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Wie entscheiden Wähler, wen sie wählen?

Untersuchung zweier klassischer Theorien zum Wahlverhalten und deren Anwendbarkeit bei der Deutung der Ergebnisse der Wahlen zum Deutschen Bundestag 2005

Hausarbeit 2009 39 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhalt

1) Wahlen und Wahlverhalten
1.1) Wahlforschung
1.2) Literaturbericht

2) Erklärungsmodelle zum Wahlverhalten
2.1) Sozialstrukturelle Determination des Wahlverhaltens
Der mikrosoziologsiche Ansatz
Der makrosoziologische Ansatz
2.2) Wahlentscheidung als Rational-Choice des Individuums

3) Die Bundestagswahl 2005
3.1) Anmerkungen
Ergebnisse der Wahl
Untersuchungsfaktoren
Die Nachwahlstudie des WZB
3.2) Traditionelle Cleavages als Grundlage der Wahlentscheidung
Die traditionelle Konfliktlinie zwischen Staat und Kirche
Kapital vs. Arbeit: Ökonomische Faktoren im Cleavage System
Anwendbarkeit der sozialstrukturellen Modelle
3.3) Rationales Wählerverhalten
Ideologische und programmatische Verortung
Vergleich innerhalb der CSES Studie
Vergleich mit den Ergebnissen der Bundestagswahl
Anwendbarkeit des Rational-Choice Modells
3.4) Wie lässt sich Wahlverhalten erklären?

4) Literaturverzeichnis

5) Abbildungsverzeichnis

6) Anhang

1) Wahlen und Wahlverhalten

1.1) Wahlforschung

Der Artikel 20 des Deutschen Grundgesetzes betont den besonderen Stellenwert der Wahl als direkte Ausübung der allein vom Volk ausgehenden Staatsgewalt durch eben dieses. Innerhalb jedes repräsentativ- demokratisch organisierten Staates ist die Wahl das elementarste aller politischen Werkzeuge und das primäre Machtmittel der Wähler. Durch Wahlen werden Regierende legitimiert und mit politischer Macht ausgestattet, regelmäßige Wahlen dienen als Kontrolle der Regierenden durch den Wähler, Wahlen offenbaren die Interessen- und Meinungssituation der Bevölkerung, integrieren die Wähler in den politischen Prozess und ermöglichen ihm das Einsetzen von personellen und programmatischen Alternativen in der Regierung.

Diese zentrale Bedeutung und weitreichende Konsequenzen von Wahlen innerhalb Demokratien machen sie zu einem wichtigen Untersuchungsobjekt der Politikwissenschaft. Wahlen haben sowohl direkten als auch indirekten Einfluss auf andere Bereiche der Politik und werden selbst wiederum von vielen anderen politischen und sozialen Faktoren beeinflusst.

Ein grundlegendes Ziel der Wahlforschung ist es, Einblicke in den Prozess zu gewinnen der der Entscheidung des Wählers zu Grunde liegt und dabei sowohl die individuelle Motivation als auch mögliche übergeordnete soziale Einflüsse zu berücksichtigen. Diese Arbeit geht der Frage nach wie der Entscheidungsprozess beim Wähler abläuft, welche Faktoren Einfluss auf seine Entscheidung nehmen und wie sich Wahlverhalten dadurch erklären lässt. Anhand zweier klassischer Beispiele der Wahlforschung mit grundlegend anderer Herangehensweise werden unterschiedliche Modelle beschrieben die verschiedene Erklärungsansätze zum Wahlverhalten anbieten. Anschließend werden die aktuelle Relevanz und die Anwendbarkeit der Modelle anhand der Wahlergebnisse der Bundestagswahl 2005 überprüft.

Theoretische Grundlage

Die grundlegenden Theorien hinter den vorgestellten Ansätzen stammen aus den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und gehen von zum Teil stark unterschiedlichen Einflussaktoren aus.

