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Die Bildungstheorie des Wilhelm von Humboldt

Ein Überblick

Seminararbeit 2008 30 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bildung, Beziehung und Sprache

3 Besuch in Tegel

4 Humboldts Menschenbild

5 Bildung – Staat – Gesellschaft

6 Bildung und Individuum

7 Bildung und Interkulturalität

8 Bildung – Ästhetik – Kunst

9 Bildungstheorie und Bildungsroman

10 Bildungsreform

11 Aktualität

1 Einleitung

Wenn bei Wilhelm von Humboldt (1767-1835) von Bildung gesprochen wird, so ist dieser Begriff mit persönlicher Menschwerdung bzw. mit Selbstbildung verbunden. Die Grundlage seiner Bildungsidee war die Beziehung zu anderen Personen. Es konnte sich um Beziehungen zwischen Lehrern und Lernenden, aber auch zwischen Freunden oder liebenden Menschen sein. Die Selbstbildung steht also immer in Zusammenhang mit Beziehungserfahrung. Für Humboldt war Bildung ein Prozess, in welchem der Mensch durch geistige Anstrengungen versucht, bezüglich sich und der Welt Wissen anzueignen. Dadurch konnte ein Individuum auf seine Menschwerdung hin arbeiten. Die Welt des ‚Mitmenschlichen’ offenbarte sich für Humboldt als ‚Bildungswelt’.

Bildung entsteht zudem durch die Sprache. Diese vermittelt zwischen Denk- und Welttätigkeit. Sprachzeichen sind mit zeitlich geordneter Abfolge von Tönen gleichzusetzen. Die Sprache fungiert beim Menschen als Medium, um andere Individuen überhaupt erst zu verstehen. Humboldt bezeichnet die Sprache als ein Mittel, durch welches der Mensch im selben Atemzug sich selbst und die Welt bildet, bzw. sich seiner bewusst wird. Der Mensch steht somit in einer wechselseitigen Beziehung zur Außenwelt. Die Sprache wird zur ‚Vermittlungsinstanz’ zwischen der Welt und dem Menschen.

Ich beziehe mich im ersten Teil der Arbeit vorwiegend auf die von Weisz (2004) untersuchten sieben Briefphasen zu unterschiedlichen Themen und Zeitabschnitten von 1787-1797. Die weiteren Kapitel geben jeweils einen kurzen Überblick zu ausgewählten Themenbereichen.

2 Bildung, Beziehung und Sprache

Humboldt bezeichnet die Sprache als das Mittel, durch welches ein Individuum zugleich sich selbst und die Welt bildet. Indem ein Mensch zwischen der Person und der Welt unterscheidet, wird er sich seiner bewusst. Bereits als Kind lernte Wilhelm von Humboldt im Privatunterricht verschiedene Sprachen. Später, während der Reisen durch Frankreich und die Schweiz, kamen neue Sprachen hinzu. Nach seiner Hochzeit mit Caroline von Dacheröden führte ihn sein Weg bis ins Baskenland. Weitere Reisen intensivierten seine Sprachkenntnisse. Nach seiner Rückkehr arbeitete Wilhelm von Humboldt ab 1809 im preußischen Staatsdienst. Von da an widmete er sich dem Studium der amerikanischen Sprache. Die Jahre von 1820 bis 1835 waren eine sehr produktive Zeit, in der er viele Schriften veröffentlichte. Humboldt setzte sich mit nahezu 100 Sprachen auseinander, darunter sogar mit Arabisch oder Chinesisch. In der Sprachforschung sucht er eine philosophische Grundlage für all diese Sprachen. Entsprechendes Material sammelte Humboldt auf Reisen oder aus Briefen. Ziel war es, die Natur der Sprachen selbst zu begreifen.

