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Transsexualität als eine Störung der Geschlechtsidentität

Zur Problematik transsexueller Entwicklungen und ihrer Behandlung

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschlechtsidentität
2.1 Die Komponenten der Geschlechtsidentität
2.1.1 Die Kern-Geschlechtsidentität
2.1.2 Die Geschlechtsrolle
2.1.3 Die Geschlechtspartnerorientierung

3. Theorien zur Entwicklung der Geschlechtsidentität
3.1 Psychoanalytischer Ansatz nach Margaret Mahler
3.2 Lerntheoretischer Ansatz nach John Money
3.3 Kognitiv-struktureller Ansatz nach Lawrence Kohlberg

4. Transsexualität
4.1 Zum Begriff der Transsexualität
4.2 Symptome
4.3 Diagnostik
4.4 Die Rechtslage

5. Erklärungsansätze für die Transsexualität
5.1 Somatisch
5.2 Psychoanalytisch
5.2.1 Robert Stoller
5.2.2 Leslie Lothstein
5.3 Zusammenfassung

6. Behandlungsmöglichkeiten bei transsexuellen Patienten
6.1 Therapeutische Behandlung
6.1.1 Verhaltenstherapie bei transsexuellen Kindern
6.1.2 Therapie bei transsexuellen Jugendlichen
6.1.3 Therapie bei transsexuellen Erwachsenen
6.2 Die Geschlechtsangleichung

7. Die Rolle der therapeutischen/ sozialpädagogischen Begleitung

8. Kritische Betrachtung

9. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kaum eine Tatsache gilt in unserer Gesellschaft als so unumstößlich, wie die Geschlechtszugehörigkeit. Niemand kann sich aussuchen, ob er als Junge oder Mädchen geboren wird. Man ist eben entweder männlich oder weiblich.

In unserem alltäglichen Umgang mit Menschen registrieren wir automatisch, ob wir es mit Mann oder Frau zu tun haben. Oft beeinflusst das Geschlecht des Gegenübers unser Verhalten. Aber auch in Situationen, in denen es völlig irrelevant ist, nehmen wir unbewusst Kategorisierungen des Anderen vor, auch dahingehend mit „was für einem Typ Mann oder Frau“ wir es gerade zu tun haben. Äußere Merkmale sind zunächst das wichtigste Kriterium, nach dem wir unterscheiden. Wie selbstverständlich man sich auf diese Zuordnungen verlässt, macht die Verunsicherung Personen gegenüber deutlich, deren Stimmlage nicht zu ihrem Erscheinungsbild zu passen scheint.

Dass es Fälle gibt, bei denen durch einen operativen Eingriff das Geschlecht eines Säuglings erst festgelegt werden muss, weil er sowohl mit männlichen als auch mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurde, ist bekannt, legitim und unumstritten, da die Vorstellung, ohne festgelegtes Geschlecht zu leben in unserem Denken nicht möglich scheint.

Deswegen beschäftige ich mich in der vorliegenden Arbeit mit einem Phänomen, das gesellschaftlich und wissenschaftlich umstrittener, da kausal nicht erklärbar ist; dem Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung, obwohl die eigenen Geschlechtsorgane eindeutig ausgebildet und voll funktionstüchtig sind: der Transsexualität.

Ich möchte der Frage nachgehen, was Transsexualität ist, wie sie erklärt werden kann und wie mit transsexuellen Menschen verfahren wird, die einen Arzt aufsuchen. Da die Transsexualität als eine Störung der Geschlechtsidentität gilt, beginne ich mit der Klärung des Begriffs der Geschlechtsidentität und den wichtigsten Erklärungsansätzen zu ihrer Entstehung. Anschließend soll es darum gehen, was unter Transsexualität zu verstehen ist und wie sie sich äußert. Es folgt ein Einblick in die wichtigsten Ansätze zur Entstehung der Transsexualität sowie in das Vorgehen bei ihrer Behandlung. Meine Ausführungen beziehen sich auf die unten angeführte Literatur und sind entsprechend gekennzeichnet.

2. Geschlechtsidentität

Das Konzept der Geschlechtsidentität bezeichnet eine individuelle Kombination aus Männlichkeit und Weiblichkeit, das konkrete Vorstellungen und unbewusste Phantasien beinhaltet und von sozialen, psychologischen, kulturellen und biologische Faktoren beeinflusst wird. Sie setzt sich aus den folgenden Komponenten zusammen: (Mertens 1992, S.23).