Der mikrosoziologsiche Ansatz der Columbia School um Paul Lazarsfeld und der makrosoziologische Ansatz der Cleavage-Theorie von Stein Rokkan gehen von einer festen sozialen Determination der Wahlentscheidung aus, die aus unterschiedlichen Einflussaktoren im sozialen Umfeld des Individuums resultiert und auf die das Individuum nur geringfügig Einfluss nehmen kann. Die ökonomische Theorie der Rational-Choice von Anthony Downs sieht die Entscheidung bei einer Wahl als Resultat einer Kosten- Nutzen-Rechnung, die das Individuum dazu bewegt, die für ihn in seiner aktuellen Situation sinnvollste Entscheidung zu treffen.

1.2) Literaturbericht

Grundlage für die Darstellung der Theorie waren die ursprünglichen Publikationen der jeweiligen Forschungsgruppen.

Im Falle des mikrosoziologischen Ansatzes war dies die Columbia School um Paul Lazarsfeld und Bernard Berelson und deren 1944 erschienene Arbeit „The People's Choice“ auf derjenigen Grundlage eine Studie zum Einfluss der Massenmedien auf das Wahlverhalten im Rahmen der amerikanischen Präsidentschaftswahlen 1940. Die Cleavage-Theorie entstammt den Arbeiten Stein Rokkans und Seymour Lipsets. In dem 1967 veröffentlichen Werk „Party Systems and Voter Alignments“ analysieren die Autoren das Entstehen und die Struktur von Parteiensystemen und zeichnen in einem Einleitungskapitel ein Modell, nach dem sich eben diese Parteiensysteme entlang gesellschaftlicher Konfliktlinien, eben den Cleavages, orientieren.

Die Theorie des Rationalen Wählers ist in der „Economic Theory of Democracy“ von Anthony Downs veröffentlicht worden, die in ihrer deutschen Übersetzung, herausgegeben von Rudolf Wildenmann, bearbeitet wurde. Downs betrachtet Entscheidungen im politischen Rahmen, damit auch die Wahlentscheidung, als Kosten-Nutzen-Kalkül, und ist mit dieser Herangehensweise, die prägend für den Rational-Choice Ansatz ist, maßgeblicher Vertreter der „Neuen politischen Ökonomie“. Eine wichtige Quelle für diese Arbeit war auch die Magisterarbeit Kai Mühlecks, der in „Gerechtigkeit und Wahlverhalten“ dem Zusammenhang zwischen persönlichem Gerechtigkeitsempfinden und Wahlverhalten nachgeht. Vor allem der theoretische Teil in dem Mühleck unterschiedliche Erklärungsmodelle zum Wahlverhalten vorstellt war sehr hilfreich. In dieser Hinsicht relevant war auch die Überblicksdarstellung „Parteien und Wahlen“ von Thomas Saalfeld.

Als leichten Einstieg in die Thematik hat sich „Wählen“ von Sieglinde Rosenberger und Gilg Seeber erwiesen, die vor allem das Modell des Rationalen Wählers eingängig und treffend beschreiben. Grundlegende Informationen zum Thema Wahlverhalten lieferte auch ein im Internet abrufbares Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung.

Die ideologische und programmatische Verortung der Parteien für den praktischen Teil der Arbeit ist dem „Handbuch der deutschen Parteien“ entnommen, das vor allem durch seinen lexikalischen Teil mit Beiträgen zu den deutschen Parteien eine Einordnung dieser innerhalb des traditionellen Cleavagesystems ermöglicht.

