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Welche Wirkungen haben Defizite in der Schulbildung auf die Jugendarbeitslosigkeit? Überlegungen zur Pisa-Studie

Diplomarbeit 2003 101 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Gliederung

Prolog

1. Theoretische Vorüberlegung zur Thematik: Schulbildung und berufliche Eingliederung junger Menschen an der Hauptschule
1.1 Das Bildungsangebot der bayerischen Hauptschule
1.1.1 Grenzen der Schulbildung
1.1.2 Das Duale Schulsystem
1.1.3 Erziehungs- und Bildungsauftrag
1.1.4 Fazit
1.2 Berufliche Eingliederung im Dualen Schulsystem und die damit verbundene Problematik
1.2.1 Übergang von der Schule in die Berufsausbildung (1. Schwelle)
1.2.2 Übergang von der Berufsausbildung in die Erwerbstätigkeit (2. Schwelle)
1.3 Jugenderwerbslosigkeit an der ersten und zweiten Schwelle
1.3.1 Begriffsabgrenzung und damit verbundene Problematik
1.3.2 Jugendarbeitslosigkeit in Zahlen und Strukturen
1.4 Fazit

2. Bildung versus berufliche Qualifikationen

3. PISA – Studie und der in ihr formulierte Anspruch auf Basiskompetenzen für die Bewältigung von Berufs- und Lebensanforderungen
3.1 PISA – Studie: Die wichtigsten Merkmale im Überblick
3.1.1 Inhalt und Methoden
3.1.2 Ziele und Rahmenbedingungen der PISA - Studie
3.2 Leistungsvermögen deutscher Schülerinnen und Schüler aus der PISA – Studie im internationalen Vergleich
3.2.1 Bildung von Kompetenzstufen
3.2.2 Ergebnisse
3.2.3 Verteilung der Schülerinnen und Schüler auf die Kompetenzstufen
3.3 Schlussfolgerung

4. Junge Menschen mit „schlechteren“ Startchancen: Wer ist betroffen?
4.1 „Benachteiligung“ als Begriff
4.2 Klassifikation der Benachteiligungen
4.2.1 Körperliche, geistige und seelische Behinderungen
4.2.2 Lernbehinderungen und Verhaltensauffälligkeiten
4.2.2.1 Lernbehinderung nach Schopf
4.2.2.2 Verhaltensauffälligkeiten
4.3 Einflussfaktoren der Sozialisation
4.3.1
Bildungsbenachteiligungen
4.3.2 Benachteiligungen in der familiären Situation
4.4 Fördersysteme von Schule, Jugendhilfe und Arbeitsverwaltung
4.5 Fazit

5. Die Umbrüche der Arbeitsgesellschaft und deren Auswirkungen auf Arbeit, Beruf und Bildung
5.1 Entwicklungen des Arbeits- und Beschäftigungsmarktes 1991 - 2010
5.1.1 Von der Industrie- in die Informations- und Dienstleistungsgesellschaft
5.1.2 Veränderungen des Beschäftigungssystems
5.1.3 Veränderungen der zeitlichen Organisationsform von Arbeit
5.1.4 Veränderungen der Einstellungen zur Arbeit
5.1.5 Veränderung der Berufsstrukturen
5.2 Strukturwandel und dessen Auswirkungen im Qualifikations- und Bildungsbedarf
5.2.1 Konsequenzen für die Schulbildung
5.2.2 Konsequenzen für die berufliche Bildung
5.3 Fazit

6. Strukturwandel und dessen Auswirkungen in der Lebensphase der Jugend
6.1 Berufs- und Bildungswahlorientierung
6.2 Abnehmender Einfluss der Eltern als Unterstützung bei der Berufsorientierung
6.3 Bedeutung der Clique bei der Berufsorientierung
6.3.1 Konsequenzen für die Schulbildung
6.4 Fazit

7. Die gewandelten Funktionen der Hauptschule

8. Hypothesen

9. Neue Herausforderungen für die Soziale Arbeit in der Schule
9.1 Das Projekt „Praxisklasse“ der Coburger Rückertschule (Hauptschule)
9.2 Schulische und gesellschaftliche Hintergründe
9.2.1 Arbeitsmarkt im Landkreis Coburg
9.3 Das Aufgabenfeld des Sozialpädagogen laut „Oberfränkischer Schulanzeiger“
9.4 Vorschläge für ein neues Anforderungsprofil in der Schulsozialarbeit mit Praxisklassen

10. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturliste

Anhang

Prolog

Die vorliegende Arbeit ist im Rahmen meines Studiums im Bereich soziale Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Diplom- Sozialpädagogen (FH) entstanden. Die Intention für dieses Thema bekam ich bei meiner Tätigkeit als Honorarkraft im außerschulischen Bildungswerk Jugendhaus Neukirchen. In kritischer Auseinandersetzung mit der eigenen Praxis und der gegenwärtigen Diskussion über die Ergebnisse der PISA - Studie habe ich einen Versuch unternommen, ein möglichst ausführliches Bild der beruflichen Eingliederung junger Menschen im „Dualen Schulsystem“ zu skizzieren, dass sich in den letzten Jahren unter vielfältigen Veränderungen vor dem Hintergrund tief greifender gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und bildungspolitischer Veränderungen vollzogen hat. In dieser Arbeit werde ich ausschließlich auf die Hauptschule im „Dualen Schulsystem“ eingehen, weil zum einen ein Blick in andere Schularten der Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Zum anderen gehört die Hauptschule zu der Schulart, die unter den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und bildungspolitischen Veränderungen vorwiegend betroffen ist.

Zum Aufbau dieser Arbeit

Die Darlegung und Argumentation in dieser Arbeit werden in folgenden Schritten entfaltet:

Im ersten Schritt (Kapitel 1) geht es um die berufliche Eingliederung junger Menschen im Dualen Schulsystem. Dabei wird das Bildungsangebot der Hauptschule und die sich aus dem Dualen System ergebenen Grenzen und Problematiken beschrieben. Die wiederum zeigen, dass viele junge Menschen im Übergang von Schule in die Ausbildung und den Beruf scheitern und arbeitslos werden. Die Frage stellt sich, wo liegen die Gründe des Scheiterns? Sind es die unzureichenden Qualifikationen der jungen Menschen, oder sind sie in der Gesellschaft, oder somit im System selbst zu finden.

