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Die South Sea Bubble in England (1720)

Börsenschwindel und Spekulationsfieber in der frühen Neuzeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 19 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Ausgangslage – Geschichtlicher Rahmen
2.1 Politische und Wirtschaftliche Rahmenbedingungen
2.2 Leere (Kriegs-)Kassen
2.3 Refinanzierung der Schulden

3 Gründung der „South Sea Company“
3.1 Gründungsväter
3.2 Startkapital gewürzt mit Südseephantasien

4 Entwicklung des Kerngeschäfts

5 Kursverlauf und Kapitalerhöhung
5.1 Staatschulden
5.2 1720 – „Entregulierung“ des Finanzmarktes

6 Kursfeuerwerk, die Blase steigt auf
6.1 Grassierendes Spekulationsfieber
6.2 „Bubble Gesellschaften“
6.3 Die Talfahrt
6.4 Katzenjammer

7 Zusammenfassung

1 Einleitung

Das Platzen der „South Sea Bubble“ markiert einen der bekanntesten und größten Börsencrashs der vorindustriellen Epoche. Das Unglück ereignete sich im Jahr 1720, als die Aktie der „South Sea Company“ innerhalb weniger Monate einen fulminanten Höheflug erlebte, und danach noch im selben Jahre ebenso schnell wieder abstürzte. Der bewusst gewählte Name der Handelsgesellschaft suggerierte den Anteilsnehmern sich am hochprofitablen Südseehandel (Ausbeutung der südamerikanischen Kolonien) zu beteiligen. Vielmehr wurden jedoch niemals nennenswerte Gewinne im scheinbaren „Kerngeschäft“ der Gesellschaft erwirtschaftet. Stattdessen fungierte die „South Sea Company“ überwiegend als gewöhnlicher Finanzdienstleister dessen maßgebliches Hauptgeschäft die Refinanzierung der britischen Staatschulden darstellte. Dank günstiger Konditionen und Verflechtungen mit der Politik, hielt die vermeintliche Handelsgesellschaft gegen 1720 bereits über 80% der britischen Staatsschulden.

Die „South Sea Bubble“ in London, wie sie schon von den Zeitgenossen genannt wurde, war mit dem Law' schen Börsenfieber in Paris und dessen Mississippigesellschaft sehr gut zu vergleichen. Auch hier war der unmittelbare Zweck die Ablösung der drückenden Staatsschulden, wobei man das Anlegerpublikum ebenfalls mit der Suggestion ferner Schätze in den Kolonien köderte. Der einzige Unterschied bestand, darin das Law seine Wirkungsstätte als armer Mann verließ – somit mutmaßlich an sein System geglaubt hatte – während die Drahtzieher der „South Sea Company“ rechtzeitig ihre Schäfchen ins Trockene brachten und das sinkende Schiff sich selbst überließen.

2 Ausgangslage – Geschichtlicher Rahmen

2.1 Politische und Wirtschaftliche Rahmenbedingungen

Als George I. aus den Hause Hannover 1714 Queen Anne als englisches Staatsoberhaupt ablöste, befand sich England sowohl wirtschaftlich aus auch politisch in einer Umbruchsphase. Die gesellschaftlichen Entwicklungen hatten erstmals dazu geführt dass, das Kräfteverhältnis zwischen Hochadel und Bürgertum nach ausgeprägten Spannungen einen ausgewogenen Gleichgewichtszustand erlangt hatte.[1] Das Unterhaus wurde von einer reichen Kasten von Kaufleuten dominiert, die an der Ausdehnung des Handels und an einer allgemeinen Verbesserung der ökonomischen Rahmenbedingungen interessiert waren. Diese politischen Gegebenheiten forcierten den rasanten Aufschwung der englischen Wirtschaft, welcher auch in Kontinentaleuropa mit Anerkennung registriert wurde. Die Hauptstadt des Empire entwickelte sich mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit, und um 1700 zählte London bereits eine halbe Million Einwohner, womit es selbst Paris in den Schatten stellte.