2) Erklärungsmodelle zum Wahlverhalten

2.1) Sozialstrukturelle Determination des Wahlverhaltens

Innerhalb des soziologischen Ansatzes lassen sich zwei unterschiedliche Erklärungsmodelle zum Wahlverhalten identifizieren. Beide, die mikrosoziologische Argumentation der Columbia School um Paul Lazarsfeld und die makrosoziologische Herangehensweise, die vor allem durch die Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan beeinflusst wurde, sehen die Stellung des Individuums innerhalb des sozialen Gefüges aus verschiedenen Subsystemen als ausschlaggebenden Faktor zur Deutung des Wahlverhaltens an. Gleichwohl unterscheiden sich die beiden Modelle wesentlich in der Entwicklung und der Interpretation dieser Aussagen. Der mikrosoziologische Ansatz betont die Interaktion des Akteurs mit seinem engeren sozialen Umfeld und die dadurch entstehendenäu ß eren Einwirkungen auf sein Wahlverhalten; der makrosoziologische Ansatz geht von politischen Interessen und Präferenzen des Individuums aus, die aus seiner sozialen Lage innerhalb eines gr öß eren Systems definiert werden.

Der mikrosoziologsiche Ansatz

Der mikrosoziologische Ansatz wurde durch zwei Studien des als Columbia School bekannt gewordenen Forscherkreises um Paul Lazarsfeld und Bernard Berelson begründet; beide Studien untersuchten, 1944 (Lazarsfeld) und 1954 (Berelson), im Vorfeld zweier Präsidentschaftswahlen in den USA die Entstehung der Wahlentscheidung bzw. einer festen Wahlabsicht.[1] Im Zentrum der Forschung stand beide Male vor allem der Prozess aus dem eine solche Wahlentscheidung resultiert; beide Studien betrachten diesen Prozess unter differenzierten Aspekten wie etwa Wandel, Stabilität und Zeitpunkt der Wahlentscheidung.

Der Mensch als soziales Wesen

Das grundlegende Erklärungsmuster der Columbia School für die Wahlentscheidung des Einzelnen lässt sich durch ein Zitat Lazarsfelds charakterisieren: „ […] a person thinks, politically, as he is, socially. Social characteristics determine political preference.[2] Die Wahlentscheidung des Individuums ist in erster Linie durch die soziale Gruppe bestimmt der es angehört. Nach Auffassung Lazarsfelds lässt sich innerhalb eines sozialen Gefüges politisch homogenes Verhalten nachweisen und dadurch auch Rückschluss auf das Wahlverhalten der jeweiligen Mitglieder dieses Gefüges treffen.[3]

Ebenfalls durch die Einflussnahme des sozialen Umfelds erklären Lazarsfeld und Berelson die Möglichkeit einer Änderung im Wahlverhalten des Individuums. So wird diese meist in eine solche Richtung erfolgen die in seinem sozialen Umfeld dominiert. Als stärkster Einflussfaktor wird dabei die Familie und der engere Freundeskreis angesehen.[4] Vor allem in der Studie Berelsons wird auf die Neuorientierungsmöglichkeiten des Individuums innerhalb der jeweiligen Gesellschaft eingegangen und die mögliche Auflösung sozialer Bindungen mit in die Untersuchung einbezogen.