Spekulative Methoden – das Nachdenken über die Sprache – dienten dem Wissenschaftler dazu, die Sprachen zu vergleichen und Gemeinsamkeiten zu finden. Das Wesen der Sprache ist etwas, das in jedem Augenblick vorübergeht. Der Augenblick des Sprechens selbst ist ein geistiger Prozess, der im Moment des Sprechens erschaffen wird. Der Mensch ist Sprache und Zeichen suchend, denn Sprachzeichen sind nötige Töne, um seine Welterfahrung mitteilen zu können. Die Vorstellung einer Blume ist für alle bekannt. Aber jeder hat davon ein anderes, individuelles Bild vor Augen. Die Sprache dient als Medium, um den Menschen überhaupt zu verstehen. Sie ist das Werk des Menschen und Ausdruck der Welt. Zudem hat sie eine Vermittlungsfunktion zwischen Denken und Welttätigkeit inne. Durch Sprache und Individualität hängt der einzelne Mensch immer mit dem Ganzen zusammen. Er ist ein geselliges, hilfsbedürftiges und sehnsüchtiges Wesen. Die Sprache verlangt danach, an ein Individuum gerichtet zu werden. Sie hat weltvermittelnde (worüber reden wir) und intersubjektive (ich spreche oder höre) Dimensionen. Sprache kann Erfahrungen ausdrücken und besitzt somit eine Vermittlungsleistung. Zudem wohnt ihr eine inhaltsbezogene und beziehungsbezogene Seite inne. Beide sind nicht von einander zu trennen. Sprache ist so individuell wie die Menschen, e ine Weltsprache würde insofern auch nur zu einer Sicht der Welt führen.

Um mit anderen kommunizieren zu können, mussten diese Personen zu Humboldts Zeit an Ort und Stelle sein. War dies jedoch nicht der Fall, blieb nur die Möglichkeit der schriftlichen Kommunikation in Form von Briefen. Die Bedeutung des Briefs als Medium ist an sich nichts Neues. Vor dem Hintergrund der epochalen Entwicklung zu Zeiten Wilhelm von Humboldts erreicht der Brief jedoch einen wahren Höhenflug, denn das Schriftstück war die einzige Möglichkeit, dem Adressaten erste Eindrücke und Schlüsse über den Charakter des Verfassers zu gewähren. Doch warum erlebte der Brief eine solche Beliebtheit? Man stelle sich vor – die Leute waren zu dieser Zeit hungrig nach Neuem. Medien, wie sie unser heutiger Alltag mit sich bringt, galten als Utopie. Die Emanzipation des Bürgertums war in jenen Jahren maßgeblich daran beteiligt, dass Briefe eine solche Bedeutung erlangten.

„Durch Briefwechsel finde eine Diskurs-Teilhabe statt, weil sie die dialogische Struktur der Aufklärung durch das Medium der Verschriftlichung befördere. Subjektives könne als ‚innere Erfahrung’, als das ‚Verborgene des Herzens’ thematisiert werden. Dazu käme aufgrund der verzögerten Kommunikation über die Distanz ein Zugewinn an Reflexion und Selbstbewusstsein.“ (Weisz 2004, 85)

Das Schreiben ist also auch eine kontemplative Angelegenheit, und der Brief fungiert als Spiegel der Seele. Mit der Verschriftlichung wird eine private Aussage zu einer gesellschaftlichen Angelegenheit. Das ‚intime Dokument’ wird öffentlich und teilweise literarisch. Die Briefkultur ist in jenem Jahrhundert dafür bezeichnend. In diesem Zusammenhang kommt auch Wilhelm von Humboldts Verständnis von Bildung erstmals zur Sprache (vgl. Weisz 2004, 57).

Die Briefe von Wilhelm und Caroline hatten gesundheitliche, berufliche und familiäre Gründe. Unzählige dieser Briefe wurden zwischen 1787 und 1835 geschrieben. Wilhelm von Humboldts sieben Briefbände beginnen 1787 mit den ‚Briefen aus der Brautzeit’. Diese beinhalten sowohl das erste Kennen lernen mit Caroline als auch der Beitritt zum Tugendbund. Der so genannte Tugendbund wurde etwa 1787 von Henriette von Herz gegründet. Dieser Zirkel hatte eher privaten Charakter, wo hingegen der Salon eine öffentliche Stätte der Begegnung bot. In diesem war es vielen Personen möglich sich auszutauschen. Der Tugendbund bestand demgegenüber nur aus sieben Personen. Zu ihnen gehörten neben Henriette noch Dorothea Veit, Caroline von Dacheröden, Carl von Laroche, sowie Wilhelm von Humboldt und Caroline von Beulwitz. Den Zweck dieses bereits 1791 wieder aufgelösten Tugendbundes beschreibt Henriette von Herz folgender Maßen:

„Der Zweck dieses Bundes, einer Art Tugendbund, war gegenseitige sittliche und geistige Heranbildung sowie Übung werktätiger Liebe. Er war ein Bund in aller Form, denn wir hatten auch ein Statut und eigene Chiffern, und ich besaß noch in späteren Jahren manches von der Hand Wilhelm von Humboldt in diesen Chiffern Geschriebenes.“ (Weisz, 2004, 62)

Die Aufgabe des Tugendbundes lag also in der Erforschung und Kenntnis des individuellen Menschen, aber auch der Kenntnis der Seele und die Kultivierung des seelischen Austauschs zur gegenseitigen Stärkung und Persönlichkeitsentwicklung (vgl. Weisz 2004, 63 f.).

