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Zwischen Gehirn und Bewusstsein

Bachelorarbeit 2010 49 Seiten

Psychologie - Kognitive Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ausblick

2. Grundlagen
2.a) Gedächtnis
2.b) Autobiographisches Gedächtnis
2.c) Ins Licht treten - Bewusstsein

3. Das Erscheinen einer Welt
3.a) Das Eine - Welt Problem
3.b) Das Problem des Jetzt
3.c) Das Wirklichkeitsproblem
3.d) Abwesend, ohne fort zu sein

4. Das Geist - Gehirn Problem
4.a) Allgemeine Ansichten über Geist und Materie
4.b) Diskussion

5.Bewusstseinsrevolution? Mögliche Folgen andauernder Bewusstseinsforschung

6. Conclusio: Ignoramus et ignorabimus?

7. Literaturverzeichnis

1. Ausblick

„Seit jeher fasziniert mich der Augenblick, da wir voller Erwartungen im Zuschauerraum sitzen, die Tür zur Bühne sich öffnet und der Künstler ins Licht tritt. Oder, aus einem anderen Blickwinkel, der Augenblick, da der Künstler, der im Halbdunkel wartet, dieselbe Tür aufgehen sieht und die Lichter, die Bühne und das Publikum erblickt.“[1]

Antonio R. Damasio

„Jeder Tag unseres Lebens ist eine Bühne“, schreibt Sir John Eccles, „die zum guten oder schlechten - in einer Komödie, Farce oder Tragödie – von einer ´dramatis persona` beherrscht wird: dem Selbst. Und so wird es bleiben, bis unser Vorhang fällt.“ (Vgl. Eccles, 1994, S. 15)

Solange wir auf Erden wandeln, besitzen wir die Fähigkeit „Ich“ sagen zu können und damit eine einzigartige Person zu meinen, welche eine individuelle Lebensgeschichte, eine bewusste Gegenwart und eine erwartbare Zukunft hat. Diese Fähigkeit gilt als die urmenschlichste, ohne diese wir uns unserem Leben nie Gewahr würden. Auch die Kompetenz zu erinnern, sich nach Belieben die schönsten Momente seines Lebens ins Gedächtnis zu rufen, wird als „das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können,”[2] stilisiert. Während die Wissenschaft diese Qualifikationen den Tieren größtenteils abspricht, erfreuen sich die Themen Gedächtnis, Erinnerung und Bewusstsein des Menschen seit mehr als zwei Jahrzehnten immer noch steigender Konjunktur. Wo scheinbar die Neurobiologie wenig schüchtern einen Alleinerklärungsanspruch für Fragen des Bewusstseins und Gedächtnisses für sich reklamiert, tun sich jedoch durchaus Konvergenzzonen zwischen den Disziplinen auf. Das Feld der Gedächtnis- und Bewusstseinsforschung dringt in die Kernbereiche der Sozial- und Kulturwissenschaften ein, wodurch gewonnene Erkenntnisse viel besser kontextualisiert werden können. Folgende Arbeit soll ein Versuch darstellen, das menschliche Gedächtnis und insbesondere das Konstrukt „Bewusstsein“ aus sozialwissenschaftlicher Sicht zu beleuchten, ohne jedoch die medizinische Sicht gänzlich auszuklammern: Im Fokus dieser Arbeit sollen die Schritte hinter Damasios „Bühne“, das Bewusstsein, stehen.

Um in die komplexe Thematik Bewusstsein einsteigen zu können, erachte ich es für sinnvoll, sich etappenartig von den fassbareren Entinitäten „Gedächtnis“ über das individuelle autobiographische Gedächtnis vorzuarbeiten, mündend in dem Hauptteil um die Diskussion des Bewusstseins.

