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Alexis de Tocqueville und seine Gesellschaftsstudie in Amerika

Welchen Einfluss hat die Zivilgesellschaft auf die Demokratie?

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Alexis de Tocqueville
2.1. Leben und Werk
2.2. Historischer Hintergrund

3. Zivilgesellschaft
3.1. Entwicklung des Begriffs
3.2. Tocquevilles Verständnis der Zivilgesellschaft

4. Gesellschaftsstudie in Amerika
4.1. Politische Gleichheit
4.2. Schule der Demokratie

5. Fazit: Der Einfluss der Zivilgesellschaft

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff der Zivilgesellschaft ist wohl jedem bekannt. Eine häufige Verwendung findet er in der Sozialwissenschaft, bei Politikern oder den Medien, in denen er regelrecht zu einem Schlagwort wurde. Doch welches Konzept versteckt sich dahinter?

Der Umgang mit der Zivilgesellschaft oder auch der bürgerlichen Gesellschaft ist sehr breit und daher sehr kompliziert, denn eine genaue Definition fehlt gänzlich. So kann die zivile Gesellschaft für die einen das bürgerliche Engagement bedeuten, für die anderen ein Raum der Eigenverantwortung zwischen Staat und Wirtschaft. Gemein ist allen Bedeutungen, dass mit Zivilgesellschaft eine positive Gesellschaft gemeint ist. Eine, die zu einer stabilen gesellschaftlichen und politischen Ordnung führt. Nicht zuletzt wird mit der Zivilgesellschaft ein normativer Gehalt verbunden, durch den man beschreiben kann, wie die Welt, die Politik und die Gesellschaft sein sollte.

Dabei ist sie keinesfalls ein Phänomen der letzten Jahre. Die Zivilgesellschaft ist so alt wie die politische Ideengeschichte selbst. Aristoteles rief sie bereits in der Antike ins Leben, im Sinne eines politischen Gemeinwesens. Erst im 18. Und 19. Jahrhundert erhielt der Begriff eine modernere Bedeutung, indem man sie vom Staat abgrenzte.[1] Eine der zentralen Figuren dieser Entwicklung war Alexis de Tocqueville, der den Inhalt dieser Hausarbeit darstellt. In Zeiten der Unruhen, Revolutionen und Orientierungslosigkeit in Frankreich reiste er in die USA, um dort die Demokratie zu analysieren. Welchen Einfluss hat die Zivilgesellschaft auf die Demokratie in Amerika? war die Frage, die ihn bei Antritt seiner Reise beschäftigte.

Die vorliegende Hausarbeit versucht diese Frage zu beantworten. Zunächst sollen einführend die Person Alexis de Tocqueville und die historischen Hintergründe in Frankreich skizziert werden, da sie den Ausgangspunkt seiner Sicht auf die damalige Gesellschaft und Politik darstellt und seine gegensätzlichen Beobachtungen in den USA herausstechen lassen. Dem Begriff Zivilgesellschaft wird sich anschließend genähert, wobei keine eindeutige Definition vorgestellt wird, sondern vielmehr in groben Zügen die Entwicklung des Begriffs bis hin zu Tocquevilles Verständnis einer Zivilgesellschaft.

Der Hauptteil beinhaltet die Gesellschaftsstudie, die Alexis de Tocqueville in Amerika erstellte. Darin beschrieb er bestimmte gesellschaftliche Strukturen, die er auf dem Kontinent vorfand. In der Analyse werde ich mich auf zwei zentrale Punkte, die Gleichheit der Bedingungen und die Volkssouveränität konzentrieren, die meiner Meinung nach die Grundsätze der amerikanischen Gesellschaft für Tocqueville darstellten.

Am Ende soll ermittelt werden inwieweit die zu Frankreich so gegensätzliche Gesellschaft, die Tocqueville für sich als zivile Gesellschaft definierte, die dort herrschende Demokratie beeinflusste. Wieso konnte sich in der noch so jungen Nation die Demokratie so früh durchsetzen und eine Beständigkeit und Stabilität aufweisen? Welches Verständnis einer zivilen Gesellschaft gab es in den USA, die diesen Weg von Beginn an ebnete und woran mangelte es in Europa, sodass der Kontinent mit Unruhen zu kämpfen hatte, bis auch hier sich demokratische Grundprinzipien durchsetzen konnten?

