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„Magische“ Elemente in García Márquez’ "Cien años de soledad"

Hausarbeit 2008 25 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition „Magischer Realismus“

3. Definition „Magie“

4. Magische Elemente in „Cien años de soledad”
4.1. Lo mágico
4.1.1. Vorhersagungen
4.1.2. Beziehung zwischen Mensch und Tier
4.2. Lo milagroso
4.2.1. Levitationen
4.2.2. Die lebenden Toten
4.3. Lo fantástico
4.3.1. Materie die lebendig wird
4.3.2. Magisches in Verbindung mit der Zeit
4.3.3. Magisches das die Erinnerung betrifft

5. García Márquez und die Magie

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Lo mágico puede transformarse en lo real con la misma facilidad que lo real en lo mágico (…no hay un lugar que sea mas real, o mágico, que otro, porque todo puede intercambiarse y todo es parte de la misma realidad total.”) (García Márquez)

Mit seinem Familienepos „Cien años de soledad“ schuf Gabriel García Márquez eines der bedeutsamsten und revolutionärsten Werke der lateinamerikanischen Literatur. Sein 1967 veröffentlichter Roman gilt immer noch als Prototyp des „Magischen Realismus“, der Magisches mit Realem zu verbinden weiß. Viele dieser magischen Elemente finden sich im Dorf Macondo, dem Ort des Geschehens, wieder. Dabei handelt es sich um einen mythologischen Ort voller fantastischer Geschichten, in dem alles möglich zu sein scheint und der vom Tod scheinbar unberührt bleibt. So werden Menschen über zweihundert Jahre alt[1] und ein Friedhof existiert in Macondo nicht, da bis zu diesem Zeitpunkt niemand eines natürlichen Todes gestorben ist.[2] Der Roman fasziniert und stellt eine märchenhafte Erzählung und totale Fiktion rund um das Leben und Geschehen in Macondo dar. Übertreibungen und Fantasie erschaffen diese mythische Welt in Macondo. Der Roman wurde in mehrere Sprachen übersetzt und Márquez wurde 1982 dafür mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

In der vorliegenden Arbeit sollen die magischen Elemente des Romans herausgearbeitet und interpretiert werden. Zuvor werde ich jedoch die Begriffe „Magischer Realismus“ und „Magie“ erläutern. Im Anschluss daran folgt die eigentliche Textuntersuchung und schließlich das Fazit.

2. Definition „Magischer Realismus“

Der „Magische Realismus“ beschreibt ein Konzept innerhalb der lateinamerikanischen Literatur ab den 50er Jahren. Vergleichbar mit den Surrealismus, verbindet er westlich-rationale und fantastische Elemente miteinander. Das magische Element ist dabei jedoch fest in einen realistischen Kontext eingebunden, wodurch die scheinbar so klaren Grenzen zwischen Realität und Fantasie, zwischen Natürlichem und Übernatürlichem durchbrochen werden. Der Begriff „Magischer Realismus“ selbst ist schwierig zu bestimmen, da die Magie und der Realismus zwei gegensätzliche Elemente zu sein scheinen. Zudem nehmen Romane des „Magischen Realismus“ Bezug auf die Mythen der Urbevölkerung. Besonders häufig findet man diese Art des Erzählens in der südamerikanischen Literatur. Als Hauptvertreter des „Magischen Realismus“ gelten M.A. Asturias, Alejo Carpentier und vor allem der Gabriel García Márquez. Der Begriff lässt sich auf eine Äußerung des kubanischen Romanciers Alejo Carpentier zurückführen, der mit dem Ausspruch „Was ist die Geschichte von Lateinamerika anderes als eine Chronik des Magischen im Realen?” den Begriff „lo real maravilloso“ in einem berühmten Prolog in seinem Roman „El reino de este mundo“ von 1949 prägte.

3. Definition Magie

„Magie [lateinisch magia »Lehre der Zauberer«, »Zauberei«] die, zusammenfassende Bezeichnung für Praktiken, durch die der Mensch seinen eigenen Willen in einer Weise auf die Umwelt übertragen und das Tun, Wollen und Schicksal anderer Menschen bestimmen will, die nach naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise irrational erscheint. Das der Magie zugrunde liegende magische Denken vertraut auf eine den magische Handlungen, Worten und Dingen innewohnende, automatisch wirkende Kraft. Misserfolge werden aus Nichtbeachtung des richtigen magischen Rituals oder aus Gegenzauber erklärt. Magie ist charakteristisch für Stammesreligionen; auch im altorientalischen und hellenistischen Kulturkreis stark verbreitet, wird die Magie von der Bibel und in der Folge von der christlichen Kirche als Aberglaube verurteilt. – Hinsichtlich der Zielsetzung ihrer Anwendung wird unterschieden zwischen der schwarzen Magie, die eine Schädigung, und der weißen Magie, die einen Nutzen für Einzelne oder Gruppen erzielen will.“[3]

