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Die kindliche Wahrnehmung und die Möglichkeit der Kunstrezeption in der Grundschule

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 25 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kindliche Wahrnehmung
2.1 Kognitive Entwicklung
2.2 Soziale Entwicklung
2.3 Persönlichkeitsentwicklung

3 Grundlagen der Kunstrezeption in der Grundschule
3.1 Die kindliche Rezeptionsfähigkeit
3.2 Kunstwerk und Rezipient
3.3 Auswahl der Kunstwerke

4 Assoziative Verfahren der Kunstrezeption
4.1 Percepte
4.2 Der chinesische Korb
4.3 Die Grenzen der assoziativen Verfahren in Bezug auf die kindliche Wahrnehmung

5 Die Phasen des Rezeptionsprozesses nach Bettina Uhlig
5.1 Einstieg
5.2 Vertiefte Rezeption
5.3 Interpretation
5.4 Transformation

6 Ein Unterrichtsbeispiel im Vergleich mit Bettina Uhligs Modell der Kunstrezeption
6.1 Unterrichtsbeispiel zu Paul Klee
6.2 Vergleich des Unterrichtsbeispiels mit Bettina Uhligs Modell

7 Schlusswort

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit dem Thema der Kunstrezeption in der Grundschule. Kunstrezeption bezeichnet im Allgemeinen die Betrachtung und damit die Aufnahme eines Kunstwerks durch einen Betrachter. Im Folgenden soll nun gezeigt werden, inwiefern Kinder aufgrund ihrer Entwicklung dazu in der Lage sind, Kunst zu rezipieren und auf welche Art und Weise das Thema der Kunstrezeption entsprechend der kindlichen Wahrnehmung in der Grundschule umgesetzt werden kann. Aufgrund eigener Erfahrungen habe ich festgestellt, dass der Kunstunterricht an einigen Grundschulen eher als Gelegenheit zum Basteln und Malen genutzt wird. Wenig bis keine Zeit wird der Kunst als solcher entgegen gebracht, obwohl die Fähigkeiten und das Interesse der Kinder nicht dagegen sprechen.

Im Folgenden werden zunächst die kindliche Wahrnehmung und die Entwicklung von Kindern im Alter zwischen sechs und elf Jahren im Bezug auf die Möglichkeiten und Fähigkeiten der Kunstrezeption betrachtet. Dazu zählen die kognitive und soziale Entwicklung, so wie die Persönlichkeitsentwicklung. Diese spielen innerhalb der Kunstrezeption einen entscheidenden Part und können maßgeblich von der Kunst beeinflusst werden. Im Anschluss werden die Grundlagen der Kunstrezeption betrachtet, um in einem nächsten Schritt die Möglichkeiten der Kunstrezeption in der Grundschule darauf aufbauend entwickeln zu können. Das an dieser Stelle vorgestellte Modell der Kunstrezeption von Bettina Uhlig unterteilt sich insgesamt in vier Phasen, die genauer erläutert werden. Anschließend wird ein Unterrichtsbeispiel aus der Praxis herangezogen, welches verdeutlichen soll, wie das Thema der Kunstrezeption in der Grundschule derzeit umgesetzt wird. Dieses Beispiel wird dann mit dem Modell Bettina Uhligs verglichen, um mögliche Schwachstellen ausfindig machen und diesbezüglich sinnvolle Verbesserungsvorschläge anführen zu können.

