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Zeitknappheit in Zeiten globaler Beschleunigung

Folgen, Probleme und Handlungsanstätze der Sozialen Arbeit

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Modernisierungsdimensionen
2.1Beschleunigung
2.1.1 Paradoxien und „Motoren“ der Beschleunigung
2.2 Globalisierung
2.3 Verbindung beider Dimensionen
2.3.1 Einseitigkeit und der politische Verlust

3. Der Faktor Zeit
3.1 Zeitstruktur
3.2 Zeit als Mittel der Ordnung
3.4 Zeitformen in anderen Kulturen - Zeitkulturen
3.3 Zeiterleben - Wahrnehmung - Zeitbewusstsein
3.3.1 Der Verlust von Sicherheit

4. Folgen
4.1. Exemplarische Auswirkungen der Leistungsgesellschaft - Folgen für Kinder, Jugendliche und Führungskräfte
4.1.1 Leistungserwartungen im schulischen Kontext
4.1.2 Gefährdung des Gesundheitszustand
4.1.3 Priorität der Eigenzeiten – Zeitmanagement als Sackgasse?!

5. Ansätze der Sozialen Arbeit

6. Schlusswort

Quellenverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Das Thema „Zeit“ boomt. Von der Geburt bis zum Tod spielt der Faktor Zeit eine zentrale Rolle in unserem Leben. Keine Zeit zu haben und ständiger Zeitdruck sind ein Zeichen für Ruhm und Erfolg. Außerdem ist der Wille groß, vieles Schönes zu tun, es müssen Entscheidungen getroffen werden. Die Angst etwas zu verpassen verleitet dazu, so schnell, viel und gleichzeitig wie möglich, zu schaffen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der Entspannung und Wohlbefinden nachrangig werden. Diese Arbeit soll aufzeigen, inwiefern sich globale und beschleunigte Prozesse negativ auf den Menschen auswirken. Fast die Hälfte der deutschen Topmanager hat eine 60-70 stündige Arbeitswoche. In Japan sterben 10% aller Männer an „Karoshi“ (=Tod durch Überarbeitung) (vgl. Reheis 1996, S. 6). Bspw. das Burn-out ist auch eine neue Modeerscheinung. Um die Entwicklung derartiger Folgen zu verstehen, werden in dieser Arbeit zuallererst die Dimensionen „Beschleunigung“ und „Globalisierung“ als wissenschaftliche Grundlagen überblicksweise vorgestellt. Durch unterschiedliche Entwicklungsweisen der Beschleunigung entstanden Paradoxien, die aufgezeigt werden. Danach geht es um zentrale globale Aspekte, die für das Verständnis sozialer Prozesse relevant sind. Bspw. werden grundlegende wirtschaftliche Prozesse, die u.a. entscheidend für jegliche Änderungen im sozialen Bereich waren, aufgegriffen. Als Überleitung wird am Ende dieses Kapitels eine Verbindung und Betonung der wichtigsten Aspekte vorgenommen. In Punkt 3 werden, mit Blick auf Folgen und auf praktische Handlungsfolgerungen, neue Zeitstrukturen, Zeitformen sowie das Zeiterleben, näher beleuchtet. Der Einbezug des individuellen Zeitbewusstseins und der Zeitwahrnehmung ist für die Antworten der Sozialen Arbeit auf die postmoderne Gegenwart, unabdingbar. Folgen und „Gesellschaftskrankheiten“ durch Überbelastung sind Inhalte des 4. Inhaltspunktes. Da sich die Organisationsweise von Raum und Gesellschaft negativ auf das Wohlbefinden auswirkt, wird das Aufrechterhalten von Gesundheit und Lebensqualität zu einer wichtigen Aufgabe. Die Maßnahmen erhalten eine große Bedeutung, weil der Wandel soziale Probleme intensiviert. Die Folgen verweisen nochmals auf die neuen Anforderungen, mit welchen die Soziale Arbeit konfrontiert wird. Wie nun die Reaktionen seitens der Sozialen Arbeit aussehen könnten, wird im letzten Inhaltspunkt ausgearbeitet.