Mit diesen Fragen werde ich mich beschäftigen, wohlwissend, dass sich die Analyse Tocquevilles mit weitaus mehr Facetten, als der Gesellschaft beschäftigte. So beschrieb er auch die Gefahren der Demokratie, die er als Tyrannei der Mehrheit bezeichnete und inwieweit Amerika in der Lage war, dies zu verhindern. Dieser Aspekt wird in meiner Arbeit nicht berücksichtigt. Hierbei stehen lediglich die Gesellschaft und ihre Einflüsse im Mittelpunkt.

2. Alexis de Tocqueville

2.1. Leben und Werk

Für das Verständnis des Werkes Alexis de Tocquevilles ist ein Blick in seine Biographie unausweichlich. Sie erklärt seine Herkunft, sein Denken und seine Sicht auf die politischen Umstände. Er war stark in der Aristokratie verwurzelt. Seine Weitsicht und poltische gegenwärtige Analyse allerdings banden ihn an die Demokratie. „Er war zeitgemäß und unzeitgemäß zugleich. Geboren als Aristokrat in einer bürgerlichen Welt, Sohn des 18. Jahrhunderts mit starken Bindungen zurück ins 17. Jahrhundert, und doch aus selbstgewählter Verantwortung genötigt, sich im 19. Jahrhundert zu bewähren.“[2]

Alexis de Tocqueville wurde 1805 in eine normannische Adelsfamilie geboren. Durch die Arbeit seines Vaters wurde er früh mit der Politik und den damaligen Zuständen konfrontiert. Hervé de Tocqueville war als Präfekt Vertreter des Staates während der Restauration der Bourbonenmonarchie. Tocqueville wurde sowohl von den konservativen Einstellungen seiner Eltern, als auch von der revolutionären Stimmung stark beeinflusst.[3] Nach seinem Jurastudium wurde er Hilfsrichter in Versailles, wobei er das Ende der Bourbonenmonarchie und das aufstrebende Bürgertum miterlebte. Diese Entwicklung empfand der junge Richter als unvermeidlich und trotzdem war er zwischen seinen familiären monarchischen Wurzeln und seiner positiven Haltung der Revolution gegenüber im Zwiespalt.[4] Sein starkes Interesse an der Demokratie zeigte sich vor allem in dem Entschluss nach Amerika zu reisen, um die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse dort zu analysieren. 1831 trat er diese Reise mit seinem Freund Gustave de Beaumont mit dem offiziellen Auftrag, Einrichtungen des Strafvollzugs zu untersuchen, an. Für Tocqueville stand jedoch seine Gesellschaftstudie im Vordergrund. Er erkannte bereits früh, dass sich in Frankreich eine demokratische Revolution vollzog und wollte daher eine bereits gefestigte Demokratie kennenlernen. „Das politische Experiment Amerikas faszinierte ihn; dessen Ziel es war, frei von geschichtlichen Fesseln und hemmenden Traditionen, ein geographisch gewaltiges Reich mit einer friedlichen Staatengemeinschaft zu errichten.“[5] Die Reiseroute sah viele Stationen vor, darunter Großstädte aber auch kleine Kommunen. Durch Beobachtung, Gespräche und Material wie den Ferderal Papers ergab sich für Tocqueville eine Fülle an Material, aus dem er sein bedeutendstes Werk „Über die Demokratie in Amerika“ erstellte.

