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Rationierung im Gesundheitswesen - Ein Weg aus der Misere?

Seminararbeit 2010 19 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Ausgangssituation
2.1 Medizinischer Fortschritt
2.2 Demographischer Wandel
2.3 Finanzierungsproblem und Knappheit

3. Lösungsvorschlag: Rationierung
3.1 Grundlagen und Definition
3.2 Wie kann effektive Rationierung aussehen?
3.2.1 Das „Vier Stufen Modell“ nach Engelhardt
3.2.2 Explizite und implizite Rationierung

4. Gegenargumente
4.1 Rationalisierung statt Rationierung
4.1.1. Grundlagen
4.1.2 Praktische Umsetzung
4.2 Keine Rationierung in der GKV, da Gesundheit ein „besonderes Gut“ ist
4.2.1 Gesundheit – ein besonderes Gut
4.2.2 Praktische Umsetzung
4.3 Kritik an den Gegenargumenten
4.3.1 Rationalisierung statt Rationierung
4.3.2 Keine Rationierung in der GKV, da Gesundheit ein „besonderes Gut“ ist

5. Schlussbetrachtung

6. Abkürzungen

7. Abbildungsverzeichnis

8. Literatur

1. Einleitung

Nicht zuletzt durch die Diskussion um Zusatzbeiträge der Versicherten in den Gesetzlichen Krankenversicherungen wird deutlich, dass das Gesundheits-system der Bundesrepublik vor größeren finanziellen Problemen steht. Durch den medizinischen Fortschritt, verbunden mit einer immer größeren Nachfrage nach Behandlungen, einer negativen demographischen Entwicklung, die immer ältere und damit auch behandlungsbedürftige Menschen mit sich bringt, wird sich die Situation im Gesundheitssystem in den nächsten Jahren noch verschärfen (vgl. Hoppe 2008: 304).

Es stellt sich also gerade für die Politik die Frage, wie ein Ausweg aus der Misere zu finden ist.

Hauptlösungsvorschläge, die sich in politischen und wissenschaftlichen Diskussion finden, sind (neben der Steigerung von Einnahmen im Gesundheits-system) die Rationierung, die Rationalisierung und die Priorisierung von Gütern und Leistungen um eine angemessene Reaktion auf die kommende Entwicklung zu finden.

Die Frage, mit der sich diese Arbeit beschäftigt ist daher, ob das Konzept der Leistungsbegrenzung notwendig oder sogar unvermeidlich ist, um die Probleme im Gesundheitssystem zu lösen. Um die Kontroversität klar zu machen, sollen zwei Gegenargumente betrachtet werden. Zum einen handelt es sich um die Aussage, dass Rationierung nicht notwendig ist, da auch Rationalisierung die Probleme lösen kann. Die andere Position geht davon aus, dass Rationierung im Gesundheitssystem nicht vorgenommen werden darf, da Gesundheit als höchstes Gut so elementar ist, dass jede erdenklich Form der Leistung erbracht werden muss und eher eine Einsparung in anderen Bereichen in Kauf genommen werden soll.

Zunächst wir die Ausgangssituation im Gesundheitssystem dargestellt um deutlich zu machen, wie die negative Situation entstanden ist und warum eine Diskussion um Lösungen überhaupt geführt werden muss.

Im weiteren Verlauf wird das Konzept der Rationierung erläutert und kurz auf die Praxis übertragen. Im Anschluss daran werden die beiden oben genannten Gegenargumente angeführt und überprüft, ob sie eine angemessene Lösung darstellen können.

2. Ausgangssituation

Der Zustand, der seit einigen Jahren im Gesundheitssystem herrscht macht deutlich, dass eine langfristige Lösung für die geänderten Anforderungen gefunden werden muss (vgl. Marckmann 2007: 96).

Es lassen sich besonders zwei Gründe für die schwierige Situation finden (vgl. Aaron/Schwartz 1990: 418). Diese sind der große technische Fortschritt in medizinischen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten und eine sich stark wandelnde Altersstruktur in der Gesellschaft.

Im Folgenden werden diese „beiden Säulen“ des Problems näher beleuchtet.

2.1 Medizinischer Fortschritt

Den wohl größten Einfluss auf das Dilemma des GKV- Systems stellt die rasante technische Entwicklung von medizinischen Leistungen dar (vgl. Aaron/Schwartz 1990: 418). Ein Großteil der heute gängigen und standardmäßig eingesetzten Diagnose-Therapieverfahren sind Innovationen der letzten Jahrzehnte. Diese treiben die Nachfrage nach medizinischen Leistungen in die Höhe, die wiederum höhere Gesundheitsausgaben mit sich bringen (vgl. Marckmann 2007: 96)

Die Schere zwischen medizinisch möglichen und durch die Solidargemeinschaft finanzierbaren Leistungen wird aufgrund dieser Entwicklung immer weiter auseinander gehen (vgl. Oberender 1994: 15.).

2.2 Demographischer Wandel

Die negativen Entwicklungen in der Altersstruktur sind ein weiterer Grund für die prekäre Situation im Gesundheitssystem (vgl. Marckmann 2007: 97). Bedingt durch die steigende Lebenserwartung in Kombination mit der sinkenden Geburtenrate „nimmt nicht nur die absolute Zahl, sondern auch der relative Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung zu“ (zit. ebd. 96). Daraus wiederum resultiert ein steigender Bedarf an Versorgung mit Leistungen bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen.