Dazu wird im zweiten Schritt (2.Kapitel) das „Duale System“ mit seinen Grundkonzepten von Bildung und beruflicher Qualifikation beleuchtet, welche eine veränderte Lernkultur der Qualifikationsanforderungen ergibt. Mit diesen Grundanforderungen von Qualifikationen hat die PISA - Studie aufgedeckt, dass in der deutschen Schulbildung Defizite existieren.

Dazu wird im dritten Schritt (Kapitel 3) die PISA - Studie mit ihren Ergebnissen vorgestellt.

Daraus ergibt sich der vierte Schritt, weil die PISA - Studie aufzeigt, dass viele Schüler unzureichende Leistungen haben.

Im fünften Bearbeitungsschritt, d.h. in den Kapiteln fünf und sechs, sind die Umbrüche der Arbeitsgesellschaft und dessen Folgen auf Arbeit, Beruf, Bildung und der Lebensphase der Jugend beschrieben, um zu zeigen, unter welchen Bedingungen die jungen Menschen eine Erwerbstätigkeit finden müssen.

Der sechsten Bearbeitungsschritt (Kapitel 7) zeigt, dass unter den strukturellen Veränderungen das Bild der Hauptschule sich gewandelt hat.

Aufgrund der Komplexität der Thematik, wird im siebenten Schritt (Kapitel 8) ein Versuch unternommen, aus den vorangegangen Aussagen Hypothesen aufzustellen, die zeigen, welche Rolle die Schulbildung in Bezug zur Jugendarbeitslosigkeit besitzt. Daraus ergeben sich neue Herausforderungen der sozialen Arbeit in der Schule, die am Projekt der „Praxisklasse“ an der Coburger Rückertschule im achten Schritt (Kapitel 9) beschrieben werden.

Dass sich die einzelnen Teile meiner Arbeit dennoch in Richtung eines Ganzen entwickelt haben, welches nicht nur wichtige Einblicke ins deutsche Schulsystem vermittelt, sondern darüber hinaus gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen aufzeigt, ist der intensiven und kontinuierlichen Betreuung zu verdanken, die ich durch Frau Prof. Dr. Barbara Scholz erfahren habe.

1. Theoretische Vorüberlegungen zur Thematik: Schulbildung und berufliche Eingliederung junger Menschen an der Hauptschule

1.1 Das Bildungsangebot der bayerischen Hauptschule

Das Bildungsangebot der Hauptschule ist auf die unterschiedlichen Begabungen, Interessen und Leistungen der Schülerinnen und Schüler abgestimmt. Es zielt auf grundlegende Allgemein­bildung, gibt individuelle Hilfen und fördert die Schüler in einem diffe­ren­zierten Bildungsangebot.[1] Hierbei werden die Schüler in allen Bereichen ihrer Persönlichkeit ange­sprochen und gefördert. Praktisches und musisches Tun, Wissenserwerb, Erkenntnisarbeit und fantasievolles Gestalten ergänzen einander. Die Aneignung vorgegebener Inhalte wechseln mit kreativer Eigengestaltung.

In der Auseinandersetzung mit Inhalten lernen die Schüler, sich selbst in ihren Vorlieben und Abneigungen, ihren Stärken und Schwächen kennen. Sie entwickeln Interessen, erwerben Qualitätsmaßstäbe und lernen verantwortlich zu han­deln. Somit ist ein Persönlichkeitsideal grundlegend, denn es geht immer um die kognitive, soziale, emotionale, moralische und sensomotorische Entfaltung des Menschen.

Eine wichtige Aufgabe der Hauptschule ist die Hinführung zur Arbeit- und Wirtschaftswelt. Die Schüler erwerben wirtschaftliche, soziale und technische Grundkenntnisse und werden zu praktischer Erprobung angeleitet. Sie ori­entieren sich in der Welt der Berufe, erfahren Unterstützung und Beratung bei der Wahl ihres Berufes. Die Schüler erwerben „(...) ein erstes Verständnis für die Grundprinzipien, Chancen und Gefahren der modernen, von der Technik bestimmten, Arbeits­welt.“[2]

Abschließend beschreibt der damalige bayrische Staatsminister für Unterricht und Kultus, Wissenschaft und Kunst, Hans Zehetmair:„Zusammen mit der Berufsausbildung ergibt die Hauptschule ein Bildungsgang, der den jungen Menschen Perspektiven eröffnet und den tüchtigen alle Möglichkeiten offen hält - in Schule und Beruf.“[3]

Die Hauptschule mit ihrem Abschluss bietet unmittelbar den Zugang zur beruflichen Bildung, sowie auch zu weiteren Bildungsgängen und Berufszielen. Sie bietet Perspektiven im Handwerk, in der Industrie, in anderen Bereichen der Wirtschaft und in sozialen Berufen. Außerdem Aufstiegsmöglichkeiten, z. B. durch die Fachoberschule oder der Berufsoberschule, mit deren Abschlüssen ein Studium an den Hochschulen möglich wird. Die Schüler der Jahrgangstufe 9 können sich beim erfolgreichen Hauptschulabschluss einer besonderen Leistungsfeststellung unterziehen und somit den qualifizierten Hauptschulabschluss erwerben. Mit dem freiwilligen Besuch der 10. Klasse erreichen sie den mittleren Schulabschluss. Doch dieser Übergang von der 9. in die 10. Klasse erweist sich für viele Schüler als unüberwindbare Hürde, die nur der „Tüchtige“ (wie der damalige Minister es nennt) bewältigen kann. Dieser Übergang stellt gleichzeitig auch den qualifizierteren beruflichen Bildungsabschluss dar.

Die Schule ist für die Schüler zwar ein wichtiger Teil des nahen Lebensraums, doch stellt sie für die Schüler nicht die ganze Welt dar. Somit ergeben sich für die allgemein bildenden Hauptschulen Grenzen.