2.1 Die Komponenten der Geschlechtsidentität

2.1.1 Die Kern-Geschlechtsidentität

Die Kern-Geschlechtsidentität ist die Gewissheit des Kleinkindes, ein Junge oder ein Mädchen bezüglich seines biologischen Geschlechts zu sein. Es handelt sich dabei um einen unbewussten Vorgang, der hauptsächlich durch den stereotypen Umgang der Eltern mit ihrem Kind beeinflusst wird (Mertens 1992, S.24).

2.1.2 Die Geschlechtsrolle

Die Entwicklung der Geschlechtsrolle knüpft an die der Kern-Geschlechtsidentität an. Das Kind verinnerlicht im Laufe seines Sozialisationsprozesses Vorstellungen über geschlechtsspezifische Verhaltensmuster und es lernt „männlich“ und „weiblich“ als zwei sich ausschließende Attribute zu unterscheiden. Das führt dazu, dass es sich selbst zu einem der beiden Geschlechter zuordnet. Die Geschlechtsrolle lässt sich als die Auffassung darüber sehen, wie man selbst wahrgenommen werden möchte und als welches Geschlecht man behandelt werden möchte. Dementsprechend richtet man sein Verhalten an diesen Erwartungen aus (Mertens 1992, S.24f).

2.1.3 Die Geschlechtspartnerorientierung

Die Geschlechtspartnerorientierung ist die am wenigsten körpergebundene Komponente, da sie sich meistens unabhängig davon entwickelt, ob sich jemand als Mann oder Frau fühlt. Sie bezeichnet die Vorliebe für eines der beiden Geschlechter als Geschlechtspartner und schließt die Präferenz für bestimmte sexuelle Praktiken und Objekte ein (Mertens 1992, S.26f)

Im Folgenden ist mit „Geschlechtsidentität“ der Aspekt der Geschlechtsrolle gemeint.

3.1 Psychoanalytischer Ansatz nach Margaret Mahler

Margaret Mahlers Konzept entstand aus psychoanalytischen Erkenntnissen und hebt die frühkindliche Entwicklung als entscheidend für die Bildung der Geschlechtsidentität hervor.

In den ersten zwei Lebensmonaten hat das Kind noch keine Selbstwahrnehmung, so dass es kaum zwischen sich selbst und der Mutter, die seine Bedürfnisse befriedigt, differenzieren kann. Es erlebt eine Art Symbiose zwischen sich und seiner Mutter. Erst im dritten Lebensmonat entwickelt das Kind innerhalb dieser Symbiose die Wahrnehmung des eigenen Körpers, sowie von Innen und Außen und von Ich und Nicht-Ich. In dieser Phase sieht Mahler einen wichtigen Schritt für das Identitätsgefühl des Kindes: die Entwicklung des sog. Urvertrauens. Das Urvertrauen ist für die spätere Sicherheit im Bezug auf das eigene Geschlecht und die Beziehungsfähigkeit grundlegend. Die Ursachen für einen mangelnden Aufbau des Vertrauens liegen in der Mutter-Kind Beziehung: wenn sich die Mutter dem Kind z.B. aus Überforderung physisch und emotional entzieht, als frustriert erlebt wird oder nur eingeschränkten körperlichen Kontakt zulässt.

In den folgenden Monaten lernt das Kind schließlich, sich als von der Mutter getrennt wahrzunehmen; die Phase der Individuation beginnt. Mit wachsender Mobilität übt das Kind die räumliche Trennung von der Mutter sowie die Rückkehr. Die Interaktion zwischen Mutter und Kind ist gekennzeichnet von Signalen, die das Kind gibt und den selektiven Reaktionen der Mutter. Aufgrund dieser Reaktionen beginnt das Kind, sein Verhalten zu verändern und sich an die Mutter anzupassen. Es benötigt jedoch immer den emotionalen Rückhalt der Mutter. Ist dieser durch feindselige Reaktionen oder Zurückweisung nicht gegeben, kann das Kind das, laut Mahler, als Ablehnung sich selbst gegenüber auffassen, also seinem Geschlecht gegenüber. Um die Zuneigung der Mutter zu erlangen, können gegengeschlechtliche Verhaltensweisen übernommen werden.

