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Konjunkturförderprogramme als Mittel der Krisenbekämpfung in Theorie und Praxis

Facharbeit (Schule) 2010 29 Seiten

VWL - Makroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

3 Abkürzungen

4 Konjunkturförderung in der Wirtschaftskrise 2007/2009

5 Konjunkturförderprogramme in der Theorie - Keynesianismus
5.1 Antizyklische Finanzpolitik
5.1.1 Antizyklisches Konsumverhalten des Staates
5.1.2 Steuersenkungen für Produzenten
5.1.3 Steuersenkungen für Konsumenten
5.1.4 Subventionen
5.2 Crowding In Effekte
5.2.1 Multiplikatoreffekt
5.2.2 Akzeleratoreffekt
5.3 Surplus Saving und Deficit Spending
5.4 Crowding Out Effekt
5.5 Finanzierung
5.6 Phillipskurve

6 Gesetz zur Förderung von Stabilität und Wachstum der Wirtschaft

7 Konjunkturförderprogramme in der Praxis - Konjunkturpakete
7.1 Konjunkturpaket II
7.1.1 Staatliche Investitionen
7.1.2 Umweltprämie
7.1.3 Kurzarbeit
7.2 Konjunkturpaket III
7.2.1 Steuersenkungen und Transferleistungen für Unternehmen
7.2.2 Steuersenkungen und Transferleistungen für private Haushalte
7.3 Staatsverschuldung und Schuldenbremse
7.4 Staatsquote
7.5 Leitzins
7.6 Bewertung der Konjunkturpakete II und III

8 Ende des Kapitalismus?

9 Literaturverzeichnis

10 Verzeichnis der Internetquellen

3 Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4 Konjunkturförderung in der Wirtschaftskrise 2007/2009

Seit rund zwei Jahren ist das vorherrschende Thema in den Medien die Finanzkrise. Begonnen hat alles mit der Überbewertung von Wertpapieren und der Kreditvergabe an Immobilienkäufer mit geringer Bonität in den USA. Als diese ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten und die Banken feststellten, dass ihre Wertpapiere nicht so viel wert waren, wie sie gedacht hatten, kam es zu Liquiditätsengpässen auf den internationalen Geldmärkten. Die Banken bekamen Probleme mit der Refinanzierung, ein paar von ihnen mussten Konkurs anmelden. Was als Finanzkrise in den USA begonnen hatte, hat in Form einer Kreditklemme schon längst die deutsche Realwirtschaft erreicht. Wirtschaftsleistung und Binnennachfrage sind gesunken und haben damit unter Politikern einen Wettstreit um das beste Rezept der Krisenbekämpfung ausgelöst (vgl. BMWi 1, 1.8.2009; Destatis 1, kein Datum). ,,Zur Abwehr einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts“ brachte Bundeskanzlerin Angela Merkel im November 2008 das Konjunkturpaket I auf den Weg und rang sich im Januar 2009 zum Konjunkturpaket II durch (BGBl 2009 I416; Heckel, 2009,175). Am 1. Januar 2010 trat schließlich das Konjunkturpaket III in Kraft.

Seitdem sind viele Fragen gestellt worden: Welche Mittel hat der Staat, die Konjunktur zu beeinflussen? Welche sind hilfreich, welche schädlich? Wie genau funktionieren sie und was kosten sie? Im Folgenden soll ein Versuch gemacht werden, diese Fragen zu beantworten, zuerst mit einer theoretischen Analyse aus den Wirtschaftswissenschaften, dann mit einer empirischen Analyse der getroffenen Maßnahmen in Deutschland. Da die Politik die getroffenen Maßnahmen mit den Konzepten des Keynesianismus begründet, soll sich die theoretische Analyse in dieser Arbeit auch auf den Keynesianismus beschränken. Der Schwerpunkt der empirischen Analyse soll aus aktuellem Anlass bei den Konjunkturpaketen II und III, sowie deren Auswirkungen liegen.

