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Aspekte der Meiersfamilie und des Rechts in Hartmanns von Aue "Der arme Heinrich"

Hausarbeit 2009 14 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aspekte der Meiersfamilie und des Rechts in Hartmanns von Aue „Der arme Heinrich“
2.1 Die Symbiose zwischen Heinrich und der Meiersfamilie
2.2 Deindividualisierung und Gottesehrfurcht
2.3 Rechtsaspekte der Handlung

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der arme Heinrich“ zählt - neben den umfangreichen Romanen Erec und Iwein - zu den bekanntesten literarischen Werken Hartmanns von Aue. Der Text um den Ritter Heinrich, einen schwäbischen „[…] herre […]“1, entstand vermutlich im 12. Jahrhundert2. Die frühesten Überlieferungen liegen mit dem Fragment C allerdings erst aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts vor.3 Wie Christoph Cormeau und Wilhelm Störmer in ihrem Buch “Hartmann von Aue: Epoche - Werk - Wirkung“ bemerken, erstreckt sich die Erzählung über 1520 Verse und ist verglichen mit Hartmanns Romanen „[…] relativ handlungsarm […]“.4

Heinrich führt ein sorgloses Leben und wird vom Erzähler als Idealbild der höfischen Gesellschaft beschrieben. Dieses angenehme Dasein findet ein jähes Ende, als er an „[…] miselsuht […]“5, heute als Lepra bekannt, erkrankt. Nachdem er in Salerno, dem Zentrum der mittelalterlichen Medizin, erfahren hat, dass es außer dem Blut einer „[…] maget […]“6 kein Heilmittel für seine Krankheit gebe, zieht er sich, von der Gesellschaft geächtet, auf einen einsamen Meierhof zurück. Der ihm untergebene Meier empfängt ihn ohne Vorbehalte und sorgt schließlich drei Jahre für ihn. Letztlich will sich die Meierstochter zunächst gegen den Willen ihrer Eltern für Heinrich opfern. Der Kranke reist mit dem Mädchen erneut nach Salerno, wo Heinrich kurz vor der Tötung der Tochter „[…] niuwe güete […]“7 zeigt, die Prozedur daraufhin abgebrochen wird und beide wieder heimkehren. Der Ritter wird durch Gott geheilt und schließlich heiraten die beiden allen Standesunterschieden zum Trotz.

Die überschaubare Handlung trug in der Vergangenheit ebenso zur umfangreichen Rezeption der Geschichte bei wie ihr Symbolcharakter. Obwohl der Heinrich-Stoff im 15. Jahrhundert zunächst in Vergessenheit geriet, wurde kaum ein anderes Werk des medium aevum in den letzten beiden Jahrhunderten so oft adaptiert und verarbeitet wie der „Der arme Heinrich“. Die Vielzahl der Bearbeitungen reicht von Henry Wadsworth Longfellows Drama „The Golden Legend“ über die Ballade Adalbert von Chamissos bis zur Opernadaption von Hans Pfitzner. Höhepunkt dieser Rezeptionsgeschichte stellt sicherlich die dramatische Aufbereitung von Gerhart Hauptmann aus dem Jahr 1902 dar.8

Der nobelpreisgekrönte Autor fügte der Handlung weitere unter anderem auch naturalistische Elemente hinzu und machte die Geschichte des Heinrich „[…] von Ouwe […]“9 noch bekannter als sie es ohnehin schon gewesen war.

Seit Beginn der Hartmann-Forschung nimmt auch die Frage nach der Gattungszuweisung eine zentrale Rolle ein, da der Text Elemente von Märe, Legende und Mirakel enthält, jedoch mit keiner dieser Gattungen gänzlich übereinstimmt.10

Zu „Der arme Heinrich“ existiert bereits eine große Bandbreite an Forschungsarbeiten, die nahezu jeden sprach- und literaturwissenschaftlichen Aspekt abdecken.11 Die meisten dieser Arbeiten stellen hierbei die Hauptfigur Heinrich sowie die namenlose Meierstochter in den Vordergrund, weswegen sich die folgende Arbeit den weniger beachteten Nebenfiguren widmet. Die Betrachtung soll sich vornehmlich auf die Meiersfamilie, bei der Heinrich ein Obdach findet, konzentrieren. Einige Anmerkungen zur Hauptperson seien dennoch erlaubt, da sich die Figuren nicht voneinander isoliert betrachten lassen.

