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Aspekte der Anthropologie und des Erziehungsideals Rousseaus im Kontext seines Werkes „Emile oder über die Erziehung“

Hausarbeit 2010 15 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurzbiographie Rousseaus

3. Historische und systematische Rahmung

4. Überblick über den Text

5. Die Natur bei Rousseau
5.1 Sein Naturbegriff
5.2 Der natürliche Mensch – Rousseaus Anthropologie
5.3 Die natürliche Erziehung

6. Kritische Gedanken
6.1 Rousseaus Anthropologie – die eines Mannes
6.2 Rousseaus negative Erziehung - eine manipulative Erziehung

7. Die pädagogische Relevanz Rousseaus

8. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jean Jacques Rousseau war Künstler und Feind der Kunst, Individualist und Kollektivist, Feind des Denkens und scharfsinniger Denker, Gläubiger und Religionskritiker, Aufklärer und Aufklärungsgegner, er gab seine eigenen Kinder ins Heim und ist bis heute einer der einflussreichsten Pädagogen. So kontrovers und widersprüchlich seine Person scheint, so beunruhigend und polarisierend wirkten seine Werke auf seine Leser durch die Jahrhunderte hindurch. Napoleon wünschte, Rousseau wäre nie zur Welt gekommen, (vgl. Taureck 2009, S. 7) Herder vermochte nicht zu sagen, ob sein Einfluss mehr Schaden oder Nutzen anrichtete (vgl. Sturma 2001, S.186) und für Blankertz beginnt mit Rousseau die moderne Wissenschaft der Erziehung (vgl. Schäfer 2002, S.7). Aber was ist das so Beunruhigende an Rousseaus Gedankengut, was die Literatur damals wie heute sich mit ihm beschäftigen lässt? Das kann bei dem Umfang seines Gesamtwerkes sicherlich nicht in einem Satz gesagt werden. Aber vielleicht gehört einer seiner grundlegenden Gedanken, der sich immer wieder bei ihm findet, dazu: dass der Mensch, um sich fortzuentwickeln, seinen ursprünglichen Glückszustand aufgab und sich nun unaufhörlich auf die Selbstzerstörung zubewegt, was nicht verhindert sondern allenfalls verzögert werden kann.

Sein bedeutendstes Werk „Emile oder über die Erziehung“ stellt ein Erziehungsideal vor, in dem einem Kind, dem Emile, der Zugang zu dem verlorengegangenen Glück eröffnet werden soll - durch seine Erziehung fernab der Gesellschaft. Bei der Lektüre des Buches wird deutlich, dass der Text nicht selbsterklärend ist, Fragen aufwirft, Widersprüche birgt und viel Raum, ja Notwendigkeit, zur Interpretation gibt.

„Natur ist das Schlüsselwort, um Rousseaus Denken zu verstehen“ (Kraft 1993, S.22)

Das war auch mein Eindruck nach den ersten Seiten des „Emile“. Man kommt nicht umhin zu verstehen, was Rousseau mit „Natur“ meint, wenn man einen Zugang zu seiner Erziehungstheorie bekommen will. Denkt man sich in seinen Naturbegriff ein, so schließt sich im Hinblick auf den pädagogischen Kontext des Buches die Frage an: Was bedeutet dieses Naturverständnis für den Menschen? Was ist seine Natur und wie erzieht man ihn natürlich?

Die vorliegende Arbeit soll durch die Betrachtung dreier Begriffe Rousseaus, unter Bezugnahme auf Sekundärliteratur, der Versuch einer Antwort auf diese Frage sein. Nach einem kurzen biographischen Abriss des Lebens Rousseaus, der historischen und systematischen Einordnung seines Wirkens und einem Einblick in den „Emile“ erfolgt eine kurze Klärung des Naturbegriffes. Anschließend stelle ich Rousseaus Anthropologie, seine Auffassung von Erziehung und jeweils einen kritischen Gedanken dazu vor.

2. Kurzbiographie Rousseaus

Jean-Jacques Rousseau wird am 28.06.1712 als Sohn eines Uhrmachers in Genf geboren. Wenige Tage nach seiner Geburt stirbt seine Mutter. 1722 verlässt sein Vater Genf und Jean-Jaques wächst zunächst unter der Obhut eines Pfarrers auf, dann bei seinem Onkel. Innerhalb der folgenden drei Jahre beginnt er eine Schreiber- und eine Graveurlehre, bricht jedoch beide ab und verlässt 1728 Genf. Er konvertiert zum Katholizismus. Sein Weg führt in nun durch Frankreich, wo er sich als Musiklehrer seinen Lebensunterhalt verdient. Ab 1738 widmet sich Rousseau der Schriftstellerei. Er führt weiterhin ein rastloses Leben, wohnt nie lange am gleichen Ort und hat verschiedene Anstellungen. Er verfasst Gedichte, Abhandlungen, ein eigenes Notensystem und eine Oper, die 1745 uraufgeführt wird. Schließlich macht ihn 1749 seine „Abhandlung über die Wissenschaften und Künste“ international bekannt und er wird von der Akademie von Dijon ausgezeichnet. Seine drei Kinder, die in dieser Zeit geboren werden, gibt er ins Findelhaus. 1754 reist er nach Genf, tritt wieder in die Genfer Kirche ein und erhält seine Bürgerrechte zurück. Im Alter von 48 Jahren arbeitet Rousseau, der mittlerweile in Montmorency lebt, gleichzeitig am „Emile“ und am „Gesellschaftsvertrag“. Seine „Neue Héloise“ wird in Paris ein großer Erfolg. Kurz nach der Veröffentlichung des „Emile“ 1762 wird kurz darauf der Verkauf des Buches aufgrund seines „verderblichen“ (Soetard 1989, S.97) Inhalts verboten und gegen Rousseau Haftbefehl erlassen. Er flieht in die Schweiz. Auch in den letzten 15 Jahren seines Lebens bleibt Rousseau ein Reisender. Er beschäftigt sich intensiv mit Jura und der Botanik. Weiterhin verfasst er zahlreiche Schriften, darunter seine „Bekenntnisse“, darf jedoch nicht öffentlich daraus lesen. Er stirbt schließlich am 02.06.1794 in Ermenonville und wird im heutigen „Parc Jean-Jaques-Rousseau“ beigesetzt. (vgl. Soetard 1989, S.153 ff)