1697 waren bereits erste private und schließlich 1714 erste amtliche Kurzzettel aufgelegt worden. Um 1700 entwickelten sich eine erste Nachrichtenagentur, die regelmäßig die wichtigsten Börsekurse veröffentlichte, als auch relevante Informationen zu den unterschiedlichen Börseschauplätzen verbreitet. Die Zahl der täglich verfügbaren Tageszeitungen hatte sich von einer einzigen im Jahr 1702 auf stolze achtzehn im Jahr 1709 gesteigert. Dies alles sind eindeutige Indikatoren die die stetige Entwicklung Londons zu einer Wirtschaftsmetropole jener Zeit belegen.

2.2 Leere (Kriegs-)Kassen

England war zu Beginn des 18.Jahrhunderts in zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt gewesen. Der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714) als auch zahlreiche Kriege in den Kolonien, die teilweise simultan ausgefochten wurden, endeten jeweils siegreich für die britische Krone. Der österreichische Feldherr Raimondo Graf Montecuccoli (1609-1680), hatte aber bereits zu jener Zeit die viel zitierte Feststellung gemacht, dass der Krieg vor Allem nach drei Dingen im Übermaß verlange: „Geld, Geld und nochmals Geld.“[2] Die nachweisbare Staatschuld Englands betrug 1691 wenig mehr als drei Millionen Pfund Sterling und explodierte in den beiden folgenden zwei Jahrzehnten auf 53,7 Millionen Pfund im Jahr 1713.[3] England verließ zwar das Schlachtfeld stets als Sieger, zahlte dafür aber den Preis völlig zerrütteter Staatsfinanzen und war durch die lang andauernde Kriegsperiode stark verschuldet.

2.3 Refinanzierung der Schulden

Die Staatsfinanzen Englands, die sich damals noch schwerlich von denen des Königshauses trennen ließen, erforderten es seit jeher Kredite aufzunehmen und durch kontinuierlich eingehende Steuer- und Zolleinnahmen abzustottern. Die drückende Staatsschuld führte schließlich 1694 zur Gründung der „Bank of England“. Es hatte zwar bereits vereinzelt private Bankiers gegeben, aber Geschäften dieser Größenordnung war der aufstrebende Wirtschaftszweig bei weitem noch nicht gewachsen. Erste gegen Ende des 17.Jahrhunderts war eine neue Klasse von Handelsleuten aufgekommen, welche erwerbsmäßig die Kassen größerer Handelshäuser führten, während bis 1660 noch jeder Kaufmann sein Geld selbst verwahrt hatte.[4]

Den direkten Anstoß zur Gründung der Bank bildete das Bedürfnis der Regierung ,aufgrund der extensiven Kosten der Kriegsführung, eine statthafte Anleihe am Finanzmarkt aufzunehmen. Gegen die – für damalige Verhältnisse – mäßige Verzinsung von 8 Prozent, streckte man dem englischen Staat 1,2 Millionen Pfund vor, die gleichzeitig das Grundkapital der neuen Bank bildeten. Die Alternative dazu wäre eine mühsame, gestückelte Beschaffung über die „Lombard-Street“ gewesen, deren Goldschmiede üblicherweise einen Mindestzinssatz von 10 Prozent verlangten. Die Vorteile der Gründung der „Bank of England“ als zentrale Darlehensinstanz für den englischen Staat hatte viele Vorzüge. Die Bank genoss höchstes Vertrauen, da sie in direkter Verbindung mit dem Staat stand und dessen Schuldverschreibung sie in bar einlöste. Zudem sank der gewöhnliche Kreditzinssatz und sorgte somit für eine Belebung der englischen Wirtschaft.