In der ersten Briefphase wurden viele Fragen zwischen Caroline von Dacheröden und Wilhelm erörtert und geklärt. Bis zu ihrer Hochzeit waren es beispielsweise organisatorische Fragen sowie Fragen zur Haushaltsgründung. Die zweite Phase beinhaltet wesentlich weniger Briefe, da es nach der Hochzeit und dem Leben auf dem Landgut in Burgörner nahezu keine Anlässe zum Schreiben gab. In den restlichen Briefphasen bis 1797 werden kürzere Trennungen von Caroline und Wilhelm beschrieben. Die Geburt ihrer Kinder und die damit verbundenen Schwierigkeiten gaben erneut Anlass für schriftlichen Austausch. Der Begriff der Bildung wird für Wilhelm immer mehr von Bedeutung, da die Kindererziehung in seinem weiteren Lebensverlauf zur Notwendigkeit wird.

Die wiederholte und lange Abwesenheit zwischen Caroline und Wilhelm konnte zwar gemeinsam Versäumtes nicht Ungeschehen gemacht werden. Durch den regen Briefwechsel wurde jedoch ein Gefühl der Nähe, Teilhabe und Verbundenheit aufrechterhalten. Dies war zu der damaligen Zeit ein sehr wichtiger Faktor. Denn, „fällt die Möglichkeit der direkten Kommunikation weg, so wird verstärkt auf die Möglichkeit indirekter Kommunikation in schriftliche Form zurückgegriffen.“ (Weisz 2004, 88)

In dieser Form fällt jedoch die Intimität des gesprochenen Wortes weg, da der Brief nun – theoretisch – für alle Welt zugänglich ist und eine objektive Existenz besitzt. Die schönsten und traurigsten Augenblicke im Leben konnten dadurch aber für immer präsent sein. Mit Hilfe der brieflichen Dokumentation überdauern sie den Tod und bezwingen die Materie.

In Wilhelms Briefwechsel mit Caroline ist mehrmals zu erkennen, dass Feststellungen von Seiten Wilhelms auf die konkrete Lebensgestaltung im Rahmen der Beziehungen des Tugendbundes ausgerichtet sind. Nach seinen Ausführungen fallen Selbstbildung und Lebensgestaltung also zusammen (vgl. Weisz 2004, 84f.). Sowohl Wilhelm als auch Caroline sprechen oftmals von Individualität. Zwar haben beide Personen einen etwas anderen Zugang zu diesem Begriff, jedoch sehen sie die Individualität als „vorausgesetzte und fundamentale Andersheit.“ (Weisz 2004, 90)

Bildung bedeutet für Wilhelm von Humboldt Menschenbildung, die Bildung des Selbst. Diese Selbstbildung ist aber nicht als Selbstzweck zu verstehen. Damit verbunden ist der reflexive Charakter des Bildungsbegriffs. Dabei besteht eine Abgrenzung von der inneren zur äußeren Welt. Entsprechend dieser Annahme der Abgrenzung werden auch Beziehungen wahrgenommen. So besteht eine Annahme darin, „dass es im alltägliche Umgang darum geht, die sichtbare Welt zu enträtseln.“ (Weisz 2004, 95) Es geht bei dieser Frage darum, den – wenn man so will ‚Ursinn’ – hinter den Dingen zu erkennen. Eine weitere Annahme geht davon aus, „dass es so etwas wie ein [sic!] dahinter liegende Verbindung mit der ganzen Menschheit gibt. Jede Wahrnehmung dieses Ursinnes im individuellen Gefühl habe eine unmittelbare und bereichernde Rückwirkung auf die Menschheit im Ganzen.“ (Weisz 2004, 95)