Um den 18. Monat beginnen die Phase der Wiederannäherung und die Entwicklung der Geschlechtsidentität. Wenn die Mutter auf das wieder zunehmend stärkere Bedürfnis des Kindes nach Nähe zurückweisend reagiert, kann auch in dieser Phase versucht werden, durch gegengeschlechtliches Verhalten die Aufmerksamkeit der Mutter zu erhalten.

Das Bewusstsein der körperlichen Geschlechtsunterschiede entwickelt sich im 20. und 21. Lebensmonat. Zunächst ruft es Verunsicherung bei den Kindern hervor. Für Mädchen kann es mitunter schwierig sein, zu akzeptieren, dass sie keinen Penis besitzen. Jungs dagegen können befürchten, ihr Penis würde ihnen, wie den Mädchen, abgeschnitten.

Im dritten Lebensjahr treten zunehmend andere Menschen wie Vater und Geschwister in das Beziehungsgefüge des Kindes ein und es entwickelt eine emotionale Objektkonstanz. D.h., dass seine Beziehung zu z.B. den Familienmitgliedern so gefestigt ist, dass vorübergehende Abwesenheit oder ein unbefriedigtes Bedürfnis ihre Zuneigung nicht gleich in Frage stellen. Auch kann sich das Kind scheinbar allmählich mit den Geschlechtsunterschieden abfinden. Für ein gesundes Selbstvertrauen ist es entscheidend, wie die Mutter auf das Bedürfnis nach Nähe und Distanz des Kindes eingeht. (vgl. Désirat 1982, S. 52ff; Winkelmann 1993, S. 15ff)

3.2 Lerntheoretischer Ansatz nach John Money

Für Money ist die Geschlechtsidentität eine unauslöschliche Prägung, die er mit dem Erlernen der Muttersprache vergleicht. Die Entwicklung der Geschlechtsidentität sieht er als einen dynamischen, beinflussbaren Prozess, der im Erwachsenenalter unwiderruflich abgeschlossen wird. Durch verunsichernde Erfahrungen in der Kindheit und Jugend kann der Abschluss dieses Prozesses jedoch gestört oder verzögert werden. Ein Grund hierfür kann die unterschwellige Botschaft durch die Eltern, dass sie sich ein Kind des anderen Geschlechts gewünscht hätten, sein. Das Erlernen der Geschlechtsrolle geht laut Money ähnlich wie das Erlernen der Zweisprachigkeit vonstatten. Optimale Bedingungen für Erwerb der Zweisprachigkeit sind gegeben, wenn je ein Elternteil in einer der beiden Sprachen mit dem Kind kommuniziert. Das Kind setzt die jeweilige Sprache in Beziehung mit dem Elternteil, der dann die spezifische Grammatik und Aussprache repräsentiert. Die Unterscheidung der Sprachen fällt dem Kind so am leichtesten. Diese klare Abgrenzung der Rollen ist auch für die Entwicklung der Geschlechtsidentität von hoher Bedeutung. Das Kind braucht eine Person, mit deren Geschlecht es sich identifizieren kann und eine Person zu deren Geschlecht es sich komplementär verhält. Wenn das Kind die Geschlechtsidentifizierung und –komplementierung als zwei verschiedene Systeme erlernt hat, können, so Money, auch sich überschneidende Verhaltensweisen bei Mann und Frau die Geschlechtsidentität des Kindes nicht mehr verunsichern. (vgl. Winkelmann 1993, S. 23ff)