England besaß nun erstmals eine äußerst hilfreiche Stütze für die Ausführung der dringend benötigten Darlehensgeschäften. Die Zeiten, sagt Macaulay, „waren vorüber, wo man, wenn die Staatskassen leer waren [...] den Chancellor of the Exchequer mit dem Hute in der Hand [...] in den Straßen der City hatte umhergehen sehen, um hier 100 Pfund von einem Strumpfwarenhändler und dort 200 von einem Eisenhändler zu borgen.“[5]

3 Gründung der „„South Sea Company“

Die „South Sea Company“ die mit vollem Namen „Gesellschaft der Kaufleute von Großbritannien zum Handel nach der Südsee und anderen Teilen Amerikas und zur Förderung der Fischerei“ hieß, wurde noch während des Krieges im Jahr 1711 gegründet und verwirklichte erstmals die von Law wenig später in Frankreich umgesetzten Finanzideen in London. Law’s frühe Versuche europäische Herrscherhäuser für seine kühnen Visionen zu begeistern hatten offenbar langfristig gefruchtet, und nach der drückenden Schuldenlast – angehäuft durch die teure Kriegsführung – war man offensichtlich gegenüber innovativen, neuen Denkansätzen aufgeschlossener.

3.1 Gründungsväter

Die Urheberschaft der „South Sea Company“ wird, je nach Quellenlage, unterschiedlichen Personen angelastet. Jüngere Publikationen meinen, dass die beiden Londoner Börsenmakler John Blunt und George Caswell im Jahr 1710 Robert Harley, dem Earl von Oxford, vorschlugen durch die Gründung einer Gesellschaft und die anschließende Ausgaben von Aktien den maroden Staatshaushalts Englands zu entlasten.[6] Bisher hatte Lord Oxford selbst als Urheber des Plans gegolten, da er im Parlament für die Annnahme des Antrags gesorgt hatte.[7] Der Plan sah vor 9,47 Millionen Pfund offen stehender Staatsschuld in Aktien der „South Sea Company“ umzuwandeln, um so den der Staatskasse die nötigen Mittel für die kostspielige Kriegsführung bereitzustellen. Ähnliche Umwandlungen von Staatsschuld in Wertpapiere einer Aktiengesellschaft hatte vorher schon die „Bank of England“ und die „East India Company“ durchgeführt.

Wolfgang Michael meint gar im Autor des Robinson Crusoe, Daniel Defoe, den geistigen Vater des Finanzunternehmens erkannt zu haben. Als Beleg werden mehrere Briefe angeführt, die der berühmte Autor an Robert Harley gerichtet hatte, und die bereits die genauen Grundzüge der später gegründeten Gesellschaft enthalten. „ Man erhält daraus fast den Eindruck als ob Defoe der geistige Urheber des Planes gewesen sei. So scheinen die Hauptgedanken des Planes in dem Kopf Defoes entsprungen zu sein, d.h. eines [sic] der besten Kenner der wirtschaftlichen Verhältnisse Englands.“[8] Umso pikanter erscheint dieser Briefwechsel da Defoe nach dem Platzen der Blase als einer der schärfsten Kritiker der missglückten Aktienspekulationen in Erscheinung trat.[9]

3.2 Startkapital gewürzt mit Südseephantasien

Die Konvertierung der 9,47 Millionen Pfund an Staatsschulden in Aktien der „South Sea Company“ verlief planmäßig. Gegen Ende des Jahres 1711 waren 97% der kurzfristigen Forderungen an die englische Staatskasse in Aktien der „South Sea Company“ zu einem Nennwert von 100 Pfund umgewandelt worden. Die Staatschuld wurde zu 6% verzinst so dass, an Zinseinkünften daraus die stattliche Summe von 577000 Pfund zu erwarten waren. Gleichzeitig wurden etliche Zölle auf Wein, Tabak, Seide, Essig zur Bedienung der Staatsgläubiger dauerhaft eingeführt.

Einige Autoren brandmarken die Etikette der „South Sea Company“ als eine – bereits in der Gründungsphase – bewusst herbeigeführte Schwindelei. Wolfgang Michael beschreibt die verheißungsvollen Südseehandelphantasien als vorsätzliche „Bauernfängerei.“„Damit das Publikum wieder wie früher herbeiströme, um als Mitglieder der neuen Gesellschaft Anteile dieser Schuldverschreibung zu zeichnen, mußte auch wieder ein besonderes Lockmittel vorhanden sein. Dieses Mal war es der Handel nach der Südsee.“[10] Im Rückblick mag die verkaufsfördernde Aktion zur Belebung der Renditphantasien der Anleger als Schwindelei erscheinen – ob sie von Anfang an willentlich so geplant war bleibt jedoch eine Mutmaßung. Oeßler stößt in das selbe Horn indem er postuliert dass nur „um diese schwebende Staatsschuld zu fundieren und durch Vorspielung großer in Aussicht stehender Gewinne Kapital hervorzulocken, […] die Südseegesellschaft gegründet [wurde].“[11]