4. Magische Elemente in „Cien años de soledad”

Wie bereits erwähnt, gilt der Roman “Cien años de soledad“ als eines der bedeutsamsten Werke des „Magischen Realismus“. Die Faszination des „Magischen“ oder des „Mythischen“ kann jedoch auf unterschiedliche Art und Weise erlebt und wahrgenommen werden. So sorgen Levitationen für ungläubige Blicke, Menschen erwachen von den Toten, Prophezeiungen bestimmen die Zukunft und scheinbar leblose Dinge geraten selbstständig in Bewegung. Auch die Beziehung zwischen Mensch und Tier verdient eine nähere Betrachtung. Ebenso sind die Faktoren „Zeit“ und „Erinnerung“ im Roman eng mit dem Magischen verknüpft. Auch mit der Technik der Übertreibung, die Márquez in seinem Werk einsetzt, erschafft er eine wunderschöne und zugleich mythische Welt. Auf die Elemente der Übertreibung werde ich in dieser Arbeit jedoch nicht näher eingehen, da durch sie zwar der magische Anteil des Romans verstärkt wird, von ihnen jedoch eigentlich keine wirklich „magischen“ Kräfte ausgehen. Meine Einteilung ist an die Termini von Vargas Llosa angelehnt, der den Begriff „lo real imaginario“ verwendet und diesen in die Unterkategorien „lo mágico“, „lo milagroso“, und „lo fantástico“ einteilt. In den folgenden Unterkapiteln soll nun auf die magischen Elemente, die der Roman enthält, eingegangen werden.

4.1. Lo mágico

Llosas’ erster Unterpunkt, „lo mágico“ bezieht sich auf außergewöhnliche Gegebenheiten, die durch Individuen mit ungewöhnlichen Kenntnissen und Kräften zustande kommen.[4]

4.1.1. Vorhersagungen

Prophezeiungen haben in dem Roman einen wichtigen Stellenwert. Sie sind schon aus der Zeit der griechische Antike am Beispiel des Orakel von Delphi bekannt, bei dem die sogenannte auf Lebenszeit gewählte Pythia, auf einem Dreifuß sitzend ihre Weissagungen vollstreckte.[5] Im antiken Rom war das Lesen der Zukunft aus himmlischen Zeichen und dem Flug der Vögel durch Pontifices und Flamines Teil des Staatskultes.

Auch im Roman haben Vögel eine symbolische Bedeutung. Der Vogel, der den Traum vom Fliegen und die Schönheit repräsentiert, gilt als Symbol für Transzendentales. Somit wird auch deutlich, warum gerade Vögel Melquíades Zigeunerstamm und damit einen Fortschritt nach Macondo bringen.

„[…] La primera vez que llegó la tribu de Melquíades vendiendo botas de vidrio para el dolor de cabeza, todo el mundo se sorprendió de que hubieran podido encontrar aquella aldea perdida en el sopor de la ciénaga, y los gitanos confesaron que se habían orientado por el canto de los pájaros. […]“ (Joset, S.92)

Die Symbolik des Vogels wird auch an dem mystischen Zigeuneranführer Melquíades deutlich, der vogelähnliche Charaktereigenschaften besitzt: er hat „ manos de gorrión[6] und trägt einen „un sombrero grande y negro, como las alas extendidas de un cuervo “.[7] Allgemein scheinen die Vögel den Ort jedoch eher zu meiden. Nur verirrte oder sterbende Vögel finden den Weg nach Macondo. Der Versuch der künstlichen Ansiedlung der Vögel durch José Arcadio und Amaranta Ùrsula scheitert ebenso und kündigt den drohenden Untergang an.[8]

Nicht nur in der Antike sondern auch schon bei der Betrachtung der Eingeweide von Opfertieren (Leberschau) fanden Prophezeiungen statt, die von den Haruspices Orakel erstellt werden sollten. Durch die Vorhersagen sollte den Staatsmännern bei wichtigen Entscheidungen geholfen werden.[9] Ebenso findet man Prophezeiungen über die Ankündigung des Messias auch im Alten Testament.

Auch im Roman unterstreichen Prophezeiungen den magischen Faktor der Geschichte. So kann Aureliano schon als kleines Kind Dinge vorhersagen. Er sieht einen Topf und prophezeit seiner Mutter „se va a caer“, kurz bevor dieser zu Boden fällt. Er rät, gut auf Papa aufzupassen, da dieser bald sterben wird.[10] Als der Oberst Aureliano seinen letzten Willen vor dem Erschießungskommando vorbringen darf, ist ihm bewusst, dass sein Weg zurück nach Macondo führen wird:

„Pero cuando le condenaron a murete y le pidieron expresar su última voluntad, no tuvo la menor dificulitad para identificar el presagio que le inspiró la respuesta:

-Pido que la sentencia se cumpla en Macondo- dijo.” (Joset, S. 226)

