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Zur Bedeutung der Religion bei Machiavelli

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 20 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vaterlandsliebe und Religion
2.1. Die Religion als funktionales Instrument für gewünschtes politisches Verhalten
2.2. Die Forderung nach Rückbesinnung der Religion auf ihren Ursprung

3. Machiavelli und die Kirche

4. Die göttlichen Kräfte
4.1. Fortuna, Gott und der freie Wille

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Niccolò Machiavelli Werk gibt seit seinem Tod Anlass zu vielen Kontroversen. Die einen sehen in ihm den skrupellosen Machtphilosophen, andere bewundern ihn für die Klarheit seiner narrativen Schriften und die Vielschichtigkeit seines Werkes. Einen sehr interessanten Aspekt seines Werkes stellt die Religion dar. Machiavellis Einstellung zum Glauben durchzieht seine Schriften und soll an dieser Stelle einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. So soll untersucht werden, in welchen argumentativen Strängen Machiavelli die Religion in seinem Werk berücksichtigt, und mithin, welche Funktion er ihr zweist. Dies wird anhand von Textstellen aus seinen Werken „Il Principe - Der Fürst" (1986) und „Discorsi - Staat und Politik" (2000) untersucht. Machiavelli spricht sich in seinem Werk immer wieder für die Notwendigkeit der Religion aus, präsentiert sich allerdings nicht als Freund der institutionellen christlichen Kirche.

Machiavelli widmet sich in seinen Schriften besonders der politischen Wirklichkeit seiner Zeit und verarbeitet seine persönliche Erfahrung als Staatsvertreter in seinem Werk. Dies gibt eine Anleitung zum richtigen Handeln eines Herrschenden; er veranschaulicht seine Thesen am Beispiel von Staatsoberhäuptern sowohl aus seiner eigenen Zeit als auch aus der Vergangenheit. Hierbei stützt er sich besonders auf das geschichtliche Werk des Polybius und des Livius. Neben den Darstellungen aus der römischen Geschichte benutzt Machiavelli auch Figuren aus dem Alten Testament und politische Persönlichkeiten seiner Zeit als Beispiele des richtigen oder falschen Handelns eines Staatsmannes. Für Machiavelli muss ein hervorragender Staatsmann sowohl Glück (fortuna) als auch Leistungsfähigkeit, Cleverness und Klugheit (virtù) besitzen. Virtù ist die spezifische Leiteigenschaft des machiavellischen Denkens, die bei Römern eine wichtige Rolle einnimmt. Machiavelli kontrastiert den Begriff der virtù mit dem meist bei ihm vorherrschenden negativen Menschenbild. Er schreibtüber die „Hervorragendesten" (die die virtù besitzen): „Prüft man weiter ihre Taten und ihr Leben, so sieht man, daß sie vom Glück nichts anderes erhalten hatten als die Gelegenheit; diese bot ihnen den Stoff, in den sie die Form prägen konnten, die ihnen vorschwebte" (Machiavelli 1986: 43). An dieser Stelle taucht das Glück bzw. fortuna auf, die dem Hervorragenden erst die Gelegenheit (occasione) bietet sich zu bewähren. Ist der Mensch also in seinem Schicksal festgelegt und wird nur durch ebendiese Kraft bzw. der Fortuna gelenkt? Oder hat der Mensch einen freien Willen und kann auch ohne die Unterstützung von Fortuna seine virtù beweisen? Wie sieht Machiavelli die Religion und welchen Stellenwert räumt er ihr ein?

Setzt Machiavelli die Religion rein funktional ein, um das gewünschte Verhalten der Untertanen zu gewährleisten?

Diese Fragen möchte diese Arbeit anhand von Machiavelli Texten diskutieren.

2. Vaterlandsliebe und Religion

Machiavelli Religionsverständnis ist vor allem durch seine Erfahrung als Staatsmann und seine Verwurzelung im politischen Leben geprägt. Durch seine intellektuelle Tätigkeit als politischer Theoretiker ist er weit entfernt von der theologischen Religionsauffassung der Gläubigen. Deshalb findet sich die Religion in Machiavellis Werk nach rein funktionalen Kriterien bewertet, wie etwa nach ihrer Nützlichkeit für den Staat. Machiavelli unterscheidet zwischen den verschiedenen Formen des Christentums, hierbei besonders zwischen dem frühen Christentum und dem Christentum der Kirche seiner Zeit. Den Päpsten und der Kirche steht Machiavelli kritisch gegenüber.