5 Konjunkturförderprogramme in der Theorie - Keynesianismus

Ausgangspunkt der Konjunkturpolitik sind Konjunkturzyklen, die Samuelson als ,,gesamt-wirtschaftliche Schwankungen von Produktion, Einkommen und Beschäftigung“ definiert. Eine Rezession ist dabei ein Konjunkturtief mit mindestens zwei aufeinander folgenden Quartalen Negativwachstum des BIPs (Samuelson, 2007,661-662).

Den Klassikern zufolge ist Konjunkturpolitik irrelevant, da der Markt sich selber regulieren kann. Es gibt keine Arbeitslosigkeit, da bei einer geringen Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt die Löhne sinken bis Unternehmen wieder Arbeitskräfte einstellen. Es gibt keine Überproduktion weil Güter, die im Überfluss vorhanden sind, so billig werden, dass es sich für Unternehmen nicht mehr lohnt, sie zu prodzieren. Mit diesem einfachen Preismechanismus aus Angebot und Nachfrage kann Adam Smith's ,,unsichtbare Hand“ für das Marktgleichgewicht sorgen. Die grundlegende Annahme dieser Theorie ist das Say'sche Theorem: Jean-Baptiste Say ging davon aus, dass jedes Angebot seine eigene Nachfrage schafft.*

Im letzten Jahrhundert gab es allerdings zahlreiche Beispiele dafür, dass die Selbstregulierung des Marktes nicht zwingend funktioniert. Als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise 1929 veröffentlichte John Maynard Keynes sein Hauptwerk: ,, The General Theory of Employment, Interest and Money “. In diesem Werk stellte er die These auf, dass Märkte sich nicht selbst heilen können, wenn Preise nicht flexibel genug sind. Teichmann fasst diesen Zustand folgendermaßen zusammen: ,,Machteinsatz der Gewerkschaften (mit ihren Lohnforderungen trotz Arbeitslosigkeit) und der Unternehmen (mit ihrer monopolistischen Preispolitik) verhindern die erforderlichen Preissenkungen und blockieren damit die selbst heilende Kraft von Marktfaktoren.“ (Teichmann, 1997,36). Wenn Preise nicht nach unten angepasst werden obwohl die Gesamtnachfrage niedrig ist, kommt es zu einem Marktgleichgewicht bei Unterbeschäftigung. Neben der Starrheit der Löhne trägt auch die Liquiditätsfalle zu einem Marktgleichgewicht bei Unterbeschäftigung bei: In einer Liquiditätsfalle sind die Zinsen so niedrig, dass die Geldpolitik wirkungslos wird.* Hinzu kommt die von Keynes entdeckte Investitionsfalle**, bei der Unternehmen trotz geringer Zinsen keine Investitionen tätigen, da die Gewinnerwartungen zu gering sind. Wenn ein Marktgleich-gewicht bei Unterbeschäftigung, also eine dauerhafte Nachfragelücke, entsteht, sind nach Keynes staatliche Konjunkturstützen erforderlich.

5.1 Antizyklische Finanzpolitik

Der grundlegende Lösungsvorschlag des Keynesianismus ist, eine dauerhafte Nachfragelücke durch den Staat auszugleichen. Unter einer antizyklischen Finanzpolitik*** versteht man also eine staatliche Ausgabenpolitik, die den Konjunkturzyklen entgegen gerichtet ist: ,,Grob gesprochen bedeutet dies, in der Phase des Konjunkturabschwungs [...], soll der Staat die Nachfragelücke durch kreditfinanzierte Mehrausgaben [CSt] schließen. Bei einem Nachfrageüberhang im konjunkturellen Aufschwung soll der Staat seine Nachfrage dagegen einschränken und gegebenenfalls Mittel nicht verausgaben, sondern (für die nächste Rezession) stilllegen“ (siehe 5.3 Surplus Saving und Deficit Spending,11) (Hohlstein, 2003,247-248). Zusätzlich soll der Staat im Rahmen der antizyklischen Finanzpolitik Unternehmen durch die gezielte Vergabe von Subventionen beeinflussen und versuchen die Tendenz der privaten Nachfrage (in einer geschlossenen Volkswirtschaft CH+Ibrutto) durch eine antizyklische Steuer- und Abgabenpolitik zu lenken. Der Staat versucht also möglichst viele der Komponenten der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage zu beeinflussen: Konsum der Staates und der privaten Haushalte, Bruttoinvestitionen des Unternehmenssektors und Außenbeitrag (N=CSt+CH+Ibrutto+XA-MA), wobei der Außenbeitrag im Rahmen des Keynesianismus ausgeklammert werden kann.

