Lade Inhalt...

Die Kultur der Migration - Kulturwissenschaftliche Zugänge

Frauen als Migrantinnen

Hausarbeit 2010 12 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Frauen als Migrantinnen

Die Kultur der Migration ist zunehmend durch eine Feminisierung geprägt. Schätzungen zufolge machen Frauen mittlerweile etwa die Hälfte aller Migranten aus,[1] bei fluchtbedingten Wanderungen bilden weibliche Flüchtlinge mit bis zu 80% sogar die Mehrheit.[2] Obwohl bereits Ernest George Ravenstein, bekannt als der Begründer der Migrationsforschung, die besondere Rolle der Frauen bei Wanderungsbewegungen erkannte und untersuchte, stand in der Mainstream-Migrationsforschung meist nur der männliche Migrant im Vordergrund. Sowohl die sozial- als auch die kulturwissenschaftliche Migrationsforschung blendete die Rolle der Frau im Migrationsprozess fast gänzlich aus und stellte den Mann als typischen Wanderer und Pionier dar, dessen Frau als abhängiges Anhängsel mitwanderte.[3] Erst in den 1980er Jahren wurde diese androzentristische Perspektive der Forschung zunehmend kritisiert,[4] sodass die Frau als Akteurin im Wanderungsprozess langsam ins Blickfeld der Wissenschaft geriet.[5]

Der folgende Aufsatz soll sich deshalb dem lange vernachlässigten Thema der Frauen als Migrantinnen widmen und ihre Wanderungsformen und -gründe – unter der Berücksichtigung frauenspezifischer Verfolgungsformen – näher erläutern. Anschließend wird der Aufsatz auf eine besondere Form der Migration eingehen, nämlich auf die Arbeitsmigration von Frauen. Ein weiteres Vergleichsthema, welches daraufhin folgt, ist schließlich die Transnationalisierung der Migration, an welcher Frauen in hohem Maße beteiligt sind. Abschließend erfolgt ein eigenständiges Statement zur Thematik der Frauen als Migrantinnen und zu der bisherigen und modernen Migrationsforschung, welche einen Gender-Ansatz verfolgt.

Die Wanderungsformen von Frauen sind vielfältig und umfassen einerseits (relativ) freiwillige Migrationsformen wie Arbeitsmigration und Expertinnenmigration und andererseits Zwangsmigration, welche Flucht und Vertreibung beinhaltet. Darüber hinaus wird unterschieden zwischen Binnenwanderung und internationaler Migration sowie permanenter und temporärer Wanderung.[6]

Die Beteiligung von Frauen an Migration ist demnach breit gefächert und auf verschiedene Wanderungsgründe zurückzuführen. Zum einen wandern Frauen, um ihre eigene Existenz oder die der im Herkunftsland zurückbleibenden Familie zu sichern oder um verschiedenen Formen von Verfolgung zu entkommen. Darüber hinaus findet Migration zu Studien- und

Ausbildungszwecken und aus Abenteuerlust statt. Außerdem wandern zunehmend Frauen temporär ins Ausland, um dort als Expertinnen ihrer Firma zu arbeiten.[7]

Auf die zwei wichtigsten Formen weiblicher Migration, Arbeitsmigration und Flucht, soll nun näher eingegangen werden, wobei das Thema Arbeitsmigration nur angerissen werden soll, da es als erstes Vergleichsthema später näher behandelt werden wird.

Allgemein wird je nach beruflicher Qualifikation und sozialer Herkunft zwischen drei Gruppen von Arbeitsmigrantinnen unterschieden. Die erste Gruppe besteht aus formal unqualifizierten Frauen wie beispielsweise Afrikanerinnen, welche in der Landwirtschaft tätig sind, jedoch selbst keinen Boden besitzen. Dagegen zählen qualifizierte Migrantinnen zur zweiten Gruppe; diese leiden im Aufnahmeland jedoch oftmals unter einer Dequalifizierung, wie beispielsweise philippinische Lehrerinnen, die als Kindermädchen beschäftigt sind. Die dritte Gruppe besteht aus hochqualifizierten Migrantinnen, die beispielsweise von ihrer Firma kurzfristig ins Ausland gesendet werden.[8]

Bezüglich des Alters von Arbeitsmigrantinnen lässt sich feststellen, dass diese oftmals sehr jung sind; eine große Gruppe von Frauen ist außerdem etwa 60 Jahre alt und muss nach Scheidung oder Tod des Ehemannes ihren Lebensunterhalt durch Arbeitsmigration sichern.[9]

Frauen werden allgemein positive Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Loyalität zugeschrieben, weshalb sie als Arbeitskräfte äußerst beliebt sind. Die Zunahme an weiblicher Arbeitsmigration ist außerdem zurückzuführen auf die wachsende Anzahl an frauendominierten Beschäftigungen, auf spezielle Überlebensstrategien vieler Familien und auf die wachsende Unabhängigkeit junger Frauen.[10]

Eine zweite wichtige Form von Migration ist die Wanderung weiblicher Flüchtlinge. Groben Schätzungen zufolge machen Frauen mittlerweile bis zu 80% der Flüchtlinge aus.[11]