Hier spricht Humboldt m. E. die Ganzheitlichkeit des Menschen an, welche jedoch in unserer heutigen Zeit großteils nicht mehr wahrgenommen wird. Die moderne Gesellschaft trennt und teilt in nahezu allen Bereichen des Lebens. Die Wissenschaft spezialisiert sich, dringt immer tiefer in neue, bisher noch unbekannte Dimensionen vor. Die Technik des 21. Jahrhundert macht es möglich. Gentechnologie, Robotik und Nanotechnologie werden bald in der Lage sein, „fast alle Krankheiten und körperliche Probleme zu lösen.“ (Joy 2001, 49)

Verschwindet – mit der bereits Realität gewordenen Implementierung mechanischer Teile in den menschlichen Körper – irgendwann auch die Individualität? Oder der Sinn für Ästhetik und Schönheit? Werden Worte, wie sie Wilhelm von Humboldt formuliert, für immer der Vergangenheit angehören?

„Denn kennst du ein höheres Glück, als das Anschauen einer schönen Seele? Oft werden wir dann finden, daß wir auch gleich waren, daß unsre Gefühle sich begegneten, eh wir uns sahen. Das gibt dann so hohe Freude, denn es gibt die Ahndung einer Verwandtschaft des geistigen, die hetzt nur oft unserm Blick unsichtbar ist, weil wir bloß aus der Zeichensprache des Sinnlichen den Ursinn enträtseln, aber vielleicht einmal offenbar – dann werden wir´s fühlen, dann erst, wie das Gute selbstständig ist und an keine Persönlichkeit gebunden, und wie ein schönes Gefühl, wenn es auch nie in Wort oder Handlung übergeht, die Menschheit bereichert.“ (Sydow 1910, 152)

Obwohl dem Menschen als sinnliches und geistiges Wesen eine doppelte Wesensbestimmung zugesprochen wird, sind die Individualität und der damit verbundene freie Wille in Gefahr. Der Mensch besteht nur noch aus Einzelteilen, die Ganzheit wurde ihm abgesprochen. Die menschliche Individualität wird somit bald nur noch Erinnerung oder ein Wort auf dem Papier sein. Zumindest kann sie so nicht vergessen werden – wie schon Caroline von Dacheröden bei Wilhelm von Humboldts Briefen fand: „Ich bewahre sie zum ewigen Andenken.“ (Sydow 1910, 36) Mehr wird von der menschlichen Individualität wohl auch kaum bleiben – schreitet die Entwicklung weiter so voran.

Bildung bestand nach Vorstellung von Humboldt aus vielen Bereichen. Einer davon ist die Menschwerdung. Dieser Begriff beinhaltet innere, sittliche, moralische und auch geistige Bildung. Nach Humboldt verfolgt jegliche Bildung nur ein Ziel:

„Über den äußeren Zweck hinaus zu gehen und auf die so genannte ‚inneren Zwecke’ zu wirken. Dieses ‚Innere’ besteht im Menschen selber und lässt sich daran erkennen, ob er an ‚wahrer eigentlicher Vollkommenheit’ gewinnt.“ (Weisz 2004, 128)

Damit diese Vervollkommnung geschehen kann, bedarf es der individuellen Freiheit des Menschen. Demgegenüber steht jedoch die äußere Welt, beispielsweise in Form vom Zwang des Staates. Dieser darf nicht der Erzieher des Menschen sein, denn so würde die Selbstbildung des Menschen leiden. Um diesem Problem aus dem Weg zu gehen, schreibt Humboldt über den Staat:

„Je tiefer er den Menschen studirt, desto vollständiger und befriedigender wird die Auflösung dieses Problems sein; je mehr er nur von der Oberfläche schöpft, je eingeschränkter seine Ideen von Menschenbestimmung und Menschenwerth sind, je mehr er bei äussren Handlungen und Beziehungen, äussrem Genuss und Entbehren stehn bleibt, desto weniger wird er seinen Endzwek erreichen.“ (Humboldt1960, 8)

Humboldt ist der Ansicht, dass die Entwicklung des Menschen von innen her erfolgen muss. Alle Einwirkungen von außen sind demzufolge zum Scheitern verurteilt, da es zu einer Missachtung der Eigenlogik kommt (vgl. Weisz 204, 143).

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Details

Seiten
30
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640818938
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166154
Institution / Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
1,0
Schlagworte
Bildung Bildungstheorie

Autor

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Titel: Die Bildungstheorie des Wilhelm von Humboldt