Man spricht beim Keynesianismus auch von einer nachfrage-orientierten Wirtschaftspolitik, das heißt eine Wirtschaftspolitik, die versucht Marktungleichgewichte von der Nachfrageseite aus zu regulieren. Oberstes Ziel der staatlichen Konjunkturpolitik ist dabei, Konjunkturschwankungen zu dämpfen um extreme Ausschläge zu vermeiden: während einer Hochkonjunktur soll eine Überhitzung vermieden werden; in einem Konjunkturtief soll verhindert werden, dass eine Rezession zur Depression wird.

5.1.1 Antizyklisches Konsumverhalten des Staates

Keynes' Lösung für eine dauerhaft niedrige Gesamtnachfrage ist die ,,künstliche“ Schaffung von Nachfrage durch den Staat: ,,Mithilfe geld- oder fiskalpolitischer Maßnahmen kann der Staat [in der Rezession] die Wirtschaft stimulieren und dazu beitragen, einen hohen Produktions- und Beschäftigungsstand beizubehalten. Würden beispielsweise die Staatsausgaben für Waren und Dienstleistungen erhöht, so würde dadurch die Gesamtnachfrage gesteigert“ (Samuelson, 2007,965). Grafik 1 zeigt, wie der Staat in einem Markt mit vollkommener Konkurrenz* durch zusätzliche Investitionen die Gesamtnachfrage von N1 auf N2 erhöhen kann. Wie man an der Gesamtangebotskurve A sehen kann, die nach schräg oben verläuft, wird die Produktion zunehmen, solange die Nachfrage entsprechend hoch ist. Wenn die Gesamtnachfrage niedrig ist (N1), liegt das Marktgleichgewicht in Punkt 1 - Gleichgewichtsmenge M1 und Gleichgewichtspreis P1 sind auf einem niedrigen Niveau. Wird die Gesamtnachfrage auf N2 erhöht, steigt die Gleichgewichtsmenge von M1 auf M2. Das Marktgleichgewicht verschiebt sich zu Punkt 2. Es gilt also:

Grafik 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erhöhung der Gesamtnachfrage von N 1 auf N 2 durch den Staat

Der Staat kann den Einbruch der privaten Nachfrage in konjunkturellen Tiefphasen also ausgleichen und dadurch die Produktion und den Beschäftigungsstand stabil halten (vgl. Samuelson, 2007,965). Da der Bau eine Schlüsselbranche ist, in der Impulse in Form von Aufträgen schnell an andere Branchen weitergegeben werden, soll der Staat hauptsächlich in die Verbesserung der Infrastruktur investieren (siehe 5.2 Crowding In Effekte,9). Der große Vorteil dieser Strategie ist, dass der Staat nicht nur kurzfristig die Gesamtnachfrage erhöht, sondern auch das Fundament für ein langfristiges Wachstum der Volkswirtschaft legt und der Entwicklungsstand des Landes dadurch verbessert wird.