Im weiteren Verlauf möchte ich mich daher zuerst knapp allgemein dem Gedächtnis und der Erinnerung widmen, beziehungsweise einen kurzen Querschnitt durch die Thematik ziehen, dabei das Alltagsverständnis der „Erinnerung“ anreißen und neurologische Fakten streifen. Unter Punkt 2.b) beschäftige ich mich mit dem autobiographischen Gedächtnis, skizziere seine Merkmale und erwähne Fallstudien. Der umfangreichste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema Bewusstsein. In diesem Themenblock, beginnend bei 2.c), sollen unterschiedliche Theoretiker vorgestellt, ein kurzer historischer Abriss gegeben als auch eine Arbeitsdefinition vorgestellt werden. Punkt drei befasst sich mit den sogenannten „Problemen des Bewusstseins“. Hier sollen Fragen wie „Wieso erleben wir die Welt als Einheit?“, „Warum ist unsere zeitliche Kontinuität so wichtig?“ und „Warum sind wir nicht immer bewusst?“ angesprochen, und somit die faszinierende Wirkungsmächtigkeit unseres Bewusstseins betont werden. Darauf folgend wird die Hauptdiskussion in den Fokus gerückt und die ultimative Frage besprochen werden: Wie geht der Geist mit dem Körper einher? Hier sollen unterschiedliche Positionen und Wissenschaftler zum Geist – Gehirn Problem zu Wort kommen. Der letzte Punkt möchte das Wechselverhältnis von Gesellschaft und Bewusstsein in den Vordergrund bringen, und somit mögliche Konsequenzen andauernder Bewusstseinsforschung skizzieren und diskutieren.

Abschließen möchte ich mit einem Rück- beziehungsweise Ausblick, indem das Geschriebene reflexiv mit meinen Erfahrungen und Anmerkungen versehen werden soll.

Im Fokus stehen die Werke von Thomas Metzinger, Antonio R. Damasio, Benjamin Libet, Wolf Singer und Sir John Eccles, wobei im Folgenden die verwendeten Zitate alle an die neue Rechtschreibung angepasst wurden.

Um noch eines Vorweg zu nehmen; bei den größten Teilen dieser Arbeit handelt es sich um eines Diskussion; da das ultimative Wissen um die Beschaffenheit des Bewusstseins sich noch immer der Wissenschaft entzieht, kann meist nicht mit allgemein anerkannten Fakten gearbeitet werden.

Der Künstler hinter der Bühne; nichts anderes als Bewusstsein. Der Künstler; nichts anderes als unser „Selbst“- als wir. Was genau ist es also, das gerade jetzt diese Zeilen liest, das diese Seiten verfasste?

2.Grundlagen

2.a) Gedächtnis

„Man muss erst beginnen, sein Gedächtnis zu verlieren, und sei´s nur stückweise, um sich darüber klarzuwerden, dass das Gedächtnis unser ganzes Leben ist. Ein Leben ohne Gedächtnis wäre kein Leben… Unser Gedächtnis ist unser Zusammenhalt, unser Grund, unser Handeln, unser Gefühl. Ohne Gedächtnis sind wir nichts…“[3]

Luis Bunuel

Dieser Auszug aus Bunuels Memoiren „Mein letzter Seufzer“ erinnert uns an eine Fähigkeit, die oft bewusst nicht wahrgenommen und angemessen geschätzt wird: Unser Gedächtnis und die uns täglich begleitenden Erinnerungen.

Eric Kandel schreibt über das Gedächtnis: „Das Gedächtnis - das Vermögen, Informationen unterschiedlichster Art zu erwerben und zu speichern (…) zählt zu den bemerkenswertesten Aspekten des menschlichen Verhaltens“ (Vgl. Kandel, 2007, S. 26) Historisch blickt das Interesse an Gedächtnis und Erinnern weit zurück; die Griechen kannten in Mnemosyne sogar eine Titanin des Gedächtnisses. Seit Jahrhunderten geht es im Kern darum, etwas im Jetzt Vorhandenes, aber Flüchtiges für die Zukunft festzuhalten. (Vgl. Niethammer, 2000, S. 323-324)

Nüchtern gesehen lässt sich das Gedächtnis neurologisch umfassend als „konditionierte Veränderung der Übertragungseigenschaften im neuronalen Netzwerk“ definieren, „wobei unter bestimmten Bedingungen der Systemmodifikationen (…) entsprechende neuromotorische Signale und Verhaltensweisen vollständig oder teilweise reproduziert werden können.“ ( Vgl. Markowitsch/ Welzer, 2005, S.73) Das Gedächtnis verarbeitet also die aus der Innen- und Außenwelt kommenden Informationen, und repräsentiert kognitiv sowie emotional bedeutungsvolle Gedächtnisinhalte, die sozial konstituiert sind. (Vgl. Markowitsch/ Welzer, 2005, S. 74)