2. Aspekte der Meiersfamilie und des Rechts in Hartmanns von Aue „Der arme Heinrich“

2.1 Die Symbiose zwischen Heinrich und der Meiersfamilie

Um Aussagen über die soziale Stellung und das Leben der Meiersfamilie treffen zu können, macht es sich zunächst erforderlich, den Begriff der Familie etwas näher zu beleuchten. Claudia Brinker-von der Heyde von der Universität Kassel nennt diesbezüglich drei „[…] unterschiedliche Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens […]“12: Während der Kernfamilie nur Vater, Mutter und Kinder angehören, umfasst die so genannte familia alle Personen, die in einem Haushalt leben. Die familia stellt somit ein örtlich begrenztes Gebilde dar, welches unter anderem auch Dienstpersonal beinhalten kann, wogegen sich Verwandtschaftsverbände, die agnatisch oder kognatisch aufgebaut sind, an einer diachronen Dimension der Erbfolge orientieren. Im Gegensatz zu Hartmanns Artus-Romanen, bei denen es sich stets um eine klassische familia handelt, tritt bei „Der arme Heinrich“ eine Kernfamilie aus Eltern und Tochter zu Tage, was „[…] auch in fiktionaler Dichtung ein nur selten zu beobachtendes Phänomen.“13 darstellt.

Obgleich das Vorhandensein weiterer Kinder im Text singulär Erwähnung findet14, spielen jene keine weitere Rolle und werden faktisch aus der Handlung ausgeblendet. Die Familie lebt auf einem Rodungshof. Der Bauer „[…] hat die Rodung vermutlich selbst angelegt […]“15 und mittlerweile wirft der Boden Ertrag ab, da das Mädchen über die „[…] Unbilden des Ackerbaus […]“16 klagt.

