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Bedeutung und Zusammenhang von Glauben und Aberglauben in Theodor Storms „Aquis submersus“

Seminararbeit 2009 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sprechende Namen und allgemeine Tendenzen zum Glauben und Aberglauben der Protagonisten
2.1. Johannes
2.2. Katharina

3. Im Spannungsfeld zwischen Glauben und Aberglauben: der Prediger als beispielhafte Figur für die Kirche

4. Die Schuldfrage in Bezug auf Glauben und Aberglauben
4.1. Die erste Liebesbegegnung von Katharina und Johannes
4.2. Die zweite Liebesbegegnung von Katharina und Johannes
4.3. Exkurs: Religion des Predigers versus Religion von Johannes
4.4. Der Tod des Kindes
4.5. „Culpa patris“ und Buße

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Glauben und Aberglauben erscheinen zunächst als zwei geistige Mächte, die keinen direkten Bezug zueinander haben. In Theodor Storms „Aquis submersus“ jedoch ist zum einen eine große Bedeutung der einzelnen und zum anderen ein nicht zu vernachlässigender Zusammenhang der beiden Mächte zu beobachten.

Es ist nun die Frage zu klären, inwiefern durch christliche Werte einerseits und abergläubische Einstellungen andererseits das Handeln der zentralen Charaktere zu erklären ist. Weiterhin muss der Aspekt beleuchtet werden, ob und inwiefern diese beiden Mächte in Verbindung zueinander stehen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Entsteht aufgrund der Glaubensauffassung des 17. Jahrhunderts eine „unentrinnbare“ Schuld, wegen einer moralisch unvereinbaren Kombination von Liebe mit religiösen und ständischen Prinzipien? Kann man eine implizite Kritik des Autors Theodor Storm an der Kirche erkennen?

Um diese Fragen zu klären, werden zunächst die impliziten und expliziten Merkmale von Glauben und Aberglauben bei den Protagonisten erläutert und entsprechende „Profile“ erstellt, um anhand dieser die Höhepunkte der Novelle in Bezug auf die Schuldfrage mit Einbezug der christlichen und abergläubischen Einflüsse zu fixieren. Schließlich werden unterschiedliche Religionsauffassungen der Charaktere dargelegt, um abschließend den Ausspruch „culpa patris“ und die daraus entstehende Buße von Johannes zu beleuchten.

2. Sprechende Namen und allgemeine Tendenzen zum Glauben und Aberglauben der Protagonisten

2.1. Johannes

Der Protagonist in der Binnenerzählung der Novelle ist der Maler Johannes, welcher nach dem frühen Tod des nichtadligen Vaters von dessen Studienfreund Gerhardus in adliger Umgebung aufgezogen wird.

Schon der Name „Johannes“ hat eine doppelte Bedeutung in Hinsicht auf das Christentum. Der Lieblingsjünger Jesu, der „am entschiedensten die Liebe in den Mittelpunkt rückt“[1] trug denselben Namen, ebenso wie dessen Namensvetter, Johannes der Täufer. Die hebräische Übersetzung des Namens (jochanan = „Jahwe ist gnädig“) lässt auch auf eine christliche Konnotation schließen.[2]

In „Aquis submersus“ ist Johannes ein „Vertreter des Christentums“[3], da er an ein Leben nach dem Tod glaubt („[…] auch unseres einzigen lieben Schwesterleins, das […] nun seit lange schon mit Vater und Mutter einer fröhlichen Auferstehung entegenharrete.“[4]), Gott anruft („O Hüter, Hüter, war dein Ruf so fern!“[5]) und die Auffassung über die Allwissenheit Gottes teilt („O du mein Gott und mein Erlöser, der du die Barmherzigkeit bist, wo war sie in dieser Stunde, wo hatte meine Seele zu suchen?“[6]).

Der sprechende Name „Johannes“ ist somit eine Vorausdeutung auf ein Handeln des Protagonisten als „Anwalt der Liebe und Wegweiser zu neuem Leben.“[7]

2.2. Katharina

Die Geliebte von Johannes trägt ebenfalls einen bedeutsamen Namen, von dem man ausgehen kann, dass Storm ihn mit Bedacht gewählt hat. Der Name „Katharina“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „die Reine.“[8] Diese Referenz ist allerdings nicht ohne Einschränkungen zu betrachten. Katharina verstößt gegen die christlichen Moralvorstellungen des 17. Jahrhunderts, da sie im ersten Teil der Novelle eine außereheliche Liebesnacht mit Johannes verbringt und im zweiten Teil Ehebruch begeht, als sie wiederholt mit ihm zusammentrifft. Damit kann sie im sozialgeschichtlichen Hintergrund wie auch im klassischen Verständnis nicht als Beispiel für ein reines Wesen angesehen werden. Allerdings ist sie christlich geprägt, da sie die Zusammenkunft mit Johannes den Moralvorstellungen der Zeit entsprechend als Sünde ansieht („O Jesu Christ, vergib mit diese Stunde.“[9] ). Erst im familiären und allgemeinen Kontext der Novelle und besonders im Vergleich zu Junker Wulf erscheint Katharina als „die Reine“, als „Unschuldige und Opfer der Standesvorurteile ihres Bruders.“[10] Bei ihr kann man jedoch schon früh kleinere Hinweise auf den Aberglauben erkennen. Beispielsweise nennt sie Kurt von der Risch, welcher in der Kindheit von Johannes und Katharina wegen seines Aussehens verspottet wurde, „Buhz.“[11] Dies ist eine Referenz auf den Butze- oder Bußemann, der „im Aberglauben als Schreckensgestalt […] beispielsweise in der Figur des ‚schwarzen Mannes’ als Kinderschreck“[12] dient. Weiterhin glaubt sie an den Fluch, der auf einer Ahnin ihrer Familie liegt, weshalb diese nach dem Tod „keine Ruhe in ihrem Grab findet, weil sie zu Lebzeiten eine Schuld auf sich geladen hat.“[13]

