide Seiten profitierten. Darüberhinaus verstanden sie sich auch als politische Interessengemeinschaft, die die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung gegen die Arbeiterbewegung verteidigten.

II. Fontane und das Bürgertum

1. Fontanes bürgerliche Herkunft

Fontane kam aus einem einfachen bürgerlichen Milieu ohne Adelsprädikat oder bedeutendes Vermögen. Er schien nicht sonderlich gut gerüstet für ein sorgloses Leben in Wohlstand und Überfluss. Dafür gibt folgende selbstironisch gemeinte Äußerung beredtes Zeugnis ab: „Ohne Vermögen, ohne Familienanhang, ohne Schulung und Wissen, ohne robuste Gesundheit bin ich ins Leben getreten, mit nichts ausgerüstet als einem poetischen Talent und einer schlecht sitzenden Hose.“[1] Für seine Söhne Theo und Georg nutzte er daher gern die Aufstiegschancen des Militärs, dessen Prestige nach drei gewonnenen Kriegen deutlich zugenommen hatte und dessen hohe Kommandostellen überwiegend in der Hand des Adels waren. Für viele Vertreter des Bildungsbürgertums war der Rang eines Reserveoffiziers äußerst erstrebenswert. Dahinter stand nicht nur die Auffassung von der militärischen Ausbildung als selbstverständlicher und nicht zu hinterfragender Dienst am Staat, sondern die Ernennung zum Offizier wurde auch als eine Art Ersatznobilitierung und als gesellschaftliche Aufwertung empfunden. Dem Reiz des damit verbundenen Zuwachses an Ansehen und Bedeutung konnte Fontane sich offensichtlich nicht völlig entziehen.

2. Fontanes Positionen zum Bürgertum

Wie eine ganze Reihe seiner Briefe belegen, war Fontane war dem wirtschaftlichen Aufschwung seiner Zeit gegenüber grundsätzlich positiv eingestellt. Er verstand sich nicht als naiver Idealist und Weltverbesserer. Technischer Fortschritt und Reichtum waren ihm an sich willkommen, sofern sie mit strebsamer Arbeit verbunden waren. Er wandte sich jedoch entschieden gegen Wohlstand und übertriebenen Luxus, der durch Spekulation

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[1] Brief an Georg Friedlaender vom 03.10.1893, in: Drude, Otto u. H. Nürnberger: Bd. 4, Seite 299

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Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640819812
ISBN (Buch)
9783640822980
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166084
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Philosophische Fakultät
Note
"-"
Schlagworte
bürgertum theodor fontane bürgertum spiegel berliner gesellschaftsromane adultera frau jenny treibel

Autor

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