5.1.2 Steuersenkungen für Produzenten

Während das antizyklische Konsumverhalten des Staates nur das Nachfrageniveau reguliert, kann der Staat mit finanzpolitischen Maßnahmen auch die Angebots- und Nachfragestruktur beeinflussen (vgl. Varian, 2007,118). Auf einem vollkommenen Konkurrenzmarkt kann der Staat in einer Rezession, wie in Grafik 2 zu sehen, durch eine Senkung der indirekten Steuern für Unternehmen (z.B. der Umsatzsteuer) eine Erhöhung der Gleichgewichtsmenge von MAT auf MA erzielen. Die Produzentenrente PR* erhöht sich um das hell markierte Dreieck. Durch eine Steuersenkung um Tindir werden die Produktionskosten der Unternehmen reduziert. Die Steuersenkung wird an die Konsumenten weitergegeben, so dass der Gleichgewichtspreis von PAT auf PA sinkt und sich die Konsumentenrente KR** um das dunkle Dreieck erhöht. Insgesamt wurde damit der Deadweight Loss, also der Verlust an ökonomischer Wohlfahrt durch die Steuer, reduziert. (Da Tindir in diesem Fall auf Null sinkt, verschwindet der Wohlfahrtsverlust sogar.) Damit wird eine größere Menge der ursprünglich besteuerten Güter

Grafik 2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Steigerung der Markteffizienz durch eine Steuersenkung

am Markt gehandelt; das Marktgleichgewicht verschiebt sich von Punkt 1 auf Punkt 2 (vgl. Krugman, 2005, S. 139-153).

Dieser Mechanismus funktioniert aber nur kurzfristig, da die Angebotskurve hier eine positive Steigung hat. Langfristig ist die Angebotskurve aber horizontal: dann sehen neue Unternehmen Steuersenkungen als Anreiz, in den Markt einzutreten (vgl. Varian, 2007,482).

5.1.3 Steuersenkungen für Konsumenten

Ein weiterer Ansatz ist das Senken von direkten Steuern Tdir (z.B. der Einkommensteuer). Dadurch würde privaten Haushalten ein größerer Anteil ihres Bruttolohns zur Verfügung stehen:

wenn YH,ver=YH-Tdir+ZH und Tdir ceteris paribus, dann YH,ver

Da diese Budgetbeschränkung (bzw. das verfügbare Einkommen YH,ver) ein wichtiger Faktor in der Konsumentscheidung ist, sollen private Haushalte mit Steuersenkungen während der Rezession zum Konsum angeregt und dadurch die Gesamtnachfrage erhöht werden.

Die Gefahr bei diesem Ansatz liegt darin, dass Konsumenten der sogenannten Rationalitätsfalle erliegen könnten (vgl. Söllner, 2008,68). Hierbei handelt es sich um die Situation des ,,Gefangenendilemmas“** aus der Spieltheorie. Konsumenten handeln nach dem Prinzip der individuellen Nutzenmaximierung (individuelle Rationalität). Das Dilemma tritt auf, wenn der Nutzen für die gesamte Gesellschaft (kollektive Rationalität) dem individuellen Nutzen entgegen gerichtet ist. Im Bezug auf die Steuersenkung bedeutet das Folgendes: Das Bruttoeinkommen der privaten Haushalte verteilt sich auf den Sparanteil und das Konsumbudget: YH,ver=SH+CH. In konjunkturellen Tiefphasen neigen die privaten Haushalte zum Angstsparen: sie sparen das zusätzliche Geld aus Steuersenkungen für die Zukunft (individuelle Rationalität) anstatt es auszugeben (kollektive Rationalität). Es gilt: je höher die Sparquote s, desto geringer die Konsumquote c, mit s+c=1. Wenn private Haushalte also auf Grund einer hohen Sparquote einen relativ geringen Anteil des zusätzlichen Geldes aus einer Steuersenkung auf den Konsum verwenden, steigt die Gesamtnachfrage kaum und die Wirkung der Steuersenkung ist gering (siehe 5.2.1 Multiplikatoreffekt,9).