Dank dieser Tatsache entkommt er der Erschießung. Viele Bewohner Macondos wenden sich bei Problemen an Pilar Ternera, die die Fähigkeit besitzt Karten zu lesen und wahrzusagen. Beispiele dazu finden sich in der Joset-Ausgabe des Romans auf Seite 170 und auf Seite 236. Eine Art Todesprophezeiung geht von Remedios der Schönen aus, die Männer mit ihrem Geruch betört und einen Todeshauch verströmt. Jeder Mann, der ihr zu nahe kommt, ist seinem Schicksal erlegen. Die wohl wichtigste Prophezeiung im Roman stellen die Manuskripte von Melquíades dar, die die von Melquíades hundert Jahre im vorausgesehene abgefasste Familiengeschichte beinhalten. („ Era la historia de la familia, escrita por Melquíades hatsa en sus detalles má triviales, con cien años de anticipación.”)[11] Letztendlich erfüllt sich die von Melquíades, dem Zigeuner, vor langer Zeit in Pergamenten niedergeschriebene Prophezeiung.

„El primero de la estirpe está amarrado en un arból y al último se lo están comiendo las hormigas. […] y encontró anunciado el nacimiento de la mujer más bella del mundoque estaba subiendo al cielo en cuerpo y alma, y conoció el origen de dos gamelos.” (Joset, S. 545 f.)

Auch das Thema Inzest ist, im weitesten Sinne, mit Vorhersagungen verknüpft. Inzestuösen Beziehungen treten in der Familie Buendía gehäuft auf. So kommt es, um einige wenige Beispiele zu nennen, zum Inzest zwischen José Arcadio und Rebeca, Aureliano José und Amaranta, Arcadio und Pilar Ternera und Aureliano Babilonia und Amaranta Ùrsula. Als Folge einer inzestuösen Beziehung trat in der Familie bereits ein Fall von einem geringelten Schweineschwanz auf, was sich, wie vorhergesagt wurde, zum Ende des Romans mit der Geburt des letzten Buendíafamilienmitgliedes wiederholen sollte.[12]

4.1.2 Beziehung zwischen Mensch und Tier

Zwischen Mensch und Tier besteht im Roman eine enge Verbindung. Dies ist der Fall bei Mauricio Babilonia und den gelben Faltern, die seine Ankunft ankündigen. Sie beschreiben ein Phänomen des magisch-mythischen Bewusstseins und verdeutlichen, dass Tiere Menschen beschützen und begleiten können und dass es Menschen möglich ist, sich in Tiere zu verwandeln. Die gelben Falter symbolisieren die Liebe. Auch bei Melquíades wird die tierische Beziehung sichtbar, da er tierähnliche Züge an sich hat („Un gitano corpulento, de barba montaraz y manos de gorrión“).[13] Doch auch die Sexualität hat Einfluss auf die Umgebung. So löst die sexuelle Beziehung zwischen Petra Cortes und Aureliano Segundo eine Fruchtbarkeitsplage unter den Tieren aus. In Folge von Ùrsulas Tod bricht eine Landplage aus, Vögel fallen tot vom Himmel. Pater Antonio Isabel behauptet allerdings, dass der Tod der Vögel eine Folge des schlechten Einflusses des ewigen Juden sei, den er als „un híbrido de macho cabrió cruzado con hembra hereje, una bestia infernal cuyo aliento calcinaba el aire y cuya visita determinaría la concepción de engendros por las recién casadas“ (Joset, S. 463) beschreibt. Zwei Wochen später fand man das Ungeheuer, das nicht größer als ein Halbwüchsiger war und das Gewicht eines Rindes hatte. Aus seiner Wunde floss grünliches, öliges Blut. Seine menschlichen Teile glichen eher einem siechen Engel als einem Menschen. Er besaß zarte, geschickte Hände und an seinen Schulterblättern hafteten vernarbte, hornhäutige Stummel mächtiger Flügel. Auch Petra Cortes hat einen „magischen“ Einfluss auf Tiere, die sich übernatürlich schnell vermehren, sobald sie in ihre Nähe kommt. Als José Arcadio nach vielen Jahren nach Macondo zurückkehrt, berichtet er von seinen abenteuerlichen Erlebnissen, unter anderem von einem Meerdrachen, den er bezwungen hat.

„[…]su barco había vencido un dragón de mar en cuyo vientre encontraron el casco, las hebillas y las armas de un cruzado.“ (Joset, S. 187)

Auch hier wird der magische Aspekt wieder sichtbar. Bei Ursulas Tod überschwemmen viele tote Vögel das Dorf.

[...]


[1] Joset, S. 142

[2] Joset, S. 149

[3] Meyers Lexikon

[4] Swanson, S. 72

[5] siehe http://www.meinebibliothek.de/Texte5/html/delphi.html

[6] Joset, S. 81

[7] Joset, S. 87

[8] Qual, S. 56 f.

[9] siehe http://www.prophezeihung.eu/

[10] Joset, S. 240

[11] Joset, S. 545

[12] Joset, S. 541

[13] Joset, S. 81

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640832316
ISBN (Buch)
9783640833023
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166737
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Romanistik
Note
2,1
Schlagworte
elemente garcía márquez’ cien

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