Auf den ersten Blick erscheint es ungewöhnlich, dass einer Bauernfamilie in der höfischen Literatur eine solche nicht gerade unbedeutende Rolle zukommt, doch diese Standeskluft lässt sich relativieren. Immerhin wird der Vater als „[…] vrîer bûman […]“17 beschrieben, womit er den wohl höchsten Rang innerhalb der Landwirtschaft bekleidet und folglich nicht als arm zu bezeichnen ist.18 Brinker-von der Heyde schreibt, er nehme „[a]ls Aufseher über die adelige Grundherrschaft und Eintreiber der Pachtzinsen […]“19 eine Zwischenposition zwischen höfischem und bäuerlichem Stand ein. Das gute Verhältnis zwischen Heinrich und dem Meier ist der Tatsache geschuldet, dass Heinrich von ihm nicht mehr abverlangt, als „[…] dirre gebûre gerne tete […]“20. Dennoch sprechen Cormeau und Störmer zu Recht von einer „[…] persönlichen Beziehung utopischen Charakters […]“21 und Werner Fechter gar von einem „[…] Ausnahmefall […]“22, da die mittelalterlichen Lehnsherren in der Regel höhere Ansprüche an die Bauern stellten. In diesem Fall wird die Macht Heinrichs eher von der Familie gewünscht und gutgeheißen, als dass sie jene als Last empfände.23 Die Gründe, wieso Heinrich ausgerechnet auf den Meierhof flieht, liegen auf der Hand. Da sich die Gesellschaft von ihm abgewendet hat und er „[…] sîn erbe und ouch sîn varnde guot […]“24 bis auf jenen Hof verschenkt hat, bleibt das Gehöft als einzig mögliches Asyl. Außerdem scheint der Hof in völliger Isolation zu liegen, weil „[…] von dessen Bezug zu anderen […] Ansiedlungen nichts gesagt […]“25 wird und der Aussätzige nur hier noch Anerkennung findet. Infolgedessen entsteht ein Zwiespalt zwischen Altruismus und Egoismus der einzelnen Akteure. Zunächst handelt der Meier uneigennützig, als er Heinrich „[…] in vil lützel des verdrôz […]“26 auf seinem Hof aufnimmt. Es geht hier nicht, wie das Lehnsverhältnis erahnen lassen könnte, um materielle oder finanzielle Schuld, sondern um Verpflichtungen moralischer Art. Er dankt ihm somit für seine bescheidenen Ansprüche sowie für den Schutz vor Übergriffen. Schließlich liegt das Gesunden des Herrn auch im Fokus des Meiers. Da Heinrich anscheinend noch keine Erben hervorgebracht hat, befürchtet die Familie im Falle des Ablebens ihres Herrn einen weniger gnädigen Herrscher zu erhalten, der „[…] ihnen alle von Heinrich zugestandenen Privilegien nehmen könnte.“27 Demgegenüber kann sich Heinrich der Treue und Fürsorge „seines“ Bauers gewiss sein und erhält gleichzeitig eine entsprechende Fürsorge. Aus Heinrichs Leid und des Bauers Güte ergibt sich nun ein „[…] harmonisches, wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis […]“28. Wieso die Beziehung der beiden eine so harmonische ist, ließe sich eventuell durch deren Lebenseinstellung erklären. Die Symbiose funktioniert aufgrund ähnlicher Weltanschauungen und Interessen. Hartmann zeichnet die Meierfigur mit Ausnahme der religiösen Einstellung nahezu identisch wie den Helden. Die beiden Protagonisten haben keinerlei Verständigungsschwierigkeiten, obwohl es dem Bauern an höfischem Umgang fehlen dürfte. Wie Heinrich denkt auch er in Bezug auf die Lepra zunächst an die ärztliche Kunst in Salerno, ]was zeigt, dass dieser ein vergleichbares Bildungsniveau wie Heinrich besitzt. Hermann Henne bemerkt, dass dass das „[…] Miteinander- und Ineinanderwirken […] auch formal recht eindrucksvoll […]“29 umgesetzt sei, indem verschiedene Pronomen für Bauer und Heinrich gleichermaßen benutzt werden. Andererseits überrascht, dass der Meier erst nach mehreren Jahren Heinrich auf dessen Heilungsmöglichkeiten anspricht. Anzunehmen ist, dass sich der Meier erst traut Heinrich zu fragen, als die Sorge um den Fortbestand seines Wohlstandes überhand nimmt. Es finden sich auch Anhaltspunkte, dass Heinrich Eigennutz über Nächstenliebe stellt. So hilft er mit seinem Besitz Bedürftigen und beschenkt Klöster, damit sich Gott seiner „[…] sêle heil […]“30 erbarme.

Aufgrund des Exempelcharakters und der schlechten Überlieferung bestünde auch die Möglichkeit, dass einzelne Elemente in der Geschichte bewusst fehlen bzw.

[...]


1 V. 30.

2 Vgl. Cormeau u. Störmer, 1993, S. 31 f.

3 Vgl. Wolf, 2007, S. 107 und Mertens, 2004, S. 887.

4 Cormeau u. Störmer, 1993. S. 144.

5 V. 119.

6 V. 224.

7 V. 1240.

8 zur Rezeptionsgeschichte Vgl. Mertens, 2004, S. 889-891. 3

9 V. 49.

10 Cormeau u. Störmer, 1993, S. 145.

11 ebd. S. 142 f.

12 Brinker-von der Heyde, 2000, S. 46.

13 Brinker-von der Heyde, 2000, S. 48.

14 „[…] schœniu kint […]“ V. 299.

15 Henne, 1981, S. 75; Vgl. auch V. 267 f.

16 ebd., Vgl. auch V. 790 ff.

17 V. 269.

18 Vgl. V. 281 f.

19 Brinker-von der Heyde, 2000, S. 50.

20 V. 276.

21 Cormeau u. Störmer, 1993, S. 153.

22 Fechter, Werner: Über den ‚Armen Heinrich’ Hartmanns von Aue. In: Euphorion 49 (1955) S. 1-28., zitiert nach: Henne, 1981, S. 77.

23 Vgl. Henne, 1981, S. 76.

24 V. 247.

25 Cormeau u. Störmer, 1993, S. 153.

26 V. 288.

27 Weigand, 2002, S. 843.

28 Henne, 1981, S. 78.

29 ebd. S. 77.

30 V. 255.

Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640847464
ISBN (Buch)
9783640844159
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167800
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Schlagworte
Hartmann von Aue Meiersfamilie Hartmann Der arme Heinrich

Autor

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