5.1.4 Subventionen

Ein weiterer fiskalpolitischer Ansatz Konjunkturtiefs auszugleichen sind Subventionen. Als Subventionen gelten ,,Geldleistungen der öffentlichen Hand an Unternehmen ohne [eine direkte] marktliche Gegenleistung“ (Hohlstein, 2003,701). Man unterscheidet zwischen Förderungs-subventionen, die z.B. die Forschung oder die Neugründung von Unternehmen unterstützen sollen, Erhaltungssubventionen, durch die Betriebe erhalten werden sollen und Anpassungssubventionen, durch die soziale Härten eines Strukturwandels abgeschwächt werden sollen. Subventionen unter-stützen Unternehmen bei den Produktionskosten, so dass diese mehr produzieren können. Die Wirkung ist ähnlich wie bei einer Senkung der indirekten Steuern: Ist auf dem Markt genügend Nachfrage vorhanden, wird die Gleichgewichtsmenge steigen und der Gleichgewichtspreis fallen.

Der Vorteil von Subventionen ist, dass sie zielgerichtet für bestimmte Branchen oder Unternehmensarten eingesetzt werden oder bestimmte politische Ziele wie z.B. den Umweltschutz fördern können. Vor allem bei Erhaltungs- und Anpassungssubventionen besteht allerdings die Gefahr, dass es zu einer Veraltung der Produktionsmittel kommt. Auf Grund der Subventionen werden Produktionsfaktoren nicht erneuert, technischer Fortschritt, Effizienzsteigerungen und Wirtschaftswachstum verhindert (vgl. Hohlstein, 2003,701-704).

5.2 Crowding In Effekte

Alle oben genannten staatlichen Maßnahmen werden durch sogenannte Crowding In Effekte verstärkt, die man dementsprechend auch als Verstärkungseffekte bezeichnet. Man unterscheidet zwischen einem vervielfachenden Effekt, dem Multiplikator, und einem beschleunigenden Effekt, dem Akzelerator. Mit diesen beiden Prinzipien lassen sich endogene* Schwankungen des BIPs, also Konjunkturschwankungen, erklären (vgl. Hohlstein, 2003,19).

5.2.1 Multiplikatoreffekt

,,Als Multiplikator bezeichnet man die Auswirkung, die eine Veränderung exogener** Ausgaben um eine Geldeinheit auf die Gesamtproduktion hat“ (Samuelson, 2007,686). Dieser Effekt besagt, dass jede Geldeinheit, die vom Staat zur Rezessionsbekämpfung ausgegeben wird, eine Reaktionskette auslöst, die die Wirkung des Primärimpulses vervielfacht. Das Standardbeispiel ist der Investitionsmultiplikator m, der die Beziehung zwischen einer Veränderung des Volksein-kommens und der Investitionsänderung beschreibt: Y=m× I. Ein Anstieg der Investitionsgüter-nachfrage erhöht das Angebot an Investitionsgütern in gleichem Maße. Für die Produktion der Güter zahlen Unternehmen Lohn an die privaten Haushalte. Dieses Einkommen wird dann wieder auf Konsum und Sparen verwendet. Je höher der Konsum der privaten Haushalte (und damit die Gesamtnachfrage), desto größer der Erfolg der Unternehmen und daher auch ihre Investitions-bereitschaft (vgl. Hohlstein, 2003,515).

Bei der Erhöhung der Gesamtnachfrage (N=CH+CST+Ibrutto+XA-MA) handelt es sich um einen selbstverstärkenden Effekt (siehe Say'sches Theorem,4). Dabei ist entscheidend, wie stark die privaten Haushalte die Multiplikatorwirkung weitergeben. Wie man an folgender Formel sehen kann, ist der Multiplikator von der marginalen Sparneigung MPS* der privaten Haushalte abhängig:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie bereits besprochen verteilt sich das Einkommen der privaten Haushalte auf den Sparanteil und das Konsumbudget (s+c=1). Deswegen gilt im Bezug auf die marginale Konsumneigung MPC*:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An der Formel erkennt man, dass der Multiplikator umso größer ist, je geringer die marginale Sparneigung bzw. je höher die marginale Konsumneigung ist.