2. Modernisierungsdimensionen

Zusätzlich zu den Schwerpunkt-Dimensionen „Beschleunigung“ und „Globalisierung“, können weitere komplexe Umwälzungsprozesse lediglich aufgelistet werden: Differenzierung, Individualisierung[1], Rationalisierung, Domestizierung, Ver- und Entgeschlechtlichung und Integration (vgl. Degele, Dries 2005, S.5f). Selbstverständlich stehen all diese Dimensionen in einem engen Zusammenhang. Der Einbezug weiterer Dimensionen wäre für die Bearbeitung dieses Themas durchaus sehr sinnvoll, es muss aber aus platztechnischen Gründen darauf verzichtet werden.

2.1Beschleunigung

Zuallererst soll geklärt werden, was unter sozialer Beschleunigung verstanden wird. Eine grobe, definitorische Beschreibung kann laut H. Rosa durch drei Bereiche, in denen sie sich äußert, erfolgen. Der erste Bereich kennzeichnet die Ebene der Technologie, hierunter fällt z.B. das Automobil. Der zweite Bereich beinhaltet den beschleunigten Wandel des Sozialen, hier kann bspw. der Wandel von Mode und von Lebens- und Arbeitsverhältnissen herangezogen werden. Der letzte Bereich ist das individuelle Lebenstempo: Zeitdruck, Fast Food und Speed-Dating sind Ausdruck der Beschleunigung in diesem Bereich (vgl. Degele, Dries 2005, S. 159). „Im Spannungsfeld der drei Dimensionen steht das moderne Individuum und seine -rundum beschleunigte- soziale Lebenswelt“ (Degele, Dries 2005, S. 169). Und nun ausführlicher: Neben der Wirtschaft, ist also auch der soziale Lebensbereich einer gewaltigen, nahezu gewalttätigen Beschleunigung unterworfen. Ein Grund hierfür liegt im weltweiten Wettbewerb, dem man standhalten möchte. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Bildung. Leistung wird permanent gesteigert, es wird ständig ein „Mehr“ gefordert, um nicht nur international mithalten zu können, sondern auch um immer weiter aufsteigen zu können. Das Individuum ist direkt betroffen. Unkontrollierbare Geschwindigkeiten, die ihren Lauf nehmen und sich kaum mehr stoppen lassen, erweisen sich als erhebliche Zerstörungsquellen, insbesondere in Bezug auf die menschliche Psyche und den Körper. Um sich aus dem Beschleunigungswahn lösen zu können, propagieren viele Autoren ein angemessenes Tempo (=Entschleunigung). Verschiedene Formen der Zeitwahrnehmung, Zeitkulturen oder die Entwicklung eines Zeitbewusstseins gewinnen in diesem Kontext für sozialwissenschaftliche Untersuchungen an Gewicht. Die Zeitwahrnehmung ändert sich insofern, dass innerhalb kürzerer Zeit mehr Eindrücke verarbeitet werden. Es wird mehr erlebt und gefüllte Zeit vergeht schneller. Diese Wahrnehmung variiert je nach Individuum (entscheidend ist z.B. Alter, Befinden, sozialer Kontext) (Degele, Dries 2005, S. 154ff). Der nichteinheitliche Vollzug von Beschleunigungsprozessen, kann als Grund herangezogen werden, dass eine einheitliche Definition kaum möglich ist (vgl. Rosa 2005, S. 112).