Biologisch verortet befindet sich das Gedächtnissystem in einer abgrenzbaren Gruppe von Hirnarealen und – prozessen, die auf Speicherung und Wiedergabe bestimmter Informationen spezialisiert sind, wobei Gedächtnisinhalte entweder implizit, d.h. unbewusst, oder explizit, d.h. bewusst und willentlich wiedergegeben werden. Das implizite Gedächtnis vermittelt also die Tatsache, dass wir „etwas wissen“, das explizite dass wir „wissen, dass wir es wissen“. (Vgl. Birbaumer/ Schmidt, 1999, S. 566) Das explizite Gedächtnis soll weiter unten im Kontext von autobiographische Erinnerungen und Bewusstsein erneut aufgegriffen werden.

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom vergleicht in seiner Novelle „Rituale“ das Gedächtnis mit einem Hund. Diese Analogie ruft unser Alltagsverständnis von Gedächtnis auf und führt gleichzeitig schmerzlich vor Augen, wie wenig Einfluss wir doch auf dieses haben: „Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will.“ (Vgl. Draaisma, 2009, S. 9) Häufig erinnern wir auf qualvolle Weise Dinge, die wir lieber vergessen würden - vergessen jedoch, was wir doch so gerne wahren möchten. Der „Hund“ legt sich also scheinbar wirklich nieder wo er möchte. Neurologisch betrachtet ist es jedoch durchaus möglich, zu verstehen, wie erinnert wird: Das Kurzzeitgedächtnis hat eine beschränkte Speicherkapazität, bei einem untrainierten Menschen umfasst es ca. sieben Elemente(Vgl. Birbaumer/ Schmidt, 1999, S. 570). Um diese lediglich temporär abrufbaren Erinnerungen in das Langzeitgedächtnis zu importieren, erfordert es neurologischer Prozesse welche in der Bildung neuer Synapsen münden. Um diese sogenannte „Langzeitbahnung“ im Gehirn zu stimulieren, bedarf es der Wiederholung oder auch hochemotionalen Zuständen. Ein schwerer Unfall oder Erinnerungen an den Holocaust können im Prinzip die gängigen Schranken des Langzeitgedächtnisses überwinden. (Vgl. Kandel, 2007, S. 289)

Wir erinnern uns nicht an alles was wir gelernt haben, was bei längerem Betrachten eher ein Segen als ein Fluch ist. Biologisch gesehen ist dies letztendlich auf die hohe Schwelle zurückzuführen, welche die Gene für die Umwandlung vom Kurz – in das Langzeitgedächtnis errichten. ( Vgl. Kandel, 2007, S. 301)

Die meisten Dinge vergessen wir einfach; was wir letzte Woche in der Mensa gegessen haben, das vergangene Fernsehprogramm oder unsere Klamottenwahl von Vorgestern, all diese Dinge sind heute nicht mehr erinnerter Teil unseres Lebens. Sie haben aufgrund ihrer nicht bewusst geforderten Aufmerksamkeit die Hürden vom Kurz- zum Langzeitgedächtnis nicht bewältigen können. Anders dagegen ist es bei bewussten, expliziten Erinnerungen, so wie bei dem autobiographischen Gedächtnis. ( Vgl. Kandel, 2007, S. 463)

2.b) Autobiographisches Gedächtnis

„U nser Gedächtnis gleicht den Geschäften, die im Schaufenster einmal die eine und einmal die andere Photographie der gleichen Person ausstellen. Gewöhnlich bleibt dann für einige Zeit nur die letzte im Blickfeld der Beachtung.“[4]

Marcel Proust

Schon Plato etablierte die Vorstellung von einem individuellen Gedächtnis, er verglich es mit einer Wachstafel, welche bei der Geburt noch ohne „Ein-Drücke“ und ein „Geschenk der Mnemosyne“ sei.(Vgl. Niethammer, 2000, S. 324)

Diese „Ein-Drücke“ symbolisieren den Teil des Gedächtnisses, in dem wir unsere persönlichen Schicksale speichern, sozusagen die „Chronik unseres Lebens“ aufbewahren.(Vgl. Draaisma, 2009, S. 9) Sind diese Spuren nun mit den Jahren hinzugekommen, liefert dem Individuum das autobiographische Gedächtnis das Vermögen, die persönliche Existenz in einem Raum Zeit Kontinuum zu situieren und auf eine Vergangenheit zurückblicken zu können, die dem Jetzt vorausgegangen ist.( Vgl. Markowitsch/ Welzer, 2005, S.11)