Neben dem Investitionsmultiplikator gibt es den Staatsausgabenmultiplikator (Beziehung zwischen und Y), den Exportmultiplikator (Beziehung zwischen XA- ) und Y) und den Steuermultiplikator (Beziehung zwischen T und Y) (Samuelson, 2007,687).

Teichmann geht davon aus, dass Multiplikatoreffekte nach drei bis sechs Monaten einsetzen, es also zu zeitlichen Wirkungsverzögerungen (Time Lags) kommt. Er beschreibt den Wirkungszyklus folgendermaßen: ,,Sickerverluste treten vor allem in der ersten Periode auf, wenn Lager abgebaut oder Auftragsbestände gebildet werden, also eine Produktion, aus der weiteres Einkommen entsteht, vorläufig noch unterbleibt. Werden Konsumausgaben im Verlauf des Aufschwungs zunehmend antizipiert, dann läuft der Einkommenseffekt den tatsächlichen Käufen voraus. Die Multiplikatorperiode wird kürzer, der Aufschwung dadurch beschleunigt. Später setzen Liquiditätslücken und ausgelastete Kapazitäten dem realen Expansionsprozess die Grenze.“ (Teichman, 1997,16-17).

5.2.2 Akzeleratoreffekt

Der zweite Crowding In Effekt ist der Akzelerator. Das Prinzip besagt, dass Unternehmen ihre Investitionen aus Kapazitätsgründen an die Veränderung der Nachfrage anpassen. Diese Beziehung wird durch den Akzelerator v folgendermaßen ausgedrückt: I=v× C. Aus der Formel lässt sich ableiten, dass eine geringfügige Veränderung des Konsums C zu einer vielfachen Veränderung der Investitionen I führen kann (für v>1). Erhöht sich beispielsweise die Nachfrage nach Konsumgütern während Produktionskapazitäten ausgelastet sind um einen bestimmten Betrag, werden die Unternehmen Nettoinvestitionen tätigen um der steigenden Nachfrage ein entsprechend hohes Angebot entgegenstellen zu können. Durch diese Kapazitätsausweitung der Unternehmen steigt die Investitionsgüternachfrage und damit auch die Gesamtnachfrage:

wenn N=CH+CSt+Ibrutto+XA-MA und CH und Ibrutto ceteris paribus, dann N . Durch den Akzelerator löst diese Erhöhung der Gesamtnachfrage wiederum eine Erhöhung des Investitionsvolumens aus.

[...]


* ,,Basis des Say'schen Theorems ist der einfache Wirtschaftskreislauf. Demnach entspricht zunächst einmal jeder Produktion ein in gleicher Höhe geschaffenes Einkommen. Soweit dieses für Konsumzwecke verausgabt wird, steigt die Güternachfrage.“ (Hohlstein, 2003,639)

* Liquiditätsfalle: Die Spekulationskasse ist ,,Teil der Geldnachfrage, den die Wirtschaftssubjekte zur Finanzierung eventueller zukünftiger Wertpapierkäufe, d.h. für Spekulationszwecke, halten. [...] Nach Keynes reagiert die Geldnachfrage unendlich elastisch, wenn der Zins so tief liegt, dass alle Wirtschaftssubjekte dies als absolute Untergrenze ansehen. Dann rechnen alle Anleger mit zukünftig wieder steigenden Zinsen, d.h. sinkenden Kursen. Entsprechend wird in dieser Situation jegliches von der Notenbank zusätzlich geschaffenes Geld in der Spekulationskasse verschwinden. Deshalb spricht man von der Keynesianischen Liquiditätsfalle.“ (Hohlstein, 2003,667-668)

** Investitionsfalle: ,,Tritt [...] auf, wenn die Investitionen zinsunabhängig sind.[...] so dass eine Geldmengensteigerung das Realeinkommen unverändert lässt. Zwar sinkt in diesem Fall der Zinssatz, doch die Investitionen bleiben konstant und mit ihnen das Realeinkommen.“ (Gabler Wirtschaftslexikon)