Nach dem großen Erfolg seines Buches, begann Tocqueville seine Arbeit in der praktischen Politik. Er wirkte nach der Februar-Revolution an der neuen Verfassung mit und wurde bis 1851 französischer Außenminister. Nach der Machtübernahme von Louis Napoleon, zog er sich aus der Politik zurück. 1859 verstarb Alexis de Tocqueville in Cannes.[6]

2.2. Historischer Hintergrund

Alexis de Tocqueville lebte zu Zeiten in Frankreich, die geprägt waren von Unruhen, Aufständen, Regimewechseln und Orientierungslosigkeit. Geboren nach der Französischen Revolution erlebte er eine Gesellschaft, die mit der neu gewonnen Freiheit nichts anfangen konnte, der die Basis für eine starke, fundierte Demokratie fehlte. „Der Wechsel von herrschenden Gruppen, Verfassungen und die Politik bestimmenden Doktrinen hält Frankreich seit 1789 in Atem.“[7]

Als Tocqueville 1831 seine Reise nach Amerika antrat, hatte er bereits als Junge das Erste Kaiserreich unter Napoleon und den Beginn der Restauration der Bourbonenmonarchie miterlebt. Während seines Studiums und seiner Arbeit als Hilfsrichter in Versailles kam es zur Julirevolution, nachdem die Mitbestimmung der Bürger durch die Auflösung des Parlaments verweigert wurde. Die daraufhin entstandene Julimonarchie stützte sich lediglich die ersten Jahre auf die Mitregentschaft des Großbürgertums, bevor sich auch in dieser Zeit die monarchische Herrschaft über das Volk stellte. In kürzester Zeit wurden ständige Veränderungen in Bereichen der Armee, Verwaltung, Verfassung, Rechte und Wirtschaft vorgenommen, die Industrialisierung begann und Kolonien wurden gegründet. In der Zeit nach der Revolution waren Werte wie Freiheit, Verantwortung und Tradition in Frankreich unauffindbar.[8] „Innerhalb der Zeitspanne nicht einmal eines Menschenlebens gehen über die französische Gesellschaft ungeheure Veränderungen hinweg. Die Bürger aber sind geblieben.“[9] Sie erfuhren Politik in dieser Zeit als unbeständig, entrechtend und gewalttätig. Die Politikverdrossenheit hatte seinen Höhepunkt erreicht. Zusammenhalt und Gemeinsamkeiten unter den Menschen existierten in Frankreich nicht. Die politischen Regime wurden ihnen von oben aufgedrückt. „Die Erhaltung der äußeren Ordnung beseitigt die geistige und politische Krise nicht, sie ist nur geeignet, die tatsächliche Unordnung, die immer wieder ausbrechen kann, zu verbergen.“[10]

Im Gegensatz zu diesen Entwicklungen stand die Amerikanische Revolution. Sie brachte die Trennung von Staat und Kirche, eine niedergeschriebene Verfassung, die Freiheit, Rechte und Gleichheit garantierte, Mitregentschaft der Bürger und die Volkssouveränität in den Kommunen.[11] Die Revolution hatte ein Fundament der demokratisch denkenden Bürger. Die fehlende Ständegesellschaft und Geschichte machten es hier leicht, die Forderungen nach Freiheit und Gleichheit durchzusetzen und auch zu festigen. Langanhaltende Traditionen mussten nicht durchbrochen werden. Gerade diese stabile, aus der Gesellschaft wachsende Demokratie faszinierte Alexis de Tocqueville. Er besaß die Weitsicht, um den Gedanken zu entwickeln, dass diese politische Form die einzige werden wird, die sich durchsetzt und das auch in Europa alles darauf hinauslief, dass die Voraussetzungen historisch jedoch nicht unterschiedlicher sein könnten.

3. Die Zivilgesellschaft

3.1. Entwicklung des Begriffs

Der Begriff der Zivilgesellschaft hat sich mit dem Lauf der Geschichte ebenso wie mit den Einflüssen der politischen Denker gewandelt. Möglich war dies, aufgrund der fehlenden Definition. Die Zivilgesellschaft ist zu einem Sammelbegriff geworden, der zu unterschiedlichen historischen Gegebenheiten eine andere Bedeutung und Funktion haben konnte.