Um solche „mentalen Zeitreisen“ unternehmen zu können, bedarf es beim biographischen Gedächtnis dreier Merkmale:

Erstens: Alle Erinnerungen müssen einen Ich- Bezug aufweisen.[5]

Zweitens: Biographische Erinnerungen sind immer mit einem emotionalen Index behaftet; Erinnertes wird mit einer positiven oder negativen Emotion verknüpft. Drittens: Sie sind „autonoetisch“, das heißt: Wir erinnern uns bewusst. (Vgl. Markowitsch/ Welzer, 2005, S.11) Hier kommt also das oben schon kurz skizzierte explizite Gedächtnis zum Tragen, welches erst ermöglicht, „Raum und Zeit zu überspringen und Ereignisse und Gefühlszustände heraufzubeschwören, die zwar in der Vergangenheit verschwunden sind, aber in unserem Geist irgendwie fortleben.“ (Vgl. Kandel, 2007, S. 307)

Auch die Sprache ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung eines autobiographischen Gedächtnisses; sie ist das Medium, das Externalisierung und Austausch von Erfahrungen ermöglicht, um sich überhaupt in Relation zu anderen setzen zu können. ( Vgl. Markowitsch/ Welzer, 2005, S.21) Beziehungen zu anderen sind eine bedingende Vorraussetzung für autobiographische Erinnerungen, sie ist eine eindeutig soziale Kompetenz, welche erst im Zusammensein mit anderen herausgebildet werden kann. Das autobiographische Gedächtnis ist ergo das am stärksten soziale Gedächtnis, „und als solches in eklatantem Maß sozial, kulturell und historisch bestimmt“, so Markowitsch und Welzer. (Vgl. Markowitsch/ Welzer, 2005,S.24) Die Autobiographie des Individuums stellt einen Fixpunkt in wandelnden Rollen und Situationen dar, sodass die Gewissheit gegeben sein kann: Ich habe es über Raum und Zeit hinweg stets mit demselben „Ich“ zu tun. (Vgl. Markowitsch/ Welzer, 2005, S.21)

Oliver Sacks fragt sich in seinem Werk „Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte“: „Was für ein Leben, (…) was für ein Bild der Welt, was für ein Selbst kann sich ein Mensch bewahren, der den größten Teil seiner Erinnerung und damit seine Vergangenheit, seinen Ankerplatz im Meer der Zeit, verloren hat?“ (Vgl. Sacks, 2002, S. 42) Diese in erster Linie rhetorische Fragestellung findet ihr Pendant in der tragischen Lebensgeschichte eines Mannes, welcher aufgrund einer totalen Amnesie mittels ständiger fiktiver und konstruierter Geschichten versuchte, sich selbst und die verloren gegangene Welt um sich herum zu ersetzen. Er erfand buchstäblich seine persönliche Historie, um genau jene für uns so wichtige innere Erzählung und Kontinuität zu wahren. „Um wir selbst zu sein, müssen wir uns selbst haben; wir müssen unsere Lebensgeschichte besitzen oder sie, wenn nötig, wieder in Besitz nehmen.(…) Der Mensch braucht eine solche fortlaufende innere Geschichte, um sich seine Identität, sein Selbst zu bewahren“, so Sacks. (Vgl. Sacks, 2002, S. 154)

Auch Menschen die nicht neurologisch beeinträchtigt sind und über ein funktionierendes autobiographisches Gedächtnis verfügen, schlagen nicht einfach ein inneres Fotoalbum auf, um Episoden ihres Lebens Revue passieren zu lassen. „Vergessen Sie nicht, dass das Gedächtnis ein kreativer Prozess ist“, schreibt Kandel. (Vgl. Kandel, 2007, S. 307) Was gespeichert wird ist in erster Linie eine Kernerinnerung, welche nach und nach ausgearbeitet, rekonstruiert und nicht selten ausgeschmückt und verzerrt wird.