Rule of political predisposition und cross-pressures

Berelson bezeichnet den der Wahl direkt vorgelagerten Prozess des Findens einer Wahlentscheidung als „Implementation“. In diesem Prozess verfestigen sich die bereits feststehende eigene Meinung, Interesse an bestimmten Sachfragen und Themen und, anfangs vage, politische Intentionen zur Wahlentscheidung. Nach Berelson wird dieser „Implementierungsprozess“ von zwei theoretischen Konzepten bestimmt. Die „rule of political predisposition“ beschreibt eine Grundhaltung des Individuums welche von sozialen Faktoren determiniert wird, auf die nur bedingt Einfluss genommen werden kann; ausschlaggebend für diese Prädisposition sind etwa der sozioökonmische Status, die religiöse Zugehörigkeit oder der Wohnort.[5] Weiter schlussfolgert Berelson aus der Annahme, dass Individuen durchaus unterschiedlichen sozialen Subsystemen mit teilweise „entgegengesetzten sozialen Kräftefeldern“[6] angehören können, dass der Wähler während des Implementierungsprozesses durch diese verschiedenen Systeme mit politisch widersprüchlichen Anreizen konfrontiert wird.[7] Formuliert wird dieses Konzept der gegensätzlichen Einflüsse als „cross-pressures“. Unter diesem Terminus werden sowohl individualpsychologische Widersprüche, wie etwa voneinander abweichende Partei- und Kandidatenpräferenz oder die Ablehnung bestimmter programmatischer Positionen des eigentlich präferierten Kandidaten, als auch Spannungen zwischen Wähler und sozialem Umfeld zusammengefasst. Diesen Spannungen gilt die besondere Aufmerksamkeit Berelsons, der sie in zwei Gruppen unterteilt. Zum einen solche, die aus Unterschieden zwischen der eigenen und der von der sozialen Gruppe der das Individuum angehört präferierten Meinung und zum anderen solche, die aus der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen sozialen Gruppen mit divergierenden politischen Präferenzen und Interessen resultieren.[8]

Ergebnisse

Beide Konzepte, die politische Prädisposition sowie die Prioritätsregel der „cross-pressures“, betonen die Einflussnahme des sozialen Umfeldes auf die Wahlentscheidung des Individuums; zusammen erklären sie das von den Autoren der Columbia School ursprünglich so nicht erwartete Ergebnis beider Studien, die weitgehende Determination des Wahlverhaltens aufgrund sozialer Einwirkungen.[9] Wesentliche Erklärungsfaktoren für diese unter Berücksichtigung der möglichen Durchlässigkeit sozialer Subsysteme durchaus wechselseitige Abhängigkeit zwischen Wahlverhalten und Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozial homogenen Gruppe sind der sozioökonmische Status, die Religionszugehörigkeit, der Wohnort und die ethnische Abstammung. Gerade die ersten drei Faktoren formieren zusammen die angesprochene politische Prädisposition, die Determination politischer Präferenzen durch soziale Charakteristika.

Auch über andere Gruppenzugehörigkeiten lässt sich die Einflussnahme des sozialen Umfeldes auf das Wahlverhalten begründen. So können politische Präferenzen innerhalb einer Familie festgelegt werden oder durch ein selbst gewähltes Umfeld verstärkt werden, wenn etwa ein Freundeskreis aus Personen mit ähnlichen politischen Präferenzen besteht oder der Wähler Mitglied in Vereinen ist, deren Zielorientierung er als konvergent zu seinen eigenen politischen Ansichten und Orientierung sieht. Hier können durchaus Widersprüche im Sinne der „cross-pressures“ zwischen der sozialstrukturell determinierten politischen Prädisposition und der individuell entwickelten politischen Meinung entstehen. Diese führen mitunter dazu, dass Individuen entgegen ihres sozioökonomischen Status wählen.

Kommt es zu einem „cross-pressure“ - Konflikt zwischen der individuellen und der das soziale Subsystem dominierenden politischen Präferenz oder zwischen zwei unterschiedlichen Subsystemen, neigt der Wähler dazu, diesen meist im Sinne der Gruppenzugehörigkeit aufzulösen oder die endgültige Wahlentscheidung zumindest hinaus zu schieben. Bei einer solche Überlagerung sich widersprechender Loyalitätsforderungen zweier unterschiedlicher sozialer Gruppen muss dementsprechend erst eine Entscheidung getroffen werden, welche Gruppenzugehörigkeit als wichtiger und damit als ausschlaggebender Faktor zur Beeinflussung des eigenen Verhaltens angesehen wird.[10]