Dabei sind die Gründe ihrer Verfolgung vielfältig: zum einen werden viele Frauen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer religiösen bzw. ethnischen Minderheit oder aufgrund ihrer politischen Aktivitäten verfolgt, zum anderen müssen Frauen wegen ihrer Beziehung zu politisch Oppositionellen oder wegen der Überschreitung von frauenspezifischen Normen flüchten.[12]

Allen diesen Fluchtformen ist gemeinsam, dass sie auf einer frauenspezifischen Verfolgung basieren, welche sich durch zwei Ebenen kennzeichnet: die erste Ebene der frauenspezifischen Verfolgung ist die Verfolgung mittels sexuellen Missbrauchs und Gewalt,

die zweite Ebene beinhaltet die Verfolgung von Frauen aufgrund ihres Verstoßes gegen bestehende Normen und Gesetze.[13] Dies soll im Folgenden näher erläutert werden.

Eine große Gruppe von Flüchtlingsfrauen stellen Frauen aus religiösen oder ethnischen Minderheiten dar, welche im Zuge von Bürgerkriegen oder ethnischen Konflikten sexueller Gewalt ausgeliefert sind. Hierbei kann die sexuelle Misshandlung von Frauen als gezielte Kriegsstrategie angesehen werden, da diese auf die Demütigung der Männer der gegnerischen Gruppe abzielt und somit nicht nur die Frauen, sondern auch die gesamte Gruppe entehren soll. Vergewaltigungen werden innerhalb ethnischer Konflikte immer wieder als Waffe gegen die gegnerische Partei eingesetzt, so zum Beispiel in Ruanda, wo auf öffentlichen Plätzen Massenvergewaltigungen von Frauen stattfanden.[14]

Doch nicht nur die Zugehörigkeit zu einer religiösen oder ethnischen Minderheit, sondern auch die Tätigkeit in Gewerkschaften oder Parteien kann zur Verfolgung von Frauen führen. Außerdem müssen Frauen oftmals aufgrund ihrer frauenspezifischen Tätigkeiten mit Sanktionen rechnen, beispielsweise wenn sie Oppositionelle mit Lebensmitteln versorgen oder für politische Sitzungen ihren Wohnraum zur Verfügung stellen.[15]

Der sexuelle Missbrauch an politisch aktiven Frauen, der auch heutzutage noch in vielen Folterstaaten praktiziert wird, basiert dabei auf einer doppelten Verfolgungsabsicht: durch sexuelle Übergriffe werden Frauen auf ihre untergeordnete Stellung in der Gesellschaft hingewiesen und zur Einstellung ihrer politischen Aktivität gezwungen.[16]

Eine weitere frauenspezifische Verfolgungsform ist die Verfolgung von Frauen, welche in Beziehung zu politisch Oppositionellen stehen. Durch die sexuelle Misshandlung dieser Frauen werden Informationen, beispielsweise über den Aufenthaltsort bestimmter Personen, erpresst und das Ziel verfolgt, die oppositionellen Männer durch die Entehrung ihrer Frauen zu bestrafen.[17]

Viele Frauen sind schließlich auch von ´privater Verfolgung` durch Verstöße gegen geschlechtsspezifische Normen und Regeln im Herkunftsland bedroht. Die Verfolgung der Frau kann dabei sowohl vom Staat als auch von der eigenen Familie oder von anderen Gruppierungen ausgehen. Beispiele hierfür sind gesetzlich geregelte Bekleidungsvorschriften im Iran, welche auf die Unterdrückung von Frauen abzielen, oder Zwangsabtreibungen in China, welche durch die sogenannte Ein-Kind-Politik legitimiert werden.[18]

[...]


[1] Martina Schöttes / Annette Treibel: Frauen-Flucht-Migration. Wanderungsmotive von Frauen und Aufnahmesituationen in Deutschland. In: Soziale Welt. Baden-Baden 1997, S. 85.

[2] Simone Prodolliet: Spezifisch weiblich. Geschlecht und Migration. Ein Rückblick auf die Migrationsforschung. In: Zeitschrift für Frauenforschung, 17. Jg. 1999, S. 27.

[3] Ebd., S. 26f.

[4] Manuela Westphal: Migration und Gender-Aspekte. In: Migration und Soziale Arbeit, Heft 1 2007, S. 4.

[5] Schöttes/Treibel 1997, S. 85.

[6] Ebd., S. 86.

[7] Prodolliet 1999, S. 29.

[8] Schöttes/Treibel 1997, S. 102.

[9] Ebd., S. 101f.

[10] Ebd., S. 102f.

[11] Ebd., S. 88.

[12] Ebd., S. 89.

[13] Ebd., S. 94.

[14] Ebd., S. 90f.

[15] Ebd., S. 90.

[16] Ebd., S. 89.

[17] Ebd., S. 91.

[18] Ebd., S. 92f.

Details

Seiten
12
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640831838
ISBN (Buch)
9783640831944
Dateigröße
378 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v166952
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Ludwig-Uhland-Institut
Note
2,0
Schlagworte
Migration Migrationshintergrund Migrantinnen Migrantin Frau Ausländerin Arbeitsmigration Flucht Flüchtling Transnationalismus gender Westphal Hess Schöttes Prodolliet Migrationsforschung Kulturwissenschaft

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Kultur der Migration - Kulturwissenschaftliche Zugänge