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Jüdische Auswanderung aus Osteuropa im 19. und 20. Jahrhundert

Quellenbasierte Erörterung anhand der Biographie Mary Antins

Seminararbeit 2007 14 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriff der „Ostjuden“

3. Darstellung einer Auswanderung
3.1 Grenz- und Kontrollstationen
3.2 Auswandererhafen Hamburg

4. Agentenwesen

5. Quellenkritische Abschlussdiskussion

Verwendete Literatur

1. Einleitung

Ausgehend von den Ideen der Aufklärung kommt es in West- und Mitteleuropa gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu einer allmählichen Aufhebung der gesellschaftlichen Benachteiligung der Juden. Sahen sie sich bisher fast überall mit rechtlichen Beschränkungen konfrontiert, bemüht man sich fortan in vielen Ländern um eine zumindest rechtliche Gleichstellung.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts geraten diese Emanzipationsbewegungen jedoch ins Stocken und es kommt zu einer gegenläufigen Tendenz, die sich in vielen Ländern in einer antiüdischen Gesetzgebung und oftmals auch gewalttägigen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung ausdrückt. Infolge dessen beschließen viele Juden ihre alte Heimat zu verlassen. Es kristallisieren sich zwei große Wanderungsbewegungen heraus: die Auswanderung der Juden nach Palästina oder Nordamerika.1

Diese Hausarbeit widmet sich der Geschichte der jüdischen Amerika- Auswanderung aus Osteuropa ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Die soziale Lage in den Heimatländern, sowie die antijüdischen Gesetze werden in dieser Hausarbeit nur erörtert, wenn es für das Verständnis hilfreich erscheint. Der Schwerpunkt dieser Hausarbeit liegt alleinig auf der Darstellung der Route der jüdischen Auswanderer aus ihrer Heimat bis zu den deutschen Hafenstädten Bremen und Hamburg, welchen ich anhand der Biografie von Mary Antin nachzeichnen werde. Bei aller Problematik, die Biographien als historische Quellen bergen, erschien mir die Reisebeschreibung der Familie Antin als besonders geeignet, da die einzelnen Stationen der langen und beschwerlichen Reise detailliert beschrieben werden. Zudem fällt die Auswanderung der Familie in die 90er Jahre2 des 19. Jahrhunderts, so dass die Reisebedingungen exemplarisch für die verschärften Sicherheitsmaßnahmen im Transitland Deutschland sind. Nach der Cholera- Epidemie 1892 hatten sich die beiden führenden Schifffahrtsgesellschaften, Hapag und Lloyd, mit der Reichsführung auf einen Kompromiss eingelassen: die Reichsgrenzen wurden für Auswanderer aus Osteuropa wieder geöffnet, im Gegenzug übernahmen Hapag und Lloyd die Kosten für die neu entstehenden Kontrollstationen. Die aus der Biographie heraus gelesenen Informationen oder gewählten Zitate werden stets in zusätzliche Quelleninformationen eingebettet und dienen vornehmlich der Veranschaulichung.

Durch die Orientierung an der Biographie Mary Antins beschränkte sich schon das Referat geografisch weitestgehend auf die jüdische Auswanderung aus Rußland, da die jüdischen Auswanderer aus dem Südosten Europas, vor allem aus der Region der Habsburger Monarchie, in den meisten Fällen den Weg über den Bremer Auswandererhafen wählten.3 An vielen Stellen, vor allem bei der Erläuterung des Agentenwesens, wird aber versucht, auch die Auswanderung aus Österreich-Ungarn mit einzubeziehen.

2. Begriff der „Ostjuden“

Ich bin ein Ostjude,

und wir habenüberall dort unsere Heimat, wo wir unsere Toten haben

(aus: Roth, Hotel Savoy)4

Unter dem Begriff der Ostjuden werden in der Fachliteratur all jene Juden zusammengefasst, welche aufgrund der seit dem Spätmittelalter einsetzenden Verfolgungen in West- und Mitteleuropa geflohen waren und sich in (süd-) osteuropäischen Gebieten angesiedelt hatten. Mittel- und Osteuropa bildete dadurch das zahlenmäßig bedeutendste Siedlungsgebiet der Juden.5

Die Ostjuden werden zudem oftmals nach geografischer Zuordnung der Siedlungszentren in polnische Juden, galizische Juden und russische Juden („Ghetto-Juden“) unterschieden. Die geografischen Unterschiede haben jedoch eher beschreibende Bedeutung und sind aufgrund der politischen Verhältnisse zu jener Zeit oft irreführend.6 Im Unterschied zu den Westjuden, schreibt man den osteuropäischen Juden eine geringe Assimilation und eine generell durchs Schetl geprägte Lebensform zu. Es finden sich ebenso Hinweise auf eine verelendete Lebensweise. Allerdings ist dieser Punkt nicht verallgemeinerbar und wohl vor allem auf jene Ostjuden zutreffend, welche bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts schon jahrelanger antijüdischer Gesetzgebung ausgesetzt waren, wodurch auch ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten eingeschränkt waren.

Eindeutiges Erkennungszeichen blieb nur die eigene Sprache, das Jiddische. Die Sprache war auch das Kriterium für die Einstufung als Jude in den amerikanischen Statistiken. Damit fielen die assimilierten Juden West- und Mitteleuropas heraus. Eine gesonderte Zählung der jüdischen Einwanderer in Amerika fand jedoch erst nach 1899 statt.7 Vorher verschwanden sie in der Masse der anderen Einwanderer aus dem gleichen Herkunftsland. Es gibt zahlreiche Versuche mit Hilfe von Statistiken der Auswandererhäfen und jüdischen Hilfsorganisationen in Deutschland die jüdische Auswanderung zahlenmäßig zu fassen. Einheitliche Ergebnisse findet man jedoch keine. So geht beispielsweise M. Just (1977) unter Angabe weiterer Quellen von 2,75 Millionen Juden aus, die in der Zeit von 1880 bis zum 1.Weltkrieg, Europa verlassen haben. 700.000 Juden davon sollen allein von 1905 - 1914 Deutschland passiert haben8.