1.1.1 Grenzen der Schulbildung

Im Hauptschullehrplan ist ein umfassender Erziehungs- und Bildungsauftrag beschrieben. Es sind eine Vielfalt von Aufgaben, durch die die Schüler auf die Anforderungen der Zukunft (im persönlichen wie beruflichen Bereich) vorbereitet werden sollen und es kommen ständig neue hinzu. Angesichts dieser Fülle und Vielfalt von Aufgaben stößt Schulbildung an Grenzen.

Der Übergang vom Bildungssystem in das Beschäftigungssystem vollzieht sich auf der strukturellen Ebene idealtypisch über das „duale System“. Der Begriff „duales System“ steht für die Trennung allgemein bildender und beruflicher Ausbildung. In dieser Zweiteilung liegt der duale Charakter des deutschen Schulsystems. Doch das duale System ist brüchig geworden und wurde daher durch eine ganze Reihe von Qualifikationsmaßnahmen für die berufliche Eingliederung ergänzt. Diese stellen kein eigenes Bildungssystem dar, sondern sind auf das traditionelle System bezogen. Zu diesen Maßnahmen gehören: Berufsvorbereitende, Ausbildungsbegleitende und ergänzende Maßnahmen, die durch staatliche und kommunale Mittel finanziert werden. Durch diese Maßnahmen ist die Vielgestaltigkeit der Übergänge erst möglich geworden.

1.1.2 Das Duale System

Der Übergang vom Bildungssystem- in das Beschäftigungssystem vollzieht sich auf der strukturellen Ebene idealtypisch über das „duale System“. Der Begriff „duales System“ steht für die Trennung allgemein bildender und beruflicher Ausbildung. In dieser Zweiteilung liegt der duale Charakter des deutschen Schulsystems. Dadurch ist es nicht nötig, dass es schon im Pflichtschulbereich zur Differenzierung in Schulen für allgemeine und berufliche Bildungswege kommt. Doch das duale System ist brüchig geworden und wurde so durch eine ganze Reihe von Qualifikationsmaßnahmen für die berufliche Eingliederung ergänzt. Sie stellen kein eigenes Bildungssystem dar, sondern ist auf das traditionelle System bezogen. Zu diesen Systemen gehören: Berufsvorbereitende- ausbildungsbegleitende und ergänzende Maßnahmen, die durch staatliche und kommunale Mittel finanziert werden. Durch diese Maßnahmen ist die Vielgestaltigkeit der Übergänge erst möglich geworden.

1.1.3 Erziehungs- und Bildungsauftrag

Des Weiteren muss zwischen Erziehungs- und Bildungsauftrag der allgemein bildenden Hauptschule unterschieden werden.

Im Erziehungsauftrag liegt die Hauptverantwortung bei den Eltern der Schülerinnen und Schüler. Hier sollte eine kooperative Zusammenarbeit von beiden Seiten erfolgen. Giesecke betont: [„Die Schule muss sich auf die eigentlichen Aufgaben (...) im gegenwärtigen Sozialisationsprozess konzentrieren, (...), also auf das, (...) was nur sie dabei leisten kann. Und was weder die Familie, noch Massenkommunikation, noch die Gleichaltrigen anzubieten vermögen.“][4] Damit meint Giesecke, dass die Schule ihrer Erziehungsverantwortung vor allem mit den Eltern, aber auch mit anderer gesellschaftlicher Gruppe teilen muss.

Im Bildungsauftrag stößt die Schule an Grenzen, dort wo sie mit anderen Institutionen zusammen arbeitet.

Sie hat zwar für den Unterricht weitgehend allein die Verantwortung, jedoch bringt jeder Schüler seine individuellen Voraussetzungen mit, die das Lernen fördern, aber auch hemmen können.

Es gibt Schüler, die ein Desinteresse an jeglichem Schulstoff zeigen und auch jede Unterstützung ablehnen. Ein Grund für dieses Verhalten ist, dass diese Schüler meist schwierige Sozialisationsbedingungen in ihrer Kindheit erfahren haben und konnte somit nicht ein gesundes und ausgeglichenes Selbstwertgefühl entwickeln. Schüler mit solchen Schwierigkeiten im Lernprozess, müssen eine entsprechende Sonderförderung genießen, damit sie diese Dispositionen ausgleichen können und ihnen der Einstieg in die Erwerbstätigkeit gelingt. Diese Sonderförderung wird von Institutionen angeboten, die speziell dazu Fachkräfte ausgebildet haben.

1.1.4 Fazit

Der Lehrplan für bayrische Hauptschulen beschreibt Bildungsziele und Inhalte, die den Schülerinnen und Schülern jene Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten vermitteln, die sie brauchen, um den Anforderungen der Gegenwart und Zukunft gewachsen zu sein.[5]

Die Schule ist für Schülerinnen und Schüler ein wichtiger Teil des nahen Lebensraumes, aber stellt nicht den einzigen Lebensbereich dar. Dies bedeutet, dass sie den Erziehungs- und Bildungsauftrag mit anderen gesellschaftlichen Institutionen teilen müssen. Ein enges Zusammenwirken der gesellschaftlichen Institutionen kann ein wesentlicher Faktor sein, den Jugendlichen eine Startchance in die berufliche Eingliederung zu ermöglichen.

Wie erfolgt die berufliche Eingliederung im „dualen Schulsystem“ und welche Problematiken treten dabei auf? Diese Fragen stehen im folgenden Kapitel im Mittelpunkt.

1.2 Berufliche Eingliederung im dualen Schulsystem und die damit verbundene Problematik

Die berufliche Eingliederung, genauer gesagt, der Übergang von der Schule in das Berufsleben, vollzieht sich über das duale System. Im Zuge der Arbeitsmarktkrise (Ausdruck ist nicht zuletzt die hohe Arbeitslosenzahl) ist das duale System jedoch brüchig geworden. Es wäre ohne die Unterstützung von Arbeits-, Wirtschaft- und Sozialverwaltung aussichtslos überfordert. Durch Qualifizierungs- und Bildungsmaßnahmen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, die als Reaktion auf den Ausbildungsstellenmangel und die Jugendarbeitslosigkeit erklärt werden können[6], kam es zur Öffnung und Erweiterung von Übergangswegen in den Beruf, die nicht mehr dem klassischen Muster des dualen Systems entsprechen.