Die römische und die christliche Religion stellt er gegenüber; erstere führt die Tugend der virtù ein, die letztere predigt Unterwürfigkeit und Nächstenliebe. Die Fixierung Machiavellis auf den Begriff der virtù als ideale Eigenschaft eines Fürsten beziehungsweise eines Herrschenden legt nahe, dass Religion für ihn nicht „nur" ein Glaubenskonstrukt ist, sondern im günstigsten Falle auch eine konkrete Anleitung zum politischen Handeln darstellt. Dies macht es wahrscheinlich, dass Machiavelli Religion nicht als transzendentale Erleuchtung erschien, sondern als Mittel zum Zweck um Interessen durchzusetzen. Am Beispiel Numas erläutert Machiavelli, wie die Religion den Römern half, ihre Macht zu sichern:

„Numa fand ein noch ganz wildes Vok vor und wollte es durch die Künste des Friedens an bürgerlichen Gehorsam gewöhnen. In der Religion erkannte er die notwendige Stütze der bürgerlichen Ordnung, und er richtete sie so ein, daß jahrhundertelang nirgends größere Gottesfurcht herrscht als in der römischen Republik. Jede Unternehmung des Senats oder der großen Männer Roms wurde dadurch erleichtert. Aus zahllosen Handlungen des gesamten Volkes oder einzelner Römer sieht man, daß die Bürger sich mehr scheuten, ihren Eid zu brechen, als die Gesetze zuübertreten, weil sie Gottes Macht höher achteten als die der Menschen."

(2000: 52)

Dieser Zusammenhang der Gottesfurcht mit der Steigerung der Disziplin und der Schaffung des bürgerlichen Gehorsams eines Volkes durchzieht das erste Buch der „Discorsi". „Bei aufmerksamen Lesen der römischen Geschichte wird man stets finden, wie sehr die Religion zum Gehorsam im Heere, zur Eintracht im Volke, zur Erhaltung der Sitten und zur Beschämung der Bösen beitrug." (ebd: 53)

Hier wird klar, dass die Religion vor allem dazu dient, die Massen zu beherrschen und zu kontrollieren. Machiavelli stellt hier einen Zusammenhang her zwischen dem Glauben, dem Gehorsam im Heer, der militärischen Disziplin und dem zivilen Gehorsam. Religion wird zur Voraussetzung für militärische Erfolge, „denn wo Religion ist, läßt sich leicht eine Kriegsmacht aufrichten, wo aber Kriegsmacht ohne Religion ist, läßt sich diese nur schwer einführen" (ebd: 53). So wird die Religion selbst zur Waffe, die den Herrschenden die Disziplin und den Gehorsam der Truppe sichert.

In Kapitel XII in „Der Fürst" verneint Machiavelli die Frage, ob „es besser ist geliebt als gefürchtet zu werden",1 da der Fürst damit nicht vom Gutdünken anderer abhängig ist (1986:135).

Das beinhaltet, dass ein gewisses Mass an Grausamkeit nötig ist, um die Sicherheit und den Frieden im Land zu gewährleisten. So muss der Fürst sicherstellen, dass sein Volk Furcht vor ihm empfindet, diese aber nicht in Hass gegen ihn umschlägt. Durch die Furcht vor dem Fürsten ist gewährleistet das die Menschen die Gesetze befolgen. Dadurch wird die Stabilität des Reiches gesichert.2 „Thus, while fear of the prince implies, potentially at least, an opposition between prince and people, such a relation is displaced into a state of conflict between the patria and its enemies. Love of country mobilizes the fear and terror of the prince and directs it to the enemy of one's country"3. Die Angst vor einem Feind, der das Vaterland bedroht, schweisst die Truppen zusammen, und das Volk kann die Frustration, die sich durch die Furcht vor dem Fürsten aufstaut, nach Außenübertragen und durch den Konflikt mit dem Feind abbauen.

