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Gewaltprävention in der Schule

Gewaltprävention in der Schule am Beispiel zweier ausgewählter Programme

Seminararbeit 2010 20 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einführung in die Thematik - Klärung des Gewaltbegriffs.

II. Gewalt an Schulen - Mobbing

III. Prävention und Intervention - Terminologie
III.I. Primäre, sekundäre und tertiäre Prävention
III.II Universelle, selektive und indizierte Prävention

IV. Ansätze unterschiedlicher Gewaltprävention.
IV.I „Streitschlichter“: Mediation an Schulen
IV.II Projekte zum Anti-Aggressivitätstraining und Coolnesstraining

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einführung in die Thematik - Klärung des Gewaltbegriffs.

„Der Schüler Philip C. wurde durch Gewalt auf dem Schulhof in den Tod getrieben. Er erhängte sich, nachdem er von drei Klassenkameraden ständig bedroht, umher gestoßen und gedemütigt worden war.“ (Olweus 1996, S. 21) Diese oder ähnliche Meldungen sind in den Medien mittlerweile keine Seltenheit mehr. Ob Amoklauf, Suizid oder „harmlosere“ Formen von Gewalt oder deren Folgen, sind im heutigen Schulalltag fast gängig geworden und gehören zum Teil zu „den akzeptierten und idealisierten Verkehrsformen“ von Jugendlichen (Melzer 1998, S. 23). Dies hat mittlerweile teilweise dazu geführt, dass die Gesellschaft für das Thema „Gewalt“ eine geringe Sensibilisierung besitzt. Doch was ist eigentlich „Gewalt“? Kann man sie definieren? Was sind die Ursachen von „Gewalt“? Wie äußert sich „Gewalt“? Von wem geht sie aus und vor allem: Wie kann man „Gewalt“ vorbeugen oder unterbinden? Vor allem Letzteres zu ergründen und darzustellen soll Ziel dieser Hausarbeit sein. Es sollen Präventions- und Interventionsmaßnahme erklärt und vorgestellt werden. Dabei ist der Fokus auf „Mediation“, das Anti-„Aggressivitätstraining und Coolnesstraining“ und das Programm „Fit for Life“ gerichtet. Hier sollen ebenso Terminologien geklärt, einige Beispiele gegeben werden und Hintergründe erläutert werden.

Dass der Begriff „Gewalt“ nicht eindeutig definierbar ist, ist rasch zu erkennen wenn man sich mit der Fachliteratur auseinander setzt. Zum Beispiel heißt es, das „Gewalt“ nicht nur eine negative Bedeutung besitzt, da die Grundbedeutung ebenso positiv sein kann, wie zum Beispiel im Grundsatz „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ (Artikel 20 Grundgesetzbuch der BRD von 1949). Doch wird von einigen Wissenschaftlern1 versucht, den Begriff der „Gewalt“ zu präzisieren. So heißt es, dass Gewalt „als Bezeichnung für soziale Phänomene verwendet [wird], die als gesellschaftlich inopportun gelten.“ (Melzer 1998, S. 22), was zeigt, dass „Gewalt“ im heutigen Zusammenhang einen negativen Bedeutungszusammenhang besitzt. Auch Olweus, der eine Definition versucht, beschreibt „ Ein Sch ü ler oder eine Sch ü lerin ist Gewalt ausgesetzt [ … ], wenn er oder sie wiederholt und ü ber l ä ngere Zeit den negativen Handlungen eines oder mehrerer anderer Sch ü ler oder Sch ü lerinnen ausgesetzt ist. (Olweus, 1986, 1991). “ (Olweus 1996, S. 22). Hierbei ist schon der Bezug auf die Schule zu erkennen. Außerdem definiert Olweus den Begriff negativer Handlungen in drei Sektionen: Zum einen die „verbale Gewalt“, wie zum Beispiel dem Spotten, Schimpfen, Drohen oder Ähnlichem. Die „physische Gewalt“, wie schlagen, kneifen, schupsen und so weiter und zuletzt einer dritten Form, der er keinen Namen gibt, welche aber als „psychische Gewalt“ eingestuft werden kann, da Handlungen, wie zum Beispiel der Ausschluss aus einer Gruppe oder die Verweigerung von Kompromissbereitschaft (vgl. ebd., S. 23), gemeint sind. Dass jedoch eine genaue, festlegende Definition des Gewaltbegriffs unmöglich ist, zeigen die unterschiedlichen Ausführungen der Fachliteraten. Während sich Olweus auf die Beschreibung und Untergliederung dieser drei Gewaltformen beschränkt, findet man in anderen Büchern andere Unterteilungen, wie zum Beispiel zusätzlich in „Sexuelle Gewalt […], Frauenfeindliche Gewalt […], Fremdenfeindliche und rassistische Gewalt […].“ (Bründel, Hurrelmann 1994, S. 23f.) oder auch „strukturelle Gewalt“ (Melzer 1998, S. 24). Außerdem unterliegt „Gewalt“ einer subjektiven Wahrnehmung, denn zum Beispiel Olweus und Melzer sehen als Bedingung für das Vorliegen von „Gewalt“ ein Machtgefälle. Diese Aussagen bedingen eine hierarchische Struktur in der „Gewalt“ von einer Person oder Gruppe mit höherer Macht (diese kann zum Beispiel aufgrund höheren Alters oder körperlicher Überlegenheit vorliegen) auf eine Person oder (meist kleinere) Gruppe mit geringerer Macht, ausgeht (vgl. ebd., S. 24 und Olweus 1996, S. 23). Ich jedoch empfinde, auch Handlungen als „Gewalt“ zu bezeichnen, selbst wenn die Akteure „gleich stark“ sind (zum Beispiel unter Peers). Dies zeigt auch, dass empirische Untersuchungen zum Thema „Gewalt“ schwierig sind, da die subjektive Wahrnehmung eines jeden unterschiedlich ist.