So treten in zunehmenden Maßen Problematiken bei den Übergängen von der Schule in die Ausbildung (1.Schwelle) und von der Ausbildung in die Erwerbstätigkeit (2.Schwelle) auf. Die beiden Schwellen stellen die entscheidenden Etappen der Integration junger Menschen in das Erwerbsleben dar und sind verbindliche Bezugsrahmen für einen gelingenden Einstieg. Die zwischen den beiden Schwellen liegende Berufsausbildung gilt als qualifizierte Grundlage und formale Voraussetzung für eine Erwerbstätigkeit im jeweiligen beruflichen Abschnitt des Arbeitsmarktes.

1.2.1 Übergang von der Schule in die Berufsausbildung (1. Schwelle)

Die erste Schwelle muss von Jugendlichen überwunden werden, wenn sie die allgemein bildenden Schulen verlassen und sich auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz begeben. Der erreichte Schulabschluss zeigt sich oft als Vorentscheidung für den beruflichen Werdegang der Schüler. Welcher Schulabschluss erreicht wird, hängt stark von der sozialen Herkunft der Schüler ab. Dies hat eine Längsstudie des Deutschen Jugendinstitutes e.V. (DJI) von 1996 belegt. Der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem erreichtem Schulabschluss zeigte sich deutlich. So verließ nur jeder Dritte der Jugendlichen aus gehobener Herkunft die Schule mit einem Abschluss unterhalb der mittleren Reife, dagegen 80 % der Kinder von Arbeitern und einfachen Angestellten. Bei den Schülern mit Abitur war das entsprechende Verhältnis gehobener zu einfacher Herkunft 5:1.[7]

Für Schüler, die ohne Hauptschulabschluss die Schule verlassen haben, gibt es nur wenige Ausbildungsmöglichkeiten. Ihre Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen sind durch konjunkturelle Schwankungen auf dem regionalen Arbeitsmarkt bestimmt.

Zur Berufsausbildung

Die Berufsausbildung erfolgt auf der Grundlage bundeseinheitlicher Ausbildungsordnungen. Dabei sind eine breit angelegte Grundbildung, fachliche Qualifikation und Berufserfahrung zu vermitteln, welche zur Ausübung einer qualifizierten Berufstätigkeit befähigen.

Die Ausbildung dauert, je nach Beruf, zwei bis dreieinhalb Jahre. Bei besonders guten Leistungen, oder bei bestimmten schulischen Voraussetzungen, kann die Ausbildung verkürzt, bei Behinderungen oder anderen Beeinträchtigungen, sowie bei nicht bestandener Abschlussprüfung kann sie auch individuell verlängert werden (bis zu einem Jahr). Die Berufsausbildung in anerkannten Ausbildungsberufen wird an zwei Lernorten vermittelt: Im Ausbildungsbetrieb und in der Berufsschule. Sie verbindet theoretischen Unterricht in einer staatlichen Schule mit der Praxisbezogenen Ausbildung im Betrieb[8].

Lernort Betrieb: Der Lernort Betrieb ist außerordentlich vielgestaltig. Er reicht vom Kleinbetrieb, mit einer engen persönlichen Beziehung zwischen Ausbilder und Auszubildenden, bis hin zur gegliederten Ausbildungsorganisation in Großbetrieben, oft mit eigenen Ausbildungsabteilungen und speziellen Ausbildungszentren. Für die Ausbildung im Betrieb sind Ausbilder und Meister zuständig, die fachlich und persönlich geeignet sein müssen (Ausbildereignungsprüfung).

Lernort Berufsschule: In der Berufsschule wird fachtheoretischer, fachpraktischer und allgemein bildender Unterricht erteilt. Der Unterricht findet im Durchschnitt an einem bis zwei Tagen wöchentlich statt, bei bestimmten Berufen auch zu verschiedenen Formen des Blockunterrichts zusammengefasst.

Prüfungen: Während der Ausbildung muss eine Zwischenprüfung abgelegt werden. Sie dient der Kontrolle (und ggf. der Verbesserung) des Leistungsstandes und geht nicht in das Ergebnis der Abschlussprüfung ein. Die Abschlussprüfung besteht aus einem fachtheoretischen und einem fachpraktischen Teil und wird vor dem Prüfungsausschuss der zuständigen Stelle für Berufsbildung abgelegt. Diese Abschlussprüfung ist oft so konzipiert, dass sie nur als Ganzes, oder gar nicht absolviert werden kann. Dies erweist sich vor allem für leistungsschwächere Jugendliche als problematisch. Durch die bestandene Abschlussprüfung wird eine Gesellen-, Fachangestellten- oder Facharbeiterqualifikation erworben.

1.2.2 Übergang von der Berufsausbildung in die Erwerbstätigkeit (2. Schwelle)

Im Anschluss an die Berufsausbildung erfolgt für die meisten Jugendlichen der zweite wichtige Übergang in die Erwerbstätigkeit, die so genannte 2. Schwelle. Dieser Übergang von der Berufsausbildung in die erste Beschäftigung, wird in der öffentlichen Diskussion oft vernachlässigt. Im Brennpunkt der Diskussion um Jugendarbeitslosigkeit steht die Versorgung von Jugendlichen mit Ausbildungsplätzen.[9] Die Frage, ob diese Jugendlichen nach Abschluss einer Ausbildung auch einen, ihrer Qualifikation angemessenen, Arbeitsplatz erhalten und ob die Ausbildung die Jugendlichen auf die Erwerbstätigkeit ausreichend vorbereitet, stellt sich eher selten. Dabei treten die Einmündungsprobleme für Jugendliche meist verstärkt an der zweiten Schwelle auf. Das zeigen die ausgewiesenen Arbeitsmarktquoten der Bundesanstalt für Arbeit sehr deutlich (Tabelle befindet sich im Anhang). In der Altergruppe, in der normalerweise der Übergang in das Erwerbsleben stattfindet, liegt die Arbeitslosenquote, insbesondere bei den männlichen Jugendlichen, deutlich über den anderen Altersgruppen.