2.1. Die Religion als funktionales Instrument für gewünschtes politisches Verhalten

Die Religion ist als Instrument zur Staatsführung essentiell, denn es gab „nie einen außerordentlichen Gesetzgeber bei einem Volke, der sich nicht auf Gott berufen hätte, weil seine Gesetze sonst gar nicht angenommen worden wären" (2000: 54). Allerdings setzt der erfolgreiche Einsatz der Religion zur Einführung von Gesetzen voraus, dass das Volk noch nicht durch rohe Sitten verdorben wurde: „Auch heute würde der Begründer eines Staatswesens zweifellos geringere Mühe bei den noch ganz unkultivierten Bergbewohnern haben als in den Städten, wo die Sitten verdorben sind, wie ein Bildhauer eine schönere Statue leichter aus einem rohen Mamorblock meißelt als aus einem, der von anderen schlecht zugehauen ist" (ebd: 54).

Auch den Umkehrschluss konstatiert Machiavelli, „denn wo die Gottesfurcht fehlt, da muß ein Reich in Verfall geraten, oder die Furcht vor dem Fürsten muß den Mangel an Religion ersetzen" (ebd: 54). Dieser Schluss beinhaltet, dass die Furcht des Volkes vor dem Fürsten die Menschen genauso disziplinieren kann wie der Glaube. Dadurch setzt Machiavelli voraus, dass der Fürst bei seinen Untertanen eine ähnliche Rolle] wie ihr Gott einnehmen kann, was doch sehr unwahrscheinlich erscheint. Sowohl vor Gott als auch vor dem Fürsten kann das Volk Furcht empfinden und beide sorgen für Gehorsam und Gesetzestreue. Hier wechselt der Philosoph vom theologischen Gottesverständnis der Bürger direkt zur politischen Realität. Für Machiavelli ist also der religiöse ,Überbau', um einen marxistischen Terminus zu bemühen, einer Gesellschaft unbedingt notwendig, um sie zusammenzuhalten und die sozialen und moralischen Systeme einer Gesellschaft zu untermauern.

Im zweiten Kapitel des zweiten Buches der „Discorsi" analysiert Machiavelli die Rolle der Freiheit in der römischen Republik:

„Wenn ich nunüber die Ursache nachdenke, weshalb die Völker des Altertums mehr Freiheitsliebe besaßen als die jetzigen, so glaube ich, es ist die gleiche wie bei der Kraftlosigkeit der jetzigen Menschen, nämlich die Verschiedenheit unsrer Erziehung und der Erziehung der Alten, die in der Verschiedenheit der Religion liegt. Denn da unsre Religion uns die Wahrheit und den wahren Weg gezeigt hat, läßt sie uns die weltliche Ehre geringer schätzen. Die Heiden hingegen schätzten sie sehr hoch und hielten sie für ihr höchstes Gut, und darum waren sie kühner in ihren Taten. [...] Die alte Religion sprachüberdies nur Männer voll weltlichen Ruhmes heilig, wie Feldherren und Staatslenker. Unsre Religion hat mehr die demütigen und beschaulichen Menschen als die tätigen selig gesprochen. Sie hat das höchste Gut in Demut, Entsagung und Verachtung des Irdischen gesetzt; jene setzte es in hohen Mut, Leibesstärke und alles, was den Menschen kraftvoll machte. Verlangt auch unsre Religion daß man stark sei, so will sie doch, daß man diese Stärke im Leiden und nicht in kraftvollen Taten äußert" (2000: 184).

Hier zieht Machiavelli den direkten Vergleich zwischen der „alten" Religion der Römer und der Religion seiner Zeit. Er nimmt dabei Bezug auf den „wahren Weg" und die „Wahrheit", die dazu führt, dass der Mensch die weltliche Ehre geringer schätzt als die Erlösung und des ewigen Lebens im Himmel, die durch „unsre Religion" propagiert wird. Machiavelli erscheint es sinnvoller, die weltlichen Dinge höher zu schätzen als den Glauben. In „Der Fürst" unterscheidet er zwischen der Wirklichkeit und der bloßen Vorstellungüber die Dinge, es scheint ihm „angemessener, der Wirklichkeit der Dinge (verità effettuale della cosa) nachzugehen als den bloßen Vorstellungen (imaginazione di essa)über sie" (1986: 119). Machiavelli trifft hier die Unterscheidung zwischen der „alten" Religion, die tief im Weltlichen verankert ist, und „unsrer Religion", die den Menschen schwach mache und ihn dazu bringe, alles Weltliche gering zu schätzen.