Die Geschichte der Zivilgesellschaft reicht bis zu den Anfängen der politischen Ideengeschichte zurück. Aristoteles benutzte ihn zum ersten Mal in der griechischen Antike. Er gebrauchte den Begriff als eine Art Bürgergemeinde, mit der er die Polis, also die Bürgerschaft in Athen gleichsetzte. Diese ist „eine Gemeinschaft von Bürgern, die sich zum Zwecke des guten, das heißt des tugendhaften und glücklichen Lebens zusammenschließen.“[12] Der Grundsatz, den Aristoteles in der Zivilgesellschaft sah, hat zum Teil auch heute noch Bestand. Er unterschied Herrschaftsformen im privaten und im politischen. Letzteres beruhte auf gleichen Rechten sowie auf politischer und freier Selbstbestimmung. Der grundsätzliche Unterschied zum Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft heute ist die Trennung zwischen Staat und Gesellschaft, die für Aristoteles keine Relevanz zeigte.[13] Trotzdem wurde das Verständnis einer zivilen Gesellschaft so zeitlos und fundamental analysiert, dass die Annahmen in Teilen heute noch Bestand haben und zeigt sich vor allem darin, dass über Jahrhunderte hinweg keine politische Theorie eine grundsätzliche Wandlung des Begriffs vornahm. Erst Denker wie Thomas Hobbes, Montesquieu oder Alexis de Tocqueville waren in der Lage, die Zivilgesellschaft zeitgemäß weiter zu entwickeln. Im Laufe der Geschichte war es der Absolutismus, der die gesellschaftlichen Grundsätze veränderte und die Denker der damaligen Zeit dazu brachte, den aristotelischen Inhalt der zivilen Gesellschaft neu zu überdenken.

Thomas Hobbes ist der wichtigste Denker und Vertreter dieser Zeit. Er sah den Absolutismus als die einzig richtige Regierungsform und klammerte die Gesellschaft als solches gänzlich aus seiner Theorie. „Für Hobbes hat die Idee vom Bürger als eines Menschen, der sein eigener Herr ist, keine Bedeutung mehr.“[14] Im Gegensatz zu Thomas Hobbes steht der Theoretiker John Locke, der als Lösung für ein friedliches Miteinander die Einschränkung der Macht des Staates durch das Recht auf Eigentum, einer Gesetzgebung und der Rechtstaatlichkeit sah. Mit ihm rückte das Individuum wieder in den Mittelpunkt und sollte als „gesellschaftliche Moral“[15] dem politischen gegenübertreten. Die Trennung von Staat und Gesellschaft wurde damit eingeläutet. Die Auffassung von Zivilgesellschaft, die sich mit der Theorie von Montesquieu entwickelte, ist einer der aktuellsten. Er vollzieht eine klare Trennung zwischen dem absolutistischen Herrscher und der Bürgergesellschaft. Die Zivilgesellschaft tritt als Vermittlung und Kontrolleur auf. „Soll sie doch den absolutistischen Herrscher daran hindern, despotisch zu regieren.“[16]

[...]


[1] Vgl. Adloff, Frank: Zivilgesellschaft, S. 8-9

[2] Achtnich, Susanne: Alexis de Tocqueville in Amerika, S.29

[3] Vgl. Herb, Hidalgo: Alexis de Tocqueville, S.15

[4] Vgl. Achtnich, Susanne: Alexis de Tocqueville in Amerika, S.29

[5] Ebd. S. 30

[6] Vgl. Herb, Hidalgo: Alexis de Tocqueville, S.18

[7] Hereth, Michael: Tocqueville, S.20

[8] Vgl. Ebd. S. 20-22

[9] Ebd. S.21

[10] Ebd. S.22

[11] Vgl. www.wikipedia.de

[12] Adloff, Frank: Zivilgesellschaft, S.17

[13] Vgl. Ebd. S.18

[14] Adloff, Frank: Zivilgesellschaft, S.21

[15] Ebd. S.23

[16] Ebd. S.26

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640835102
ISBN (Buch)
9783640834723
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167093
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Schlagworte
alexis tocqueville gesellschaftsstudie amerika welchen einfluss zivilgesellschaft demokratie

Autor

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Titel: Alexis de Tocqueville und seine Gesellschaftsstudie in Amerika