„Das Gelingen des Berufseinstieges in dieser Lebensphase ist schon deshalb von zentraler Bedeutung, weil damit zugleich Weichenstellungen für den weiteren erwerbsbiographischen Verlauf erfolgen, die zu einem späteren Zeitpunkt kaum korrigierbar sind.“[10]

Damit wird der Einmündung in die Erwerbstätigkeit für Jugendliche eine wichtige Bedeutung zugeschrieben. Sie bildet den Ausgangspunkt für die spätere berufliche Entwicklung. „Zu den Perspektiven und Lebensentwürfen von Jugendlichen an der zweiten Schwelle gehören heute durchgängig ein Arbeits- und Berufsleben, das Existenz und Unabhängigkeit sichert, das für viele darüber hinaus auch interessant sein und Spaß machen, für manchen gar Lebenssinn stiften und Selbstverwirklichung ermöglichen soll.“[11]

Pritzl hat fünf Orientierungen bei Jugendlichen im Bezug auf Arbeit und Beruf festgestellt. Er differenziert bei Jugendlichen:

- die Karriereorientierten
- die Berufsorientierten
- die Joborientierten
- die Familienorientierten
- die Resignierten[12]

Für die „Karriereorientierten“ ist die berufliche Entwicklung sehr wichtig. Sie haben einen hohen Anspruch an die berufliche Tätigkeit und versprechen sich dadurch mehr Wohlstand und soziale Anerkennung. Der Übergang in das Berufsleben gelingt ihnen meist reibungslos.

Für die „Berufsorientierten“ hat die Arbeit einen hohen Stellenwert. Mit ihr verbinden sie Selbstverwirklichung im Beruf und ein fachliches Interesse an der Tätigkeit. Ihr Ziel ist es, ein Gleichgewicht zwischen der Beruftätigkeit und dem Privatleben herzustellen. Das heißt: Für sie gilt ein erfülltes Berufsleben als Grundlage für ein glückliches Privatleben.

Der Einstig in die Erwerbstätigkeit erfolgt meist problemlos.

Die „Joborientierten“ sehen die Erwerbsarbeit als selbstständigen Bestandteil des Lebens. Für sie kommt eine Karrierelaufbahn meist nicht in Frage, denn das Privatleben besitzt für sie eine hohe Priorität. Doch sind ihnen angenehme Arbeitsbedingungen und eine ausreichende Bezahlung wichtiger als eine inhaltlich anspruchsvolle Tätigkeit.

Für den „familienorientierten“ Jugendlichen steht der Wunsch nach einer Familie im Mittelpunkt seines Lebens. Diesem Wunsch ordnet er sein Berufsleben unter. Die Erwerbsarbeit ist für ihn eine Notwendigkeit, um die materielle Existenzsicherung für die Familie zu gewährleisten.

Bei den „resignierten“ Jugendlichen ist die Hoffnung nach einem einigermaßen erfüllten Berufsleben weitgehend verloren gegangen. Ihr bisheriger beruflicher Werdegang ist durch viele Phasen von berufsvorbereitenden Maßnahmen gekennzeichnet. Viele dieser Jugendlichen haben erst gar keinen Ausbildungsplatz bekommen, oder eine Ausbildung abgebrochen und sind dann in eine staatliche Unterstützungsmaßnahme weiter vermittelt worden. Diese Jugendlichen wissen um die Bedeutung von Berufsausbildung und Erwerbsarbeit als Grundlage für eine vernünftige Lebensführung, sehen für sich aber keine Möglichkeit diese zu realisieren. Ihr Einstig in das Erwerbsleben ist meist mit Hindernissen verbunden.[13]

Pritzl beschreibt, dass Jugendliche im Bezug zu Arbeit und Beruf ganz unterschiedliche Orientierungen aufzeigen und diese auch Einfluss auf dem Übergang von der Berufsausbildung in die Erwerbstätigkeit haben. Gelingt den Jugendlichen der Übergang in die Berufstätigkeit nicht, führt das zur Jugendarbeitslosigkeit.

1.3 Jugenderwerbslosigkeit an der ersten und zweiten Schwelle

Nach dem ich auf den Übergang von der Schule in die Erwerbstätigkeit aus berufssoziologischer Sicht eingegangen bin, werde ich nun den Fokus auf die Jugendarbeitslosigkeit an der ersten und zweiten Schwelle richten. Diese beiden Schwellen markieren die klassischen Problemfelder von der Schule in die Erwerbstätigkeit. Ein Scheitern an diesen beiden Schwellen führt nicht selten zur Arbeitslosigkeit von Jugendlichen, wenn keine staatlichen Unterstützungsmaßnahmen greifen.

1.3.1 Begriffsabgrenzung und damit verbundene Problematik

Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit, gelten in der Bundesrepublik Deutschland alle bei der Arbeitsverwaltung registrierten, nicht erwerbstätigen Personen als arbeitslos. Diese müssen folgende Merkmale aufweisen: Sie sind nicht arbeitsunfähig erkrankt und jünger als 65 Jahre. Sie stehen ferner nicht in Ausbildung und suchen eine, über drei Monate hinausgehende, Beschäftigung von wöchentlich mindestens 18 Stunden, die sich nicht lediglich auf einen bestimmten Betrieb beziehen muss. Außerdem muss der oder die Arbeitssuchende für eine Arbeitsaufnahme sofort zur Verfügung stehen. Als Jugendliche gelten Personen im Alter bis zu 25 Jahren, wobei die Jugendlichen statistisch in Jugendliche unter 20 und unter 25 Jahren aufgegliedert werden (siehe Tabelle 1 auf Seite 17). Diese beiden Definitionen sind ein Teil des Arbeitsförderungsgesetzes (AFG), auf dessen Basis die Berichterstattung der Bundesanstalt für Arbeit beruht. Jedoch sind oftmals Personen aus den verschiedensten Gründen nicht bei den Arbeitsämtern registriert und werden daher erst gar nicht von der Statistik erfasst.