2.1.1 Paradoxien und „Motoren“ der Beschleunigung

Das paradoxe an diesem Phänomen ist, dass durch die fortschrittliche Technik ein Zeitgewinn herbei geführt wird, welcher mit einem gleichzeitigen Gefühl von Zeitverlust verbunden ist[2]. Zur Erklärung dieser widersprüchlichen Tatsache, können die drei „Beschleunigungsmotoren“ (nach Rosa) herangezogen werden. Der ökonomische Motor besagt, dass das „Schnellerwerden“ in Verbindung mit dem „Mehrwerden“ steht. Das meint, dass z.B. Produktion, Transport oder Kommunikation nicht nur schneller, sondern auch mehr wird. Dies betrifft ebenso den kulturellen Bereich. Dieser Motor zeigt, dass auch Gesellschaften bzw. die Bevölkerung im Zusammenspiel mit Prozessen wie Differenzierung, Individualisierung oder Urbanisierung, von einer optimalen Zeitkoordination nicht verschont bleiben. Arbeit sowie Freizeit müssen richtig geplant werden. Denn der Wunsch, möglichst viele der neuen Optionen, die die Multioptionsgesellschaft anbietet, in die kurze Lebensbiografie zu packen, ist groß. Als dritten Motor führt Rosa differenzierte Gesellschaften an, in welchen der soziale Wandel rasch voranschreitet. Das homogene Ganze zerfällt in Teilsysteme, mit eigener Funktionslogik. Diese Teilsysteme spezialisieren und verselbstständigen sich. Die Vielfalt von Chancen und Risiken steigt gleichzeitig. Die Steuerung kann zu Bremseffekten führen, indem rasche Entscheidungen erschwert werden. Paradoxerweise findet also neben der Beschleunigung, eine Entschleunigung und die Herstellung von Stillstand statt (vgl. Degele, Dries 2005, S. 160ff).

2.2 Globalisierung

Auch von Globalisierung gibt es keine einheitliche Definition[3]. Verschiedene Autoren haben unterschiedliche Auffassungen. U. Beck siedelt Globalisierung auf drei Ebenen an. Zusätzlich können „Globalität“ und „Globalismus“ zur Beschreibung und zum Verständnis globaler Geschehnisse herangezogen werden (vgl. Beck 2007, S. 26). Er spricht vom Verlust nationalstaatlicher Souveränität: Die multinationale Vernetzung bietet transnationalen Unternehmen eine besondere Machtstellung und erhebliche Einflussmöglichkeiten auf Nationalstaaten. Sie können teure Leistungen durch günstigere in anderen Ländern ersetzen. Produkte können an beliebigen Orten der Welt hergestellt werden. Arbeitsplätze können unproblematisch in andere Länder verlagert werden. Transnationale Unternehmen können wählen, wo sie ihre Steuern zahlen. Die Entwicklung dieser exemplarisch aufgezeigten Möglichkeiten für die einen, entzieht den anderen, nämlich den Nationalstaaten, jegliche Möglichkeiten auf politischer und wirtschaftlicher Ebene. Hieraus entstehen Ungerechtigkeiten. Man spricht von „Globalisierungsgewinnern“ und „Globalisierungsverlierern“[4]. Der gemeinsame Rahmen in Gesellschaften fällt weg und die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander (vgl. Beck 2007, S.14ff, S. 21ff). Die örtliche Beschränktheit entfällt nicht nur in Bezug auf Produkte oder Kapital, sondern auch für Gemeinschaften und für das Alltagsleben. Es bilden sich dichte, weltweite Netzwerke. Es kommt zu transkulturellen Begegnungen: Menschen mit jeweils eigenständigen Einstellungen und Erwartungen treffen aufeinander (vgl. Beck 2007, S. 31). Im Zuge der Migration bilden sich Identitäten mit unklarer bzw. mehrfacher Hingezogenheit. Das Phänomen der Gestaltbarkeit des Lebens auf dem ganzen Globus wird auch “Ortspolygamie“ genannt: Es kann an anderen zusätzlichen Orten gelebt werden, als gearbeitet wird. Eine feste Verbindung zu einem speziellen Ort wird aufgehoben, damit lösen sich auch Verbindungen zu Gesellschaften (vgl. Beck 2007, S. 127ff, 182).