3.3 Kognitiv-struktureller Ansatz nach Lawrence Kohlberg

Für Kohlberg hängt die Entwicklung der Geschlechtsidentität eng mit bestimmten kognitiven Entwicklungsstufen, die das Kind durchläuft, zusammen. Voraussetzung hierfür ist die sich entwickelnde Vorstellung von physischen Objekten sowie vom eigenen Körper und den Körpern anderer. Laut Kohlberg beginnt die Geschlechtsidentitätsentwicklung im zweiten Lebensjahr, wenn das Kind die Begriffe „Junge“ und „Mädchen“ lernt. Zunächst haben sie für das Kind die gleiche Bedeutung wie jeder andere Name auch, dienen aber noch nicht der Unterscheidung der Geschlechter. Im dritten Lebensjahr kennen viele Kinder bereits ihre eigene Geschlechtsbezeichnung, fangen jedoch erst im vierten Lebensjahr an, das Geschlecht anderer zu bestimmen. Hierbei orientieren sie sich zunächst an Kriterien wie der Kleidung und der Frisur. Auch wenn Kinder explizit über die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau aufgeklärt wurden, stellen die anatomischen Faktoren nur ein Kriterium unter vielen für sie dar. Sie gehen davon aus, dass jeder sein Geschlecht durch andere Kleidung oder Frisur andern könne. Wichtige Kriterien bei der Wahrnehmung von Geschlechtsunterschieden sind für Kinder Körpereigenschaften. Da der Vater größer und stärker ist als die Mutter, gehen sie davon aus, dass er auch mehr körperliche Kraft, Wissen und Macht besitzt. Die Mutter hingegen wird als moralisch besser, schöner und fürsorglicher wahrgenommen. Erst im sechsten bis siebten Lebensjahr stellt sich laut Kohlberg das Bewusstsein über konstante Geschlechtsidentitäten ein. Im Gegensatz zur psychoanalytischen Annahme geht Kohlberg jedoch nicht davon aus, dass die Unsicherheit und Faszination bei der Entdeckung der anatomischen Unterschiede auf Kastrationsangst oder Penisneid beruhen, sondern auf den begrenzten kognitiven Fähigkeiten der Kinder.

Wichtig ist, dass Kohlberg annimmt, dass zuerst die Zuordnung der oben beschriebenen geschlechtsstereotypen Eigenschaften stattfindet und das Kind sich auf dieser Grundlage ein gleichgeschlechtliches Identifikationsobjekt sucht. Identifikation schließt hierbei die Imitation von Verhaltensweisen ein. Die eigene Geschlechtsidentität hängt laut Kohlberg also nicht primär von der Identifikation mit einem Elternteil ab, sondern von der vorherigen Geschlechtstypisierung aufgrund der eigenen Ähnlichkeit mit bestimmten stereotypen Merkmalen.

Diese Theorie belegt er mit Studien, die zwischen Jungen aus vaterlosen Familien und Jungen aus Familien mit Vater keine markanten Unterschiede im geschlechtstypischen Verhalten feststellen konnten. (vgl. Désirat, S.41ff)

4.1 Zum Begriff der Transsexualität

Als transsexuell werden Menschen bezeichnet, die in ihrer Geschlechtsidentität tiefgehend gestört sind und deren empfundenes Geschlecht nicht mit dem biologischen übereinstimmt. Sie wünschen sich deshalb eine körperliche Angleichung an ihr empfundenes Geschlecht. (Becker 2002, S.11)

4.2 Symptome

Transsexuelle Menschen leben in der Gewissheit, im falschen Körper gefangen zu sein. Sie sind meist durchschnittlich intelligent und sind sich ihrer anatomischen Gegebenheiten bewusst. Gerade unter den geschlechtsspezifischen Merkmalen leiden sie am meisten, weil sie sie als männlich oder weiblich verraten. Die Patienten ekeln sich vor körperlichen Reaktionen wie Bartwuchs oder Menstruation und hassen ihre Genitalien. Im Alltag versuchen sie die Geschlechtsmerkmale so gut es geht zu verbergen. Frauen bandagieren sich ihre Brust und tragen weite Oberteile, während Männer ihren Penis nach hinten klemmen, um enge Frauenhosen tragen zu können. Sie meiden Situationen, wie z.B. Schwimmbadbesuche, in denen ihr biologisches Geschlecht sichtbar wird. Im Gegensatz zu Transvestiten erregt sie das Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung nicht, sondern gibt ihnen Sicherheit.

Transsexuelle geben, bis auf Ausnahmen, an, heterosexuell zu sein. Das Gefühl, homosexuell zu sein, lehnen sie entschieden ab. Sie begehren das eigene Geschlecht, aber betonterweise, als gegengeschlechtlicher Part.

Patienten, die einen Arzt aufsuchen, sind in der Regel nicht krankheitseinsichtig. Eine therapeutische Behandlung ist ihrer Meinung nach nicht nötig, da die Operation alle psychischen Probleme beseitigen werde.

Oft sind sie von dem Wunsch nach einer Geschlechtsangleichung wie besessen und können es nicht ertragen, wenn sie die ärztliche Einwilligung nicht erhalten. (vgl. Désirat 1983, S.82)

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Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640837335
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167283
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
transsexualität störung geschlechtsidentität problematik entwicklungen behandlung

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