Dies gilt unter anderem für Jugendliche, die:

- Lehrstellensuchende sind (gesonderte Statistik)
- sich nicht arbeitslos melden
- sich ohne Vermittlung der Arbeitsämter um Ausbildungsstellen bewerben
- an Berufsvorbereitenden sowie Fort- und Umschulungsmaßnahmen teilnehmen
- Schulabgänger sind, welche keine Lehrstelle finden und sich als Hilfsarbeiter nicht vermitteln lassen wollen, sondern das Jahr durch Praktika überbrücken
- nach erfolgloser Suche weiterführende Schulen besuchen
- ausländische Jugendliche sind und aufgrund der schlechten Arbeitsmarktlage oder wegen Nichtverlängerung der Aufenthaltserlaubnis in die Heimatländer zurückkehren müssen
- eine amtliche Erfassung vermeiden wollen und so nicht beim Arbeitsamt registriert sind[14]

Daher ergibt sich ein insgesamt unzureichendes, verharmlosendes Bild von dem tatsächlichen Ausmaß der Gesamt-, sowie der Jugendarbeitslosigkeit, weswegen die offizielle Statistik der Bundesanstalt für Arbeit nur begrenzt aussagekräftig ist. Dennoch möchte ich in meiner Arbeit die offiziellen Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit verwenden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Hofsäss, 1999, S.50)

Dieses Schaubild zeigt die Jugenderwerbslosigkeit beim Übergang von der Schule in die Erwerbstätigkeit. Dieser Übergang ist in der Bundesrepublik Deutschland an zwei Stellen (1. und 2. Schwelle) ungesichert.

Das Schaubild zeigt an diesen beiden Stellen Selektionsmechanismen, die zur Jugendarbeitslosigkeit führen können.

Jugendarbeitslosigkeit an der ersten Schwelle

„An der ersten Schwelle stellt sich das Problem der Jugendarbeitslosigkeit als Mangel an Ausbildungsplätzen dar. Besonders betroffen sind strukturschwache Regionen.“[15]

Dieser Rückgang bewirkt, dass unter den potenziell Auszubildenden selektiert wird. Die Kriterien, nach denen die Schüler ausgewählt werden, bestimmen die Betriebe selbst, denn sie entscheiden, welcher Schüler mit welchen Qualifikationen und Persönlichkeitsmerkmalen zu ihrem Betrieb passt. Somit entsteht unter den Schülern ein Konkurrenzdruck und gerade Schüler mit schlechteren Noten haben hier kaum eine Chance, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

Den Lehrstellenmangel versucht man durch staatliche Maßnahmen, das sind berufsvorbereitende und- unterstützende Maßnahmen, zu kompensieren. Dadurch tritt für eine kurze Zeit eine Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt ein. Doch bekommen die Jugendlichen nach diesen Maßnahmen keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. So verlagert sich das Problem auf die 2. Schwelle.

Jugendarbeitslosigkeit an der zweiten Schwelle

Der Übergang von der Berufsausbildung in die berufliche Tätigkeit gestaltet sich für viele Jugendliche problematisch. Ein Grund ist dafür, dass die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen nicht mehr greifen. Ein anderer Punkt ist, dass Betriebe (aus Gründen der Wirtschaftlichkeit) ihren Auszubildenden nicht garantieren können, dass sie nach abgeschlossener Ausbildung im Betrieb weiterbeschäftigt werden können. So müssen sich immer mehr Jugendliche nach Abschluss ihrer Ausbildung einen anderen Arbeitsplatz suchen.

Damit erklärt sich ein erfolgreicher Übergang an der zweiten Schwelle in erster Linie strukturbedingt. Doch angesichts dessen, dass in vielen Betrieben Arbeitsplätze abgebaut werden, setzt hier der zweite Selektionsprozess ein: Die Jugendlichen müssen sich neu bewerben und im Bewerbungsverfahren wählen die Betriebe die Jugendlichen aus, die nach ihren Vorstellungen zu ihrem Unternehmen passen.

Somit ist das Risiko für Jugendliche, keinen Berufsausbildungsplatz zu erhalten, oder keinen Arbeitsplatz zu bekommen, multifaktorell begründet. Zum einen ist es abhängig von den strukturellen Gegebenheiten des regionalen Ausbildungs- und Arbeitsmarktes. Des Weiteren sind die sozialen Ressourcen, wie Herkunftsfamilie und persönliche Einstellung, oder Orientierung ausschlaggebend für einen erfolgreichen Einstieg in die Erwerbstätigkeit.

Ein weiterer Faktor, der sich aus dem Selektionsprozess heraus kristallisiert hat, sind die Qualifikationen, die Jugendliche aufweisen müssen.

1.3.2 Jugendarbeitslosigkeit in Zahlen und Strukturen

Um ein besseres Verständnis zur Problemlage der Jugendlichen zu bekommen, wird nun die von der Bundesanstalt für Arbeit registrierte Jugendarbeitslosigkeit kurz dargestellt und eine Differenzierung nach Alter, Geschlecht, Qualifikation und Nationalität vorgenommen.

Das Ausmaß der Jugendarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland gilt als relativ gut erforscht und erfasst. Seit Jahren werden dazu detaillierte Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit geführt und veröffentlicht. Die hier aufgeführten Zahlen wurden im September 2002 von der Bundesanstalt für Arbeit herausgegeben.

Tabelle 1: Arbeitslosigkeit der unter 25jährigen in Deutschland

Stand: September 2002

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundesanstalt für Arbeit

Jugendarbeitslosigkeit ist nach wie vor dramatisch in Deutschland, auch wenn Deutschland im OECD-Vergleich relativ gut abschneidet.[16] So waren in der Bundesrepublik Deutschland im September 2002 etwa 512. 500 junge Menschen unter 25 Jahren arbeitslos gemeldet. Besonders von Arbeitslosigkeit betroffen sind Jugendliche mit ausländischer Nationalität, die mit einer Arbeitslosenquote von 12,5 % sehr betroffen sind. Auffallend an diesen Zahlen ist, dass es unter den arbeitslos gemeldeten Jugendlichen im Alter zwischen 20 und unter 25 Jahren deutlich mehr junge Männer (mit ca. 61%), als junge Frauen (mit ca. 38%) sind. Mögliche Ursachen könnten darin liegen, dass die Verweildauer von Mädchen und jungen Frauen in schulischen Bildungsgängen (höhere Abiturienten- und Studienquoten) zugenommen hat. Des Weiteren sind durch die Veränderungen der Branchenstrukturen, insbesondere zugunsten der Dienstleistungssektoren, deren Folge auch eine Zunahme von Arbeitsplätzen mit höheren Qualifikationsanforderungen war, was sich positiv auf die Arbeitsmarktchancen für junge Frauen ausgewirkt hat.