Besonders veranschaulicht wird diese fließende Grenze zwischen Erinnerungsbildern und Vorstellungsbildern durch den Fall Bruno Dössecker/ Binjamin Wilkomirski. Als 1995 die Holocaustbiographie „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948“ erschien, wurde es wegen seiner besonderen Authentizität gelobt. Erst drei Jahre später stellte sich heraus, dass der Autor des Werkes Binjamin Wilkomirski seine Kindheit gar nicht wie dargestellt in osteuropäischen Konzentrationslagern, sondern ohne Unterbrechungen in der Schweiz verbracht hat. Sein richtiger Name lautet Bruno Dössecker; er kam als uneheliches Kind auf die Welt und wurde von einem Schweizer Ehepaar adoptiert. (Vgl. Assmann, 2006, S. 144)

Aufgrund seiner traurigen Kindheit im Heim kann es durchaus der Fall sein, dass Dösseckers „falsche Erinnerungen“ durch die Mystifizierung seiner Vergangenheit von seinen Adoptiveltern ausgelöst wurden. Aleida Assmann schreibt: „Diese Beschwichtigungen, falls es sie gegeben haben sollte, haben allerdings das Gegenteil bewirkt: die rastlose Suche nach einer verlorenen Erinnerung und einer anderen Identität.“ (Vgl. Assmann, 2006, S. 147) Es ist davon auszugehen, dass Dössecker seine eigenen konkreten Erfahrungen in einem komplexen Prozess der Verschiebung und Umarbeitung in eine „Shoah-Kinderbiographie“ verwandelte –inwieweit dieser Prozess bewusst war, bleibt fraglich. In seinem Haus wurde eine umfassende Holocaustbibliothek vorgefunden; fremde Erinnerungen, welche er sich aufgrund mangelnder persönlicher zu Eigen gemacht haben könnte.

„Unsere Erinnerungen sind beladen mit den Geschichten, die wir gelesen haben, mit den Intrigen, die vor uns ausgebreitet werden, und mit den Charakteren die für uns umrissen sind“, schrieb der englische Romancier Anthony Trollope. (Vgl. Assmann, 2006, S. 147)

Was wir also hinsichtlich unserer Biographie erinnern, wird nicht zwingend ein detailgetreues Abbild unserer Vergangenheit darstellen, auf jeden Fall wird es jedoch unsere Identität beeinflussen und möglicherweise untrennbar von unserem „Ich“ Bewusstsein konstruieren. Das „Selbst“ muss ein Gedächtnis besitzen.

2.c) Ins Licht treten - Bewusstsein

„Diese Erinnerungen… Wie könnten sie Jahr um Jahr unbeschadet überstehen, wären sie nicht aus etwas relativ Beständigem gemacht?“[6]

Virginia Woolf

Ob unser Leben im Alter mit Gedächtnisverlust endet, können wir nicht voraussehen, Fakt ist jedoch, dass es damit beginnt. Da die meisten Menschen ihre ersten Erinnerungen zwischen ihrem zweiten und vierten Lebensjahr datieren, spricht Freud von der vorangegangenen Zeit von „kindlicher Amnesie“. (Vgl. Draaisma, 2009, S. 26) Eine Erklärung für den Schleier, der in den ersten Jahren auf dem Gedächtnis liegt, lokalisiert die Ursache in dem noch nicht vorhandenen Selbstbewusstsein des Kindes. Draaisma schreibt: „Solange es kein ´Ich` oder ´Selbst` gibt, können Erlebnisse auch nicht als persönliche Erinnerungen gespeichert werden.“ (Vgl. Draaisma, 2009, S. 41)

Die Psychologen Mark Howe und Mary Courage vertreten ebenfalls diese Ansicht; sie gehen davon aus, dass bei einem kleinen Kind erst eine „kritische Masse an Erkenntnissen über sich selbst als einzelnes ´Ich` vorhanden sein muss, bevor es so etwas wie ein autobiographisches Gedächtnis entwickeln kann.“ (Vgl. ebd.)

Nur durch die Eigenwahrnehmung, der sogenannten „Propriozeption“, sind wir in der Lage, unseren Körper als zu uns gehörig, als unser Eigentum und unser Selbst zu erleben. (Vgl. Sacks, 2002, S. 70) Wenn kein Konzept für ein „Ich“ vorhanden ist, kann man nichts daran anbinden. Das autobiographische Gedächtnis ist also vom Bewusstsein nicht zu trennen, denn diese Form von Gedächtnis ist durch das Vorhandensein eines Ich- Bewusstseins geradezu definiert.