3. Darstellung einer Auswanderung

Mary Antin wuchs als eines von vier Kindern in einer jüdischen Familie in Polotzk auf. Die Stadt befindet sich im heutigen Weißrussland. Im 19. Jahrhundert gehörte die Region um Polotzk (Gouvernement Witebsk) zum Russischen Reich. In diesem westlichen Landstrich Rußlands befanden sich die ausgeschriebenen Siedlungsrayons für die jüdische Bevölkerung. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts legte Katharina II. mit ihren Anordnungen den Grundstock für die Ghettoisierung in Rußland. Diese Siedlungspolitik fand sich fortan bei allen russischen Zaren in ganz unterschiedlicher Ausprägung und identisch blieben bei allen russischen Herrschern nur die Grenzen der Rayons: die eroberten Gebiete nördlich des Schwarzen Meeres sowie die von Polen annektierten Gebiete. 9

Die Familie Antin war anfangs wohlhabend. Sie besaßen einen Laden und gehörten zum gehobenen Kreis der Stadt.10 Durch eine schwere Krankheit des Vaters verarmte die Familie jedoch zusehends, da unter diesen Umständen der Laden verkauft und der meiste Besitz verpfändet werden musste. Als Mary Antin circa 10 Jahre alt wurde, wanderte der Vater nach Amerika aus. Auf Kosten einer Wohlfahrtsgesellschaft wurde er nach Boston befördert. Die restliche Familie verblieb noch vier Jahre in der alten Heimat, bevor der Vater die nötigen Mittel aufbringen konnte, um der Familie die Dampferkarten für die Überfahrt bezahlen zu können.11 Mary Antin war zu diesem Zeitpunkt etwa 14 Jahre alt.

Im 8. Kapitel ihrer Biographie schildert Mary Antin ausführlich die lange und beschwerliche Reise. Die Beschreibung basiert auf einem Reisebericht, den sie während der ersten Monate nach ihrer Ankunft in Amerika an ihren Onkel verfasste.12 Im April 1894 bestieg Marys Mutter mit ihren vier Kindern den russischen Zug Richtung deutsche Grenze. Ausgestattet mit dem nötigsten Gepäck, wenig Bargeld, den Fahrkarten und den Auslandspässen. Letztendlich 6 Wochen dauerte die Reise von Polozk nach Bosten. 16 Tage davon allein die Überfahrt.

3.1 Grenz- und Kontrollstationen

Die Kontrollen von möglichen Auswanderern an den Grenzstationen begannen bereits in den 1870er Jahren. Federführend war dabei anfangs die Angst vor mittellosen Durchwanderern, die der deutschen Armenfürsorge zur Last fallen könnten. Die an den Reichsgrenzen errichteten Grenzstationen waren Einrichtung des Landes. Die Einreise in das Deutsche Reich war durch Ländergesetze geregelt, die der Aufsicht des Reiches unterstanden. Ein detailliertes Ausländerrecht gab es nicht. Gegen Ende der 1880er Jahre wurden die deutschen Durchwandererkontrollen zusehends intensiviert, da Amerika erste Einwandererbeschränkungen für Mittellose („ paupers “) erließ und die Gefahr von in Amerika abgewiesenen Rückwanderern stieg. Diese hätten auf Kosten der deutschen Behörden in ihre alte Heimat transportiert werden müssen. Aber auch das 1897, in der Hochphase der osteuropäischen Transitwanderung verabschiedete „Reichsgesetz über das Auswanderungswesen“ enthielt keine spezifisch auf den Durchwandererverkehr zugeschnittenen Paragraphen. So konnten Ausweisungen von der Polizei weitestgehend willkürlich durchgeführt werden. Preußen versuchte Anfang der 1890er Jahre den Umgang mit Transitwanderern einheitlich zu regeln, indem ein Pass, eine Fahrkarte nach Amerika und ausreichend Geldmittel verpflichtend wurden. Einschränkungen fanden sich jedoch trotz einheitlicher Regelung überall: so galt die erste Abweichung, dass galizische Auswanderer aus Österreich-Ungarn von der Pass- und Fahrkartenpflicht befreit waren.

[...]


1 Just, Ost- und südosteuropäische Amerikawanderung, S.22

2 1891: Auswanderung des Vaters; 1894: Familie kommt nach 3

3 Just, S.14

4 Zitiert nach: Haumann, S.9

5 Geschichte des jüdischen Volkes, IzpB, S.35

6 Polen war bspw. seit den drei Teilungen im 18. Jahrhundert zwischen seinen Nachbarn Preußen, Russland und Österreich-Ungarn aufgeteilt worden und bis 1918 als eigener Staat nicht existent.

7 Just 1977, S.11F.

8 Ebenda, S.14

9 Haumann, S.78F.

10 Antin, S.165

11 Antin, S.163-184

12 Antin, S.192

Details

Seiten
14
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640834402
ISBN (Buch)
9783640834549
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167064
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
Note
1,7
Schlagworte
Jüdische Auswanderung Ostjuden Auswanderung Hamburger Hafen Ballin Mary Antin Ballinstadt Hapag Lloyd

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Titel: Jüdische Auswanderung aus Osteuropa im 19. und 20. Jahrhundert