Studien zu Folge wird in Deutschland „Gewalt“, im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, signifikant eher als „aufregend“ oder „wirksam“ empfunden (vgl. Melzer 1998, S. 23) und nicht zuletzt die Tatsache der Zunahme der Intensität der „Gewalt“ und der „gesunkenen Hemmschwelle“, besonders an Schulen, (vgl. Bründel, Hurrelmann 1994, S. 26f.) sollte darauf hinweisen, sich mit diesem Thema und vor allem der Prävention und Intervention, auseinander zu setzen.

II. Gewalt an Schulen - Mobbing

Da sich die Ausführungen dieser Arbeit insbesondere auf das Themenfeld Schule beziehen, muss auch das Mobbing besprochen werden. Ebenso wie beim Thema „Gewalt“ gibt es beim Mobbing keine festgelegte Definition. Da das Mobbing eine Form von „Gewalt“ ist, die sich auf mehrere Arten äußert, kann auch hier die oben zitierte Definition (in der Olweus auch Mobbing mit einschließt) angewendet werden, jedoch muss anschließend präzisiert werden.

In seinem Buch über das Mobbing in der Schule zitiert Horst Kasper Heinz Leymann, welcher das Mobbing wie folgt definiert hat: „ Unter Mobbing wird eine konfliktbeladene Kommunikation am Arbeitsplatz unter Kollegen oder zwischen Vorgesetzten und Untergebenen verstanden, bei der (1) die angegriffene Person unterlegen ist und von einer oder einigen Personen systematisch, oft (2) und w ä hrend l ä ngerer Zeit (3) mit dem Ziel und/oder dem Effekt des Aussto ß es aus dem Arbeitsverh ä ltnis (4) direkt oder indirekt angegriffen wird und dies als Diskriminierung empfindet. “ (LEYMANN 1996 S. 18) (vgl. Kasper 1998, S. 21f.). Aus dieser Definition sind einige Fakten, vor allem Bedingungen, zu erkennen, welche vorliegen müssen, damit vom Mobbing gesprochen werden kann. In unserer heutigen Gesellschaft, in der das Thema Mobbing des Öfteren, besonders von den Medien, aufgegriffen wurde, findet jedoch eine Abstraktion des Begriffes statt und dieser entwickelt sich zum Modebegriff (vgl. ebd., S. 21). In allen Definitionen gleich, ist die Tatsache, dass von einem andauernden Konflikt die Rede ist. Dies bedeutet, dass sich das Opfer über einen längeren Zeitraum mit der Aggression des oder der Täter auseinanderzusetzen hat. Auch Karl Dambach begründet „Erst die dauerhafte Erniedrigung immer wieder desselben Schülers durch eine größere Mehrzahl von Gruppenmitgliedern, das soll mit Mobbing bezeichnet werden.“ (Dambach 2009, S. 15).