Um produktive Erkenntnisse über das Bewusstsein zu gewinnen, muss zunächst eine Arbeitsdefinition des Bewusstseins entwickelt werden. Kandel: „Es handelt sich um einen Zustand bewusster Wahrnehmung oder um selektive Aufmerksamkeit in großem Maßstab. Im Wesentlichen ist das Bewusstsein (consciousness) beim Menschen die Bewusstheit (awareness) des Selbst, die Bewusstheit, bewusst zu sein.“[7] (Vgl. Kandel, 2007, S. 307) Was jedoch nun genau „Bewusstsein“ und „Bewusstheit“ ausmacht, erläutert diese Spezifizierung nicht. Es scheint jedoch unsere Fähigkeit zu sein, auf Empfindungen zu reagieren und sie zu reflektieren, und dies im Kontext unseres unmittelbaren Lebens sowie unserer Lebensgeschichte. Der Gedächtnisforscher Endel Tulving vertritt die Ansicht, dass Bewusstein ein Alles- oder- Nichts- Prozess sei, was bedeutet, dass Menschen (insofern sie gesund sind) ein Bewusstsein haben, Tiere indes generell nicht. ( Vgl. Markowitsch/ Welzer, 2005, S.69) Forscher dagegen, welche die ontogenetische Entwicklung menschlicher Kinder mit der von Menschenaffenkindern verglichen, sind der Auffassung, dass es sich bei Bewusstsein eher um einen graduellen Prozess handelt, welcher in rudimentärer Form vielen Säugern eigen ist, aber nur wenigen Tierarten, wie dem Menschenaffen, in weiter Auslegung zugesprochen werden kann. Auch sei eine Abstufung bei Menschen zu beobachten, wobei bei Kindern, amnestischen oder dementen Patienten Bewusstsein in geringerer Ausprägung vorhanden sei als bei normal intelligenten Erwachsenen. ( Vgl. Markowitsch/ Welzer, 2005, S.72)

Abseits stereotyper Definitionen der Begrifflichkeit Bewusstsein lässt es sich leicht ausmalen, in welcher Weise die Fähigkeit „bewusst zu sein“ die menschliche Evolution beeinflusst und zu Neuerungen geführt hat, welche einem „bewusstlosen“ Wesen niemals zugänglich gewesen wären: Moral, Religion, soziale und politische Organisationen, Kunst, Wissenschaft und Technik. (Vgl. Damasio, 2002, S. 14)

Doch warum und in welchem Sinn war es überhaupt notwendig, dass sich so etwas wie Bewusstsein in den Nervensystemen von Tieren entwickelte?

Laut Metzinger könnte in der Darwin´schen Evolution eine Frühform des Bewusstseins vor bereits etwa 200 Millionen Jahren in den primitiven Großhirnrinden von Säugetieren entstanden sein. ( Vgl. Metzinger, 2009, S. 31)

Es scheint jedoch, dass es zu keinem Zeitpunkt so etwas wie eine Notwendigkeit für oben genannte Fähigkeiten gab; ein Organismus erhält seine Existenz auch ohne Moral, Religion oder Künste. „Wie man beim Thema Entwicklung des Bewusstseins gleich zu Beginn betonen sollte, ist nicht zu erwarten, dass das Bewusstsein in Form einer plötzlichen Erleuchtung über die höher entwickelten Tiere kam. Vielmehr ist anzunehmen, dass es heimlich und verstohlen in die bisher geistlose Welt eintrat“, so Sir John Eccles. (Vgl. Eccles, 1994, S. 172)

[...]


[1] In: Ich fühle, also bin ich. S. 13

[2] Jean Paul

[3] In: Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte, S. 42

[4] In: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

[5] Anmerkung: auch ohne „direkten“ Ich- Bezug können biographische Erinnerungen entstehen, diese fallen dann aber unter sogenannte „false memories“. Weiter dazu Seite 7-8

[6] In: Sketch of the Paste

[7] Anm.: Analog zum expliziten Gedächtnis

Details

Seiten
49
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640841462
ISBN (Buch)
9783640840151
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167500
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
2,2
Schlagworte
zwischen gehirn bewusstsein

Autor

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Titel: Zwischen Gehirn und Bewusstsein