Jugendarbeitslosigkeit nach Qualifikation

In dem folgenden Abschnitt möchte ich eine Differenzierung der Jugendarbeitslosigkeit, hinsichtlich ihrer Qualifikationen, vornehmen. Ich möchte mich auf die Situation von Jugendlichen mit niedrigem schulischem Qualifikationsniveau beschränken, insbesondere mein Augenmerk auf das Kriterium des erreichten Bildungsabschlusses lenken. Dazu muss zunächst zwischen der Bedeutung der allgemein bildenden und der beruflicher Abschlüsse unterschieden werden.

Tabelle 2: Arbeitslosigkeit der unter 25jährigen nach erreichten Bildungs-

abschluss

Stand: September 2002

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundesanstalt für Arbeit

Bezüglich des allgemein bildenden Abschlusses wird häufig darauf hingewiesen, dass ein fehlender Hauptschulabschluss die Ausbildungslosigkeit und dem zu Folge die Arbeitslosigkeit mit sich zieht. Diese Annahme ist tendenziell berechtigt. So zeigt sich, dass der Anteil arbeitsloser Jugendlicher unter 20 Jahren ohne Hauptschulabschluss bei fast 16 % liegt. Eine lineare Beziehung lässt sich aber nicht herstellen. Denn die Tabelle zeigt auch, dass die Arbeitslosenquote von Jugendlichen unter 20 Jahren mit einen Hauptschulabschluss bei über 52% liegt. Daraus lässt sich erkennen, dass weder der Hauptschulabschluss vor Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit schützt, noch ein fehlender Abschluss zwangsläufig zur Abgrenzung führt.

Hinsichtlich der Bedeutung beruflicher Bildungsabschlüsse ist auch eine differenzierte Betrachtung notwendig. Bei den 20 bis unter 25 Jährigen verfügten im September 2002 über 58% über eine abgeschlossene Berufsausbildung. In derselben Altersgruppe liegt die Arbeitslosenquote ohne Berufsausbildung bei über 41%. Diese Zahlen zeigen, dass Arbeitslosigkeit junger Menschen nicht nur auf fehlende Berufsabschlüsse zurück zu führen ist, sondern, dass die Arbeitslosigkeit im Anschluss an der Ausbildung, insbesondere bestimmte Berufsgruppen im unterschiedlichen Maße trifft. Während Textil- und Bekleidungsberufe (mit 0,8%), Technische Sonderfachkräfte (mit 1,5%), Maler (mit 4,7%) unterschiedlich betroffen waren, mussten Bauberufe (mit 8,6%) und Schlosser/Mechaniker (mit 10%) besonders mit Arbeitslosigkeit rechnen.[17] Arbeitslosigkeit an der zweiten Schwelle ist gehäuft in handwerklichen Berufen anzutreffen, bei den männlichen Fachkräften sind das besonders Berufe wie Schlosser/ Mechaniker und Maurer.

1.4 Fazit

Der Lehrplan für die bayerische Hauptschule formuliert Bildungsziele und

-inhalte, die nach Auffassung des damaligen Staatsminister für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst „von erwiesener Bedeutung sind“ und gleichzeitig „sich den Entwicklungen und Veränderungen in der Gesellschaft und Familie öffnen“. Dies ist ein hoher Anspruch, wie der damalige Minister feststellt. Wird sie ihm auch gerecht? Die Praxis zeigt, dass immer mehr Schülerinnen und Schüler unter den gegebenen Bedingungen Schwierigkeiten haben (bis hin zum Scheitern) beim Übergang in die Erwerbstätigkeit.

Eine empirische Untersuchung hat gezeigt, dass „der Übergang von Schule in den Beruf, den Jugendliche seit Jahren unter verschlechterten Arbeitsmarkbedingungen vollziehen müssen, besonders Hauptschüler vor wachsende Probleme beim Aufbau einer Leben- und Arbeitsperspektive stellt.“[18] Dieses zeigt, dass gerade Hauptschüler Probleme im Übergang von der Schule in den Beruf haben.

Die Gründe liegen zum einen an der schlechten Ausbildungs- und Arbeitsplatzsituation und den damit verbundenen Selektionsprozessen. Zum anderen sind die Orientierungen / Entstellungen von Jugendlichen und im zunehmenden Maße die Qualifikationen verantwortlich, dass die Jugendlichen an den Übergängen von Schule und Beruf scheitern. Viele Schülerinnen und Schüler bringen nach dem Abschluss der Schule nicht die Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten mit, die sie brauchen, um den Anforderungen des Berufslebens gewachsen zu sein. Die Lernwelt der Schule und die Anforderungen im Berufsleben sind in der Gesellschaft nur unzureichend verbunden, bzw. haben sich auseinander entwickelt. Man kann die Auffassung vertreten, dass das deutsche Schulsystem in eine bedrohliche Schieflage geraten ist, indem sie das Versprechen: die Besten zu fordern, die Schwachen zu fördern, nicht oder nur ungenügend einlöst und dass die Defizite in der Schulbildung Einfluss auf die Erwerbstätigkeit der jungen Menschen haben. Es ist unbestritten, dass Duale Schulsystem hat viele Vorteile, z.B. Beruflichkeit der Abschlüsse, doch kann es sich an die neuen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen? Welche grundlegenden Qualifikationsanforderungen werden heute erwartet? Im Folgenden wird kurz auf die theoretischen Hintergründe zur veränderten Lernkultur eingegangen, um zu zeigen, welcher grundlegende Wandel sich im Qualifikationsbedarf vollzogen hat und welche neuen Aufgaben dem Dualen Schulsystem zukommen. Diese Behauptungen werden im Laufe der Arbeit noch konkretisiert.