Aggressionen sind von Natur aus nicht unbedingt negativ. Sie liegen in der Natur des Menschen. So gibt es auch positive Aggressionen, zum Beispiel ein stark zielgerichtetes Engagement, welches man braucht, um gewisse Ziele zu erreichen. Jedoch unterscheidet man positive und negative Aggressionen. Negative Aggressionen sind eindeutig destruktiven Verhaltens zuzuordnen und schaden den Opfern (vgl. Weidner 2006, S. 36f.). Das Mobbing ist eindeutig bei negativen, destruktiven Aggressionen einzuordnen. So ist zum Beispiel beim Mobbing auch nach der Intensität der jeweiligen Aggression zu fragen, denn es gibt auch die Möglichkeit, diese als „schikanöses Verhalten“ (Kasper 1998, S. 22) und nicht als Mobbing einzustufen. Zum Teil können einzelne Formen des Angriffs beziehungsweise der Aggression eine solche Intensität erfahren, dass diese gesundheitliche Schäden nach sich ziehen, obwohl die Attacke gar nicht der Gesundheit des Opfers galt (vgl. ebd., S. 23).

Um mit Mobbing besser umgehen zu können, hat Heinz Leymann die Handlungen kategorisiert und unterscheidet dabei in fünf verschiedene Richtungen der Angriffe: „ 1.

Angriffe auf die M ö glichkeit sich mitzuteilen. 2. Angriffe auf die sozialen Beziehungen. 3. Angriffe auf das soziale Ansehen. 4. Angriffe auf die Qualit ä t der Berufs- und Lebenssituation. 5. Angriffe auf die Gesundheit. “ (Leymann 1993, S. 33). Zu diesen fünf möglichen Kategorien entwickelte er ein Handlungsschema, in der 45 Handlungen aufgezeigt wer]den, die typisch für „Mobber“ sind. Um hier ein paar Beispiele zu nennen: „-Ständige Kritik am Privatleben.“, „-Man wird „wie Luft“ behandelt.“, „-Mündliche Drohungen“ (Ebd., S. 33) und viele mehr. Auch an diesem Punkt sind ist zu sehen, dass eine einheitliche, exakte, Definition des Mobbingbegriffes nicht find bar ist. Es gibt Gemeinsamkeiten, doch spielt das subjektive Empfinden und die Wahrnehmung eines jeden eine durchaus wichtige Rolle, denn Dambach zum Beispiel ist anderer Meinung als Leymann, wenn er sagt, dass es „keine „typischen“ Mobbinghandlungen“ (Dambach 2009, S. 15) gibt, welche Leymann jedoch für aufzählbar hält (siehe seine „45 Handlungen - was die „Mobber“ tun“ (Leymann 1993, S. 33)).

Ein weiteres Problem liegt in der Tatsache, dass durch die Medien, vor allem in Film und Video, aber auch in der Literatur, das Mobbing nicht als solch „schädigendes Verhalten“ dargestellt wird, welches die Opfer teilweise für den Rest ihres Lebens „brandmarkt“. Als Beispiel ist hier der Sänger „Troubadix“ genannt, welcher in der Serie der „Asterix und Obelix“ Comics ständig geschlagen, gehänselt oder gemobbt wird. Dass dies in jedem Heft erneut geschieht und fast jeder diese Schikanierungen kennt und gar lustig findet, deutet eindeutig darauf hin, dass die Leser und Zuschauer dies für unterhaltsam erachten (vgl. Dambach 2009, S. 15f.)