Martin zeigt die Parallelen zur Mississippigesellschaft auf: „[…] genau wie Law köderten die Direktoren der Südseegesellschaft das Anlegerpublikum mit dem Traum von fernen Schätzen in den Kolonialgebieten.“[12]

Der Beginn des 18.Jahrhunderts war in Europa durch eine regelrechte Euphorie hinsichtlich der erwartenden Schätze in den Kolonien Amerikas und Indiens geprägt. Der zukünftige Wirkungsbereich der „South Sea Company“ – Südamerika und besonders die spanischen Kolonien, damals unter dem Begriff „Südsee“ bekannt – war damals noch wenig erforscht und erschlossen, was die Vorstellung über die zu erwartenden Reichtümer allerdings nur mehr beflügelte.[13] Insbesondere seit den Beutefahrten von Francis Drake hatte man in England eine sehr hohe Vorstellung von den Gewinnen welche in diesen neuen Gebieten zu realisieren waren. Jeder hatte schon einmal von den scheinbar unerschöpflichen Gold- und Silberminen in Peru und Mexiko gehört, und Handelswaren aus den Kolonien wurden in den Hafenstädten und Handelszentren Europas rege gehandelt.

Jedoch hatten die Spanier alle Fremden von dem direkten Handel mit ihren Kolonien ausgeschlossen. Nur der wenig lukrative Handelsverkehr über das Mutterland Spanien, wohin die Kolonialwaren erste gebracht und verzollt werden mussten, war den Fremden erlaubt. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Spanischen Erbfolgekrieges schien es sicher das diese Handelsbarriere ein für allemal beseitigt wäre, und England nun endlich den äußerst profitablen Südseehandel in vollem Umfang aufnehmen könnte.

[...]


[1] Vgl.: Mandrou, Robert: Propyläen Geschichte Europas, Bd.3, Frankfurt 1975, S.170ff.

[2] Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Raimondo_Montecuccoli [Zugriff 29.04.2010]

[3] Vgl.: Oelßner, Fred: Die Wirtschaftskrisen, Berlin 1949, S.183.

[4] Vgl.: Oelßner, Fred: Die Wirtschaftskrisen, Berlin 1949, S.183.

[5] Macauly, zitiert nach: Michael, Wolfgang: Der Südseeschwindel vom Jahre 1720, in: Vierteljahrschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte II.Band (1908), S.552.

[6] vgl. Galbraith 1993 S.8.

[7] Vgl.: Melville, Lewis: The South Sea Bubble, New York 1968, S.6.

[8] Michael, Wolfgang: Der Südseeschwindel vom Jahre 1720, in: Vierteljahrschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte II.Band (1908), S.554.

[9] Vgl.: Martin, Peter N: Die großen Spekulationen der Weltgeschichte, München 2002, S.86.

[10] Michael, Wolfgang: Der Südseeschwindel vom Jahre 1720, in: Vierteljahrschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte II.Band (1908), S.553

[11] Oelßner, Fred: Die Wirtschaftskrisen, Berlin 1949, S.184.

[12] Martin, Peter N: Die großen Spekulationen der Weltgeschichte, München 2002, S.98.

[13] Vgl.: Oelßner, Fred: Die Wirtschaftskrisen, Berlin 1949, S.184.

Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640836246
ISBN (Buch)
9783640836413
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167177
Institution / Hochschule
Universität Wien – WISO
Note
1
Schlagworte
Südseeschwindel Mississippischwindel South Sea Company Bank of England John Blunt George Caswell Daniel Defoe Assiento Finanzkrise Wirtschaftskrise Handelskrise John Law Sklavenhandel

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