Kritik

Das Erklärungsmodell der Columbia School konzentriert sich in seiner Argumentation auf das Individuum, das im Mittelpunkt gegensätzlichen Einflussmöglichkeiten seines sozialen Umfeldes steht; Lazarsfeld und Berelson schaffen ein funktionierendes Modell zur Definition und Beschreibung eines stabilen, langfristig konstanten Wahlverhaltens innerhalb sozial homogener Systeme aufgrund verschiedener Einflüsse des nahen sozialen Umfeldes[11] Kurzfristige Änderungen oder das Wahlverhalten bei inkonsistenter Gruppenzugehörigkeit werden allerdings nicht erklärt und können somit nicht in eine mögliche Prognose einfließen.[12]

Des weiteren wird in diesem Modell zwar dargelegt, inwieweit die politischen Präferenzen innerhalb einer sozialen Gruppe weitergegeben werden, nicht aber warum diese Präferenzen überhaupt existieren.[13] Dieses Entstehen von unterschiedlichen politischen Interessen innerhalb unterschiedlicher sozialer Gruppierungen versucht der sich vom Individuum entfernende makrosoziologische Ansatz der Cleavage-Theorie zu erklären.[14]

Der makrosoziologische Ansatz

Die Struktur der sozialen Konfliktlinien, die Cleavage-Struktur, welche Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan 1967[15] entwickelten, diente ursprünglich nicht dazu Wahlverhalten zu analysieren. Die Autoren wollten in erster Linie die „Entstehung und Struktur von Parteiensystemen erklären“[16], und die soziologische Analyse findet zumeist auf der Makroebene statt. Jedoch lassen sich aus der Betrachtung der makrosozialen Struktur der Gesellschaft Rückschlüsse auf das Wahlverhalten homogener Gruppen und der in diesen Gruppen vertretenen Individuen treffen.

Soziale Gruppen und Parteien

Im Zentrum des makrosoziologischen Erklärungsmodells des Wahlverhaltens stehen die sozialen Gruppen mit wechselseitig konträren Interessen, die sich durch die Cleavages herausgebildet haben. Das Parteiensystem besteht innerhalb dieses Konstruktes entlang der polarisierend wirkenden bedeutsamen gesellschaftlichen Konfliktlinien; die Parteien selbst sind die politischen Vertreter der sich gegenüberstehenden sozialen Gruppen. Zwischen diesen beiden existiert eine dauerhafte Koalition[17], die durch eine erfolgreiche Kooperation zwischen den Mitgliedern der Gruppe und der Partei aufrecht erhalten wird. Diese Kooperation besteht auf Seiten der Partei in dem Einsetzen für gruppenspezifische Interessen und bei den Mitgliedern in der Unterstützung der Partei im Erwerb politischer Macht, indem sie deren Kandidaten wählen.

Ausschlaggebende Cleavages

Vier Konfliktlinien tragen wesentlich zur Prognose des Wahlverhaltens nach der Cleavage-Theorie bei. Der Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Staat und Kirche, zwischen Stadt und Land und zwischen Arbeit und Kapital. Diese Prädiktoren oder Variablen finden sich auch im mikrosoziologischen Ansatz nach Berelson und Lazarsfeld; dort tauchen sie als sozioökonomischer Status, Konfession und Wohnort auf.[18] Generell spiegeln sich nicht alle gesellschaftlichen Konflikte im jeweiligen Parteiensystem wider; in den USA entstand etwa, im Gegensatz zu Europa, keine starke sozialistische oder sozialdemokratische Partei als Vertreter der Arbeiterseite in dem Cleavage Arbeit und Kapital. Lipset und Rokkan erklären dieses Fehlen einer „working-class movement“[19] mit unterschiedlichen Eigenschaften des Arbeitsmarktes wie etwa dem ständigen Zustrom von Immigranten und der generellen Offenheit der amerikanischen Gesellschaft.[20]

