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Salvador Dali - Die Beständigkeit der Erinnerung

Hausarbeit 2010 13 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bildbeschreibung

3. Analyse
3.1 Die irrationale Eingebung und Kindheitsreflexion
3.2 Die Kopie fremden Gedankenguts mit kalkulierten Verweisen

4 Fazit

5 Literaturliste

6 Abbildungsteil

1 Einleitung

„Entschuldigen Sie mich, aber ich muss jetzt da raus gehen und ein bisschen Dalí spielen.“

Mit diesem Satz pflegte der Künstler nicht selten Gespräche vor öffentlichen Auftritten abzuschließen, um dann als öffentlichkeitswirksame Kunstfigur die Bühne zu betreten. Dalí war sich seiner Wirkung auf die Menschen bewusst, lebte und spielte den Exzentriker und strebte danach, sich selbst immer wieder zu überbieten. Er war in jedem Augenblick seines Lebens strengstens bedacht darauf, zu hundert Prozent Dalí zu sein, mit all seinem Wahnsinn, seinem Genie und seinem unbändigen Streben nach noch größeren, noch verrückteren Ideen. Betrachtet man diesen Eifer des Künstlers und der Kunstfigur Dalí, so erwartet das erlebnisverwöhnte Publikum förmlich, zum Ursprung der berühmten Dalí - Uhren in seinem Werk „Die Beständigkeit der Erinnerung“ eine Geschichte zu hören, die ebenso verrückt und irrational ist, wie die ganze Persönlichkeit des Meisters selbst. Diese lieferte Dalí den Lesern in seiner Autobiographie „Das geheime Leben des Salvador Dali“. Er führte das Motiv der weichen Uhren auf eine spontane Assoziation mit Camembert zurück.[1]

Doch entspricht diese Geschichte einer wahren Begebenheit oder lediglich einer Phantasie des Medienmenschen Dalí, der wie nur wenigen bekannt ist, ein ebenso geschickter Leser und Illustrator fremder Ideen wie begabter Künstler war? In dieser Arbeit soll das zentrale Sujet des Gemäldes „Die Beständigkeit der Erinnerung“ nicht lediglich auf die fieberhafte Visionen Dalís zurückgeführt, sondern auch auf literarische Einflüsse und kalkulierte Verweise analysiert werden. Die relevanten Bildgegenstände werden unter diesen Aspekten vielfältig gedeutet, um schlussendlich die Frage klären zu können: Ist „ Die Beständigkeit der Erinnerung “ tatsächlich aus einer irrationalen Eingebung oder doch aus der Umsetzung fremden Gedankenguts entstanden?

2 Bildbeschreibung

„Die Beständigkeit der Erinnerung“ (S.14, Abb. 1) ist ein 24,2 mal 33 Zentimeter kleines Ölgemälde, welches im Jahre 1931 von Salvador Dalí gemalt wurde. Bereits wenige Wochen nach seiner Fertigstellung wurde das Werk an einen amerikanischen Geschäftsmann namens Julien Levi in die USA verkauft, wo es bis heute im Museum of Modern Art in New York aufbewahrt ist.[2] Es zeigt eine stark ausgeleuchtete Küstenlandschaft im Hintergrund, „in einem transparenten, melancholischen Dämmerlicht"[3]. In der linken oberen Bildhälfte findet sich eine liegende Steinplatte, die das Blau des Himmelsstreifens reflektiert. Der Vordergrund nimmt etwa zwei Drittel des Gesamtwerkes ein und liegt im Schatten. Die braunorangen Erdfarbtöne des Bodens, des Steinquaders und der geschlossenen Taschenuhr sind dabei komplementär zu dem zyanblauen Himmel, der steinernen Platte und den gleichfarbigen Schattierungen der Ziffernblätter der Wanduhren. Die drei weichen Uhren sowie die Steinfigur in der Werkmitte bilden das zentrale Sujet und werden in den folgenden Kapiteln näher betrachtet. Dabei liegt eines der zerfließenden Zeitmessgeräte über dem Rücken des Steingebildes, das mit einem geschlossenen Auge sowie einer angedeuteten Braue und Nase an ein deformiertes Gesichtsprofil erinnert. Die zweite Uhr hängt über dem Ast eines Baumtorsos, der nach Dalís eigenen Angaben einen „Ölbaum mit abgeschnittenen Zweigen“[4] darstellt. Das letzte verformte Chronometer ist mit einer Fliege besetzt und passt sich im rechten Winkel der Kante des Steinquaders an, welcher aus der unteren linken Ecke ins Bild ragt und den Ölbaum sowie eine weitere, aber geschlossene Uhr trägt. Diese ist eine orange Taschenuhr, die unverformt und verriegelt, doch mit Ameisen versehen ist, die sich, wie auch die Fliege, bereits um die Entsorgung der zerfließenden und der noch intakten Uhr kümmern.[5]

3. Analyse

3.1 Die irrationale Eingebung und Kindheitsreflexion

Schenkt man Dalís Anekdote zur Entstehung des Bildes „Die Beständigkeit der Erinnerung“ Glauben, so bezog er die Inspiration zu dem Werk, das eines seiner berühmtesten werden sollte lediglich aus dem Anblick eines zerfließenden Camemberts und vollendete es in weniger als zwei Stunden. In seiner Autobiographie schildert er eine Situation, in der er von Kopfschmerzen geplagt mit seiner Frau Gala zu Abend isst, unter anderem den besagten Weichkäse. Als Gala im Anschluss das Haus verlässt, bleibt Dalí allein am Tisch zurück und entwickelt beim Anblick des zerfließenden Camemberts seine Idee vom Superweichen.[6]