In Zahlen ausgedrückt stellt sich das Problem folgendermaßen dar (Oberender 1994:14):

Im Jahr 1994 bestand ein Verhältnis von Rentnern zu Erwerbstätigen in der Bevölkerung von 37:100. Diese Relation wird sich bis zum Jahre 2030 voraussichtlich auf 80: 100 verschieben. Ausgenommen sind bei diesen Zahlen die noch nicht erwerbstätigen Kinder und Jugendliche, die ebenfalls von der Solidargemeinschaft versorgt werden müssen.

Weitere Berechnungen zeigen, dass sich die Lebenserwartung neugeborener Kinder in den letzten 100 Jahren um ungefähr 30 Jahre verlängert hat (vgl. Marckmann 2007:97). Demnach beträgt die prognostizierte Lebenserwartung der in den Jahren 1998 bis 2000 geborenen Jungen 75 und Mädchen 81 Jahre. Außerdem wird die Geburtenrate auf 1,4 Kinder pro Frau fallen.

Marckmann (2007: 97) spricht daher von dem Effekt des „doble aging“ - eine direkte Alterung der Bevölkerung durch immer älter werdende Senioren bei gleichzeitig stagnierenden Kinderzahlen.

2.3 Finanzierungsproblem und Knappheit

Wie bereits angesprochen existiert also ein Finanzierungsproblem, welches sich noch verschärft und zu einer Knappheit in der Bereitstellung von Gütern und Leistungen im Gesundheitssystem führen wird. Knappheit allgemein entsteht, wenn „die Bedürfnisse der Bevölkerung größer als die zu ihrer Befriedigung verfügbaren und unter Einsatz aller Ressourcen produzierbaren Güter sind“ (zit. Rothgang 1999: 135).

Genau wie in anderen Bereichen eines Sozialstaates (Bildung, Infrastruktur etc.) besteht im Gesundheitssystem tendenzielle eine unendlich hohe Nachfrage nach Gütern (Kamm 2006: 12), daher lässt sich eine Konkurrenzsituation zwischen diesen Bereichen festhalten, die im Bezug auf die Rationierungskritik in Punkt (4) noch weiter ausgeführt werden soll.

3. Lösungsvorschlag: Rationierung

3.1 Grundlagen und Definition

Die Verwendung des Begriffs „Rationierung“ ist in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion stark emotional besetzt. (vgl. Obermann 2009: 122). Hinsichtlich der Definition gibt es zwei verschiedene Ansätze. Erster Ansatz geht davon aus, dass der Begriff eine Situation meint, die nicht freien Marktgesetzen unterliegt, in der einer Person etwas vorenthalten wird, was ihr einen Nutzen bringen würde.

Ruth Kamm (20006: 21) weist auf den anderen Erklärungsansatz hin, der aus der Wirtschaftswissenschaft stammt und dort anders verstanden wird. In dieser Definition ist Rationierung ein Eingriff in einen Marktprozess. In einem solchen können sich Verbraucher bestimmte Güter (die übertragen auf das Gesund-heitssystem medizinisch sinnvolle Maßnahmen sin) nicht oder nicht in vollem Umfang leisten können. Der Marktmechanismus wird daher durch den Eingriff des Staates in die Preis- und Angebotsgestaltung aufgebrochen. Auf diese Grundannahme aufbauend ist nach Kliemt (zit. 1998: 110) Rationierung „ein Vorgang, in dem bestimmte Dienstleistungen und Güter bestimmten Personen in festen Quantitäten unterhalb markträumender Preise zugänglich gemacht werde.“ Einen ähnlichen Ansatz führt Marckmann (zit. 2008: 891) an, der von Rationierung spricht, wenn (medizinische) „Leistungen zu einem festgelegten Preis unterhalb markträumender Preise in einer geringeren Menge zugänglich gemacht werden, als die von den Individuen zu diesem subventionierten Preis nachgefragt würden“. Er verweist (genau wie Aaron/Schwartz 1990: 418) darauf, dass diese Form der Rationierung in Kriegs- und Krisenzeiten Anwendung findet, um eine Grundversorgung der Bevölkerung zu gewähr-leisten.

In der breiten Diskussion wird Rationierung im Gesundheitssystem jedoch in einem begrenzenden Sinn verstanden (vgl. Kamm 2006: 21 f.). Durch das Aufheben des Marktes im Gesundheitssystem besteht im besten Falle die Möglichkeit, jedem Versicherten die ideale und bestmögliche Gesundheits-versorgung zu bieten. Ist dies nicht der Fall, müssen die Leistungen limitiert, also rationiert werden.

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Details

Seiten
19
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640848638
ISBN (Buch)
9783640845453
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v167988
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Rationierung Priorisierung Gesundheitsgüter Gesundheitssystem Rationalisierung demographischer Wandel Finanzierungsproblem PKV GKV Gerechtigkeit

Autor

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Titel: Rationierung im Gesundheitswesen - Ein Weg aus der Misere?