3. Historische und systematische Rahmung

Es gibt zwei wichtige historische Ereignisse, die Rousseaus Denken und Schreiben maßgeblich prägten. Einerseits der Genfer Bürgerkrieg, dessen Gräuel ihn 1737 zutiefst erschütterten und das Ideal von „Freiheit, Gleichheit, Einigkeit und Sittenreinheit“ für seine Heimatstadt zunichtemachten. Dieses Ideal diente als Abgrenzung gegenüber der französischen Gesellschaft. Es stand im Gegensatz zum zunehmenden Annäherungsprozess Genfs an die französische Gesellschaft, in dem die Genfer Sitten und Traditionen an Bedeutung verloren. Seine Schriften in der Zeit von 1754 bis 1762 sind geprägt von der Bemühung, diesen Sittenverfall in Genf durch seinen literarischen Einfluss aufhalten zu können. (vgl. Bolle 1995, S. 21ff) In dieser Hoffnung entstand der „Gesellschaftsvertrag“, der 1762 veröffentlicht wurde. Im selben Jahr erschien sein „Emile.

Andererseits lebte und schrieb Rousseau hauptsächlich im Frankreich des 18. Jahrhunderts, weshalb seine Wirkungsgeschichte unmittelbar mit der Französischen Revolution verbunden ist, auch wenn er sich nicht als Franzosen, sondern als einen Bürger Genfs sah. (vgl. Bolle 1995, S. 13)

Rousseau ist ein Schriftsteller der Aufklärung und ihr Kritiker zugleich. Zum Einen teilt er den Optimismus der Aufklärung im Hinblick auf die Bedeutung der Erziehung für die Entwicklung eines Menschen. Auch sein Begriff des pädagogischen Denkens ist aufklärerisch, da es sich für ihn nicht mehr an göttlichen oder gegebenen Autoritäten orientieren kann. Daraus folgt auch, dass das Problem der Erziehung zum Menschen nicht durch gesellschaftliche oder moralische Instanzen gelöst werden kann, sondern nur durch die pädagogische Reflexion, einer der Leitideen der Aufklärung. Zum Anderen kritisiert Rousseau den ungebremsten Fortschrittsglauben der Aufklärung. Er stellt die Auffassung infrage, dass die Menschen schon allein durch die Befreiung von moralischen und religiösen Festlegungen und durch die Hinwendung zur Wissenschaft vernunftgeleitet miteinander umgehen. Für ihn muss die Aufklärungsbewegung im gesellschaftlichen Kontext gesehen werden. Er stellt fest, dass es den Anführern der Aufklärung weniger um das Wohl der Menschen geht, als vielmehr um ihre eigene soziale Stellung. (vgl. Schäfer 2002, S. 7ff) Rousseau ist also ein „aufklärerischer Kritiker der Aufklärung“ (ebd. S.10). In diesem Kontext stellt sich Rousseau die Frage nach einer Erziehung, die weder in gesellschaftliche Zwänge führt, noch eine pädagogische Fremdbestimmung generiert. Das ist auch die Grundfrage seines Werkes „Emile – oder über die Erziehung“. Als sein Hauptwerk vereint es die verschiedenen Bereiche seiner vorherigen Schriften unter der Frage von Freiheit und Glück des Menschen. Es entstand unter dem starken Einfluss der „Politeia“ von Platon, da sie für Rousseau das beste Werk über Erziehung darstellte. Da er aber die darin beschriebene politische Ordnung, die ihm für die Wahrung von Freiheit und Glück notwendig schien, nirgends entdecken konnte, suchte er einen Weg, ihre Ermöglichung in die Moderne zu übertragen. Die ihm zufolge dafür notwendige allgemeine Menschenbildung handelt er im „Emile“ ab. (vgl. ebd., S.41 ff)

Ob der „Emile“ nun mehr ein literarisches oder philosophisches Werk, ein Erziehungsutopie oder eine Erziehungstheorie ist, darüber lässt sich streiten. Unabhängig davon kann gesagt werden, dass er eine idealtypische Konstruktion ist, die durch die Gegenüberstellung dessen, was ist und dessen, was sein soll, zeigen will, was zu tun ist. (vgl. Kraft 1993 S.4ff) Der Emile kann aus zwei Perspektiven gelesen werden. Zum einen aus der Sicht auf die pädagogischen Verhältnisse zu Rousseaus Zeit unter sozialhistorischer Fragestellung: Wie war die erzieherische Praxis? Aus der Kritik an diesen Zuständen ist der Emile als eine Antwort auf die Missstände der Zeit zu lesen; als eine Erziehungsutopie, die die Gesellschaft verändern soll. Zum anderen kann auch die Perspektive der persönlich erfahrenen Missstände Rousseaus eingenommen werden mit der Frage: Wie wurde Rousseau erzogen? Seine Antwort wird somit zu einer „autobiographischen Projektion“. (vgl. Kraft 1993, S. 316)

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Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640841424
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167489
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Schlagworte
aspekte anthropologie erziehungsideals rousseaus kontext werkes erziehung“

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Titel: Aspekte der Anthropologie und des Erziehungsideals Rousseaus im Kontext seines Werkes „Emile oder über die Erziehung“