2 Kindliche Wahrnehmung

Im Allgemeinen wird der Prozess der Wahrnehmung als ein komplexer Ablauf beschrieben, den man als subjekt- und kontextkonstituierten Denkprozess beschreiben kann.1 Das bedeutet, dass der gesamte Verlauf sowohl vom Subjekt, als auch vom Kontext, welcher die Wahrnehmung umschließt, beeinflusst wird. Jeder Betrachter eines Gegenstandes betrachtet diesen unter Beeinflussung seiner individuellen Lebensgeschichte. Faktoren wie der Wissensstand des Betrachters, seine persönlichen Erfahrungen und seine aktuelle Gefühlslage beeinflussen demnach den Akt der Betrachtung. Neben dem Subjekt beeinflusst die Umwelt, in welcher die Betrachtung stattfindet, die Wahrnehmung. Folglich sind Dinge, wie zum Beispiel der Ort an dem die Betrachtung stattfindet und die aktuelle Geräuschkulisse Einflussfaktoren der Wahrnehmung.

Betrachtet man die Wahrnehmung von Kindern, dann ist zunächst festzustellen, dass Kinder ihrem „Wahrnehmungsangebot mit Offenheit, Neugier, Abenteuerlust und Entdeckerfreude“2 begegnen. Diese Tatsache unterscheidet die kindliche Wahrnehmung entscheidend von der von Erwachsenen. Erwachsene sind bereits deutlich mehr beeinflusst durch eigene Denkmuster und die sie umgebende Umwelt. Kinder sind noch nicht in „feste kognitive und soziale Strukturen eingebunden“3, wie es die Erwachsenen sind und können deshalb freier und ungezwungener ihre Umwelt wahrnehmen. Je älter die Person demnach ist, desto mehr ist sie durch Vorurteile und festgefahrene Meinungen im Erleben ihrer Umwelt behindert und kann deshalb dem Wahrnehmungsgegenstand weniger offen begegnen.4 Man spricht in diesem Zusammenhang von einer offenen und defokussierten Wahrnehmungsweise der Kinder, die jedoch die Gefahr des ziellosen und möglicherweise abschweifenden Betrachtens in sich bürgt.

Die kindliche Wahrnehmung ist desweiteren von den bisher erlangten subjektiven Erfahrungen und dem aktuellen Wissensstand des Kindes abhängig. Dass heißt, Dinge, die noch nicht im Wissenshorizont des Kindes liegen, werden ausgeblendet und nicht weiter betrachtet. Demzufolge wird all jenes interpretiert, was „im Horizont ihrer Lebenswelt, ihres Erfahrungshintergrundes und ihrer situativen Verfasstheit“5 liegt. Dies gilt für Dinge, die bereits im Gedächtnis verankert sind und an die das Kind sich deshalb erinnern kann. Gegenstände werden also Wiedererkannt, indem zwischen dem Wahrgenommenen und der Lebenswelt des Kindes nach Entsprechungen gesucht wird.6

Aufgrund dieses Wissens über die kindliche Wahrnehmung ist der subjektive Zugang zur Kunst der einzig mögliche und somit sinnvolle Weg, da die Kinder sich auf ihnen bekannte Dinge konzentrieren und darauf aufbauen können. Aus diesem Grund sollte der fachliche und pädagogische Ausgangspunkt die kindliche Lebenswelt und subjektive Wirklichkeitserfahrung der Kinder sein.7 Das Ziel der Kunstbetrachtung durch Kinder sollte demnach keine kritische Beurteilung eines Werkes sein, sondern der subjektive Erkenntnisprozess durch die jeweiligen Erfahrungen und Begegnungen mit der Kunst.

Im Folgenden werden drei Bereiche der kindlichen Entwicklung genauer betrachtet, die die Wahrnehmung im Wesentlichen mitbestimmen und somit von Bedeutung für die Kunstrezeption sind.

2.1 Kognitive Entwicklung

Unter der Entwicklung von Kognitionen versteht man die geistigen Fähigkeiten abstrahieren, konkretisieren, differenzieren, generalisieren, vergleichen und verallgemeinern zu können. Nach Jean Piaget durchläuft ein Kind verschiedene Stadien, die das logische und reflektierte Denken zum Abschluss haben. All diese, damit verbundenen Fähigkeiten, sind vor allem für rezeptiv bildnerische Tätigkeiten von Bedeutung.8 Die kognitive Entwicklung ermöglicht demnach das Erkennen und Erfassen der Umwelt und der eigenen Person und ist somit auch bedeutsam für die Kunstrezeption.