Obwohl Katharina mehr Tendenzen zum Aberglauben hat als Johannes, kann sie dennoch als „Christ und als natürlich sittlicher Mensch“[14] angesehen werden.

3. Im Spannungsfeld zwischen Glauben und Aberglauben: der Prediger als beispielhafte Figur für die Kirche

Obwohl der Prediger eine Nebenfigur in der Novelle darstellt, manifestiert sich in seiner Person die personifizierte Kritik an der Kirche und eine Darstellung der damaligen Vermischung von Glauben und Aberglauben.

Zunächst ist die äußere Erscheinungsform des Predigers bezeichnend, die mehr an einen „Kriegsmann“[15] erinnert, der es „fast wilder denn die Offiziere getrieben haben solle.“[16] Er ist somit kein stereotypisch milder Diener Gottes, sondern ein Agitator, der seine Vorstellungen radikal durchsetzt. So kann er als „Anhänger der Bilderstürmer“[17] und damit als Bekenner eines „kämpferischen antikatholischen Protestantismus“[18] angesehen werden, da er zu Anfang seines Amtes die Marienbilder in der Kirche seiner Gemeinde entfernen lässt. Trotz der scheinbar reformatorischen Einstellung ruft er seine Gemeindemitglieder (sogar Frauen[19] ) zusammen, um der unchristlichen Praxis der Hexenverbrennung beizuwohnen. Daher ist der Prediger ein „Vertreter der protestantischen Geistlichkeit, die im Gewande des Christentums Praktiken des Aberglaubens“[20] nachgehen. Ob man dann allerdings noch von einem Vertreter des Christentums sprechen kann, ist fraglich. Der Prediger verstößt vorsätzlich gegen das Gericht Gottes und nimmt sich das Recht heraus, Menschen auf Erden zu richten und gegen das Gebot der Nächstenliebe zu verstoßen. Als religiöses Vorbild hat er großen Einfluss auf seine Gemeindemitglieder und verbreitet seinen „eifernden Fanatismus abstrakter Pflichtethik.“[21]

Als Repräsentant dieser Gemeinde kann Mutter Siebenzig angesehen werden, eine Verwandte der als Hexe beschuldigten jungen Frau. Sie ist zwar nur eine Nebenfigur, jedoch deshalb erwähnenswert, weil sie „alle die abergläubischen Inhalte, die an anderer Stelle zu dem geschilderten irrationalen Verhalten der Massen führen“[22], in sich vereinigt. Sie bringt wesentliche Elemente des Aberglaubens zum Ausdruck, die nicht zuletzt der Prediger als „anfeuernde Autorität“[23] hervorgebracht, bzw. unterstützt hat.

Die Kombination aus scheinbar reformatorischem Protestantismus und rückständigem Aberglauben des Predigers lässt zwei unterschiedliche Interpretationen zu.

Zum einen kann der Prediger stellvertretend für die gesamte Kirche stehen. Storm könnte damit mahnend darstellen, dass „einmal erreichte Höhepunkte menschlicher Kultur in Gefahr [seien], in die Barbarei zurückzufallen.“[24] Jackson verweist in diesem Zusammenhang auf das Zitat Storms, in der er die Kirche (ebenso wie den Adel) als „das Gift in den Adern der Nation“[25] betitelt.

[...]


[1] Freund 1987: 92.

[2] vgl.: Geffers 2002: 55.

[3] Geffers 2002: 55.

[4] Storm 2003: 67-68.

[5] Storm 2003: 79.

[6] Storm 2003: 61.

[7] Freund 1987: 97.

[8] Geffers 2002: 56.

[9] Storm 2003: 76.

[10] Geffers 2002: 57.

[11] Storm 2003: 14.

[12] Geffers 2002: 56.

[13] ebd.: 57.

[14] Coupe 1975: 71.

[15] Storm 2003: 61.

[16] Storm 2003: 61.

[17] Geffers 2002: 58.

[18] Geffers 2002: 58.

[19] vgl. Storm 2003: 71-72.

[20] Geffers 2002: 59.

[21] Freund 1987: 99.

[22] Geffers 2002: 60.

[23] ebd.: 60.

[24] Freund 1987: 92.

[25] Jackson 1972: 46.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640828586
ISBN (Buch)
9783640828968
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166838
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Neuere Deutsche Literatur
Note
1,7
Schlagworte
Aquis submersus Theodor Storm Schuldfrage Culpa patris Glaube Aberglaube

Autor

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