Mit der Problematik und Technik der Aggregatzustandsänderung, speziell dem Verflüssigen oder Weichmachen fester Objekte war Dali seit frühester Kindheit betraut. Er hegte eine Vorliebe, für die Viskosität von Speisen und Gegenständen und es konnte ihm „nichts als zu glitschig, gelatinös […] gelten“[7]. Es zählte zudem zu seinen Interessen die verschiedensten unverzehrbaren Objekte, wie Gebäude, Pfarrer oder eben Uhren bildlich in Essbare zu überführen, aus dem Drang heraus, sich jeden noch so unmöglichen Gegenstand einzuverleiben. Er gestand nur jenen Dingen Existenz zu, die sich sinnlich erfassen, aber speziell verzehren und verdauen ließen.[8]

Da die Zeit, als zwar erfahrbare, aber nicht fassbare Sphäre und die Unbeständigkeit allen Lebens eines der philosophischen Hauptprobleme war, mit denen sich Dalí seit Beginn seines Beitritts in die Pariser Surrealistengruppe auseinandersetzte, scheint es fast verwunderlich, dass er erst 1931 die Idee entwickelte, einer Uhr die feste Form zu nehmen. Zumal er mit der Einsteinschen Relativitätstheorie bereits seit seiner Schulzeit betraut war und diese intensiv studiert hatte. Er hielt die Ansicht, dass das Instrument Uhr zur Erfassung der Zeit unzureichend sei und entwickelte im Laufe seiner Schaffensphasen eine regelrechte Abneigung gegen die Zeitmesser: „Technische Geräte sollten […] für mich die größten Feinde werden, und was Uhren angeht, so mußten sie weich oder gar nicht sein!“[9]

Betrachtet man seine Vorliebe für das Weiche und die eingängigen Studien zum Thema Zeit, so klingt Dalís Version zur Entstehung des Werkes „Die Beständigkeit der Erinnerung“ plausibel, denn er erklärt weiterhin, in Folge seines Nachdenkens sein Atelier betreten und das Motiv der weichen Uhren vor seinem geistigen Auge gesehen zu haben.[10]

Auch die Fliege auf der goldgerahmten Wanduhr (S.14, Abb. 2) als geläufiges Vanitassymbol und die Ameisen (S.14, Abb. 3), die Allegorie des Arbeitseifers und damit ein Verweis auf Dalís „rastlose Bewegung, zu malen, zu zeichnen, zu modellieren“[11] sind mit der Schilderung kompatibel.

Der Titel „Die Beständigkeit der Erinnerung“ dagegen, geht augenscheinlich nicht mit dem Bildinhalt konform, denn die Begriffe Beständigkeit und Vergänglichkeit sind gegenläufig. Bei dem Widerspruch handelt es sich jedoch um eine ungenaue Übersetzung der spanischen Originalbezeichnung „La Peristance de la mémoirte“. Mit dem Begriff Peristance meinte Dalí nicht die Beständigkeit im Sinne eines positiven Andauerns, sondern die Hartnäckigkeit der Erinnerung im Sinne der Freudschen Psychoanalyse. Hierin findet sich einerseits ein Verweis auf die, sich ständig wiederholenden Bildmotive, die Ameisen, der Ölbaum und der Küstenzug von Port Lligat, die Charakteristika und Heimatsymbole Dalís sind.[12] Andererseits kann der Titel auch eine der typischen Inszenierungen seiner Kindheitserinnerungen sein, die Dalí gekonnt zu vermarkten wusste. Nicht selten erregte der Spanier mit zweifelhaften Vorführungen seiner verstorbenen Mutter („Manchmal spucke ich zum Vergnügen auf das Porträt meiner toten Mutter“[13] ), provozierten Konflikten mit dem Vater oder seinem Schicksal als Ersatzsohn das Aufsehen der Presse und seines Publikums.[14]

[...]


[1] Vgl. Liebe-Kreutzner 2005, S.51./ Vgl. Descharnes 1974, S.23.

[2] Vgl. Otte 2006, S.58.

[3] Dalí 1997, S.389.

[4] Ebd., S.389.

[5] Vgl. Karge 1991, S.289.

[6] Vgl. Dalí 1997, S.389.

[7] Ebd., S.22.

[8] Vgl. Elkin 1991, S.111./ Vgl. Gallwitz 1974, S.27./ Siehe auch zum Thema Einverleibung nicht essbarer Gegenstände: Adorno, Theodor W. in Negative Dialektik. Frankfurt am Main 1975. S.300 f.

[9] Dalí 1997, S.47.

[10] Vgl. Ebd. S.389.

[11] Descharnes. 1974, S.23.

[12] Vgl. Everling, Wolfgang 2005, S.143 f.

[13] Otte 2006, S.53.

[14] Vgl. Descharnes 1974, S.25.

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640836307
ISBN (Buch)
9783640836376
Dateigröße
968 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167208
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
Kunst Kunstgeschichte Beständigkeit Erinnerung Uhren Dalí Salvador Dalí Malerei

Autor

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