Er bewertet die Religionen danach, wie sie die Bildung zum guten starken Staatsbürger unterstützen. Dabei wendet er sich gegen jede Art von Weltflucht, Demut und Askese, gegen jegliche Form von Geringschätzung der weltlichen Dinge: denn damit werden die Menschen schwach, zur Wahrnehmung ihrer bürgerlichen Pflichten unfähig.4

Mit der Bezeichnung „Wahrheit" bezieht sich Machiavelli nicht auf den ontologischen Wahrheitsgehalt der Religion. Er schreibt nicht, dass eine Religion „wahrer" sei als die andere, sondern vielmehr nimmt er Bezug auf eine Stelle aus dem Neuen Testament. Hier bezeichnet sich Jesus als den Weg und die Wahrheit und das Leben.5 Er bezieht sich also darauf, dass das Christentum den wahren Weg für sich einnimmt, aber nicht auf die Dogmatik der Religion.

Machiavelli fährt in Kapitel 15 in „Der Fürst" fort:

„[E]s liegt eine so große Entfernung zwischen dem Leben, wie es ist, und dem Leben wie es sein sollte, daß derjenige, welcher das, was geschieht, unbeachtet läßt zugungsten dessen, was geschehen sollte, dadurch eher seinen Untergang als seine Erhaltung betreibt; denn ein Mensch, der sich in jeder Hinsicht zum Guten bekennen will, muß zugrunde gehen inmitten von so viel anderen, die nicht gut sind. Daher muß ein Fürst, wenn er sich behaupten will, die Fähigkeit erlernen, nicht gut zu sein, und diese anwenden oder nicht anwenden, je nach dem Gebot der Notwendigkeit". (1986: 119)

Ein Fürst, der sich nicht an den Gegebenheiten orientiert, muss „zugrunde" gehen. Der Glaube an das Gute inmitten von so vielen, die „undankbar, wankelmütig, unaufrichtig, heuchlerisch, furchtsam und habgierig" (1986: 129) sind, ist nicht sinnvoll. So wird die Fähigkeit des Nicht-gut-sein-könnens elementar für die Regentschaft eines Fürsten. Hier setzt Machiavelli voraus, dass es keiner besonderen Anstrengung seitens des Fürsten bedarf, gut zu sein, er allerdings die Fähigkeit des Nicht-gut-seins erst erlernen muss. Hier ist das Gut-sein gleichbedeutend mit Schwäche und die Fähigkeit des Schlecht-seins wird als Stärke dargestellt, um sich in der Welt zu behaupten.

[...]


1 Vgl. Machiavelli, Der Fürst, Kap. VII S. 127: „Cesare borgia galt als grausam; nichtsdestoweniger hat er durch seine Grausamkeit die Romagna geordnet und geeint sowie dort Frieden und Ergebenheit wiederhergestellt. Bei genauer Betrachtung wird man feststellen, daß er so viel mehr Milde besaß als das Volk von Florenz. [...] Einen Fürsten darf es daher nicht kümmern der Grausamkeit bezichtigt zu werden, wenn er dadurch bei seinen Untertanen Einigkeit und Ergebenheit aufrechterhält; er erweist sich als milder, [...] als diejenigen, die aus zu großer Milde Mißstände einreissen lassen, woraus Mord und Raub entstehen.

2 Vgl. Machiavelli, Discorsi, l.Buch Kap. II, S.54.

3 Vgl. Fontana, Benedetto, Love of Country and Love of God, S. 657/658 In: Journal of the History of Ideas Vol. 60 Nr.4,1999.

4 Vgl. Diesner, Hans-Joachim, Religion und Staat bei Machiavelli, In: Europa in der Frühen Neuzeit, Weimar 1997, S.54.

5 Vgl. Das Neue Testament, Johannes 14, Thomas spricht zu ihm: Herr, wirwissen nicht, wohin du gehst, und wie können wir den Weg wissen? Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben...

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640831425
ISBN (Buch)
9783640830671
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166881
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Schlagworte
Religion Machiavelli Fürst Il Principe Discorsi Glauben Kirche

Autor

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