Weiterhin ist zu sagen, dass es nicht nur unter Schülern Mobbing gibt. Auch im Lehrerkollegium ist Mobbing keine Seltenheit. Meist entstehen sogar sogenannte „Mobbing Zyklen“ (vgl. Kasper 1998, S. 29), in denen der Gemobbte durch die Aggression der Täter zu immer neuen Handlungen gezwungen wird, um sich selbst zu behaupten. Jedoch trägt er somit selbst zum Erhalt des Kreislaufes bei, da der oder die Täter jede Reaktion als Grund oder Ursache für eine neue Aktion von ihrer Seite aus sehen (vgl. ebd., S. 29f.). Dieser Zyklus, der hier vor allem in Bezug auf die Lehrerschaft dargestellt wird, hat zum Teil schwerwiegende Folgen. Häufig tragen Mobbingopfer das sogenannte PTSD - Syndrom davon, welches zu Deutsch die „Posttraumatische Belastungsstörung“ beschreibt (vgl. ebd., S 31f.). Opfer werden immer wieder an bestimmte, besonders belastende Situationen erinnert, welche zum Teil Schlafstörungen, Depressionen, Hautkrankheiten, Bluthochdruck, Magenkrankheiten, die Schwächung des Immunsystems und Anderes hervorrufen. Vor allem die sozialen Folgen wie Misstrauen gegenüber Anderen, Demotivation, misanthropischer Zynismus und Ausgrenzung und Stigmatisierung (vgl. ebd., S. 31) können das gesamte Leben der Opfer prägen.

Zuletzt ist zu sagen, dass es zwar keine verlässlichen Statistiken über die Häufigkeit von Mobbing in Deutschland gibt, jedoch der Jurist Martin Wolmerath in Zusammenarbeit mit Diplom Psychologe und Diplom Kaufmann Axel Esser in ihren Untersuchungen von 35 Millionen Menschen im untersuchten Arbeitssektor die Zahl der Mobbingopfer auf circa 1,27 Millionen angeben, was einen Anteil von 3,6% ausmacht. Die Berechnungen der Beiden besagen, dass in Deutschland jährlich 30 Milliarden Mark2 Kosten durch Mobbing und dessen Folgen, wie etwa vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf oder Heilbehandlungskosten, verursacht werden (vgl. ebd., S. 36). Andere, wie der Wirtschaftswissenschaftler Winfried Panse, gehen sogar von noch höheren Kosten (100 Milliarden Mark) aus (vgl. ebd., S. 36).

Die wichtige Frage ist nun: Wie kann Mobbing, Aggression und Gewalt in der Schule verhindert, vorgebeugt und unterbunden werden?

III. Prävention und Intervention - Terminologie

Um mit Programmen, die Gewalt gegenüber präventiv oder intervenierend sind, zu arbeiten, muss die Terminologie geklärt sein. Außerdem müssen Programme, mit denen gearbeitet wird, sowohl die Opfer- als auch die Täterrolle berücksichtigen und auf jene eingehen (vgl. Darge 1998, S. 237f.). Ziele von Programmen zur Prävention oder Intervention sollten eine Gewaltreduktion und eine Verbesserung der Perspektivenübernahme, sowieso sozialer Fähigkeiten und den Umgang von Lehrern und Schülern miteinander sein, um Aggressionen zu reduzieren und den Umgang mit diesen zu erlernen (vgl. ebd., S. 238). Des Weiteren sollte die „Erhöhung pädagogischer Handlungskompetenzen durch den Aufbau eines reflektierten und angemessenen Handlungsrepertoires sowie die Verminderung störender Interaktionen im Unterricht zugunsten kooperativer und konstruktiver Umgangsformen“ (Ebd., S. 241) angestrebt werden.

Generell kann bei der Gewaltprävention nach zwei Kriterien unterschieden werden. Zum einen dem Stadium, in dem die Präventionsmaßnahme ansetzt. In diesem Falle wird zwischen präventiv und korrektiv unterschieden. Zum anderen wird nach den Dimensionen, auf welche sich die Prävention bezieht unterschieden. Ist das Programm für eine Person (zum Beispiel eine Verhaltenstherapie) oder für „soziale Ressourcen“, also auf spezielle Gruppen, zugeschnitten? An manchen Schulen reicht es, einzelne

[...]


1 Im Folgenden wird das Maskulinum verwendet. Dies soll dem flüssigeren Lesen dienen und stellt keineswegs eine Diskreditierung oder Diskriminierung des weiblichen Geschlechts dar.

2 Damals noch in D-Mark.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640848249
ISBN (Buch)
9783640843886
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167924
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Schulpädagogik und Grundschulpädagogik
Note
2,0
Schlagworte
Erziehungswissenschaft Pädagogik Schule Gewalt Gewaltprävention Mediatoren Mediation Streitschlichter CCT AAT Coolnesstraining Anti-Agressivitäts-Training Mobbing

Autor

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Titel: Gewaltprävention in der Schule