Politisierte Sozialstruktur

Damit ein bestimmter Cleavage innerhalb eines Parteiensystem repräsentiert werden kann, müssen verschiedenen Bedingungen erfüllt sein. Grundlage ist eine zeitlich stabile Struktur der Gesellschaft, die es möglich macht, soziale Gruppen und deren Interessen klar zu differenzieren. Die Art des Konfliktes muss innerhalb der Gruppe identitätsstiftend wirken um gemeinsames Handeln möglich zu machen, das in einer parteipolitischen Organisation gipfeln kann. Franz Pappi bezeichnet einen solchermaßen organisierten Cleavage als „politisierte Sozialstruktur“.[21]

Gemäß des mikrosoziologischen Ansatzes prognostiziert die Wahlforschung, dass in einer solchen gesellschaftlichen Struktur soziale Gruppen diejenige Partei wählen, die in Bezug auf für die Gruppe relevante Konfliktlinien deren Interessen vertritt.

Kritik

Beide sozialstrukturellen Ansätze zum Wahlverhalten beinhalten eine starke Determination der Wahlentscheidung des Einzelnen durch die gesellschaftliche Struktur in der er sich befindet. Anders als die Columbia School argumentieren die Vertreter des makrosoziologischen Ansatzes in erster Linie nicht mit der Interaktion des Individuums innerhalb seiner sozialen Gruppenzugehörigkeit, sondern mit seinen Interessen, die sich aber in seiner Gruppenzugehörigkeit widerspiegeln. Anders als Lazarsfeld und Berelson erklärt dieser Ansatz auch das eigentliche Entstehen dieser Interessen und sozialen Gruppen.

Zwei wesentliche Kritikpunkte verbleiben jedoch. So ist die gesellschaftliche Relevanz der klassischen Milieus und Konfliktlinien stark zurückgegangen. Zwar lässt sich bei bestimmten Wählergruppen wie Gewerkschaftsmitgliedern oder Kirchgängern immer noch eine hohe Übereinstimmung innerhalb der Milieus beobachten - insgesamt sind diese Gruppen, gemessen an der Gesamtheit der Wähler zu klein geworden um ausschlaggebend für das Wahlergebnis zu sein.[22] Entscheidend ist auch, dass sich mit beiden sozialstrukturellen Ansätzen das Vorhandensein von Wechselwählern und Wählern, die entgegen ihrer eigentlichen „sozialen Determination“ wählen, nur schwer erklären lassen. Soziodemografische Faktoren allein scheinen Wahlverhalten nicht ausreichend erklären zu können.[23]

2.2) Wahlentscheidung als Rational-Choice des Individuums

Der Rational-Choice-Ansatz zur Erklärung des Wahlverhaltens entwickelte sich aus derökonomischen Theorie der Politik nach Anthony Downs. [24] Entscheidender Faktor in diesem Modell ist das Individuum und seine rationale Sichtweise auf die zur Verfügung stehenden Wahlalternativen. Anders als die vorherigen Modelle baut es nicht auf soziologischen Ü berlegungen sondern auf eine allgemeine Handlungstheorie, auf dem Axiom rationalen Handelns. [25]