Der Begriff der Globalität suggeriert eine durch Vielfalt gekennzeichnete Weltgesellschaft, welche örtliche Begrenztheit ausschließt. Er besagt, dass alles was im Leben geschieht immer eine globale Bedeutung hat und eine Anpassung seitens globaler Akteure fordert. Weltgesellschaft bezieht sich auf alle, von nationalstaatlicher Politik unabhängige, soziale Beziehungen (vgl. Beck 2007, S. 27f).

Zur Bezeichnung der kulturellen Globalisierung[5] verbindet R. Robertson die Globalisierung mit dem Lokalen und nennt dies „Glokalisierung“. Im Gegenzug zur Vereinheitlichung von Lebensstilen und Kulturen (McDonaldisierung) verweist er darauf, dass gleichzeitig immer eine Lokalisierung stattfindet. Die Wahrnehmung der Welt als ein Ort ist stark verbreitet, aber auch das Lokale bedarf einer globalen Wahrnehmung. Es wird z.B. stets lokal entschieden, ob globale Produkte konsumiert werden (vgl. Beck 2007, S. 88ff). Schließlich soll der Begriff Globalismus geklärt werden: Dieser hebt die zentrale Stellung der wirtschaftlichen Dimension, im Gegensatz zu allen anderen Globalisierungsdimensionen (im Bereich der Kultur, Natur, Politik und Gesellschaft), hervor. Ein ideologischer Weltmarkt wird anderen Dimensionen übergeordnet (vgl. Beck 2007, S. 26).

[...]


[1] Das individuelle Leben und Handeln löst sich von klar vorgeschriebenen Pflichten und Rollen. Während Tradition und Religion zunehmend an Bedeutung verlieren, erhöht sich die individuelle Freiheit der Bestimmung über eigene Lebensgestaltung. Das Individuum wird zur Wahl zwischen vielen Alternativen gezwungen. Eigenverantwortung muss es wichtige Entscheidungen selbstständig treffen. Die Identitätsentwicklung bedarf zahlreicher Anpassungen (vgl. Rosa 2005, S. 355ff).

[2] Eine beispielhafte praktische Illustration kann mit dem Automobil vorgenommen werden: Der Zeitgewinn durch das schnelle Transportmittel führt dazu, dass noch häufiger noch längere Strecken zurückgelegt werden, um noch entferntere Ziele zu erreichen (vgl. Rosa 2005, S. 121).

[3] Die Autoren N. Degele und C. Dries beschreiben Globalisierung mit Begriffen wie „multidimensional“, „komplex“ oder „ambivalent“: Ein „Transformationsprozess mit historisch offenem Ende, der sowohl zu internationaler Verflechtung und Verdichtung (politisch, ökonomisch, gesellschaftlich-kulturell und raum-zeitlich) führt,…, als auch … Fragmentierung, Lokalisierung und De-Globalisierung hervorruft“ (Degele, Dries 2005, S. 195). Das homogene Ganze und das Fragmentierte, das Lokale wie das Globale schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig (vgl. Degele, Dries 2005, S. 199).

[4] Globalisierung bestimmt das Schicksal einiger Gesellschaften. Nur eine kleine Minderheit, erhält neue Chancen und profitiert von dieser mächtigen Ungleichverteilung globaler „Schätze“ (vgl. Degele, Dries 2005, S. 188f).

[5] Das Zusammentreffen verschiedener Kulturen (vgl. Beck 2007, S. 90).

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640847235
ISBN (Buch)
9783640844746
Dateigröße
958 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167769
Institution / Hochschule
Hochschule Coburg (FH)
Note
Schlagworte
zeitknappheit zeiten beschleunigung folgen probleme handlungsanstätze sozialen arbeit

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Titel: Zeitknappheit in Zeiten globaler Beschleunigung