***Finanzpolitik: ,,Teilgebiet der allgemeinen Wirtschaftspolitik, das sich vor allem mit dem Einsatz der Instrumente Staatseinnahmen, Staatsausgaben und öffentliches Vermögen beschäftigt.“ (Hohlstein, 2003,245)

* Vollkommener Konkurrenzmarkt oder Polypol: ,,Marktform bei der sich viele kleine Anbieter und viele kleine Nachfrager einander gegenüberstehen.“ Voraussetzung: Homogenität der Güter, keine persönlichen Präferenzen der Marktteilnehmer, keine zeitliche und lokale Differenzierung, vollständige Markttransparenz (Hohlstein, 2003,575 und770).

*(Hohlstein, 2003,137 und568)

* Produzentenrente: ,,In einer Marktwirtschaft gibt es immer auch Anbieter, die bereit gewesen wären, ihr Erzeugnis zu einem niedrigeren als dem Marktpreis zu verkaufen. Der Betrag, den sie über ihren eigentlichen Angebotspreis hinaus erhalten, heißt Produzentenrente.“ (Hohlstein, 2003,603)

** Konsumentenrente: ,,Stellt sich auf einem Markt ein einheitlicher Marktpreis für ein Produkt heraus, so haben all diejenigen Konsumenten, die das Produkt auch schon zu einem höheren Preis gekauft hätten, einen Vorteil. Der gesamte Vorteil all dieser Konsumenten [...] wird als Konsumentenrente bezeichnet.“ (Hohlstein, 2003,425)

** Gefangenendilemma: ,,Zwei Angeklagte, denen ein schweres Verbrechen vorgeworfen wird, werden getrennt verhört. Ohne Geständnis kann man ihnen nur ein minderschweres Verbrechen nachweisen, das zu einer kurzen Haftstrafe führt. Gesteht genau ein Gefangener und belastet den anderen, so kann er von der Kronzeugenregelung Gebrauch machen und wird freigesprochen, während der andere für viele Jahre ins Gefängnis kommt. Gestehen beide, so werden auch beide bestraft, wobei ihr Geständnis strafmindernd wirkt.“ (Sieg, 2000,4) Die Gefangenen müssen sich unabhängig entscheiden und werden mangels Kommunikation und Vertrauen den jeweils anderen belasten obwohl es günstiger für beide wäre zu schweigen.

* Endogene Variable: ,,Bezeichnung für [...] Größen, deren Werte in diesem Modell mit Hilfe anderer Größen erklärt wird“ (vgl. Hohlstein, 2003,188).

** Exogene Variable: ,,Bezeichnung für [...] Größen, deren Werte [...] als gegeben angesehen und damit “von außen“ übernommen werden“ (vgl. Hohlstein, 2003,227).

* Marginalanalyse: ,,[...] Instrumentarium zur Ermittlung von Extremwerten von Funktionen bzw. Optimalitätsbedingungen. Hintergrund ist die den Wirtschaftssubjekten in aller Regel unterstellte Optimierung von Zielfunktionen (z.B. Gewinn, Nutzen). Mathematisch arbeitet die Marginalanalyse mit ersten (partiellen) Ableitungen, die in der Volkswirtschaftslehre als Grenzgrößen [hier: marginale Sparneigung, auch Grenzneigung zum Sparen und marginale Konsumneigung, auch Grenzneigung zum Konsum] bezeichnet werden.“ (Hohlstein, 2003,480-481)

Details

Seiten
29
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640872251
ISBN (Buch)
9783640872909
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167545
Institution / Hochschule
Gymnasium Neubiberg
Note
15
Schlagworte
Konjunktur Wirtschaftskrise 2007 - 2009

Autor

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Titel: Konjunkturförderprogramme als Mittel der Krisenbekämpfung in Theorie und Praxis