2. Bildung versus berufliche Qualifikation

Das Duale Schulsystem steht für die Trennung von allgemeiner Schulbildung und der beruflichen Qualifikation. Damit bekommt die Schule die Verantwortung für die Allgemeinbildung und die Berufsschule die der Qualifikation für den Beruf zugeschrieben. Traditionell stehen die Begriffe Bildung und Qualifikation in einem Spannungsfeld zueinander und werden in der bildungspolitischen Diskussion nicht selten gegenüber gestellt. Die Auffassung, wonach "Bildung" auf die Entwicklung der Persönlichkeit ziele, "Qualifikation" hingegen nur auf die wirtschaftliche Verwertung, wird jedoch der Realität von Bildungsprozessen nicht gerecht. „Die Herausforderungen des technischen und sozialen Wandels führt zunehmend dazu, dass sich die Anforderungen an die Beschäftigungsfähigkeit (Qualifizierung für den Arbeitsmarkt) immer mehr in Bereiche ausdehnen, die traditionell eher dem Bereich Gesamtpersönlichkeit zugerechnet werden (z.B. sog. personale und soziale Kompetenzen)[19]. Die Persönlichkeitsentwicklung wiederum enthält nicht nur die individuelle Selbstentfaltung, sondern auch die Fähigkeit, Verantwortung für andere und die Gemeinschaft zu übernehmen. Ohne eine vielseitig entwickelte Gesamtpersönlichkeit mit ausgeprägten Kompetenzen für persönliches und soziales Handeln ist Beschäftigungsfähigkeit heute nicht mehr denkbar. Aber auch die Fähigkeit, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern, ist eine notwendige Voraussetzung für die Entfaltung der eigenen Person und für die Teilhabe an der Gesellschaft. Bildung und Qualifikation zielen daher immer auf Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit, Teilhabe an der Gesellschaft und der Beschäftigungsfähigkeit. Die PISA- Studie hat diesen Anspruch in ihrem Konzept verwirklicht und hat die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in den Basiskompetenzen geprüft.

Wie sehen die Leistungen der Deutschen Schülerinnen und Schüler aus und wie geht die Schule mit den so genannten „benachteiligten“ jungen Menschen um? Diese Fragen stehen in den nächsten Kapiteln im Mittelpunkt.

3. PISA - Studie und der in ihr formulierte Anspruch auf Basiskompetenzen für die Bewältigung von Berufs- und Lebensanforderungen

Die Abkürzung PISA steht für "Program for International Student Assessment", eine internationale Schulleistungsstudie. Sie ist Teil des Indikatorenprogramms INES, "Indicators of Educational Systems", der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Diese Studie wurde von den Teilnehmerstaaten gemeinsam entwickelt und an 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in ihren Schulen durchgeführt. Von den 32 Teilnehmerstaaten sind 28 Mitgliedsstaaten der OECD. In jedem Land wurden zwischen 4.500 und 10.000 Schülerinnen und Schüler getestet. Im Leistungsvergleich des Jahres 2000 wurden 265 000 Jugendliche umfasst.[20]

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[1] Amtsblatt des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst, 1997, Teil 1, S. 10

[2] a.a.O., s. Nr. 2, S.10

[3] a.a.O., s. Nr. 2, S.5

[4] H. Giesecke, Wozu ist Schule da?, Stuttgart, 3. Auflage 1987 S.113

[5] H. Zehetmair, ehemaliger Bayrischer Staatsminister für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst, 1997

[6] T. Hofsäss, Jugend-Arbeit- Bildung, Band 3, Verlag für Wissenschaft und Bildung, 1999, S. 37

[7] Raab, 1996, S. 13, in T. Hofsäss, Jugend-Arbeit- Bildung, Verlag für Wirtschaft und Bildung, Band 3,1999, S.38

[8] V. Zimmermann, Arbeitsmarktprobleme Jugendlicher, Baden-Baden, 2000, S. 42

[9] V. Zimmermann, Arbeitsmarktprobleme Jugendlicher, Baden-Baden, 2000, S. 65

[10] Bossfeld, 1985, in T. Hofsäss, Jugend-Arbeit- Bildung, Verlag für Wirtschaft und Bildung, Band 3,1999, S.42

[11] Raab, 1996, S.199

[12] Pritzl in Raab, 1996, S.161-184

[13] T. Hofsäss, Jugend-Arbeit- Bildung, Verlag für Wirtschaft und Bildung, Band 3,1999, S.42-43

[14] D. Große, U. Stöckel, Jugendarbeitslosigkeit- eine theoretische Grundlegung, Östringen, 1987, S. 4

[15] H. Schierholz, Strategien gegen Jugendarbeitslosigkeit, Stuttgart, 1. Auflage 2001, S.23

[16] Deutschland mit einer Jugendarbeitslosenquote von 7,7 % steht gegenüber den OECD Staaten von 11,8 % relativ gut dar. (Quelle: OECD, Juni 2001)

[17] Arbeitslose Jugendliche unter 25 Jahren mit abgeschlossener Berufsausbildung. Stand: September 2002. Quelle: Bundesanstalt für Arbeit

[18] R. Heinz / H. Krüger, Hauptsache eine Lehrstelle, Weinheim und Basel, 1985, S.10

[19] Arbeitsstab Forum Bildung, Bildungs- und Qualifikationsziele von morgen, Geschäftsstelle der Bund- Länder- Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung, 2000

[20] Deutsches Pisa- Konsortium, Pisa 2000, Opladen, 2001, S.15-17

Details

Seiten
101
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638215275
Dateigröße
976 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16795
Institution / Hochschule
Hochschule Coburg (FH) – Fachbereich Sozialwesen
Note
sehr gut
Schlagworte
Welche Wirkungen Defizite Schulbildung Jugendarbeitslosigkeit Pisa-Studie

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Titel: Welche Wirkungen haben Defizite in der Schulbildung auf die Jugendarbeitslosigkeit? Überlegungen zur Pisa-Studie