Kinder erfassen ihre Umwelt im Vergleich mit ihrem eigenen Körper, der jeweiligen Situation und den persönlichen Präferenzen.9 Piaget bezeichnet dies als „Egozentrismus des Kindes“. Das Ziel in diesem Zusammenhang ist es, den Denkprozess zunehmend flexibler gestalten zu können und auf diese Weise von der konkreten, unmittelbaren Wahrnehmung zur Entfaltung der Fähigkeit der Vorstellung zu gelangen.

In Bezug auf Kunstwerke handelt es sich hierbei vor allem um die Fähigkeit den Inhalt-Form-Zusammenhang eines Werkes herstellen zu können. Dabei gilt es einfache Gestaltungskriterien erfassen und benennen zu können, um sie dann miteinander zu vergleichen. Dass heißt zum Beispiel das Benennen einer Form und diese mit einer anderen vergleichen zu können. Dazu sind Kinder im Grundschulalter in der Lage. Für eine tiefer greifende Kunstrezeption wird jedoch zudem die Fähigkeit des Abstrahierens und Verallgemeinerns verlangt. Kinder sind dazu im Allgemeinen noch nicht in der Lage, weil sie nur schwer die nötige Distanz zum Werk schaffen können. Auch die im Werk liegende Aussage des Künstlers kann noch nicht in ihrer Komplexität und geistigen Tiefe erfasst werden.10 Unterstützung und Förderung durch die Lehrkraft können aber dazu beitragen dem Werk zugrunde liegende Gedanken und Weltansichten im Unterricht diskutieren zu können.11 Demnach können aufgrund der kognitiven Entwicklung der Kinder bereits erste Deutungen eines Werkes vorgenommen werden.

2.2 Soziale Entwicklung

Als die Entwicklung sozialer Fähigkeiten bezeichnet man das interagieren zwischen einem Individuum und seiner der Umwelt. Durch diese Interaktion findet die soziale Entwicklung statt.

„Das Kind ist von Anbeginn an eingebettet in ein soziales Netzwerk […]“.12 Das heißt, es findet eine wechselseitige Beeinflussung zwischen dem Kind und seiner Umwelt statt. Durch diesen Prozess entwickelt sich ein Individuum. Die Umwelt des Kindes unterteilt sich in verschiedene Bereiche. Einer dieser Bereiche ist die Kultur einer Gesellschaft, zu welcher unter anderem die Kunst zählt. In den einzelnen Kunstwerken stecken Aussagen des Künstlers, wie „soziale Wertvorstellungen, Normen, Positionen oder Urteile“.13 Diese Aussagen können vom Rezipienten, dem Kind, aufgenommen werden und mit dem eigenen Leben verglichen und möglicherweise darauf angewendet werden. Auf diese Weise kann die Kunst zum Gelingen der Sozialisation eines Kindes beitragen.14

Von der Herausbildung sozialer Kompetenzen, als Teil der sozialen Entwicklung, spricht man vor allem im Zusammenhang mit der Fähigkeit in soziale Kontakte treten zu können und somit Beziehungen zu anderen Individuen aufbauen zu können. Man spricht auch von der Fähigkeit zum Perspektivwechsel, welche auch beim Betrachten von Kunst zum Zuge kommt. Ist das Kind in der Lage sich in andere Situationen oder auch Personen hinein zu versetzen, kann es auch die in Kunstwerken vertretenen sozialen Rollen und Strukturen nachvollziehen. Auf diese Weise können über die Betrachtung von Kunst zwischenmenschliche und gesellschaftliche Fragen betrachtet und analysiert werden. Die Kunst kann demnach als ein Medium zur Sozialwerdung betrachtet werden.15