Modellannahme des rationalen Handelns

Die grundlegende Überlegung hinter dem Rational-Choice-Ansatz ist ein rationales Handeln seitens des Wählers. Definiert wird rationales Handeln in diesem Zusammenhang so, dass ein Akteur aus verschiedenen Handlungsalternativen diejenige wählt, die seinen Nutzen maximiert. Diese Annahme ist keine Beschreibung der Realität, sondern dient vielmehr der Erschaffung einer Modellwelt aus der Verhaltensprognosen generiert werden können.[26] Insgesamt ist dieses Modell sehr einfach aufgebaut, soziale Determination spielt keinerlei Rolle und die Konzentration liegt auf dem erwarteten Kosten-Nutzen-Kalkül des Wählers. Als Ausgangsbasis bezüglich der Prognose der Wahlentscheidung definiert Downs zuerst fünf Voraussetzungen. So kann sich ein Akteur frei zwischen den angebotenen Alternativen entscheiden, er bewertet die Alternativen nach seiner eigenen Präferenzordnung, er entscheidet sich für die Alternative, die in seiner Präferenzordnung am höchsten steht und trifft bei einer identischen Auswahl an Alternativen stets die gleiche Entscheidung. Die unterstellte Rationalität findet nur bei diesem Entscheidungsprozess Anwendung. Die ihm zugrunde liegenden Handlungsziele, die der Akteur mit seiner Entscheidung umsetzen möchte, müssen nicht rationaler Natur sein; sie werden als gegebene Variablen betrachtet.[27] Zur Prognose der Wahlentscheidung werden nur solche Handlungsziele untersucht, die politischer oder wirtschaftlicher Natur sind. Individuelles Wahlverhalten ist in der ökonomischen Theorie der Politik nur dann rational, wenn es darauf abzielt, eine Regierung einzusetzen, die die wirtschaftlichen und politischen Interessen des Wählers optimal umsetzt.[28]

Entscheidungsprozess der rationalen Wählers

Das Ziel des rationalen Wählers ist es eine Wahlalternative, also eine Partei oder einen Kandidaten zu finden, deren ideologische und programmatische Ausrichtung die größtmögliche Konvergenz mit seiner eigenen aufweist und die damit seine Handlungsziele optimal unterstützen würde. Innerhalb des Modells wird hierzu angenommen, dass sich sowohl die Orientierung des Wählers als auch die der Parteien bezüglich bestimmter politischer und wirtschaftlicher Fragen stark reduzieren und auf einer eindimensionalen Achse verorten und dadurch vergleichen lassen können. Diese Verortung geschieht durch den Wähler[29].

[...]


[1] [Saalfeld, 2007] S. 103

[2] [Lazarsfeld et al., 1968] S. 27

[3] [Saalfeld, 2007] S. 103

[4] Ebenda, S. 103

[5] [Lazarsfeld et al., 1968] S. 16 - 27

[6] [Saalfeld, 2007] S. 103

[7] [Mühleck, 2009] S. 84

[8] Ebenda, S. 84

[9] Ursprünglich war der Schwerpunkt der ersten Studie Lazarsfeld ein eher Kommunikationstheoretischer. Untersucht werden sollte, vor dem Hintergrund des Aufkommens der faschistischen Parteien in Europa, die Auswirkungen von Propaganda auf das Wahlverhalten. Die Befragten wurden vor Allem hinsichtlich ihrer Reaktionen auf den Wahlkampf befragt.

[10] [Korte, 2009]

[11] Ebenda

[12] [Mühleck, 2009] S. 86

[13] Ebenda, S. 86

[14] Ebenda, S. 87

[15] [Lipset et al., 1967] S. 1 - 64: In dem Einleitungskapitel definierten die Autoren ein Modell zur Generierung eine Parteiensystem aus dem bestehenden Konfliktsystem einer Gesellschaft.

[16] [Mühleck, 2009] S. 87

[17] [Pappi, 1986] S. 369

[18] [Mühleck, 2009] S. 88

[19] [Lipset et al., 1967] S. 21

[20] Ebenda, S. 21

[21] [Pappi, 1986] S. 369

[22] [Saalfeld, 2007] S. 108

[23] [Mühleck, 2009] S. 106

[24] [Downs, 1968]

[25] [Mühleck, 2009] S. 122

[26] Ebenda, S. 122

[27] [Downs, 1968] S. 6

[28] [Mühleck, 2009] S. 123

[29] [Saalfeld, 2007] S. 90

Details

Seiten
39
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640827794
ISBN (Buch)
9783640827671
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166565
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
1.0
Schlagworte
Vergleichende Politikwissenschaft Westliche Regierungssyteme Wahlverhalten Wahlforschung Rational Choiche Cleavage Theorie

Autor

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Titel: Wie entscheiden Wähler, wen sie wählen?