2.3 Persönlichkeitsentwicklung

Die „spezifische Ausprägung eines Individuums“16 ist ein dynamischer, durch ständige Veränderungen geprägter, lebenslanger Prozess, wobei die Sozialisation die Basis bildet. Am Ende dieses Prozesses steht die Persönlichkeit eines Jeden. Entscheidend für die jeweilige Persönlichkeitsentwicklung sind drei Faktoren: Die Lebenslage, die Lebenssituation und der Lebensprozess.17

In eine Lebenslage wird ein Kind hineingeboren und dort von den unterschiedlichen Lebensweisen seines soziokulturellen Umfelds geprägt. Die Familie, die Lebensumstände, in denen das Kind aufwächst, die Schule usw. beeinflussen die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Die Lebenssituation hingegen meint die Einstellungen, Erkenntnisse und Befindlichkeiten, die jedes Individuum mit sich bringt. Diese sogenannten Lebenskonzepte beziehen sich zum Einen auf das direkte Verständnis der Umwelt, zum Andern auf die eigene Selbstwahrnehmung. Der Lebensprozess beschreibt allgemein den Ablauf des Lebens als einen fortdauernden Prozess.

Insbesondere die Lebenslage, also das soziokulturelle Umfeld, des Kindes beeinflusst die Entwicklung der Persönlichkeit. Dennoch steht das Kind neuen, unbekannten Lebensmodellen offen gegenüber. Auf diese Weise können Kunstwerke mit den ihnen inhärenten Aussagen genutzt werden, indem sie eine Möglichkeit der Identifikation bieten. Durch das Vergleichen des eigenen Lebens mit anderen Modellen des Lebens kann die „Toleranz und Akzeptanz gegenüber unterschiedlichen kulturellen, milieuspezifischen und familiären, aber auch individuellen Lebensentwürfen und -erfahrungen“ gefördert werden.18 Auf diese Weise können Kunstwerke auch bei der Bildung einer eigenen Identität helfen. Zumal zunehmend Identitäten von Stars aus den Medien übernommen werden, die oftmals ein und dieselben Identität verkörpern, ermöglichen Kunstwerke dem entgegengesetzt die Erfahrung von verschiedensten Lebensentwürfen, die allesamt als Lebensmodell genutzt werden können.

[...]


1 Vgl. Bettina Uhlig: Kunstrezeption in der Grundschule. Zu einer grundschulspezifischen Rezeptionsmethodik. München 2005, S. 35.

2 Ebenda, S. 36.

3 Ebenda, S. 35.

4 Vgl. Constanze Kirchner: Wege zum Dialog mit Kunstwerken in der Grundschule. In: Kunst + Unterricht 204/1996, S. 20.

5 Bettina Uhlig: Kunstrezeption mit Kindern. In: Kunst + Unterricht 288/2004, S. 4.

6 Vgl. Uhlig: Kunstrezeption in der Grundschule. S. 37.

7 Vgl. Kirchner: Wege zum Dialog mit Kunstwerken in der Grundschule. S. 16.

8 Vgl. Uhlig: Kunstrezeption in der Grundschule. S. 41.

9 Vgl. Ebenda, S. 42 f.

10 Vgl. Ebenda, S. 43.

11 Ebenda, S. 43.

12 Ebenda, S. 51.

13 Ebenda, S. 52.

14 Vgl. Ebenda, S. 52 f.

15 Vgl. Ebenda, S. 55.

16 Ebenda, S. 55.

17 Vgl. Ebenda, S. 56.

18 Ebenda, S. 59.

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640831920
ISBN (Buch)
9783640832019
DOI
10.3239/9783640831920
Dateigröße
697 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167036
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Schlagworte
wahrnehmung möglichkeit kunstrezeption grundschule

Autor

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Titel: Die kindliche Wahrnehmung und die Möglichkeit der Kunstrezeption in der Grundschule